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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Von damals und heute
Eingestellt am 13. 09. 2005 01:43


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heli
Hobbydichter
Registriert: Sep 2005

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Fast 30 Jahre nach meiner Arbeit an der Erdgas-Trasse des DDR-Bauabschnitt sich noch immer als Trassenbauer zu fĂŒhlen, das passiert nicht mehr jeden Tag. Es hat so ein bisschen mit Eigenliebe zu tun, gepaart mit SenilitĂ€t und dem Altersstarsinn. Das beziehe ich nun ausschließlich auf mich, wobei man auch freundlichere Worte finden könnte. Auf einer Bank vor einem Univermag (Kaufhaus) habe ich gesessen und den starken Geruch von ParfĂŒm meines Banknachbarn tapfer ertragen. Ein alter Mann mit recht zerbeulten, abgewetzten Hosen, schadhaften Schuhen, weißes Hemd und relativ gut erhaltener Jacke, die ĂŒber und ĂŒber mit Medaillen, Orden, Rangabzeichen besĂ€ht war. Am 1. Mai ist das so Mode in der ehemaligen SU. Er genoss den Tag, den Sonnenschein und die Gelegenheit dieses Metall auf der Jacke zu haben. Von den vielen Leuten, die an uns vorbei hasteten, wurde er so gut wie gar nicht beachtet. Mich interessierte, was er da so an „Heldentaten" spazieren fĂŒhrte. Bin seiner Sprache einigermaßen mĂ€chtig und nutzte die Gelegenheit zum GesprĂ€ch. UmstĂ€ndlich erklĂ€rte er mir, dass er Berlin unbeschadet erreicht hatte, was vielen Kameraden nicht vergönnt war. Sein faltiges, aber glatt rasiertes Gesicht mit den listig funkelnden Augen hielt er mir leicht erhoben entgegen, sodass ich MĂŒhe hatte, nach seinen Antworten, das GesprĂ€ch nicht abreißen zu lassen. Ganz offensichtlich hatte ihn seine „Alte" so ausstaffiert und er war in gehobener Stimmung. Ich ĂŒberlegte, ob ich auch mal alle meine Orden, Abzeichen, vom Aktivisten bis zum Sportabzeichen anstecken wĂŒrde und musste ganz automatisch grinsen. Meine Frau wĂŒrde mich fragen, ob ich noch ganz gesund wĂ€hre. Ich habe so was nie gemacht.
Mein Banknachbar fragte nach einer Zigarette, ich hatte keine, weil ich schon seit ewigen Zeiten das Rauchen aufgegeben habe. Ein zufĂ€llig VorĂŒbergehender wurde auch gefragt und der gab ihm auch noch Feuer dazu. Nun war die Welt fĂŒr ihn total in Ordnung. Er feixte ĂŒber die modischen Eigenarten der Bekleidung junger Leute und ich bemerkte, wie er ĂŒber allem stand. Krieg und das Wetter waren als GesprĂ€chsstoff abgespult, nun war Politik an der Reihe. Da wir in einer Stadt im Kaukasus waren, einer frĂŒheren Kosakenstation, traten hin und wieder junge und Ă€ltere MĂ€nner im Kosakendress die Szene. NatĂŒrlich auch die Brust voller Ordensblech. Verdutzt fragte ich den Alten, wo die wohl her sind. Der grinste dann auch und meinte „gekauft". Heute kannst du alles kaufen. Vom SchießprĂŒgel bis zum Polizeichef. Er stand auf und wetterte los ĂŒber das ganze Pack, die selber mit unsauberen Transaktionen viel Geld machen und er mit seinen paar Rubel Rente muss das billigste Odencolonge saufen, wenn er mal einen „scharfen Schluck" in den Hals bekommen will. Das wollte ich nicht glauben, aber so, wie er aus dem Hals roch, musste es wohl wahr sein. Meine Achtung und Sympathie fĂŒr ihn hatte plötzlich einen gehörigen Riss bekommen. Ich hatte es auf einmal eilig wegzukommen. Ich fragte ihn, ob er es gestattet, dass ich mal „einen ausgebe" und als er mich unglĂ€ubig ansah, gab ich ihm die Hand zum Abschied, in der ich einen Zehner ($!) „rĂŒber wachsen ließ". Eigenartiges GefĂŒhl einem Befreier von Berlin ein „Almosen" zu geben. Weder erleichtert, eher traurig ging ich in Richtung meiner Unterkunft. Ich hatte auch keine gute Tat vollbracht. BeschĂ€mend, wie es bei den Befreiern aussieht. Auf dem Heimweg fiel mir das GesprĂ€ch ein, vor einigen Tagen, wo die Oma der befreundeten Familie uns stolz erzĂ€hlt hatte, dass sie auf dem Alexanderplatz, nach dem Sieg, den vorwiegend militĂ€rischen Verkehr geregelt hatte. Die Freude war so groß, dass sie wohlmeinende RatschlĂ€ge ihrer Vorgesetzten in den Wind schlug und unbedingt, hoch schwanger, nach Hause wollte. Die Warnungen wegen der schlechten Versorgung prallten ab. Sie war eine „Siegerin" und ihr Stolz unermesslich. In der Heimat angekommen, war sie den örtlichen Behörden mit ihren lautstarken AnsprĂŒchen suspekt. Ehe sie es sich versah, landete sie ohne Urteil in einem sibirischen Lager und musste ihr Kind inmitten hunderter Gefangener, in einem ehemaligen Schweinestall zur Welt bringen. Frauen hatten sie umringt und „gute Menschen" gaben ihr das eigene Stroh, damit sie nicht auf dem kalten Fußboden liegen musste. Sie hatte es ganz ruhig und prĂ€zise erzĂ€hlt. Es geschah damals oft, dass Unschuldige solche Dinge erleiden mussten. Diese Geschichte war nur von ihr so nebenbei erwĂ€hnt, als wir kamen, uns ihre herrlichen Stickereien, MĂ€rchenmotive, Blumen und Wandteppiche anzusehen.
Verkaufen wollte sie ihre Arbeit nicht und berichtete mit Stolz, dass man vom Museum gekommen ist und sich die spektakulĂ€rsten Dinge raus gesucht hat. Heute ist sie schon lange tot, aber ihre Arbeiten kann man sich im Museum ansehen und ihre Geschichte werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Was sind da schon meine (paar Jahre) Trassenerlebnisse wert? Aber noch immer kommt das Gas durch „unsere Drushba Trasse“, - nur die DDR gibt es nicht mehr.

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