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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Von Liebe und Finsternis
Eingestellt am 07. 11. 2010 16:30


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fynn
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Dec 2006

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Morgens. Unendliche Stille. Die Sterne funkeln, der Mond zeigt sich selten und ab und zu sieht man die m├╝den Scheinwerfer eines Autos an der Wand. Schnell, schnell, anziehen. Z├Ąhne putzen kann man sp├Ąter. Wenn man alt ist. Warum sich mit 25 Sorgen machen, wie es w├Ąre mit 30 kariesgeplagte Z├Ąhne zu haben. Wenn man ├╝berhaupt noch Z├Ąhne hat. Der Bus ruft. Ich renne die Treppe runter, ein Arm sucht noch wild den ├ärmel meines Mantels. Nach den Handschuhen krame ich mit der linken Hand, die Rechte muss die Haust├╝r ├Âffnen. Die T├╝r schl├Ągt zu. Mit geh├Ârigem Krach, denn ich m├Âchte das alle in diesem Haus wach werden und wissen, da muss jemand schon um 6.00 Uhr los. Und sich fragen: ist es nur der Zeitungsmensch?
Hauptsache weiterschlafen k├Ânnen bis der Wecker klingelt oder die Nachbarn und das Leben unertr├Ąglich laut in die verf├╝hrerischen Tr├Ąume eindringen.
Ich dagegen renne, obwohl ich genau wei├č der Bus kommt erst in f├╝nf Minuten. Als w├Ąre es die Schlimmste aller Qualen ihn zu verpassen. Deshalb gehe ich mit schnellem Schritt und ├╝bereiltem Atem zur Haltestelle und schaue neidisch in die dunklen Fenster der anderen. Auf der anderen Stra├čenseite l├Ąuft ein Mann mit einem Kinderwagen. W├Ąhrend ich ├╝berlege welch Eigenwilligkeit ein Kind zu Tage legen muss, damit es um diese Zeit durch das Dunkel des angehenden Tages geschoben wird, nimmt er gelassen zwei Zeitungen aus dem Wagen und ich sehe nur noch das Aufglimmen der Zigarette w├Ąhrend er in der Auffahrt verschwindet. Ich bin dankbar f├╝r mein Alter und meinen Beruf. Schon lang habe ich vergessen wie es ist Hunderte von unn├╝tzen Zeitungen an Frau, Mann und Maus zu bringen.

Mein Herz h├╝pft. Der Mond schaut dabei zu und ich starre auf die Stra├če. Es ist 6.02 Uhr. Der Bus hat Versp├Ątung und mein Atem rennt. Endlich. Das gelbe Dach und das unauff├Ąllige Grau seines K├Ârpers sind zu sehen. Ich fl├╝stere: er kommt. Schnell die Tasche packen. Ein letzter Blick in die Runde, hat mich jemand beobachtet? Aber wer sollte schon? Sie alle liegen im Bett und schlafen. Tr├Ąumen von einer Welt die anders ist als diese.
Der Bus kommt. Ich sehe den Fahrer und frage mich wie jeden Morgen, ob er seinen Beruf liebt. Und warum nie eine Frau zu sehen ist. Ein winziges Erkennen, ein noch winzigeres Kopfnicken. F├╝r ein ÔÇ×Guten MorgenÔÇť ist es noch zu fr├╝h. F├╝r Gewalt und Schwarzfahren wohl auch. Deshalb darf ich ├╝berall einsteigen. In der Mitte, Hinten und Vorne. Jeden Tag ├Ąhnliche Gedanken. Wo sitzt er? Es gibt kein System, ich kann nur raten. Mache ich Fehler, b├╝├če ich daf├╝r mit viereinhalb Minuten, in denen ich viele Vorw├Ąnde in meinem Kopf umsortiere, um ebenso unauff├Ąllig wie beil├Ąufig meinen Platz wechseln zu k├Ânnen. Er sitzt da wo es ihm beliebt. Jeden Tag anders. Und ich kann nur raten in stummer Erwartung. Ich steige ein und wei├č da ist er. Ebenso beil├Ąufig wie die Wahl meines Sitzplatzes muss der morgendliche Blick sein, den ich ihm schicke. Wie sieht er aus. Dabei wei├č ich es genau. Die schwarzen Cordhosen. Die blaue Jacke. Die dunklen Haare. Und die vielen Lachf├Ąltchen in seinem Gesicht. Verstohlen schaue ich ihn immer wieder an und dann und wann begegne ich dem m├╝den Blick seiner braunen Augen. Ich freue mich: meine Augen sind auch braun. Als w├Ąren wir uns dadurch n├Ąher. Gekonnte Desinteressiertheit ist zu meinem Zweitberuf geworden. Ich schaue aus dem Fenster, erkenne dabei im winterlichen Dunkel nur den Anblick meiner begehrenden Augen und die Wangen, die sich in Verlegenheit rot f├Ąrben. Meine Hand wischt die roten Flecken weg und meine rechte Hand, die vor wenigen Minuten noch f├╝r das Erwachen der Nachbarn sorgte, kramt ebenso gewissenhaft nach einem Taschentuch. Taschent├╝cher bewahren das Unschuldige. Wie ein Kind schniefe ich in den Zellstoff und kann dadurch meinen Blick auf ihn verschwenden. Kostbare Sekunden. Er liest in einem Buch. Ich m├Âchte wissen was er liest. Es gibt Tage da w├╝nsche ich mir, alles w├Ąre nur einmal. Ich k├Ânnte nur einmal sein Buch fortrei├čen, den roten Halteknopf dr├╝cken und alles w├Ąre vergessen. Ich w├╝sste, was er liest und damit was er ist. Als ob es so einfach w├Ąre. Jeden Morgen gr├╝bele ich. Und jeden Morgen f├╝hle ich Begeisterung, wenn der Bus voll genug ist, um mich an eine Stelle zu dr├Ąngen, die mir erlaubt, einzelne Buchstaben zu erfassen. Ich lese und f├╝hle mich verbunden. Und schon steigt er aus. Die kalte Luft f├╝llt den Bus ebenso wie der Hauch der Verlassenheit.

Der Mond schwindet und die Sterne funkeln l├Ąngst nicht mehr. Das Geheimnisvolle des winterlichen Himmels wird durch das tr├Ąge L├╝ften der Sch├Ânheit der fr├╝hlingslaunigen Sonne ersetzt und nichts hat sich ge├Ąndert.
Ich wei├č immer noch nicht was er liest und warum er jeden Tag um 6.02 Uhr in diesem Bus sitzt und wo er einsteigt. Aber ich wei├č in all seinem Gleichsein, in seiner M├╝digkeit ber├╝hrt er mich so sehr, dass ich jeden Tag auf diesen Bus warte und jeden Tag verdamme, der es mit sich bringt, dass ich fragen muss, ob Samstag oder Sonntag ist. Dass er krank ist oder mal keine Lust hat, w├╝rde den Status eines Zauberwesens aufheben. Das geht nicht. Denn er ist eins. Jeden Morgen stehe ich auf und warte gespannt auf die Falten der m├╝den braunen Augen und der Mundwinkel, die sagen, genug ist genug.
Ich warte und wei├č: eines Tages wird unerkl├Ąrliches geschehen. Mitten im Sommer wird er fehlen, keine Krankheit wird dies ummanteln und ich werde zerbrechen daran.











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