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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Von Hühnern und Menschen
Eingestellt am 28. 07. 2005 13:58


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Chrizzader
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jul 2005

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Nachdem flammarion in der Schreibwerkstatt so nett war und alles korrigiert hat hier die Neufassung von:

Von Hühnern und Menschen

Am Anfang habe ich gedacht, ich hätte irgendwas zuviel gehabt am Wochenende, na ja, vielleicht ja auch zu viele Wochenenden. Das tut aber eigentlich nichts zur Sache, wie sich noch herausstellen wird. Und außerdem geht das niemand was an. Ich saß also in einem kleinen Wäldchen ganz in der Nähe meiner Wohnung und redete mit einem Huhn. Sicher, der skeptische (aber deshalb nicht unwillkommene) Leser wird jetzt vielleicht denken, Ach, wieder so ein Geschmiere von so`nem Typen mit massiven Wochenendproblemen, aber es war schon immer so dass ich mit den Tieren redete. Schon als Kind. Natürlich weiß ich, dass Tiere außer in biblischen Ausnahmefällen,(kein Komma) nicht der menschlichen Sprache mächtig sind. Trotzdem oder gerade deswegen genieße ich es ab und zu(Komma) hier im Wald der ortsansässigen Fauna meine Gedanken anzuvertrauen. Selbst der allerskeptischste Leser kann mir diesen kleinen Spleen nicht verdenken! Aber lassen Sie mich von vorne anfangen.
An diesem Sonntagabend also ging gerade die Sonne unter, als ich aufwachte. Es war noch warm und weil mir irgendwie das Nachtleben in den Gliedern hing, entschloss ich mich, ein bisschen nach draußen zu gehen, einen Joint zu rauchen und mit den „ Jungs“ zu quatschen (ja, skeptischer Leser, ich weiß! Sie denken jetzt sicher“ bei dem hängt das Leben ja wohl wo ganz anders“) Ich zog mir etwas an, rollte eine Grastüte und machte mich auf den Weg in den Wald. Die letzten Strahlen der Sonne wärmten mich, als ob sie es wieder gutmachen müsste, dass wir uns so lange nicht gesehen hatten und der Wind strich gnädig den letzten Rest Trockeneisnebel von mir ab. Eine Grasrauchwolke aus meinem Mund blasend warf ich den Jointstummel weg und betrat die Lichtung, die ich schon als Grundschüler insgeheim „Den Redensplatz, nannte. (Skeptischer Leser: Oh, doch nicht drogenabhängig, der hatte schon immer was an der Klatsche) Ich fing also zu erzählen an, berichtete über meine nächtlichen Aktivitäten, klagte mein Leid über Liebesschmerz und Drogenpreiserhöhung und verirrte mich irgendwann in einer Abhandlung über Gottweißnichts. (Lieber skeptischer Leser, wenn sie jetzt denken: „ warum in Gottes Namen hat er sich nicht in diesem verdammten Wald verirrt, sollten sie aufhören, weiter zu lesen)
Urplötzlich, ohne dass ich vorher auch nur einen Laut wahrgenommen hätte, wurde ich von einer schroff gackernden Stimme unsanft unterbrochen.
„Für wen hältst du dich eigentlich, für so ne verschissene Art Franz von Assisi oder was?“
Der Schock ließ meinen Redefluss abrupt enden. Mühsam dem Drang widerstehend, laut los zu schreien, wegzurennen und mich einweisen zu lassen, senkte ich den Kopf.
Dort saß ein Huhn.
Der Anblick war schrecklich.
Bei manchen Leuten sieht man, finde ich, schon im Gesicht, dass sie viel böser, viel gewaltbereiter, viel skrupelloser sind als alle anderen in ihrer Umgebung. Bezeichnenderweise werden solche Gesichter meist von Zuhältern, Geldeintreibern oder securety personal vor Gangsterkneipen getragen.
Dieses Huhn war, seiner Mimik nach zu urteilen, Türsteher zur Hölle.
„Na, was is, erst quatschst die ganze Zeit rum, und jetzt stehste da und kriegst die Fresse nicht auf.“
„Ja a..aber warum?“, war alles, was in diesem Moment aus meinem fassungslos auf und zu klappenden Mund gekrochen kam.
„Ja a.. aber warum“. äffte das Huhn mich nach.
„Warum ich mit dir reden kann, hä. Vielleicht bin ich ja die einzige, der dein verficktes herum gebrabbel total auf die Eier geht, die einzige in diesem verdammten Wald.“ Eine ausladende Geste verdeutlichte, welcher Teil des Forstes gemeint war. „Aber das glaubst du wohl selber nicht.“ Verachtung sprühte aus seinen Knopfaugen, als es diese Wortsalve auf mich abschoss.
„Vielleicht bin ich aber auch die einzige(Komma) die genug Mumm in den Knochen hat, die einzige mit Eiern! Die einzige in diesem ganzen verkackten Scheißwald voller Feiglinge!“ Bei dem letzten Satz warf das Huhn seinen Kopf nach hinten, um damit anzudeuten, dass dieser Schuss nicht mir galt. Scheu wurde eine Antwort aus dem Unterholz geraschelt und einige Vögel piepsten ein verlegenes Räuspern aus den Wipfeln.
Langsam, ganz langsam konnte ich mich wieder fassen. Das martialische Auftreten des Huhns,(kein Komma) und meine von der Verblüffung gespeiste Verwirrtheit zwangen mich allerdings in die Defensive. „Ich wusste doch nicht, dass sich jemand gestört fühlt, ich dachte immer, ihr versteht mich gar nicht.“ Das war alles, was ich zu meiner Entschuldigung sagen konnte.
„Och, hat er gedacht.“, antwortete das Huhn, so wie man einem Kleinkind antwortet.
„Wenn bei dir andauernd irgend so ein Vollidiot im Wohnzimmer rumquaken würde, und das zwanzig Jahre lang, würdest du auch irgendwann mal verstehen was der Depp sagt, ob du willst oder nicht!“ Seine gespielte Freundlichkeit war wieder dem, wie ich fand zu Geflügel absolut unpassenden, Straßenjargon gewichen.
„Du willst mir doch nicht erzählen, dass ich den Tieren das Sprechen beigebracht habe.“ Der Unglaube ließ mich meine Zurückhaltung vergessen.
„Du und die ganzen anderen Selbstgespräche führenden Arschlöcher(Komma) die hier den ganzen Tag rumlaufen.“
„Du meinst also, dass alles, was hier kreucht und fleucht versteht, was ich sage?“ Irgendwie war mir nicht ganz wohl bei diesem Gedanken.
„Nicht alle, Holkopf, nur die mit Ohren natürlich, den anderen ist so wieso alles scheißegal.“
Die ständigen Beleidigungen dieses ungezogenen Federviehs fingen an, mich zu kränken.
„Hör mal!“, meinte ich, jetzt wesentlich mutiger. „Der Wald ist für alle da, als Ort der Erholung und Stille, außerdem kann jeder sagen was er will.“
„So, so! Der Wald gehört also allen. Das ist ja mal wieder typisch für euch Penner! Ihr habt eure kleinen stickigen Spießerwohnungen, eure stinkenden Krachschüsseln, eure dreckigen Straßen, aber der Wald gehört allen. Hast du dir vielleicht schon mal überlegt, dass hier meine Wohnung ist? Wo ist meine Erholung und Stille, wenn mir andauernd jemand beim Fressen zuschaut oder beim Kacken oder beim Ficken? “Das Huhn hatte sich in Rage gegackert und sein Gefieder schwoll auf bedrohliche Weise an, so dass es bald sein eigentliches Volumen verdoppelt hatte. „Kannst du dir vorstellen, dass man, wenn man den ganzen Tag Eier ausgeschissen hat und wenn einem davon die Kloake weh tut wie die Rosette von irgend so nem Stricher am Bahnhof Zoo, nur seine Ruhe haben will und sonst nichts? Aber nein, man muss sich ja andauernd dein pseudo scheiß Intellektuellen Geschwafel anhörn. Weißt du, wo dann meine Erholung und Stille is, hä?! Im Arsch, in deinem verschissenen Arsch!“
Ich hätte die kleine Pause, die nötig war, um die Hühnerlunge mit Sauerstoff zu versorgen, nutzen sollen, um entschieden zu protestieren. Leider zögerte ich, schockiert und erbost über die rüde Ausdrucksweise (für die ich mich an dieser Stelle entschuldigen will, glauben Sie mir ich mache das nur aus Gründen der Authentizität, Spaß macht mir das nicht!) einen Augenblick zu lange, so dass das einzige, das ich zu meiner Verteidigung vorbringen konnte, ein gestammeltes „ Aber ich liebe die Natur doch, ich... ich räume doch auch immer den Wald ein bisschen auf, wenn ich gehe und außerdem bin ich Mitglied im Naturschutzbund, zählt das denn gar nichts?“ war.
Mein gefiederter Ankläger strafte mich mit einem Blick aus der Tiefkühltruhe und einem gespuckten, Pah, das sein Schlussplädoyer einleitete.
„Das kommt mir gerade recht, ein Naturschützer! Denkst wohl, du bist was Besseres, hä . Total toll, wie du immer den Wald aufräumst, echt Klasse!“ Das Huhn deutete mit einer Flügelspitze einen aufgerichteten Daumen an. „Scheiße, Mann, das is doch total für den Arsch.“ Der Daumen war jetzt ein Mittelfinger. „So viel Müll, wie du redest, kannste in deinem ganzen Leben nicht aufräumen, echt, mir ist ein Berg voller Plastikflaschen, Hamburgerverpackungen und Zigarettenkippen tausendmal lieber als ein Satz aus deiner blöden Naturschützerfresse.“
Der Vorwurf der verbalen Umweltverschmutzung traf mich tief. Verzweifelt versuchte ich mich zu rechtfertigen. „Wenn ich bemerkt hätte, wie sehr ich euch störe, hätte ich leiser geredet oder gar nicht, aber ich konnte ja nicht ahnen... “
„Merkt ihr eigentlich überhaupt irgendwas ?“ Das zum Bellen mutierte Gackern beendete blitzartig meinen Satz. „Oh , unsere Autos vergiften ja die Bäume, wer konnte das ahnen!“ Der ständige Wechsel zwischen zerstörerischer Wut und stechender Ironie in der Stimme meines Gesprächpartners belastete meine ohnehin schon reichlich mitgenommene Psyche zusätzlich.
„Was? Unser Deospray zerstört die Ozonschicht, haben wir gar nicht gemerkt!
Hey, unser sinnloses Geschwafel treibt die Tiere in den Wahnsinn, uns doch Scheiß egal!!“
Das war`s !Meine Beherrschung verschwand so plötzlich, dass ich sie gar nicht vermisste. „Jetzt reicht `s. Ich beschwere mich ja auch nicht über dein Gekrächze. Im Gegenteil, ich steh eigentlich total auf Vogelgezwitscher und so. Nur weil DIR nicht gefällt, was ich sage, lass ich mir bestimmt nicht den Mund verbieten. Ich habe genau das selbe Recht zu reden wie die Vögel das Recht haben, zu zwitschern und die Hühner zu gackern. Außerdem, was willst du machen, mich mit Eiern bewerfen?“ Teilnahmslos scharrte die Angesprochene in der Erde und pickte lustlos nach wahrscheinlich unvorhandenen Würmern.
Zornig verschränkte ich meine Arme über der vor Mut geschwollenen Brust. Ein schneller mit der rechten Fußspitze auf dem sandigen Waldboden geschlagener Takt sollte meine überlegene Ungeduld darstellen.
Der erste Pfeil traf mein Rhythmusgefühl. Der kleine Trommelwirbel der Eitelkeit wurde schnell langsamer und erstarb. Der zweite traf mein Selbstwertgefühl, was zur Folge hatte, dass meine Brust in sich zusammensank wie ein aufgebrauchter, allem lachenswerten beraubter, Lachgasballon.
Nur das Flirren in den Pupillen des Huhns ließen erraten, dass dies die Sehnen gewesen sein mussten, von denen diese Geschosse abgefeuert worden waren. Der Rest des Huhns war gefroren.
(Die Assoziation mit einem enthaupteten, entfederten Fleischbrocken, der steril verpackt im Tiefkühlregal unseres Supermarktes liegt, ist hier falsch! Viel zutreffender ist der Vergleich mit jener Art Frost, der uns an Tod, Leid, Hunger und die betrügerische Ex-Freundin denken lässt.)
„Aufpassen !!“Die warme Abendluft kondensierte an dieser gezischten Drohung, unterstrich sie förmlich mit kaltem Dunst.
„Erstens: kannst du verdammt froh sein dass du hier am Stadtrand wohnst und nicht irgendwo in Alaska oder im Dschungel dort machen sie nämlich kurzen Prozess mit Dummschwätzern wie dir.“ Eine Linie kurz unter dem Schnabel, angedeutet mit dem simulierten Zeigefinger am rechten Flügel, verdeutlichte welches Strafmaß mich in besagten Erdteilen erwartet hätte. „Zweitens: will ich dir mal ne Geschichte erzahlen.“ Die Worte schienen etwas aufzutauen, aber die Vorstellung, diese Diskussion mit einem Schwarzbären oder einer Würgeschlange führen zu müssen, trieb den Angstschweiß aus meinen Poren

„Ich hab grad gestern die Elli getroffen, eine Eichhörnin. Die hat mir erzählt, sie war am Sonntag vor zwei Wochen mit ihrem Stecher hier.“ Das internationale Handsignal, wenn auch auf bizarre Weise entstellt durch den Federbewuchs der „Hände „verdeutlichte wo hinein gestochen wurde.
„Wollte sich seine Nüsse anschaun. Das is so bei den Eichhörninen “ zeig mir deine Nüsse, wenn se groß genug sind, darfst mich knacken“ Ha!“
Eine wegwerfendes Flattern verdeutlichte die Einstellung der Berichterstatterin zu dieser Methode der Partnerauswahl.
„Die beiden also voll am rumgraben und so, da kommt, na wer schon, DU daher und fängst an rumzunölen, über Gerechtigkeit und Sinn des Lebens un son Scheiß. Da is denen die Lust aufs Nüsse suchen natürlich vergangen.“ Ein anklagender Seitenblick bezichtigte mich der Verkehrsbehinderung. „Aber weil beide total scharf aufeinander warn, wollten se wo anders hin gehn, wo`s romantisch is, wo keine Deppen sind.“
Ich war mir meiner Rolle in diesem lokalen Sommernachtstraum bereits bewusst, es war absolut unnötig, mich mit der letzten Bemerkung nochmals darauf hinzuweisen.
„Dummerweise muss man dazu über die Autobahn!“
Die künstlerisch eingelegte Pause unterbrach den Bericht genau so lange, dass meine Phantasie alle möglichen Eichhörnchen- Autoreifen -Konstellationen durchspielen konnte.
„Tja, war n netter Kerl der Jimi, so hieß der Stecher. So was nennt man Pech!“ Das Anheben der am Rumpf anliegenden Flügel sollte wohl ein Schulterzucken kopieren
„War hart für Elli. War noch n paar Mal da und hat seine Nüsse gesucht! Hat se wohl nich gefunden, dann hat se sich von Eugen ficken lassen, so n alter Sack mit ganz kleinen Nüssen, der kaum noch nen Baum hochkommt. Dürfte ein harter Winter werden für Elli, Eugen und die Kleinen, hoffentlich schaffen sie `s.“
Das Huhn, das während des Erzählens mit auf den Rücken gekreuzten Flügel auf und ab gelaufen war, blieb vor mir stehen und drehte sich ruckartig in meine Richtung. „Du siehst also, es geht hier nicht um mich! Eigentlich gehst du so ziemlich allen auf den Sack! „Der schlechte Ton „ so heißt du übrigens in Singvögelkreisen, hast du mal deine Stimme auf Tonband gehört? Die Mäuse und das ganze andere Kleinzeug sagen der Trampler zu dir, schon mal über Ballettunterricht nachgedacht?“
Was ich an diesem Huhn nicht mochte, war seine augenscheinliche Neigung zum Sarkasmus.
„Wir Hühner nennen dich einfach Arschgesicht, das passt irgendwie!“
Meine Betroffenheit über die zwar unglückliche, aber nicht abzustreitende Verwicklung meiner Person mit dem vorzeitigen Ableben Jimis ließ mich die letzte Bemerkung überhören.
„So und nun zum letzten Punkt: was wir machen werden, es müsste eigentlich heißen was wir nicht machen werden!“
Ich konnte beobachten, wie mein Gegenüber tief Luft holte, mich überheblich anschaute und energisch gegen die Vielzahl der abendlichen Melodien, Takte und Töne, die schon die ganze Zeit über in der Waldluft gelegen hatten, ankrähte (bis dato dachte ich, nur Hähne können das.)
„So, alle mal herhören. Die, denen Dr. Doolittle hier nicht total auf den Keks geht, solln mal richtig laut sein!“
Kennen Sie dieses betretene Schweigen , das das Ende eines misslungenen Dates einleitet, oder die beklemmende Stille während einer Trauerfeier? Nehmen Sie die beiden, ausgestattet mit scharfen Gegenständen sowie wirren Gedanken und laden Sie zu sich nach Hause auf eine LSD-Session ein. Eventuell könnten Sie dann erahnen, welche Tonkulisse urplötzlich auf der Lichtung entstand.
Die Ruhe traf mich mit einer Wucht, die mir fast den Atem raubte, am Kopf, am Bauch, eigentlich an allen erwähnenswerten Körperteilen gleichzeitig.
Das absolute Fehlen sämtlicher akustischer Reize riss mich kurzerhand von den Füßen!
Zerstört und fassungslos saß ich, meine Knie angezogen und mit den Armen umschlungen, im weichen Sand. „Oh, Mann, ich wollt doch nur ein bisschen im Wald chillen und jetzt... . Das darf alles nicht wahr sein!“
„Oh doch, das is wahr, s bleibt auch so, wenn du uns nicht in Ruhe lässt. Keiner von uns wird auch nur nen Piep von sich geben, aber nicht nur, wenn du hier bist, sondern für immer.“ Durch meinen unfreiwilligen Haltungswechsel war ich jetzt fast auf Augenhöhe mit dem Huhn. Das und die Art und Weise, wie das Gesagte bedrohlich die Lautlosigkeit durchschnitt, ließen mich erschrocken zusammenzucken.
„Klar, deine Wissenschaftskumpels werden sich fragen, warum das so is. Dann werden sie kommen, werden uns einfangen, unsere Bäuche aufschneiden, drin rum wühlen, und am Schluss zu der beschissenen Erkenntnis gelangen, dass sie nicht wissen, warum es so still is im Wald.“
Das Huhn deutete mit seiner Flügelspitze einen Schnitt quer über seinen Bauch an, begann dann in seinen imaginären Eingeweiden herumzukramen und beendete diese kleine pantomimische Vorstellung mit einem unwissenden Flügelzucken.
„Natürlich is das auch nicht gerade angenehm für die Betroffenen, aber der Spaß is es wert!“
Die Teilnahmslosigkeit, die eiszapfenartig aus diesem Satz hervorstach, wunderte mich nicht im geringsten.
„Na ja, du weißt ja, wer Schuld is. Du weißt, dass wir das Reden für immer euch überlassen haben, und zwar nur, weil n`paar von euch ihr dummes Maul nicht halten können, und du weißt auch, dass du zu diesen quasselnden Vollidioten gehörst, ha, eigentlich der König der quasselnden Vollidioten bist!“
Meine Eier legende Scharfrichterin keifte immer weiter, ereiferte sich in obszönen Ausdrücken und grotesken Gesten über die Dummheit der Menschen an sich sowie der meinen im besonderen. Das alles hörte ich kaum noch! Stumm zusammengekauert, mein Gesicht in den Händen vergraben, pochte nur noch ein einziger migränegleicher Gedanke durch meinen Kopf. „ Schuld! Ich bin Schuld.“ Wie ein teuflisches Mantra bohrten sich diese Worte immer tiefer in mein Gehirn.
„Na, und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun, nie mehr hier her kommen oder was!“
Vielleicht war dieser fast schon weinerliche Ausruf nur der verzweifelte Versuch, mich dem monotonen Klang dieses innerlichen Schuldeingeständnis zu entziehen. Die Antwort, die ich erhielt, bewirkte allerdings das genaue Gegenteil.
„Na ja, das wäre wohl der Idealfall.“, betonte das Huhn, zum Spott meiner Verzweiflung, übertrieben beiläufig.
„Aber wir wollen ja mal nicht so sein. Halt einfach das Maul, wenn du hier rumläufst! Uns interessiert dein Scheiß nicht die Bohne, erzähl ´s den Blumen, oder noch besser den Pilzen, die mögen so Leute wie dich. Hab ich gehört! Das kann ja wohl nicht zuviel verlangt sein, nur mal ne viertel Stunde die Fresse zu zulassen, oder?“
Der fast schon versöhnliche Ton und die Tatsache des absoluten Widerstandsfähigkeitsverlustes zwangen mich dazu ohne weitere Diskussion bereitwillig, ja fast glücklich, auf diese Bedingung einzugehen.
Den genauen Wortlaut des Schwurs den ich dann auf der Mitte der Lichtung deutlich hörbar für alle Bewohner leisten musste, will ich nicht wiedergeben. Der abschließende Satz „Das sollen die letzten Worte sein, die ich je hier aus meinem verdreckten Schandmaul gefurzt habe!“ geben einen Einblick in die Auswahl der Ausdrücke, die ich in den Mund zu nehmen genötigt war. Noch nie wurde ich gezwungen, mich selbst, stellvertretend für meine Rasse, derart zu verleumden und zu demütigen.
Erschöpft ließ ich meinen rechten Arm sinken und harrte der Dinge, die kommen würden.
„Und noch was“, das Huhn hatte sich schon zum Gehen abgewandt, drehte aber noch einmal den Kopf in meine Richtung, „sag den anderen Idioten Bescheid!“
„Wie Bescheidsagen? Das glaubt mir ja wohl kein Mensch!“ Diese unmöglich scheinende Forderung riss mich aus meiner Lethargie.
„Das is nicht mein Problem; ich habe jedenfalls keine Lust, die ganzen Deppen persönlich anzuquatschen. Lass dir was einfallen! Schreib `s an die Zeitung oder setz es ins Internet.
So jetzt kannste gehn. Da hinten liegen übrigens noch ein paar alte Flaschen! Also, tschüß dann, immer dran denken: Klappe zu im Wald!“ Bei den letzten Worten streckte mir meine neue Feindin endgültig ihren Bürzel entgegen und verschwand zufrieden gackernd im nahen Unterholz.
Einsam zurückgelassen stand ich noch eine Weile auf dem, nun ehemaligen „Redensplatz„.
Die spätsommerliche Restwärme war allmählich der immer weiterkrauchenden Kühle der Nacht gewichen, und eine leichte Gänsehaut mahnte mich, endlich den Heimweg anzutreten.

Hallo skeptischer Leser! ? Sind Sie noch da? Wenn ja, dann haben Sie jetzt sicherlich eine ganze menge Fragen.Wie hoch zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit ist, in einem vororttypischen Alibiwäldchen ein freilaufendes Huhn anzutreffen. Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass mich das auch von Anfang an verwirrt hat! Aber trotzdem, und der große Drogengott soll mich mit MDMA-Imunität strafen, wenn ich jetzt lüge, ich habe alles so wiedergegeben, wie es war, ich habe weder zu meinem Vorteil noch zum Nachteil des Huhns irgendetwas hinzugefügt oder verschwiegen. Letztendlich hat mich nur der Befehl des Huhns dazu getrieben, dieses Ereignis zu Papier bzw. zu Bildschirm zu bringen.
Mich trifft keine Schuld!
Bei mir zu Hause steht jetzt übrigens ein Aquarium, das habe ich mir letzte Woche gekauft.
Hauptsächlich wegen der sprichwörtlichen Unfähigkeit zur Konversation seiner Bewohner.
Meine Pilzzucht wächst und gedeiht prächtig, ich habe mir aber vorgenommen, ihnen das erste Wort zu überlassen. Laut Expertenmeinung soll das recht schnell gehen, wenn man die Pilze nur geschickt genug in den täglichen Speiseplan integriert.
Auch wenn jetzt einige unter Ihnen( die allerskeptischsten) wohl das Bedürfnis haben, mir die Adressen kompetenter Psychologen und Drogenberater zukommen zu lassen, muss ich darauf bestehen, dass diese Geschichte erzählt werden musste! Schon um meine Mitmenschen auf etwaige Übergriffe von gefiederten oder bepelzten Erdenmitbewohnern vorzubereiten.
Hoffentlich wissen Sie das zu schätzen!
Ich jedenfalls habe jetzt Lust auf Coc au vin. Oder vielleicht lieber Hühnchenbrust mit Pilzsoße? !

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