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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Vom Tag, an dem ganz einfach das Wunder ankam
Eingestellt am 12. 03. 2005 18:49


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Christina
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Registriert: Mar 2005

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Vom Tag, an dem ganz einfach das Wunder ankam


Christof hatte seine Hausschuhe abgestreift. Er lehnte sich weit in seine Couch zur├╝ck, atmete tief durch und w├╝hlte sich durch die Haare.
Er wusste gar nicht so recht, wie sp├Ąt es gerade war. Kurz vor Mitternacht ÔÇô wo war eigentlich dieser Tag geblieben?
Christof f├╝hlte sich ausgelaugt und ersch├Âpft wie nach einem langen Arbeitstag. Er hatte aber heute gar nicht gearbeitet. Er hatte sich frei genommen, weil seine Frau heute Geburtstag hatte.
Am Morgen wusste er noch nicht, wie er diesen Tag verbringen sollte.
Denn es war der erste Geburtstag, den er nicht mit seiner Frau feiern konnte.
Sie war Monate vorher gestorben.

Christof hatte heute versucht, auszuschlafen. Aber er hatte die ganze Nacht in einer Art D├Ąmmerzustand verbracht. Er blieb lange liegen, schwebte zwischen Tag- und Nachttr├Ąumen, und konnte diese sogar genie├čen. Seine Gedanken flatterten durch alle Sph├Ąren und blieben doch gleichzeitig in ihm gefangen.
Dieses ist kein Geburtstag, dachte er, als er aufstand, dieses ist ein Erinnerungstag. Er wunderte sich, dass ihm das gar nicht heftig weh tat.
Einen Moment ├╝berlegte er, ob er zwei Fr├╝hst├╝cksgedecke aufstellen sollte.
Dann sch├╝ttelte er ├╝ber sich selbst den Kopf. Aber er holte nur Dinge auf den Tisch, die seine Frau gerne mochte.
Christof hatte sich Br├Âtchen aufgebacken. Er blickte zufrieden ├╝ber den Tisch und belegte seine Br├Âtchenh├Ąlften. Als er den ersten Schluck aus der hei├čen Kaffeetasse nahm, sp├╝rte er Tr├Ąnen aufsteigen und loslaufen.
Er schluchzte nicht, atmete nicht einmal anders, aber da waren Tr├Ąnen.
Seine Frau liebte gem├╝tliche Fr├╝hst├╝cke und besonders mochte sie hei├čen Kaffee. Nun ja, da gestand er sich durchaus zu, ein paar leise Tr├Ąnen laufen zu lassen.
Ihm wurde bewusst, dass er das unglaubliche Gl├╝ck besessen hatte, sogar mehrere Jahrzehnte mit ihr verbracht zu haben. Eine wunderbare Dankbarkeit erfasste ihn und dar├╝ber versiegten seine Tr├Ąnen.
Er hatte sehr lange nicht mehr gem├╝tlich gefr├╝hst├╝ckt, aber heute konnte er es.

Gegen Mittag beschloss Christof, ein wenig an die Luft zu gehen.
Gehen bedeutet vorw├Ąrts kommen, dachte er l├Ąchelnd, und das kann ja nicht schaden.
Am Friedhofseingang fand er sich wieder. Da kam er nicht mehr vorw├Ąrts.
Pl├Âtzlich f├╝hlte er so etwas wie Trotz und er wollte den Friedhof nicht betreten. Er starrte auf die Au├čenmauer. Mit dem Gef├╝hl von verzweifeltem Zorn hatte er heute nicht gerechnet. Er wollte einen ruhigen Tag verbringen und einfach nur an seine Frau und die gemeinsamen Zeiten denken. Dabei sollte kein negativer Gedanke an sie aufkommen.
Nun fand er sich hier, hilflos in seinem Zorn, und wollte ihr Grab nicht sehen. Minutenlang stand er da wie angewurzelt. Die Zwiesprache mit ihr verselbstst├Ąndigte sich in seinem Kopf. F├╝r die Welt stand er ganz still da, aber in Wahrheit schrie er seine Frau an: ÔÇ×Du hast gesagt, du w├╝rdest mich nie wirklich verlassen! Du hast mir versprochen, ich w├╝rde dich sp├╝ren! Ich warte schon so unertr├Ąglich lange ÔÇô aber ich sp├╝re dich nicht!ÔÇť
Christof wurde ├╝bel. Er hatte das Gef├╝hl, sich setzen zu wollen und sich einfach nicht mehr zu r├╝hren. Seine Beine aber machten kehrt und gingen erstaunlich zielstrebig und mit festen Schritten nach Hause.

Dort stellten sie sich an den Herd.
Christof verstand sich nicht auf das Kochen. Aber seine Frau hatte ihm in den letzten Monaten beigebracht, ihrer beider Lieblingsgericht zuzubereiten.
Es gelang ihm heute wie von selbst.
Er a├č es in sich hinein, als w├Ąre es ein St├╝ck seiner Frau, das er aufnehmen wollte. Hastig a├č er, nahm wenig Geschmack wahr, aber viel Gef├╝hl.

Der Nachmittag zerrann zwischen Geplapper aus dem Fernseher, d├Âsen und malen.
Ja, Christof malte gerne. Niemand h├Ątte erkennen k├Ânnen, was er malte, aber er malte sich Gedanken und Gef├╝hle aus dem Leib, deren Sinn er genau kannte. Und es entspannte ihn wie ein Ventil. Auf diese Weise konnte er sich entlasten und ausdr├╝cken.

Gegen Abend holte er die Fotoalben hervor, an die er irgendwie schon den ganzen Tag gedacht hatte. Seine H├Ąnde bl├Ątterten die Seiten und sein Herz bl├Ątterte zwischen Wehmut und Gl├╝cksgef├╝hlen. Er legte die Alben irgendwann beiseite, h├Ârte sich die Tagesnachrichten an, las in der Zeitung und dann in einem lange nicht mehr angefassten Buch.
Es war sehr still um ihn, und noch viel stiller in ihm. Diese Stille war sehr leer und das fand er einerseits schon lange unertr├Ąglich, andererseits war sie aber auch Kontrast zu bet├Ąubender Betriebsamkeit und zu trauriger Einsamkeit.
Manchmal tat sie ihm noch am wohlsten. Er empfand diese Stille jedoch immer auch wie ein Vakuum und ein undefinierbares Warten .......

War er ├╝ber seinem Buch eingeschlafen, oder war er nur in sich versunken gewesen ÔÇô nun, da es fast schon Mitternacht war?
Er versp├╝rte keinerlei M├╝digkeit. Es wurde ihm nun nur mit einem Mal wieder so schwer ums Herz. Ach, ich erlaube mir doch einfach einmal wieder ein bisschen zu weinen, dachte er. Und dann weinte er, bis er keine Luft mehr bekam.
Am Fenster konnte er frische holen. Er ├Âffnete es weit, atmete tief ein und aus, und suchte nach den Sternen ÔÇô nach dem, der am hellsten leuchtete.
Drau├čen war um diese Zeit nichts zu h├Âren.

Aus irgendeinem Grund wollte Christof sich umdrehen. Am anderen Ende des Raumes konnte er auf vielleicht zehn, zw├Âlf Schritte Entfernung seine verglaste Eingangst├╝r sehen. Der Bewegungsmelder hatte die Au├čenbeleuchtung angehen lassen. Hier schleichen heute wieder die Katzen herum, dachte Christof, und wandte seinen Blick wieder aus dem Fenster.
Sein Herz begann heftig zu h├Ąmmern.
Mein Au├čenlicht ist gar nicht so hell ....., schoss es ihm durch den Kopf.
Langsam drehte er sich wieder um.
Er sah ein Licht vor seiner T├╝re, wie er es in einer solchen Helligkeit noch nie gesehen hatte. Es war unbeschreiblich und unglaublich hell - aber es blendete nicht.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Christof schmerzhaftes Herzklopfen, rasenden Puls und heftige Atemnot ÔÇô ohne jeden Anflug von Panik oder irgendeines Angstgef├╝hls! Trotz seiner heftigen k├Ârperlichen Reaktionen f├╝hlte er sich sicher und seltsam ruhig, wie niemals zuvor. So f├╝hlt sich Frieden an, ├╝berfiel ihn der Gedanke, und dann ┬┤ich schnappe ├╝ber`. W├Ąhrenddessen setzten sich seine Beine wie von selbst und ferngesteuert langsam in Bewegung. Fast w├╝rdevoll schritt er auf seine Eingangst├╝r zu, die ihn magisch anzuziehen schien. Doch je n├Ąher er der T├╝r kam, desto blasser und schw├Ącher wurde dieses Licht. Als er die T├╝r erreicht hatte, war es dort dunkel wie immer.
Instinktiv drehte Christof sofort um und ging wieder an sein Fenster. ÔÇô Nein, er bemerkte, dass er r├╝ckw├Ąrts lief, weil er seinen Blick nicht von dieser T├╝r l├Âsen konnte. Er f├╝hlte eine nie gekannte, intensive Sehnsucht nach diesem Licht, wollte es aus tiefstem Herzen wieder haben.
Mit jedem Schritt r├╝ckw├Ąrts kam die Helligkeit mehr zur├╝ck. Als er das Fenster in Krebsmanier wieder erreicht hatte, erstrahlte die T├╝r in dem gleichen herrlichen Licht wieder, wie zuvor.
Fassungslos starrte er in dieses Licht. Er konnte mit seinem Blick v├Âllig tief darin eintauchen.
Er h├Ątte nicht sagen k├Ânnen, wie lange dies alles dauerte, eine Zeit schien daf├╝r nicht zu messen zu sein. Vermutlich geschah dies alles eher kurz.
Sein wild pochendes Herz hatte nicht aufgeh├Ârt, in dieser Weise in ihm zu h├Ąmmern. Trotzdem brauchte er kaum einen Atemzug.
Eine tiefe Ruhe erfasste ihn. Er sah dieses Licht da vorne, welches er in dieser Art noch nie gesehen hatte, und er f├╝hlte von den F├╝├čen ausgehend W├Ąrme in und an ihm aufsteigen, eine kaum merkliche W├Ąrme, und doch deutlich sp├╝rbar. Als sie seine Haarspitzen erreicht hatte, fing sein Herz an, wieder in ganz normalem Takt zu schlagen.
Immer noch schaute er regungs- und bewegungslos in dieses Licht, als er eine tiefe Ruhe, geradezu unirdischen Frieden, eine als Schwerelosigkeit empfundene Erleichterung und eine alles umfassende Liebe sp├╝ren konnte ÔÇô dies alles in einem einzigen wohl kurzen Augenblick!
Unendlich ├╝berw├Ąltigt sprach Christof leise, nein, tonlos, mit kaum sichtbar bewegten Lippen: ÔÇ×Ich danke dir von ganzem Herzen. Es ist jetzt alles gut.ÔÇť
In diesem Moment verschwand das Licht, langsam und sachte, nicht pl├Âtzlich. Es blendete sich ganz zart aus. Christof wusste, er brauchte es jetzt nicht mehr an der T├╝r zu suchen. Und auch sonst nirgendwo mehr.

In unerkl├Ąrbarer Tiefe ber├╝hrt, bewegt und belebt begann Christof zu weinen.
Nie in seinem Leben hatte er befreiter und begl├╝ckter geweint.

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majissa
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Jan 2002

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Liebe Christina,

eine leise Geschichte, anr├╝hrend und teilweise recht bildhaft erz├Ąhlt. Sie k├Ânnte aber besser sein, w├╝rdest du mit "hatte" und "diese" sparsamer umgehen und weitestgehend auf langatmige Erkl├Ąrungen verzichten. Mehr zeigen! Beispielsweise hier:

Ja, Christof malte gerne. Niemand h├Ątte erkennen k├Ânnen, was er malte, aber er malte sich Gedanken und Gef├╝hle aus dem Leib, deren Sinn er genau kannte. Und es entspannte ihn wie ein Ventil. Auf diese Weise konnte er sich entlasten und ausdr├╝cken.

Ich h├Ątte lieber gleich das Bild gesehen, als mit einem Schulterzucken zur Kenntnis zu nehmen, dass da einer gerne malt. Warum auch immer...

Ohne die zahlreichen Erkl├Ąrungen und Wiederholungen gew├Ąnne der Text m.E. enorm.

LG
Majissa

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