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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Von der Trauer der Schönheit und dem Inneren Lächeln
Eingestellt am 30. 09. 2002 00:22


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Stefan J.W.
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2002

Werke: 5
Kommentare: 12
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Von der Trauer der Schönheit und dem Inneren Lächeln

An einem wunderschönen Frühlingstag wachte er auf. Die ersten sachten Strahlen der Sonne waren Stück für Stück über seine Bettdecke gewandert, bis sie zuerst sein Kinn erwärmt hatten, dann, sanft und zärtlich über seine Nase streichelten und weiter empor über seine Stirne und die Augen schmeichelten. Welch wundervolles Gefühl war es, so liebevoll aus dem Traumland gezogen zu werden, ohne jede Hast, ohne jeden Zwang – einfach in das Wachsein hinüber gleiten! Die Sonne, der Kraftquell jeglichen Lebens hatte ihr Licht über ihn gebreitet. Wie die zarte, liebende Hand der Mutter hatte sie seine Wange berührt, war mit den Fingerspitzen über sein Gesicht geglitten und hatte ihm das erste Mal seit langem wieder das Gefühl gegeben, wirklich geborgen, behütet und bewacht zu sein.

Und statt des penetrant sonoren Schellens des Weckers war es das fröhliche, umtriebige Zwitschern der Vögel auf dem Baum, der sich vis-à-vis seines Zimmerfensters befand, das ihm vollends über die letzten Barrieren des Halbschlafs verhalf. Sonst hatte er sich immer mit einem kräftigen Ruck aufgerichtet und war mit gepardenhafter Schnelligkeit ins Badezimmer gelaufen, um sich für einen weiteren, quälend-monotonen Alltag wenigstens ein bisschen zurecht zu machen, doch heute blieb er in wohliger Zufriedenheit im Bett liegen und hörte dem ereignisreichen Gesang der gefiederten Tenöre zu, die ihm solch wundervolle Minuten am Beginn dieses wundervollen Tages bescherten. Unbeschreiblich glücklich darüber, dass sie gerade ihn ausgewählt hatten, ihm ihre Sangeskünste darzubieten, ihn zu erheitern und zu beglücken. In seinen Gedanken konnte er sich phantasievoll ausmalen, was sie wohl zum Besten geben wollten. Und als er sich bewusst auf das Zwitschern konzentrierte, dann konnte er verstehen, was sie ihm nahebringen wollten.
Ja, er verstand jede einzelne Silbe!
Sie sangen ihm von der Schönheit dieser Welt, von dem Glück, dieses Leben zu führen, endlich das wahrzunehmen, was den meisten Vertretern seiner Art, und letztlich auch ihm, schon als pure Selbstverständlichkeit vorkam. Er wusste, sie sangen ihm von dem Glück, genau diesen Moment mit ihm zu verbringen, und er war selbst glücklich darüber, dass er diesen Moment, diesen süßen Moment, mit ihnen teilen konnte. Ihm war bewusst geworden, dass dieser süßer als jede Frucht war, die er je gekostet, süßer als jede Schokolade, von dem er je genascht, süßer als jeder Nektar, den er getrunken hatte. Dieser Moment war von solcher Süße, dass sie ihm schier unbeschreibbar vorkam. Ein Zauber lag darüber, ein süßer Zauber. Der Zauber des unbefangenen und reinen – des puren Glücks. Und er durfte diesen Moment erleben, da ihm als Zeichen der Freundschaft eine Feder geschenkt wurde.
Er fühlte sich zum ersten Mal als echter Teil dieser Welt.

Langsam, fast schon andächtig, erhob er sich aus seinem Bett. Heute stand er gerne auf, und über diesem ganzen Tag lag ein Zauber. Er ging hinüber zu seinem Fenster und öffnete es. Er sah die Vögel auf dem Baum, die ihm noch immer ihre ganze Kunst darboten. Dort saßen sie, so unschuldig und frei, zusammen auf einem Ast, der sich zu seinem Fenster hin neigte und sangen ihm von der Schönheit dieser Welt. Von dem Glück zu leben. Er beobachtete sie noch eine ganze Weile, bis er letztlich alles gehört hatte, was sie ihm zu erzählen gedachten.
Er wollte sich gerade abwenden, als er plötzlich die Stimme des alten Baumes vor seinem Fenster vernahm. Was geschah da mit ihm? Noch nie zuvor hatte er davon gehört, dass Bäume sprechen können, doch er konnte ihn deutlich und klar verstehen. Er konnte ihn durch das Rauschen seiner Blätter hören, durch das Knarren seiner starken, alten Arme. Doch er musste sich mehr bemühen, zu verstehen, was der alte Baum ihm zukommen lassen wollte. Bis er es endlich geschafft hatte, die Worte des grünen Riesen zu vernehmen. Der erzählte ihm mit dunkler, sanfter Stimme von den schönen Tagen, als er noch ein junger Trieb war und sich gen Sonne streckte. Als er gewachsen war und so viele Tage verlebt hatte, bis er endlich groß genug war, Vögeln und auch sonst allerlei Getier bei sich aufzunehmen, ihnen Heimat zu bieten. Er erzählte ihm wie lange er schon hier an diesem Platz stehe, unfähig sich fort zu bewegen – dennoch so zufrieden und eins mit der Welt um sich herum. Er sagte ihm, dass er die immer schöneren Tage dieses Lebens zu schätzen wisse.
Der Baum war alt und weise und trotzdem ergrünte er jedes Jahr, schien immer wieder von Neuem zu leben. Das war es, was ihm der Baum nahebringen wollte. Auch er sollte jeden Tag zu schätzen wissen, er sollte jeden Tag aufs neue ergrünen, die Schönheit dieser Welt genießen und in Harmonie mit den anderen Menschen und Tieren leben, sich als ein Teil der Natur, dieser wundervollen, mit Leben durchtränkten Natur sehen, als Teil des allmächtigen Ganzen. Und er war glücklich, dass der Baum es zugelassen hatte, seinen Geschichten zu lauschen, dass er ihn kennen lernen durfte. Er war ein kleines bisschen stolz auf sich, als ihm der Grüne zum Zeichen der Freundschaft ein Blatt auf das Fenstersims fallen ließ.
Und er war glücklich.

Er ließ sein Fenster offen stehen und spürte, wie der Wind seinen sanften Hauch zu ihm schickte. Der umspielte sein Gesicht, fuhr ihm durchs schlafzerzauste Haar, spielte damit und ließ es wieder fallen, um nach einem kurzen Augenblick erneut damit zu beginnen. Dann blies der Wind ihm auf einmal kräftig ins Gesicht, als wolle er ihm seine Macht demonstrieren, um sich gleich darauf wieder in eine sanfte Bö zu verlieren und schließlich mit einem sachten Wehen an ihm vorbeizuziehen. Und wieder verstand er, dass dieser Tag kein gewöhnlicher war – nein, ganz und gar nicht! Er schien auserwählt zu sein und dankte bewusst dafür, dass ihm solch Wunder zu Teil wurden und er sich und seine Natur nun endlich zu verstehen begann.
Er dachte über all die Menschen nach, denen sich diese Wunder jeden Tag versuchten zu offenbaren, sie diese aber nicht einmal als etwas besonderes zu erkennen vermochten. Wie jeden Tag die Vögel ihnen Lieder singen, die Bäume zu ihnen sprechen, die Blumen für sie blühen, die Sonne sie wärmt und versucht zu beglücken. Sie erkannten nicht die Süße der Momente, an denen sie jeden Tag blind teilhaben durften. Doch er hatte es heute erkannt. Doch konnte und wollte er es seinen Mitmenschen überhaupt zeigen?
Würden diese all jene Wunder auch als solche annehmen?
Doch bevor er sich den Kopf zerbrach über die Unzulänglichkeiten der Menschheit, wollte er lieber diesen schönen Tag mit all seinen sich offenbarenden Wundern genießen, anstatt den Blick dafür zu verlieren. Und doch konnte er nicht verhindern, dass er sich gezwungen sah, sich damit zu beschäftigen. Auch er war all die Jahre einer dieser Menschen gewesen, über die er jetzt nachdenken musste. War nicht auch er Tag für Tag unachtsam und fast schon blind an der Schönheit vorbeigeeilt, die sich denen zeigt, die ihre Augen noch nicht vollkommen verschlossen haben? War er nicht Tag für Tag aufs Neue missmutig und enttäuscht über die Alltäglichkeit seines Lebens? Doch heute schien die Zeit für eine Veränderung gekommen. Noch nie zuvor hatte er all dies gesehen, gehört, empfunden!
Und er begriff mit einem Mal, dass nicht viel von Nöten war, um das Leben zufrieden zu leben und all seine Wunder und Schönheiten anzunehmen. Doch die Menschen sprechen immer nur über das Gewicht, das sie auf dem Rücken tragen müssen, um ihr Leben zu überstehen. Viele Menschen brauchen viele Dinge, um das Leben zu meistern, doch wer kann größerer Meister sein, als das Leben selbst?
Und das Leben, das war ihm nun bewusst, ist großzügiger und gerechter Meister. Auch wenn viele das Leben und seine Formen als ungerecht und beschwerend abkanzeln, musste er einsehen, dass das Leben das Schönste ist, das einem geschenkt werden kann.
Und das Schönste, das er jemals schenken konnte, war wiederum Leben.
Und während er so vor sich hin sinnierte, durchströmte ihn das wahre Glück und er schloss die Augen, um es zu genießen, um auch dieses Wunder zu empfangen und bis ins Letzte auszukosten. Da erkannte er, dass er voll des Glückes war und nichts mehr schöner, wahrer, reiner werden konnte. Er fühlte, dass er endlich am Ziel war, das so lange er schon zu erreichen versucht hatte, ohne zu wissen wo es stand. Er fühlte tief in sich, dass ihm alles gegeben worden war, was das Leben ausmachte.

So ging er weg vom Fenster in sein Zimmer hinein und zog sich an. Er ging in seine Küche und bereitete sich ein opulentes Mahl zu, das er voller Freuden zu genießen wusste, anstatt einfach nur Nahrung zweckmäßig und schnell in sich hinein zu schieben. Danach begab er sich in seinen Wohnraum, betrachtete alles sorgfältig und mit einer Ruhe, die ihm nicht nun mehr fremd schien. Er ging zu einem Regal, nahm sich ein Fotoalbum heraus und sah sich noch einmal jene Menschen und Plätze an, die er bis dato kennen lernen und besuchen durfte, die er doch von ganzem Herzen liebte. Als er auf der letzten Seite ankam, legte er das Blatt des Baumes und die Vogelfeder hinein und nahm das Album beiseite. Er ging in seinen Werkzeugraum hinein und holte alles heraus, was er benötigte. Danach saß er in seinem Wohnraum und blickte aus dem Fenster. Er betrachtete noch einmal die Schönheit des allmächtigen Ganzen, dessen Teil er war und immer sein würde und wartete den ganzen Tag darauf, dass sich ihm das Wunder des Sonnenunterganges zeigen würde. So geschah es.
Er trat hinaus und ging zu seinem neuen Freund, den alten grünen Riesen.
Er suchte sich einen besonders schönen Ast heraus und knüpfte bedächtig den Strick, den er aus dem Werkzeugraum genommen hatte, darum. Er achtete sorgfältig darauf, eine der Schönheit dessen, was er gleich vollbringen würde, angemessene Schlinge zu knoten. Danach führte er noch ein Gespräch mit dem alten Baume, der ihm sein Wohlwollen mitteilte, bevor er sich auf den kleinen Holzstuhl stellte und die Schlinge um seinen Hals band, ehe er den Stuhl mit seinen Füßen wegstieß und in eine andere Form des Lebens eintrat.

Am nächsten Morgen, der den vorangegangenen an Pracht noch übertraf, sangen die Vögel ihre Lieder und der Baum wisperte mit weiser Wahrhaftigkeit und diejenige, die sich den Wundern nicht verschlossen, konnten die Vögel das Lied vom Mann der starb, da er das wahre Glück getroffen hatte, singen hören und den Baum von der Trauer der Schönheit erzählen. Und einer der Männer, die ihn vom Baume holten, erzählte, er hätte des Toten Inneres lächeln gesehen.

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"Unser Leben ist das,wozu unsere Gedanken es machen." (Marc Aurel)

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