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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Von oben herab
Eingestellt am 23. 11. 2001 10:21


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Devaudan
Möchtegern-Schreiber
Registriert: Nov 2001

Werke: 5
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Zimmer 417.
Eine Nummer, die ein Leben bedeutete. Die Tür quietscht, die Sonne sieht das Gebäude nur von der anderen Seite, so dass die Bäume dunkle Schatten durch das Fenster auf die Bettbezüge aus sterilem Weiß werfen. Das Fenster ist übergroß, ja, beinahe sadistisch groß. Die wahre Welt bleibt draußen, als die Tür krachend ins Schloß fällt und sich drei träge Blicke in meine Richtung wenden.
„Martin?“ fragt der Besitzer einer von ihnen.
Ich nicke nur kurz, zwinge mir ein Lächeln heraus und gehe zum dritten Bett hinüber, demjenigen, dass am nächsten am Foltergerät „Panoramafenster“ steht. Sicher gefiel es dem Architekten, derart moderne Architektur in ein Krankenhaus einbetten zu können, so selbstgefällig wirkt der ganze Raum auf mich. Mein Blick wendet sich auf den Mann im Bett, klein, drahtig, gebrechlich. Leere Augen blicken mir entgegen, im nächsten Moment ertrinke ich in Selbstmitleid.
„Hallo Kai.“ sage ich langsam, tonlos und dehne die zwei Worte bis zur Unendlichkeit. Ich ziehe mir einen alten Stuhl heran, der das vierte Bein nur noch der Show wegen trägt und sinke darauf nieder.
„Was tust Du denn hier?“ fragt Kai. Ich blicke ihn an. Ist er das wirklich? Mein alter Schulkamerad, mein Freund? Ich erinnere mich daran, wie wir vor zehn Jahren mit dem Auto Holland erkundet hatten. Es scheint ferner zu liegen als die Kriege Napoleons. Er ist nur noch ein Schatten seiner Selbst. Das Gesicht zerfallen, der Körper mager und reglos. Ich frage mich unwillkürlich, ob er manchmal schlafwandelt.
„Du hast wohl selten Besuch?“, presse ich hervor, druckse mich um eine Antwort herum.
„Abgesehen von den Schwestern?“, fragt der Todkranke heiser. Ich spüre Wut in mir aufsteigen. Ich weiß nicht, wogegen sie gerichtet ist, aber wenn alles ausbleibt, so würde ich sie gegen Krebs richten. Nicht gegen die Krankheit, nein, zu hoffnungslos. Gegen das Wort selbst. Im Traume sehe ich mich Wörterbücher durchforsten, das Wort streichen. Sinnlose Gedanken, verwerfe ich die Grübeleien und blicke mein Gegenüber wieder an.
Grüne Augen! Das war mir, ehrlich gesagt, nie aufgefallen. Na ja, tut jetzt auch nichts mehr zur Sache, denke ich, lächle leicht. „Abgesehen von den Schwestern, ja.“, grunze ich.
Kai, offensichtlich durch meinen Besuch ermuntert, zuckt mit den Schultern. „Du weißt doch... Nancy möchte mich nicht mehr sehen, nach der Sache...“ Er sagt nicht mehr, fährt nicht fort. Aber ich weiß, was er meint. Damals, als er seine Verlobte betrogen hatte. Ein Fehler, den er heute sicher bereut.
„Selbst jetzt besucht sie dich nicht?“ frage ich ein wenig überrascht. Ich kannte Nancy, okay, ich hatte sie eigentlich nur einmal gesehen und sie schien mir nicht so kaltherzig.
„Ich verstehe sie.“, erwidert Kai. „Ich habe ihr damals sehr wehgetan. Aber lassen wir das. Wie geht es Dir?“
„Das wollte ich dich fragen.“, lautet meine Antwort.
„Oh.“ Kai zieht die blasse Stirn in Falten. „Ich schlage mich so durch. Hangel mich vom Frühstück zum Mittagessen, dann weiter bis zum Abendessen.“
„Ein bewegender Lebensinhalt.“, entfährt es mir.
Kai ist nicht im mindesten beleidigt. Er hat sich mit seiner Situation angefunden. Situation? Ein allzu banales Wort, wie mir scheint. Eine Situation ist der Moment, in dem ich den Rückwärtsgang einlege, um einzuparken, aber dies hier... Nein, keine Situation, das ist Schicksal, oder die weniger philosophische Form davon.
„Ach weißt Du, immerhin gibt es samstags Kuchen.“ meint er dazu schlicht. Ich blicke ihn an und seine schwächlichen, von Adern gezeichneten Lippen blitzen zu so etwas wie einem Grinsen auf.
„Und... und was sagen die Ärzte?“ taste ich mich langsam vor.
Kai lacht leise. „Sie lassen sich jeden Tag etwas Neues einfallen. Aber es ist doch immer dasselbe.“
„Das tut mir leid.“ Meine Stimme klingt in meinen Ohren, als wäre der Ursprung irgendwo auf der anderen Seite der Erdkugel.
„Warum bist Du denn nun hier?“ lenkt Kai das Gespräch sanft.
Ich zögere, nur einen Augenblick. „Ich war in der Gegend.“ Ungenau, unpersönlich, trocken, aber die Antwort erfüllt die Bedingungen, die ich an sie stelle.
„Ah ja.“ Eine ebenso trockene Erwiderung.
Wir schweigen. Mir scheint, wir haben uns wenig zu sagen. Warum nur? Wir haben uns über neun Jahre nicht gesehen und als ich den Brief seiner Mutter erhielt, dass er in diesem Krankenhaus lag, da dachte ich... Wie dem auch sei, ich scheine mich geirrt zu haben. Ich verlagere das Gewicht auf dem Stuhl, lausche dem Knarren und bewege mich nicht mehr. Hinter mir raschelt eine Bettdecke, der Geruch von Desinfektionsmittel dringt unter der Tür hindurch. Durch das Panoramafenster fällt mattes, der Sonne abgewandtes Abendlicht. Und wir schweigen.
„Bist Du verheiratet?“ fragte Kai schließlich.
Ich ziehe meine Hand hervor, wedele mit dem leeren Finger vor seiner Nase. Zu einer verbalen Antwort reicht meine Begeisterung nicht mehr. Kai nickt, Zeichen des Verstehens. Ich blicke hinaus, lese zum zehnten Mal die Beschriftung der Wasserflasche auf dem Nachttisch neben dem Bett. Wow, denke ich aufrichtig, 14 Milligramm Natrium. Mein bevorzugtes Mineralwasser kann das nicht bieten.
Ich erhebe mich langsam. Ich war keine zehn Minuten hier. „Es ist wieder Zeit für mich.“ sage ich und versuche, bedauernd zu klingen. „Ich hab noch einen Termin.“
„Ich verstehe.“ gibt Kai zurück, verlagert sein Gewicht im Laken und grunzt. „Du bist Journalist, oder?“
Ich nicke, die letzte Bewegung, die ich ihm zustehe. Die Beklemmung des Raumes scheint auf mein Herz zu drücken. Fast spüre ich einen echten Schmerz in der Brust. Ich eile zur Tür. Sie quietscht noch immer und schon wieder. Ich werfe einen letzten Blick zurück. Kai blickt wieder zum Fenster hinaus. Er scheint gelangweilt, als würde er sich entspannen und einem geruhsamen Abend entgegenblicken.
Wieder das Knallen, die Tür ist geschlossen. Ich sehe mich um. Welche Station, welches Zimmer? Eine Schwester geht vorbei, hantiert mit ein paar Handtüchern. Ein Arzt flucht über zu heißen Kaffee, ein Pfleger spielt GameBoy im Schwesternzimmer. Ich wende mich ihm zu und sehe ihn an. Das Gerät in seiner Hand piepst ununterbrochen, hält nicht einmal inne, als er es weglegt.
Blaue Haare, denke ich. Der Pfleger hat blaue Haare.
„Ja?“ fragt er.
Ich starre noch immer auf seine Haare. Ich denke an Färbemittel, frage mich, wie lange es braucht, bis es wieder ausgewachsen wäre. Zeit, ein kostbares Gut, nicht zu unterschätzen. „Ja?“ fragt der Pfleger wieder.
„Ja.“ wiederhole ich, aus meiner Erstarrung erwachend. Der Mann muß mich für schwachsinnig halten. „Mein Name ist Martin Böhme.“ füge ich also eilig hinzu. Der Pfleger legt gelangweilt ein Bein auf den Schreibtisch und nimmt mich mit schmalen, trockenen Augen ins Visier.
„Und was kann ich für Sie tun, Herr Böhme?“ wünscht er zu wissen.
„Äh... ja, natürlich, mein Name ist...“ Mir fällt auf, dass ich mich wiederhole. Ich rufe mich zur Ordnung, versuche, meine innere Unruhe zu bekämpfen. „Ich bin hier, weil mich Herr Doktor Schmitz hergebeten hat.“
„In welcher Angelegenheit?“
Meine Antwort läßt auf sich warten. Ich zögere. Noch immer geht es mir schwer über die Lippen. Ich spüre die Feuchtigkeit unter meinen Armen, schmecke den bitteren Geschmack auf meiner Zunge und das schmerzende Gefühl im Magen. „Ich soll stationär aufgenommen werden.“, komme ich schließlich mit der Wahrheit heraus.
„Weswegen?“ Die blauen Haare wippen auf und ab.
„Lungenkrebs.“
Es ist letzte Woche festgestellt worden.

__________________
Ein Gedanke ist ein Wort, viele Worte aber ergeben Literatur.

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klara
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 11
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Es sind so viele "Situationen" in deiner Geschichte, die mich gleichzeitig zum Schmunzeln,zum Nachdenken bewegen. Den Stuhl, die Decke, das Fenster, die blaue Haare...die Geräusche... die wortkarge dennoch(oder gerade deshalb) vielsagende Unterhaltung nehme ich so wahr, als würde ich mich gerade im Zimmer befinden. Schon zu Beginn der Geschichte hatte ich das Gefühl, dass der "Erzähler" selbst krank ist. Dann ist er der Besucher... dann die Bestätigung des ersten Gefühls.
Ich weiß es nicht, ob es etwas überheblich klingt, wenn ich "eine gelungene Geschichte" sage.
Nimm es einfach an, dass ich sehr bewegt bin und ich mich zu diesem Zeitpunk überhaupt nicht für meine Kompetenzen in Sachen Kritik interessiere.
Liebe Grüße.

__________________
klara

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