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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Von einem Märchen, des Titel ich vergaß
Eingestellt am 23. 02. 2004 14:16


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Penelopeia
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Registriert: Nov 2002

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Als Kind las mir mein Opa oder mein Vater – ja, sogar der tat dies gelegentlich – ein Märchen vor, das auf mich großen Eindruck machte. Ich erinnere mich leider nicht an das Gesicht des Vorlesenden, genauso wenig wie an den exakten Titel des Märchens. Auf jeden Fall ging es in jenem, das eigentlich eine stark moralisierende Geschichte war, um einen reichen Mann, der jahrelang ein üppiges Wohlleben geführt, dabei dick und krank geworden war und sich – das ist mir wiederum besonders deutlich in Erinnerung – kaum noch bewegen konnte. Ich glaube, das Wohlstandsopfer versuchte, sich von seinen Dienern zum Doktor tragen zu lassen, aber die gaben bald auf: Die Praxis lag weitab vom Wohnsitz des Patienten.
Nun war der arme reiche Dicke auf sich allein gestellt. Weil er keine andere Lösung sah, versuchte er es selbst. Am ersten Tag lief er unter größten Schmerzen ein kleines Stück. Am zweiten ging es ein klein wenig besser und weiter. Am dritten – usw. Schließlich kommt der kranke Dicke als gesunder Dünner beim Doktor an und weiß nicht mehr, was er von dem will...

So – oder so ähnlich – ging wohl das Märchen, das in Wirklichkeit mehr dem Wedeln eines moralisierenden Zeigefingers als einer poesievollen Märchenerzählung glich. Trotzdem und schwer erklärbar: Oft denke ich gerade an dieses Märchen, so einfach es auch strukturiert sein mochte und so lange es her ist, daß ich es hörte.

Vielleicht hat sich das Märchen – oder zumindest Teile davon – in mein Gedächtnis so gut eingegraben, weil es eine allgemeine Grundwahrheit enthält: Übersättigung macht krank, Askese kann probates Homöopathikum sein...

In letzter Zeit geht mir öfter eine spezielle Variante des Märchens durch den Kopf, meistens dann, wenn ich meine Kinder vor dem Fernseher sitzen sehe und mir vorstelle, welchem Überfluß von Farben, Formen, Figuren, Einzelhandlungen, Behauptungen, Spekulationen usw., sie sich aussetzen. Diese Variante geht so:

Es war einmal ein aufgeweckter Mensch. Der war allseits interessiert, las sehr viel und bildete sich ständig weiter. Die unterschiedlichsten Denksysteme, Philosophien, Religionen, Historien, Reisebeschreibungen und Backrezepte suchte er zu begreifen und in sein Gedächtnis zu brennen.
Irgendwann war dieses so voll von Gedanken, Ansichten, Vorschriften, Empfehlungen, Kriegsanfängen, Ausssichtspunktbeschreibungen und Gartemperaturen, daß es von sich aus anfing, einiges durcheinander zu werfen. Da kamen Sachen heraus wie: Cogito, ergo koche ich. Oder: Das Christentum empfiehlt die alsbaldige Exkommunikation eines Touristen von Dantes View-point, wenn der nicht rechtzeitig zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges Homers Faust auf Spinozas kategorische Panflöte legt und dabei Montgolfieres Ballon entweicht...

Alle Welt riß die Arme hoch, machte unser Überbildet-Überbilderte den Mund auf und wandte sich an seine Mitmenschen, um sie teilhaben zu lassen an seinem Wissenssalat.

Ja, es war ein wahrhafter Salat, den er in sich trug! Allerdings kein gesunder. Immer öfter wurden Meinungen laut, der Mensch gehöre doch in eine gewisse Mühle...

Der Mensch selber – soviel Platz war noch in seinem übervollen Hirn – bemerkte gelegentlich solche Reaktionen. Das gab ihm zu denken. Und er begann, sich unwohl zu fühlen.

Eines Tages schlug er alle Bücher zu, das letzte mit einem besonders lauten Knall, wobei trotzdem keines der von ihm absorbierten Denksysteme ins Wanken oder Wackeln kam. Er schloß sein Haus ab und wanderte los. Wohin? – Natürlich in die Wüste. Da wollte er Ruhe und Erleuchtung finden. Die letzte Weisheit, die höchste, die tiefste...

Als der Mensch in die Wüste kam, war da alles anders als erwartet: Tausende von Werbetafeln standen zwischen den Kakteen herum, der Sand selber war festgestampft und als Parkplatz oder Flugzeuglandebahn in Benutzung. Auf felsigen Hügeln standen Spielkasinos oder Richtfunkantennen, und in den früher leeren, den Eremiten vorbehaltenen Höhlen, trainierten Manager im Rahmen ihrer Survival-Kurse suggestive Blicktechniken zur manipulativen Zähmung von Skorpionen...
Es war zum Verzweifeln: Kein Ort der Ruhe, keine Gelegenheit, Erlerntes „sacken“, zur Ruhe kommen zu lassen, zu ordnen, zu sichten, zu schichten und manches vielleicht auch zu vergessen...


An dieser Stelle endet in meinem Kopf die neuzeitliche Version eines alten, zu Kinderzeiten gehörten Märchens. Mir fällt einfach kein Ende ein. Wo auch sollte denn der arme Mensch mit der übervollen Biofestplatte informelle Askese erfahren? Ich weiß keinen Platz hier in unserer Welt.
So bleibt seine Gesundung ein schöner Traum, leider.
(Analog dazu: Würde ich meinen Kindern die Kiste abschalten oder diese sogar ganz gebrauchsunfähig machen – zerstören oder zum Fenster rauswerfen –, würden sie vermutlich und ohne die Lippe zu verziehen ins Kinderzimmer gehen und dort ihr eigenes Fernsehgerät einschalten. Ich kann doch nicht an einem Tag zwei Geräte abschalten oder zerstören!)







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katia
???
Registriert: Jan 2004

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jetzt aber

liebe penelopeia,

die geschichte hat mich beeindruckt. du schreibst sehr eindringlich und klar. habe ich gerne gelesen.
mir ist allerdings etwas aufgestoßen im text:
"Irgendwann war sein Kopf so voll..."..oder wahlweise sein hirn oder so - würde besser klingen, jedenfalls für meinen geschmack.
und beim schluß "...ein schöner Traum." da ist die geschichte für mich zu ende und läßt mir freiraum für eigene gedanken.
und wie immer: es ist alles auch geschmackssache, bin gespannt darauf, wie die anderen es sehen :-)

lg
sagt katia
__________________
(kas)

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GabiSils
???
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Hallo Penelopeia,

möchtest du den Text nicht unter "Kolumnen" einstellen? Das Märchenfragment ist ja nur eine Umschreibung deines Gedankengangs.


Gruß.
Gabi

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filechecker
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe penelopeia,

mich hat die Geschichte leider nicht beeindruckt. Sie besteht aus einer Aneinanderreihung von Rückblenen. Du triffst keine eindeutige Aussage, beziehst nicht Stellung. Das ist zu wenig.

Wenn ich eine Prämisse für Deine Geschichte finden müsste, so fiele mir höchstens ein:

"Fernsehen verblödet dort, wo es falsch eingesetzt wird."

Aber Du sagst ja selbst:
[Mir fällt einfach kein Ende ein]

Gruß
filechecker

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Penelopeia
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Hallo Katia,

danke für Deinen zustimmenden und z.T. kritischen Kommentar: Wahrscheinlich hast Du recht, man könnte sich auf einen Begriff einigen, statt Synonyme rotieren zu lassen. Ich werd mal drüber nachdenken.

Von der Qualität der Geschichte bin ich selbst nicht so recht überzeugt, u.U. "schossen" zu viele Gedanken und Einzelanliegen "Störfeuer"...

Ursprünglich war der Gedanke da, auf ein altes Märchen, des Titel ich tatsächlich nicht mehr erinnere, eine neue Variante zu schreiben - das macht mir momentan Spaß. Dann merkte ich, daß diese Variante in der heutigen Welt doch eher märchenhaft anmuten würde: Einer geht in die Wüste und kehrt gereinigt, geläutert, innerlich beruhigt zurück in tobende, tosende, laut-schrille Welt... Denn solche "Wüsten", Oasen der Ruhe und Besinnung, sind knapp geworden, falls sie überhaupt noch existieren. Und, drittens, fiel es mir schließlich auch noch ein, mich über mich selbst ein wenig lustig zu machen - dies bereitete mir schon immer den größten Spaß. Also kam in den Text die - natürlich überzeichnete - Darstellung einer möglichen Reaktion meiner Kinder hinein...

Die Wahrheit betreffs des letzten Punktes ist: Sie haben, zum Glück, noch keine "Kiste" in ihrem Zimmer. Wie lange ich "standhalten" kann gegen solcherart Begehren weiß ich nicht...

Liebe Grüße

Pen.

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Penelopeia
Autorenanwärter
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Kolumne

Hallo Gabi,

ich bin mir ob der Qualität des Textes nicht so ganz sicher, auch nicht, ob er als Kolumne taugt. Ich warte noch ein paar Meinungen ab, vielleicht schiebe, ändere oder lösche ich dann.

Liebe Grüße

Pen.

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