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Leselupe.de > Kindergeschichten
Vom kleinen Vogel, der nicht fliegen wollte
Eingestellt am 15. 05. 2003 01:29


Autor
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Howie
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2003

Werke: 6
Kommentare: 5
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Mathilda, die Vogeldame voll guter Hoffnung, sa├č in ihrem selbstgebauten Nest nun schon viele Tage auf zwei winzigen Eiern und hoffte jeden Tag aufs Neue, dass ihre Jungen gro├č genug sein w├╝rden, um endlich zu schl├╝pfen. Doch sie war keineswegs ungeduldig. Vielmehr genoss sie es, die Eier mit ihrem flauschigen Federkleid zu w├Ąrmen und das sch├Âne Fr├╝hlingswetter auf sich wirken zu lassen. Es war still, es war ruhig, und das war gut. Denn wenn ihre Jungen erst einmal geboren waren, w├╝rde es f├╝r Mathilda genug zu tun geben.
Im Moment aber tat sich noch gar nichts unter ihrem Bauch ÔÇô oder vielleicht doch? Sie glaubte, ein kleines Kitzeln an den Federn gef├╝hlt zu haben. Ob es vielleicht nur ein zarter Windhauch gewesen war? Da ÔÇô da war es schon wieder. Und diesmal hatte sie es genau an ihrem Bauch gesp├╝rt. Jetzt w├╝rden ihre Kinder bald aus den Eiern schl├╝pfen. Sie stand auf und reckte ihre m├╝den Fl├╝gel. Die letzten Tage waren sehr anstrengend gewesen, so ganz ohne Bewegung. Aber die M├╝he hatte sich gelohnt. Sie konnte sehen, wie beide Eier sich erst nerv├Âs bewegten, bis aus dem linken pl├Âtzlich ein kleiner Schnabel die d├╝nne Schale durchstie├č. Und nach kurzer Zeit konnte sie ein kleines Wollkn├Ąuel erkennen, das tapsig versuchte, auf die Beine zu kommen, es aber nicht schaffte und immer wieder tollpatschig hinfiel. Mit dem zweiten Ei ging es genauso und bald konnte Mathilda ihre w├Ąrmenden Fl├╝gel um ihre beiden Jungen legen. Sie war so gl├╝cklich, dass ihr eine kleine Tr├Ąne aus dem Auge lief. Sie nannte den Jungen Koko und das M├Ądchen Jenny.
In den n├Ąchsten Tagen hatte Mathilda allerhand zu tun. Viermal oder f├╝nfmal verlie├č sie das Nest und ging auf Nahrungssuche. Und jedes Mal, wenn sie mit dem Schnabel voller Essen zur├╝ckkehrte, erwarteten sie zwei aufgeregte und hungrige M├Ąuler. Koko war beim F├╝ttern immer gleich vorneweg. Er schnappte sich die gr├Â├čten und kr├Ąftigsten St├╝cke, so dass Jenny nur selten viel abbekam. Koko war ein richtiger Nimmersatt, der seiner kleinen Schwester auch schon mal das Essen aus dem Schnabel stahl. So war es auch nicht verwunderlich, dass Koko sehr schnell wuchs und kr├Ąftige Fl├╝gel bekam. Jenny hatte da so ihre Probleme, denn sie war immer noch klein und schwach. Manchmal war sie auch traurig, wenn sie sah, wie Koko wuchs und wuchs. Mathilda war das nat├╝rlich aufgefallen, deswegen nahm sie Jenny immer gerne unter ihre Fl├╝gel, wenn das F├╝ttern vorbei war und Koko sich satt und zufrieden r├Ąkelte, und gab ihr noch ein paar Leckereien, die sie tief in ihrem Hals versteckt hatte. Dann war Jenny richtig gl├╝cklich und liebte ihre Mami ├╝ber alles.
Die Tage und Wochen strichen vorbei und mittlerweile war es bereits Sommer. Die Wiesen waren saftig gr├╝n und ├╝ber ihren Halmen schwirrten M├╝cken, Fliegen und andere Leckerbissen. Die beiden Vogelkinder waren gro├č geworden, gro├č genug, um endlich das Fliegen zu lernen.
Und so stand Mathilda eines Tages am Nestrand und sagte zu den beiden: ÔÇ×Es wird Zeit f├╝r euch, zu fliegen. Ihr seid gro├č und kr├Ąftig genug, um das zu schaffen. Schaut mir zu und lernt!ÔÇť
Dann plusterte sie sich auf und schlug mit den Fl├╝geln.
ÔÇ×Seht ihr, wie das gemacht wird? Jetzt seid ihr an der Reihe. Koko, du zuerst!ÔÇť
Und Koko freute sich riesig darauf. Immer wieder hatte er seiner Mama bewundernd zugeschaut, wie sie davongeflogen war und hatte immer gehofft, das eines Tages auch zu k├Ânnen. Und heute war es endlich soweit!
Mehr aufgeregt als gleichm├Ą├čig schlug er noch etwas unbeholfen mit den Fl├╝geln. Mathilda sah das und sch├╝ttelte den Kopf.
ÔÇ×Nicht so wild, Koko. Anmutig und gleichm├Ą├čig, so wie ich. Schau noch mal zu.ÔÇť
Und dann hatte Koko es verstanden. Er ging auf den Nestrand zu, breitete die Fl├╝gel aus und stie├č sich kraftvoll ab. Er sp├╝rte, wie der Wind ein Polster unter seinen Fl├╝geln bildete und glitt dahin wie ein Zaubervogel. Koko war begeistert. Er flog so hoch hinaus, wie er nur konnte und sah die Welt ganz klein unter sich werden. Es war ein fantastisches Gef├╝hl! Von so etwas hatte er immer getr├Ąumt und nun war es endlich wahr geworden. Mit den Fl├╝geln immer noch vor Begeisterung schlagend stand er Minuten sp├Ąter wieder im Nest und konnte sich vor lauter Freude gar nicht mehr einkriegen.
Nun war Jenny an der Reihe. Sie schlug schon sehr elegant mit ihren Fl├╝geln, so dass ihre Mutter sie lobte. Doch als es daran ging, das erste Mal zu fliegen, lugte Jenny vorsichtig ├╝ber das Nest und wurde ziemlich blass unter ihrem Federkleid. So hoch hatte sie sich das nicht vorgestellt. ├ängstlich kauerte sie sich eng an Mamas Leib und zitterte. Das brachte ihr nat├╝rlich den Spott ihres viel gr├Â├čeren und kr├Ąftigeren Bruders ein.
ÔÇ×Du traust dich ja nicht mal! Jeder Vogel kann fliegen, nur du nicht. Sieh doch nur, wie einfach das ist!ÔÇť
Und schon machte Koko sich auf die n├Ąchste Runde. Jenny aber zitterte immer noch vor Angst und Scham.
ÔÇ×Aber, mein Kind, was hast du denn?ÔÇť
ÔÇ×Es ist so hoch, MamiÔÇť, piepste sie eingesch├╝chtert. ÔÇ×Was ist, wenn ich es falsch mache und runterfalle?ÔÇť
ÔÇ×Jeder Vogel muss mal fliegen lernen. Und du wirst es auch schaffen.ÔÇť
Und da bekam Jenny noch mehr Angst. ÔÇ×Nein! Ich werde das nie k├Ânnen. Ich werde f├╝r immer im Nest bleiben!ÔÇť
Mit diesen trotzigen Worten zog sie sich von ihrer Mutter zur├╝ck und kuschelte sich in ihre alten Federn, wo es noch so sch├Ân nach Geborgenheit und Sicherheit roch. Doch in Wirklichkeit war Jenny sehr traurig ├╝ber ihr Versagen und h├Ątte am liebsten geweint, doch den Gefallen wollte sie ihrem Bruder nicht tun, der gerade von seinem zweiten Ausflug zur├╝ckkam.
Die n├Ąchsten Tage vergingen wie im Flug, vor allem f├╝r Koko. Der flog, als g├Ąbe es nichts anderes in seinem Leben. Das Fliegen war f├╝r ihn selbstverst├Ąndlich geworden und er fing auch seine ersten Insekten. Koko war jetzt erwachsen, w├Ąhrend seine Schwester immer noch im Nest hocken blieb und ihre Mama sie f├╝ttern musste. Es war nicht so, dass Jenny es nicht wenigstens wieder versucht h├Ątte, zu fliegen. Doch jedes Mal, wenn sie ├╝ber den Nestrand ├Ąugte, war da diese unvorstellbare Tiefe und sie bekam gro├če Angst.
Mathilda machte sich ihretwegen schon gro├če Sorgen. Sie w├╝rde nicht immer f├╝r sie sorgen k├Ânnen, irgendwann musste Jenny fliegen lernen. Aber Mathilda wusste auch, dass sie Jenny nicht dr├Ąngen durfte, denn das w├╝rde ihr noch mehr Angst machen. Sie seufzte schwer, als sie das kleine Vogelm├Ądchen so traurig und hilflos in ihren alten Federn kauern sah. Nur Geduld, dachte sie sich, Jennys Zeit wird kommen.
Und eines Tages, als Mama gerade wieder auf Nahrungssuche f├╝r Jenny war, h├Ârte das kleine Vogelm├Ądchen von ganz weit unten das aufgeregte Piepsen ihres Bruders. Was war denn da los? Wieder beugte sie sich ├╝ber den Rand und schaute nach unten. Ach herrje, war das tief! Doch was sie da unten sah, lie├č ihren Herzschlag f├╝r einen Moment aussetzen. Koko war da unten, aber nicht alleine und auch nicht fliegend. Die Katze vom Nachbarsgrundst├╝ck hatte sich ihn geschnappt und trug ihn in ihrem Maul spazieren. Sicher meinte sie, ein gutes Mittagessen gefunden zu haben. Aber nicht mit mir, dachte Jenny! Ohne einen Gedanken an ihre Angst zu verschwenden richtete sie sich auf, breitete ihre Fl├╝gel aus und stie├č sich ab. In einem unvergleichlichen Sturzflug, den nicht einmal Koko hinbekommen h├Ątte, schoss sie dem Boden entgegen und hatte nur die Katze im Blick. Als Jennys Schnabel auf deren Schwanz einhackte, schrie die Katze vor Schmerz und Erstaunen auf, so dass sich ihr Maul ├Âffnete und Koko sich befreien konnte. So schnell wie der Wind flogen die beiden wieder hinauf in ihr Nest und lie├čen die Katze zur├╝ck, die wieder ins Haus schlich, um sich die Wunden zu lecken.
Koko brachte kein Wort heraus, so erstaunt war er ├╝ber seine Schwester, die mit stolz aufgeplustertem Federkleid auf dem Nestrand hockte. Doch ihr Stolz sollte nur ihre Aufregung verbergen. Auf dem Weg nach unten hatte Jenny n├Ąmlich eine Heidenangst gehabt. Aber immerhin war es ja ihr Bruder gewesen, der da in gro├čer Gefahr geschwebt hatte, da musste sie doch etwas unternehmen. Und nun, wieder sicher zur├╝ck im Nest, wusste Jenny, dass sie doch fliegen konnte, wenn sie es nur wollte. Und das machte sie sehr gl├╝cklich.
Als Mama von der Nahrungssuche wieder zur├╝ckkehrte, war sie ganz erstaunt, dass sich ihre beiden Jungen f├╝ttern lie├čen und Koko sogar mit seiner Schwester br├╝derlich teilte. Als sie satt waren, erz├Ąhlten sie ihrer Mama aufgeregt, was sie erlebt hatten. Mathilda war zuerst erschrocken dar├╝ber, in welcher Gefahr Koko gewesen war, aber dann nahm sie Jenny wieder unter ihre Fl├╝gel und war so stolz, wie es nur eine Mutter sein konnte.
Und seitdem genoss auch Jenny ihre t├Ąglichen Flugeinlagen, die es immer ├Âfter gab. Mathilda sah dem gl├╝cklich zu und war zufrieden. Nun stand ihren Kindern nichts mehr im Weg. Sie w├╝rden irgendwann ihre eigenen Familien haben und diese ern├Ąhren k├Ânnen, und sie w├╝rden beide zu sch├Ątzen wissen, was f├╝r ein Geschenk es f├╝r einen Vogel ist, frei unter der Sonne dahingleiten zu k├Ânnen, da, wo niemand ihnen etwas B├Âses anhaben konnte.
Die Katze ├╝brigens hat sich nie wieder in die N├Ąhe des Baumes getraut. Auch dann nicht, als Koko und Jenny schon lange ihr eigenes Leben lebten.....
__________________
Zum Schreiber wirst du nicht geboren - Zum Schreiber wirst du verflucht

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enniaG
Guest
Registriert: Not Yet

Deine Tiergeschichte

Hi, Howie,
deine Geschichte "Vom kleinen Vogel..." gef├Ąllt mir vor allem sehr wegen seiner bildhaften Sprache.
Wie ein Film l├Ąuft die Handlung vor meinen Augen ab.
Da ich selbst vorwiegend Tiergeschichten schreibe, begeistert mich dein Werk besonders.

Liebe Gr├╝├če sendet dir

enniaG

├ťbrigens - noch ein herzliches Willkommen hier in der Leselupe und viel Freude beim Schaffen.

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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
Die besten Werke
 
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Kindergeschichte

Du schreibst sehr anschaulich. Die Kinder werden sich ├╝ber deine Geschichte freuen.


Mancher ertrinkt lieber, als dass er um Hilfe ruft. (Wilhelm Busch)

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Howie
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2003

Werke: 6
Kommentare: 5
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Vielen Dank!!!

Vielen lieben Dank, Leute. Diese Kritik hat mir sehr gut getan, weil ich mit einem solch positiven Feedback eigentlich nicht gerechnet hatte...
Habt ihr denn gar nichts gefunden, was einer Verbesserung bedurft h├Ątte?
Auf jeden Fall hat mir das Mut gegeben, noch mehr Geschichten hier zu ver├Âffentlichen. Danke euch daf├╝r!!!

Howie
__________________
Zum Schreiber wirst du nicht geboren - Zum Schreiber wirst du verflucht

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