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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Von den drei Kisten des Scham-Ahnen
Eingestellt am 02. 11. 2012 22:36


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Lothar Atzert
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Von den drei Kisten des Scham-Ahnen

"Die wahre Sichtweise liegt darin,
keine Position einzunehmen"
Dzog-Chen Spruch

"Was will denn euer Sohn mal werden?"
"Der malt so schön - wir dachten an Schildermaler!"
Als wir Lehrlinge damals unsere Ausbildung begannen, bestand eine der Aufgaben, die man uns stellte darin, da√ü sich jeder angehende Schaufenstergestalter seine eigene Werkzeugkiste bauen mu√üte. Halt mit dem Zeugs, welches darin anschlie√üend seinen Platz finden w√ľrde: Hammer, Zange, Zollstock, Schraubenzieher, diverse Nylonschn√ľren usw.
Schon damals dachte ich lieber √ľber Worte, wie "Werk-Zeug" nach, als da√ü ich zeugend ans Werk gegangen w√§re. Die Ausdrucksm√∂glichkeit und das Verstehen von Zusammenh√§ngen durch Be-Griffe erschien mir schon als Kind eines der gr√∂√üten Wunder der Erde zu sein - schlie√ülich waren es zun√§chst nur Kl√§nge, die den H√∂renden be- oder verzaubern konnten. Sie konnten Kriege ausl√∂sen und genauso Frieden stiften. I-AH, miau, WAu-Wau, HAMMER, ZANGE, SCHRAUBEN ZIEHEN - ich schmeckte die Wortbedeutungen, wie sp√§ter die Sonnenstrahlen im Tempranillo, oder das Stillend-N√§hrende an einem nach warmer Milch duftenden Busen., immer noch das k√∂stlichste ... die Nadel, die Naht und die N√§he ....
Erst nachdem mir mehrere Arbeitsger√§te durch zuviel Schw√§rmerei abhanden kamen und ein Neuerwerb fast das Budget √ľberstieg, verstand ich die Dringlichkeit des Handelns und kopierte aus Mangel an Kreativit√§t eine der Kisten meiner Vorg√§nger, die bei Nichtgebrauch auf einem Bord in der Deko-Werkstatt aufgereiht standen. Nat√ľrlich √ľbernahm ich die Ma√üe mit leichten Ver√§nderungen, so da√ü es nicht sofort auffiel. Unsereiner, in allem unsicher, will ja nicht auffallen. Andere wollen gerade wieder das. Aus Angst, zu kurz zu kommen - das meiste geschieht aus Angst. Mit einem f√ľr den Sch√∂pfer zeugenden Werk auffallen - ja, das ist was anderes, f√ľr Leistung geachtet zu werden.
Erstaunlich, was die Kollegen teilweise so zurechtzimmerten - schmucke Holzwerkchen, kleine Tadsch Mahals, Krypten, Kunsts√§rge, als wollten sie ihr Verdr√§ngtes darin sanftm√∂glichst einbetten, mit balsamender Bemalung, wobei die weiblichen ihren m√§nnlichen Kollegen in nichts nachstanden. Da√ü sie nicht alle gleich praktisch waren - ein Bommelchen hier, eine Schn√∂rkelchen dort - nunja,wer m√∂chte das einem "K√ľnstler" nicht nachsehen.
Es waren halt noch andere Zeiten damals ...
Gut, ich hab's dann, artgerecht mit Versp√§tung, einigerma√üen b√ľrgerlich hingekriegt, mit linkisch-zittrigen Fingern, viel Schwei√ü und H√§me durch √§ltere Lehrlinge (- "Wie s√§gt der denn? - B√ľbchen, du musst die S√§ge gerade halten - komm ich zeig dir mal, wie das geht ... - doch nicht die gro√üe Holzplatte, ja spinnst denn du? Nimm die Reste da hinten ..." -) aber eine Meisterleistung wurde es nicht, eher die Vorwegnahme des Tschernobyl-Sarkophags, nur strahlen√§rmer. Und die Scham, nur eine schlechte Kopie zu haben, nagte lange am Selbstbewu√ütsein. Aber es war mein erstes Selbstgebautes und ich trug es entsprechend mit W√ľrde durch die f√ľnf Stockwerke des Kaufhauses gegen√ľber der Frankfurter Hauptwache. Bald schon w√ľrde ich mir mit dem Selbstverdienten eine gr√∂√üere Kiste leisten, expandieren - ein Auto, ein SELBST, eine Narrenkiste auf R√§der, die Welt wartete auf den, der was werden wollte ...

Wie kam ich Narr jetzt, nach √ľber f√ľnfundvierzig Jahren darauf? - Der Begriff "Werkzeug" kommt mir ja √∂fters, doch stets im Zusammenhang mit etwas anderem. Etwas Gelesenes von Karl-Heinz Franzen war es, f√§llt mir gerade ein: "Der Starke setzt auf die Natur, der Schwache auf die Bibel." - sowie mein Kommentar dazu: "Es setzen sich nur K√∂rper - der Geist (-seine vibrierende Energie-) braucht keinen Sitzplatz, er gestaltet ihn h√∂chstens."
Die Reaktion daraufhin zeigte mir allerdings, da√ü meine an Aristoteles' Kausalit√§ten angelehnte Denkweise nicht wirklich verstanden wurde und das war f√ľr mich schon seit je her der Ausgangspunkt weiteren Durchdenkens, um den Gegenstand der Rede doch noch verdeutlichen zu k√∂nnen, im Zweifelsfall mir selbst bzw im Falle eines Irrens das Irrende sichtbar zu machen, um Folgeirrt√ľmer zu vermeiden. Vielleicht auch aus Faulheitsgr√ľnden, ich wei√ü es nicht so genau ...
K√∂rper ist in gewisser Weise analog zur Werkzeugkiste und der Geist deren Erbauer. Doch f√ľr den Bau bedarf es der Werkzeuge, sowie des Baumaterials. Ohne die Komplettierung der Vier l√§√üt sich keine Kiste herstellen, man br√§uchte allerdings dann auch keine:

1. Die Idee
2. Das Material (lat. mater - die Mutter)
3. Die Durchf√ľhrung (abh√§ngig von Idee und Material = zwischen Geist und K√∂rper)
4. Das Erwirkte

Werken kommt sprachlich von Wirken, Erwirktes (Abschluß, Frucht etc.), die Wirklichkeit - und Zeugen bezeugt die fruchtbare "An-Wesenheit" jenes Wirkenden - deshalb der "Zeuge". Wer nicht zeugt, ist ortlos, erwirkt auch nichts. Ein Werkzeug, dessen Idee auch erst einmal durch Erfahrung eines Mangels aus dem Geist herausgehoben, also gefunden und hergestellt werden muß, verbindet Idee mit dem zu bearbeitenden Stoff, indem es diesen gestaltet. Das Endprodukt ist das Erwirkte.
Solches Denken, solches "Hineinh√∂ren" ins Innenleben von Wurzel-Begriffen war es, das mir die Karriere als "Schm√ľcker" fr√ľhzeitig unm√∂glich machte, denn ich fand und finde es tausendmal spannender, Mutter Sprache beim Denken und auch Danken f√ľr geordnetes Begreifen durch die vier Kausalit√§ten zu begleiten, spannender jedenfalls, als Damenblusen oder Herrensakkos werbewirksam zu dekorieren.
Da√ü Arbeitgeber und Erzieher diese Sichtweise nicht teilen, liegt in der Natur der Sache. Da√ü die Zeitgenossen insgesamt ... aber gut ... Gleichzeitig blieben mir Denken und Danken in Unabh√§ngigkeit von jener akademisch geschaffenen Vorstellungskiste, in denen das Abendland so schwer, so dramatisch "√ľber-zeugt" die erdr√ľckenden Gewichte der universalen Welt hin- und hertr√§gt (- sie setzen grunds√§tzlich auf Naturgesetze)
Freier sind Ahnungen und Wortbilder ohne Schulmeinung. Ihre verborgenen Pfade wittern, sie in ihrer Urspr√ľnglichkeit gelassen bis zum Erwirkten wirken lassen, als auch zuletzt - unverletzt ... seinlassen - das ist mir bis heute Obsession. - Auf was lie√üe sich da setzen?
Wie Heidegger es in "Sein und Zeit" formulierte: "Sein besteht im Sein lassen." - Narren brauchen jedoch erst die Hochschulbildung, um √ľber sp√§teres Zusammenbrechen √Ąlteres wieder zu ahnen.
Was ist stark, was schwach? - Fern√∂stliche Traditionen lehren seit ewigen Zeiten, da√ü auch der vermeintlich Schwache bei entsprechendem Verhalten stark ist und sie f√ľhren das Beispiel des Grashalms an, der sich im Sturm einfach flach legt, w√§hrend starke, unbeugsame B√§ume entwurzelt werden. Ist der Sturm vor√ľber, steht der Grashalm wieder auf.
Und so lernt dieser Scham-Ahne hier, jene andere Art Werkzeugkiste bauen, aus Achtsamkeit, Bildschau, Mantra und Studium der ewigen Himmelsordnung, sowie deren Erscheinung im Stoff, ihren wiederkehrenden Rhythmen, auf die Niemand setzt. ...
Ein Niemand werden, frei von Eigend√ľnkel, frei von gewichtesetzender Wichtigkeit, frei wie der Raum - fliegen mit Fliegenden, spielen mit Spielenden, tanzen, dichten und singen mit Entsprechenden, das will ich erwirken mit diesem schmucklosen Kistchen hier ... obwohl, ... ich hab' es l√§ngst - jeder hats von Anfang an. Und wie wenige erkennen es!
Ja!- So soll auf meinem letzten Kistchen stehen: "Jeder hat es, keiner kennt's."


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