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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Vom Smaragd und der Couch
Eingestellt am 10. 05. 2013 09:23


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Silberpfeil
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2013

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An grauen, regenverhangenen Tagen halte ich mich gerne in einem warmen, gem├╝tlichen Zimmer auf. Gerade jetzt genie├če ich den Ausblick auf eine nasskalte Regenlandschaft, doch ich f├╝hle mich nicht behaglich. Die Couch, auf der ich sitze, ist zwar sehr gem├╝tlich, sie erinnert mich aber auch an das gro├če, gr├╝ne Sofa meiner Eltern, aus l├Ąngst vergangenen Zeiten.

Dort habe ich viele gl├╝ckliche Augenblicke erlebt. Momente der Freude und der Geborgenheit. So dachte ich zumindest, aber es gab auch Zeiten, die nicht so sch├Ân waren. Zeiten, die alles ver├Ąnderten. Einmal, damals war ich vier Jahre alt, hat Mami aus Versehen Papas Schatz umgesto├čen.

Sein Schatz war ein gro├čer, ringf├Ârmiger Smaragd, der nach oben etwas schmaler wurde und eine ├ľffnung hatte. Ich wei├č noch, wie er den Smaragd immer angehoben hat, um dann die ├ľffnung zu k├╝ssen, ganz kurz nur. Jedenfalls hatte er immer behauptet, dass es ihm Gl├╝ck bringt, wenn er den Schatz k├╝sst, je ├Âfter, desto besser. Doch obwohl ich noch sehr klein war, ahnte ich, dass darin eine Fl├╝ssigkeit enthalten war, die er heimlich getrunken hat. Daher stellte ich mir vor, dass es sich vielleicht um eine Art Lebenselixier handelt, das ihm Gl├╝ck und Freude bringt. Schon immer war ich neugierig darauf, welche geheimen Kr├Ąfte es auszul├Âsen vermochte, doch ich hatte mich nie getraut, heimlich etwas davon zu nehmen, denn der herbe, leicht bittere Geruch schreckte mich ab. Ich glaube, an manchen Tagen brauchte Papa mehr Gl├╝ck als an anderen, denn dann verlangte er von Mami, dass sie ihm mehrere Smaragde brachte, auch wenn er davon immer irgendwie m├╝de wurde. Mami gefiel das gar nicht, aber sie hat ihm trotzdem nie widersprochen.

Papa und ich haben in diesen Momenten viel gemeinsam gelacht, ├╝ber die Menschen im Fernsehen oder einfach so, ohne besonderen Grund. Er hat sich sogar freiwillig mit mir Zeichentricksendungen angeschaut. Am liebsten mochte ich Bugs Bunny und obwohl auch ich es wirklich lustig fand, wie das H├Ąschen sprach und an seiner Karotte kaute, konnte ich Papas Reaktion darauf nicht ganz verstehen, denn er konnte sich selten auf der Couch halten, wenn Bugs Bunny anfing seine Weisheiten des Tages preiszugeben. Papa verfiel dann in einen so heftigen Lachkrampf, dass er, sich den Bauch haltend, auf den Boden rutschte, mit Tr├Ąnen in den Augen und erst Minuten sp├Ąter wieder klar sprechen konnte. Ehrlich gesagt fand ich dieses Verhalten dann doch ├╝bertrieben und es w├Ąre mir lieber gewesen, wenn er nicht so explodiert w├Ąre, aber weil ich ihn ja lieb hatte, lie├č ich mir mein Unbehagen nicht anmerken und lachte f├╝r gew├Âhnlich einfach mit.

Mit Mami habe ich tags├╝ber immer viele spannende Dinge erlebt. Zum Beispiel gingen wir oft in den Supermarkt, wo ich von der netten Wurstverk├Ąuferin ein St├╝ck Fleischwurst bekam oder wir besuchten das Postamt, wo so ein seltsamer Mann uns bediente, der das ganze Gesicht voller Haare hatte. Er kam uns immer entgegen, wenn er uns das Postamt betraten sah, um Mami die Pakete abzunehmen, die sie verschicken wollte. Sie hatte n├Ąmlich oft R├╝ckenschmerzen und ab und zu taten ihr auch die Arme weh und waren ganz blau, wenn sie sich, wie sie sagte, gesto├čen hat. Aber am Abend hatte Mami meistens schlechte Laune. Sie gesellte sich daher selten zu uns ins Wohnzimmer und putzte lieber die K├╝che. Doch an diesem einen Abend wollte sie Papa wohl etwas Gutes tun, denn sie brachte ihm seine Zigaretten. Dabei hat sie aus Versehen seinen Smaragd umgesto├čen. Er fiel vom Tisch, mit der ├ľffnung nach unten, bespritzte die gr├╝ne Couch mit seinem Inhalt und landete dann auf der Seite liegend auf dem Teppich, der sich schnell dunkel f├Ąrbte.

Ich war verwirrt. In meiner Phantasie hatte ich mir immer ausgemalt, dass das ├╝belriechende Elixier die gleiche Farbe hat, wie der Smaragd selbst, aber der Teppich wurde einfach nur immer dunkler. Mit meinen vier Jahren hatte ich schon einige Flecken gesehen, viele davon sogar selbst verursacht, aber dieser hier war neu f├╝r mich. Meine Neugier gewann die Oberhand und so streckte ich meine Hand aus, die Gedanken einzig auf die immer gr├Â├čer werdende Pf├╝tze am Boden gerichtet.

Pl├Âtzlich riss jemand meinen Arm nach oben und vor lauter Schreck w├Ąre ich fast ├╝ber den kleinen Wohnzimmertisch gestolpert. Ich blickte in das Gesicht meiner Mutter und sie sah wieder so m├╝de aus. Sie sagte nur ein einziges Wort: ÔÇ×NeinÔÇť, aber sie sagte es in einem Ton, bei dem ich mich sofort schlecht f├╝hlte, ohne zu wissen warum. War sie w├╝tend auf mich?
Ich wollte doch nur kurz den Fleck ber├╝hren, mehr nicht. Was war geschehen, dass sie pl├Âtzlich so ver├Ąndert wirkte?

Papa griff nach seinen Zigaretten und Mami sagte irgendetwas zu ihm, lauter als vorher. Ich wei├č nicht was sie gesagt hat, nur dass sie jetzt definitiv w├╝tend klang. Der Fleck ging mir nicht aus dem Kopf. Mein Blick wanderte zu dem Smaragd am Boden, doch er war nicht mehr da. Ich suchte den Raum ab und entdeckte ihn am Boden neben der T├╝r, in tausend winzig kleine Teile zersprungen. Vom flackernden Licht des Fernsehers beleuchtet, glitzerten die einzelnen Teile in einem satten Gr├╝n und der Anblick erschien mir fast sch├Ân, aber ich wusste gleich, dass hier etwas nicht stimmte. Wie war er dort hingekommen und was war passiert? "Das war doch Papis Schatz, warum ist er kaputt?", wollte ich laut fragen, doch aus meinem Mund kam nur ein seltsames Quieken.

Mami packte mich unerwartet und heftig. Sie trug mich in mein Kinderzimmer, sprach davon, dass alles gut werden w├╝rde, t├Ątschelte dabei mein Haar und mein Gesicht. Sie weinte, stumm, ich merkte es, obwohl ich es lieber nicht mitgekriegt h├Ątte. So aber musste ich wider Willen auch weinen, dabei war mir immer noch nicht bewusst, was gerade geschehen war. Warum war aus dem lustigen Abend pl├Âtzlich so eine schreckliche Szene geworden? Mami hielt mich lange im Arm, sprach aber ansonsten kein Wort mehr. Aus dem Wohnzimmer war ebenfalls kein Laut zu h├Âren. Irgendwann schlief ich dann ein.

In dieser Nacht tr├Ąumte ich b├Âse Tr├Ąume, aber ich wachte nicht richtig auf. Ich tr├Ąumte, dass Mami und Papa sich anschrien und dabei schlimme Worte an den Kopf warfen. Ich tr├Ąumte von kleinen gr├╝nen Monstern auf zwei Beinen, mit Messern statt H├Ąnden, die mir den Finger abschneiden wollten, um mich davon abzuhalten, den Streit meiner Eltern zu schlichten. In meinem Traum hat Papa uns verlassen. Er packte eine Tasche mit seinen Habseligkeiten und verlie├č das Haus, ohne sich bei mir zu verabschieden, ohne mich noch einmal in den Arm zu nehmen.

Als ich am n├Ąchsten Morgen aufwachte, sprang ich sogleich aus dem Bett und lief, noch im Schlafanzug, ins Wohnzimmer, denn ich wollte mich davon ├╝berzeugen, dass alles nur ein schlimmer Traum war. Und so war es scheinbar auch, denn der Raum war aufger├Ąumt und ordentlich, wie jeden Morgen.

In Wirklichkeit sah ich nur was ich sehen wollte, wusste es aber besser. Papa war nicht mehr da, genauso wie die Scherben und der Fleck am Boden nicht mehr da waren. Mama betrat leise hinter mir das Zimmer und betrachtete mich mit traurigem Blick. Sie sprach aus, was ich bereits ahnte. Papa habe uns verlassen. Er k├Ânne uns nun nicht mehr wehtun und wir k├Ânnten endlich ein Leben in Ruhe und Frieden f├╝hrenÔÇŽ!

Damals verstand ich nicht so recht wovon sie sprach. Aus meiner Sicht hatten wir ein sch├Ânes Leben, es gab immer viel zu lachen und ich war gl├╝cklich. Papa hatte mir nie wehgetan. Seit er nicht mehr zu unserem Leben geh├Ârte - und ich muss zugeben, dass ich ihn nie mehr wiedergesehen habe, da er scheinbar nicht nur uns, sondern auch die Stadt verlassen hatte - vermisste ich ihn und mir fehlten die lustigen Abende auf der Couch, ja selbst seine ├╝bertrieben alberne Reaktion auf Bugs Bunny. Mama hat sich toll um mich gek├╝mmert, aber mit ihr war das Leben einfach weniger spa├čig.

Jetzt bin ich erwachsen, verheiratet, habe selber eine kleine Tochter und bin selber kurz davor, meinen Ehemann zum Teufel zu jagen. Erst vor zwei Wochen hatte ich das erste Mal ein extrem ausf├╝hrliches und ehrliches Gespr├Ąch mit meiner Mutter ├╝ber meinen Vater. Erst jetzt wei├č ich g├Ąnzlich, was damals passiert ist, wie oft sie von ihm geschlagen wurde, wenn ich bereits schlief und dass sie die Pr├╝gelattacken vor mir und anderen Menschen verheimlicht hat, um mich zu besch├╝tzen. Sie erz├Ąhlte mir, wie tief der Schock sa├č und welche Angst sie ausgestanden hatte, nachdem der Mann, den sie so sehr liebte, sie das erste Mal geschlagen hatte. Sie sagte mir, ihre gr├Â├čte Angst w├Ąre es gewesen, er k├Ânne eines Tages auch auf mich losgehen. Da er sie nicht regelm├Ą├čig schlug und nie ins Gesicht, sondern immer auf den R├╝cken oder auf andere Stellen am K├Ârper, die man mit Kleidung gut bedecken konnte, hatte ich nie etwas bemerkt.

Auch nachdem mein Vater uns verlassen hatte, hat sie nie schlecht ├╝ber ihn geredet. Um es genau zu sagen, haben wir das Thema kaum angeschnitten, denn wenn ich damit anfing, dass ich ihn vermisste, wurde sie immer gleich traurig und so lie├č ich es irgendwann sein. Ich habe meinen Vater immer in guter Erinnerung behalten.

Ich bin meiner Mutter sehr dankbar daf├╝r, dass sie mich besch├╝tzt hat und vor lauter Liebe zu mir die Kraft gefunden hat, meinen Vater rauszuwerfen. Und ich danke ihr daf├╝r, dass sie meine Kindheitserinnerungen nicht mit einem gewaltt├Ątigen Familienleben vermischt hat.

Aber manchmal kann man seine Kinder auch zu sehr besch├╝tzen, manchmal ist es besser, sie kennen die Wahrheit. Zumindest w├╝nschte ich, sie h├Ątte fr├╝her mit mir geredet und nicht erst jetzt, wo ich selber vor dem gleichen Problem stehe und von meinem Mann geschlagen werde. Jetzt, wo es passiert ist und nichts auf der Welt es mehr r├╝ckg├Ąngig machen kann.

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