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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Von Kampfemanzen und Cappucettos
Eingestellt am 23. 05. 2005 19:11


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sohalt
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Ich bin keine Feministin. Und nicht stolz darauf.

Denn der Hauptgrund, warum ich es nicht bin, ist Bequemlichkeit. Es mangelt mir zudem an der nötigen Empörung über die Diskriminierung, ich habe sie früher als Schülerin und jetzt als Studentin noch nie am eigenen Leib erfahren. Aber das kommt schon noch. Spätestens dann, wenn dem Kollegen die teuere Weiterbildung gezahlt wird und mir nicht, weil es sich gar nicht lohnt, in mich zu investieren, weil ich doch früher oder später sowieso bei den Kindern daheim bleibe. Tatsächlich ist es meine dem momentanen Seelenfrieden so zuträgliche Fähigkeit zur Verdrängung nicht akuter Probleme, die es mir erlaubt, diesbezüglich sanftmütige Gelassenheit zu bewahren. Doch was hilft mir diese Einsicht? – Sie käme einfach nicht von Herzen, die Empörung. Noch nicht.

Und schließlich habe ich auch einfach keine Lust, mich über jeden dumpfbackigen Macho-Witz, jede Frauen als jederzeit verfügbares Fleisch darstellende Sex-Sells-Kampagne zu grämen. Ist mir den emotionalen Aufwand gar nicht wert. Gram ist so ein unerfreuliches Gefühl. Und schon gar keine Lust habe ich, für so hehre Anliegen wie etwa das Binnen-I und die geschlechtergerechte Schreibweise auf die Barrikaden zu steigen.

Obwohl ich die, die es tun, schon auch ein bisschen dafür bewundere. Ja, Männer, ihr könnt diesen Artikel nämlich durchaus auch mit Gewinn für euch lesen, es geht hier nicht nur um Feminismus, sondern auch ganz allgemein darum, wie es ist, für etwas zu kämpfen. Wie wenig es manchmal bringt. Wie leicht du dich dabei lächerlich machst. Wie schmal der Grad ist zwischen leidenschaftlichen Engagement und geiferndem Fanatismus. Welcher Gefahr du dich dadurch also aussetzt. (Schaum vor dem Mund ist so unattraktiv.) Und ob du es trotzdem tun sollst.

Nein, ich bin keine Feministin. Aber wenn jemand nun auf die verwegene Idee käme, mich mit diesem Etikett zu behängen, dann würde ich es mit Stolz tragen. Wahrscheinlich.

Was ich aber bestimmt nicht tun würde: sofort in diesen „Feministin? – Oh Gott, nein, ich doch nicht!“ – Reflex verfallen. Viele Frauen scheinen den heutzutage nämlich ordentlich intus zu haben. Und es ist nicht diese Aussage „Ich bin keine Feministin“, die mich da stört (Kunststück, ich habe ja selbst meinen Artikel damit eingeleitet und ich glaube sogar, dass viele Frauen dafür durchaus bessere Gründe haben als ich) – sondern eher diese Beflissenheit, diese eifrige Eilfertigkeit mit der dieses Statement oft gar nicht schnell genug gemacht werden kann, bevor auch nur der Hauch eines Verdachtes aufkommt… Das riecht so verdächtig nach vorauseilendem Gehorsam. Und der riecht nie gut.

Vollends mulmig aber wird mir, wenn das „Aber ich bin eh keine Feministin“ auch noch von diesem gewissem Augenaufschlag begleitet wird. Dem wunderhübschen Wimpern-Klimpern. Ihr wisst schon. Cappucetto-mäßig, würde meine Mutter sagen. Die Cappucetto, das war eine Zeichentrickfigur, ich weiß nicht, ob die noch wer kennt: Sie ist klein und niedlich, hat immer ein fröhliches Lied auf den Lippen und irrsinnig lange Wimpern. Ihre Stimme verursacht Karies. Sie ist das Lieblingsfeindbild meiner Mutter. Ich bin praktisch seit frühester Kindheit geprägt auf Cappucetto-Hass.

Sie sind so zart. Sie sind so zerbrechlich. Sie sind so schutzbedürftig. Sie kämpfen mit den Waffen der Frauen. Und mir wird schlecht. Das ist natürlich ungerecht, das ist mir jetzt klar. Denn die Wahl der Waffen bleibt jeder selbst überlassen. Und gegen mich werden diese Waffen ja auch nicht eingesetzt…

Oh, wie tun sie mir doch leid, die Männer, die in die Fänge der Cappucettos geraten. Nämlich überhaupt nicht. Sie haben nichts anderes verdient.

Aber selber so sein? Nein danke.

Dann schon lieber Kampf-Emanze.

Ich bin also keine Feministin, noch nicht, aber ich bin durchaus offen dafür. Doch manchmal schaffen sie es, selbst mir vor den Kopf zu stoßen. Zum Beispiel: C. erzählt mir, dass die örtlichen Feministinnen durchgesetzt haben, dass es in ihrem Lieblingslokal nun endlich auch in der Damentoilette eine Pinkel-Rinne gibt. Klar. Darauf hat der weibliche Teil der Menschheit gewartet, in all den düsteren Jahren des Patriachats. Wieder mal ein typischer Fall von zwanghafter Verleugnung anatomischer Tatsachen, würden die meisten jetzt sagen. Auch ich empfinde die Vorstellung, im Hocken zu urinieren ja eher als Zumutung, denn als aufregende neue Chance. Aber gut. Immer noch in Feministinnen-Verteidigungslaune wende ich also ein: Vielleicht ist dann endlich ein Ende mit den ewigen Warteschlangen vor der Damentoilette. Immer warten müssen, dass eine Kabine frei wird – ist in Notfällen schon mal ein Problem. Kann ja sein, dass es Frauen gibt, die gerne ihre Bequemlichkeit zugunsten der Zeitersparnis opfern wollen. Und jetzt haben sie die Möglichkeit dazu. Ist doch toll.

Aber nein, meint C. Die Pinkel-Rinne ist doch auch in einer Kabine.

Das raubt dann auch mir den Atem. Mit einem Schlag zwei fundamentale Konzepte ad Absurdum führen – das Konzept Feminismus und das Konzept Pinkel-Rinne – das muss auch erstmal wer schaffen.

Aber irgendwie kann ich es nicht komisch finden.

Und da stelle ich mir – und auch all meinen Schwestern im Geiste, all den „Grundsätzlich-nicht-abgeneigt-aber-letztlich-eher-doch-nicht“-Feministinnen unter uns – die Frage:
Wollen wir das Feld wirklich denen ĂĽberlassen? Ist die Sache nicht ein bisschen zu wichtig dafĂĽr?




__________________
.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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nikita
Guest
Registriert: Not Yet

bonjour sohalt

"Aber nein, meint C. Die Pinkel-Rinne ist doch auch in einer Kabine.
Das raubt dann auch mir den Atem. Mit einem Schlag zwei fundamentale Konzepte ad Absurdum führen – das Konzept Feminismus und das Konzept Pinkel-Rinne – das muss auch erstmal wer schaffen.
Aber irgendwie kann ich es nicht komisch finden."


aber
genau das ist "feminismus"
kommt von feminin und its nix anderes als die besinnung auf die "weibliche art&weise" ....
ich hab gelacht bei deinem text ... nicht abwertend sondern begeistert. auch der begriff "kampfemanze" ist out
ich persönlich mag "emanze" ... aber ich kann auch locker worte wie "nigger" oder "kanak" sagen ...
es geht um sprache ... worte haben macht ...
sie sollten gut gewählt werden ...
so sanfte begriffe wie "feminismus" oder "emanze" (erinnert an wanze ....) haben keine kraft ... keine energie

"Sie sind so zart. Sie sind so zerbrechlich. Sie sind so schutzbedürftig. Sie kämpfen mit den Waffen der Frauen. Und mir wird schlecht. Das ist natürlich ungerecht, das ist mir jetzt klar. Denn die Wahl der Waffen bleibt jeder selbst überlassen. Und gegen mich werden diese Waffen ja auch nicht eingesetzt…"

frau können zart und zerbrechlich sein ...
männer auch - sie verbergen es nur besser ...
ich hatte lange zeit anais nin und virgina wolf usw als vor-bild (ein bild vor augen ...) und jetzt sind es xena und lara croft ... so ändert sich das bild ...


"Und da stelle ich mir – und auch all meinen Schwestern im Geiste, all den „Grundsätzlich-nicht-abgeneigt-aber-letztlich-eher-doch-nicht“-Feministinnen unter uns – die Frage:
Wollen wir das Feld wirklich denen ĂĽberlassen? Ist die Sache nicht ein bisschen zu wichtig dafĂĽr?"


wichtig ????????
ich denke wichtig ist ... seine eigene position zu finden und seine eigenen kräfte - die nicht immer gruppenspezifisch sind ... ich gehöre der gruppe "emanzen", "lesben" und "hexen" an ... aber was sagt das ? ... nix !!!! ... zu-ordnungen ... nicht meine ... ich bin nur nikita -
weiblich, schön und hinterlistig

dein text hat mich also echt zum nach-denken angeregt
und wie
ich denke ich werde auch eine gruppe zur "einrichtug einer kabinen-pinkel-rinne" in unserem viertel grĂĽnden.
es ist doch auch spass dabei ...

danke
be blessed
nikita


p.s.
den "Cappucetto-Hass"
werde ich mir wohl ne zeit-lang ausleihen
klingt nach action und spass und diskussion

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sohalt
Routinierter Autor
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He freut mich, dass du den Text doch offenbar ziemlich positiv aufgenommen hast.

Nur "Pinkel-Rinne" ist eben genau nicht meine Vorstellung von der "weiblichen Art- und Weise". Wie gesagt. Konventionelle Toilletten sind einfach bequemer. Anatomisch bedingt.

Stimmt. Männer können auch manchmal ganz schön auf niedlich machen. Die arbeiten mitunter mit genau den gleichen Tricks, bloß so, dass es weniger auffällt.

Viel GlĂĽck beim Kampf um die Pinkel-Rinne!

lg
sohalt
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freifrau von löwe
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ich hoffe, es betrĂĽbt dich des ernsten themas wegen nicht allzu sehr, wenn ich dir sage, dass ich hin und wieder schallend gelacht habe.

abgesehen von ein paar umständlichen formulieren, wie

Was ich aber bestimmt nicht tun würde: sofort in diesen „Feministin? – Oh Gott, nein, ich doch nicht!“ – Reflex verfallen.

und schachtelsätzen wie

Und es ist nicht diese Aussage „Ich bin keine Feministin“, die mich da stört (Kunststück, ich habe ja selbst meinen Artikel damit eingeleitet und ich glaube sogar, dass viele Frauen dafür durchaus bessere Gründe haben als ich) – sondern eher diese Beflissenheit, diese eifrige Eilfertigkeit mit der dieses Statement oft gar nicht schnell genug gemacht werden kann, bevor auch nur der Hauch eines Verdachtes aufkommt…

die den lesefluĂź erheblich bremsen, ein sehr gewitzter und gut formulierter text.

danke fĂĽrs lesen.
__________________
Freifrau von Löwe

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