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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Voodoo
Eingestellt am 01. 06. 2017 12:51


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ThomasStefan
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Voodoo

Vor ihr auf dem Tisch lag die Stoffpuppe. Handtellergro├č, Arme und Beine endeten stumpf, ohne weitere Ausformung. Der Kopf war ebenso primitiv gearbeitet, weder Haare noch ein richtiges Gesicht, einzig zwei schwarze Markierungen waren zu erkennen. Die hatte jemand mit einem Filzstift aufgetragen und standen stellvertretend f├╝r die Augen. Dazu noch ein gleichartiger Punkt auf dem Bauch, den Nabel andeutend, mehr nicht. Nun ja, beruhigte sich Monika, im Grunde doch ganz wie im Internet beschrieben: Naturalistisch gehaltene Puppe aus Jute, gef├╝llt mit getrockneten Staudenbl├Ąttern, ganz in der Tradition der Jamaikaner. Ein bisschen war ihre Euphorie schon wieder verflogen.

Lange Wochen des Wartens lagen hinter ihr, hatten an ihren Nerven gezehrt. Doch als es an der T├╝r klingelte und sie durchs K├╝chenfenster den gelben Lieferwagen sah, fing ihr Herz an zu klopfen. Und als der DHL-Mann nach einem Blick auf den Absender etwas ungl├Ąubig von ÔÇ×JamaikaÔÇť gemurmelt hatte, war es um sie geschehen: Sie riss ihm das Paket aus der Hand und warf die T├╝r zu. Der musste nochmal klingeln, wegen der Unterschrift. Schon lag die Sendung auf dem K├╝chentisch, die Cellophanumh├╝llung von Amazon hielt Monika kaum auf, flog in die Ecke, mit einem Steakmesser hatte sie etwas M├╝he, die widerspenstige Verklebung des Pakets zu ├╝berwinden. Dann den Karton aufrei├čen, weg mit den Styroporzeugs und endlich hielt sie das Objekt der Begierde in H├Ąnden.

Inzwischen sa├č sie etwas ern├╝chtert vor diesem geschlechtsneutralen Wesen aus der Karibik. In der linken Hand hielt sie die Gebrauchsanweisung, leider
nur auf Englisch. Okay, dachte sie sich, wenigstens nicht Kreolisch. Wenn es sowas ├╝berhaupt gibt. In ihrer rechten hielt sie ein B├╝ndel dicker Nadeln, in verschiedenen, teils knalligen Farben lackiert. Bekommt man sowas nicht billiger bei Karstadt?, bohrte es in ihr, doch sie schob ihre Zweifel gleich wieder weg.

Zweifel, ja, die hatte sie anfangs gehabt. 159,ÔÇô Euro zuz├╝glich Porto musste sie ├╝berweisen. F├╝r eine original Voodoo-Puppe, gefertigt von einem Schamanen auf der Zuckerrohrinsel. Der vern├╝nftige Teil in ihr hatte rebelliert: M├Ądchen, das ist doch Betrug! Vergeblich, sie vertraute lieber ihrer Intuition. Und die sagte ihr, dass es ein reelles Angebot sei, basta! Au├čerdem war diese Puppe ihr allerletztes Mittel, und Rolf war es wert. Sie l├Ąchelte. Rolf, ihr Nachbar, ahnungslos, aber s├╝├č. Dann seufzte sie. Alles hatte sie schon probiert. Fr├╝hmorgens, wenn er sein Haus verlie├č, hatte sie trotz bitterer K├Ąlte in einem ziemlich kurzen Rock immer wieder im Vorgarten die Blumen gegossen. Und nachmittags, wenn er mit dem Fahrrad zur├╝ckkehrte und an ihrem Grundst├╝ck vorbei radelte, ihn abgepasst und um diesen oder jenen Gefallen gebeten. Er hatte von ihr mutwillig herbeigef├╝hrte Verstopfungen der Waschbecken gel├Âst, jede Menge N├Ągel eingeschlagen, Sicherungen gewechselt und mehrfach den Rasen gem├Ąht. Doch angebissen hatte er nie. Dabei war er Witwer, alleinstehend und brauchte eine Frau. Das wusste sie mit Bestimmtheit. Und zwar sie.

Tiefe Falten hatten sich inzwischen auf Monikas Stirn gebildet, w├Ąhrend sie die Beschreibung studierte, auch ihr Lexikon bem├╝hte. Jede Farbe, so hie├č es, habe ihre ganz eigene Bedeutung, die verschiedenen Nadeln w├╝rden unterschiedliche Wirkungen entfalten. Sch├Ân und gut. Yellow, also gelb, bedeutete Neid. Am besten gleich weglegen. Green war gr├╝n, die Hoffnung. Schon mal bereit halten. Doch jetzt begannen die Probleme: Blau bedeutete Zuneigung, Vertrauen. Rot gleich Wut, Hass. Konnte das richtig sein? Wo blieb denn die Liebe? Hatten die das vertauscht? Oder fehlte eine Nadel? Vielleicht falsch ├╝bersetzt aus deren Landessprache? Und Schwarz bedeutet Krankheit, wenn nicht gar Schlimmeres. Sie sch├╝ttelte den Kopf. Unverantwortlich, sowas mitzuschicken. Und dann die Sache mit dem Picture. Ein Bild, ja klar, nur: von wem? Von ihr oder von ihm? Diese zweiseitige Anleitung war d├╝rftig.

Sie nahm die Puppe in die Hand, drehte und wendete sie. Sie gab keinen Laut von sich, machte keine ├╝bernat├╝rlichen, erkl├Ąrenden Bewegungen und Monika sp├╝rte auch keine fremde Eingebung. Sie schaute noch einmal auf das Foto vor sich, vom letztj├Ąhrigen Stra├čenfest, sie mit Rolf am Grill. Dann nahm sie mit einem Seufzer die wei├če Nadel in die Hand. Neutral sollte sie sein, also wohl zum Probieren, wie sie annahm. Na los. Schlie├člich stand in gro├čer Schrift auf dem jamaikanischen Beipackzettel: Don┬┤t be shy, try! Und sch├╝chtern war sie bestimmt nicht. Allerdings stand da noch, kleingedruckt: Without Guaranty!

Monika bohrte, ganz der primitiven Zeichnung folgend, die Nadel vorsichtig in den karibischen Bauch, doch der wollte nicht nachgeben, auch nicht bei st├Ąrkerem Bem├╝hen. Nach einer Weile wurde es ihr zu bunt. Mit aller Kraft rammte sie die Nadel hinein, die schoss durch den kleinen Leib und stach hinten wieder hinaus. ÔÇ×Oh je!ÔÇť, entfuhr es ihr. Die Liebe sollte ja in ihn hinein-, nicht verletzend hindurchgehen. Als sie die Nadel behutsam wieder zur├╝ck zog, bemerkte sie, dass der Puppenbauch an Volumen verlor. Daf├╝r rieselte aus einem r├╝ckseitigen Loch S├Ągemehl. Also doch Beschiss!, schoss es ihr durch den Kopf, doch dann beruhigte sich sich wieder. So ein Schamane w├╝rde halt das nehmen, was er zur Hand habe, der sei ja keine Fabrik. Flugs versah sie die Pumpe auf der R├╝ckseite mit einem dicken Pflaster.

Irgendwie hatte sie jetzt keine Lust mehr auf Voodoo. Sie legte die Puppe auf ihre Waschmaschine und ├╝berflog noch einmal die Anleitung. Am Ende stand: Problems? Please call ÔÇŽ Und dann folgte eine sehr lange Nummer, offenbar aus der Karibik. Die wollen mich wohl f├╝r dumm verkaufen, dachte sie sofort. Inzwischen war sie etwas ratlos, betrachtete mit leisem Groll die Puppe, die bunten Nadeln, sp├╝rte, wie sich Entt├Ąuschung in ihr breit machen wollte. Schlie├člich atmete sie tief durch und entschied, das zu tun, was in solch kritischen Momenten immer half: Die W├Ąsche aufzub├╝geln. Wie immer hatte sie dabei die gro├čen Kopfh├Ârer auf h├Ârte laut Musik. So konnte sie entspannen, alles gut durchdenken und meist kluge Entscheidungen f├Ąllen.

W├Ąhrend sie in ihrem Schlafzimmer das Eisen auf dem B├╝gelbrett rhythmisch bewegte, dachte sie wieder an Rolf und gegen alle Vernunft reifte in ihr der Entschluss, doch einmal bei dem Schamanen anzurufen. Die Geb├╝hren f├╝r Auslandstelefonate waren immerhin gesenkt worden, wie sie gelesen hatte. Wegen der Kopfh├Ârer h├Ârte sie nicht den furchtbaren Schrei, der vor ihrem Haus ausgesto├čen wurde.

Rolf hatte sich den ganzen Tag unwohl gef├╝hlt, Bauchgrimmen plagte ihn. Mit einem Ruck war er in der Kantine ├╝ber seinem Essen zusammengebrochen. Gleichfalls mit einem Ruck hatte er sich urpl├Âtzlich erholt, beschloss aber, eher nach Hause zu gehen. Zun├Ąchst schob er sein Fahrrad, dann fuhr er, weil es ihm besser ging. W├Ąhrend der Fahrt wurde er mit einem Mal ziemlich ├╝bel durchgesch├╝ttelt. Er mutma├čte einen Federungsdefekt in der Vordergabel. Gerade als er in heftig ruckelnder Fahrt in die Spielstra├če seines Wohngebietes einbog und erleichtert sein Haus sah, das Heim seiner zuweilen nervigen Nachbarin passierte, geschah etwas, von dem er nichts ahnte: Die jamaikanische Puppe, die lange reglos auf Monikas leise arbeitender Waschmaschine gelegen hatte, immer noch mit der wei├čen Nadel im Bauch, war durch einen pl├Âtzlich einsetzenden Schleudergang in kleine h├╝pfende Bewegungen versetzt worden. Sie erreichte dadurch den Rand des Ger├Ątes und st├╝rzte mit einer eleganten Bewegung b├Ąuchlings in die Tiefe. Beim Aufprall auf den K├╝chenboden drang die Nadel erneut tief in den Leib und durchschlug die Puppe, das Pflaster wirbelte davon.

W├Ąhrend Monika sich schon eine Reihe englischer Begriffe f├╝r ihr Telefonat zurecht legte, st├╝rzte drau├čen vor ihrem Haus Rolf wie vom Blitz getroffen von Rad. Bevor er das Bewusstsein verlor, verst├Ąrkte sich in ihm das untr├╝gliche Gef├╝hl, er m├╝sse hier wegziehen.

Version vom 01. 06. 2017 12:51
Version vom 03. 06. 2017 11:29

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xavia
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Registriert: Mar 2017

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Eine sch├Âne Geschichte! Hoffentlich ├╝berlebt der arme Rolf!

Ich hab ein paar Dinge anzumerken. Zum einen hatte ich am Anfang Probleme mit der Zeit: Im zweiten Absatz verwendest du die Vergangenheit, es ist aber eine Vergangenheit, die vor der Vergangenheit des ersten Absatzes liegt, also eigentlich Plusquamperfekt. Vielleicht sollte die Geschichte lieber in der Gegenwart geschrieben werden, damit der R├╝ckblick in der einfachen Vergangenheit liegen kann? Mir hat das gerade bei einer Geschichte sehr geholfen.

Und dann noch ein paar Kleinigkeiten:

quote:
weder Haare und auch kein richtiges Gesicht, einzig zwei schwarze Markierungen waren zu erkennen.

Hier sollte es entweder hei├čen ÔÇ×weder Haare noch ÔÇŽÔÇť oder besser ÔÇ×keine Haare und auch kein ÔÇŽÔÇť.

quote:
Die hatte jemand mit einem Filzstift aufgetragen und sie standen stellvertretend f├╝r die Augen.

ri├č --> riss

quote:
die Cellophanumh├╝llung von Amazon hielt Monika kaum auf. Sie flog in die Ecke,


Guaranty --> guarantee oder warranty

quote:
dabei die gro├čen Kopfh├Ârer auf und h├Ârte laut Musik.


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ThomasQu
???
Registriert: Mar 2015

Werke: 30
Kommentare: 389
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Hallo Thomas,

lustige Geschichte und interessante Idee. Schade, dass ich nicht selber auf dieses Thema gesto├čen bin.

Der erste Absatz ist ein bisschen zu erkl├Ąrend, zu beschreibend. ├ťberlege doch mal, ob du den nicht weglassen solltest. Die darin enthaltenen Informationen ├╝ber dieses geschlechtsneutrale Wesen k├Ânntest du doch sp├Ąter einflechten und der ganze Anfang w├Ąre ab dem zweiten Absatz viel spannender.

Diese Monika hast du wirklich gut gezeichnet. Nicht ganz passend f├╝r mich ist, dass sie pl├Âtzlich in ihrem Handeln die Lust verliert und sich um ihre W├Ąsche k├╝mmert. Daf├╝r br├Ąuchte sie meines Erachtens einen etwas triftigeren Grund, um sich von der Puppe abzuwenden.

Zu schade, dass deine Geschichte schon so schnell endet, dass Monika gar nicht mitbekommt, wie der Zauber wirkt. Ein etwas zu offenes Ende, finde ich.
Ein Blick aus dem Fenster ÔÇŽ sie sieht ihn liegen ÔÇŽ Mund zu Mund Beatmung ÔÇŽ

Trotzdem, hat Spa├č gemacht!

Gr├╝├če, Thomas


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HorstK
???
Registriert: Mar 2017

Werke: 4
Kommentare: 18
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Voodoo real

Hallo Thomas,

sch├Âne Geschichte, die ich gern und u.a. deshalb mit besonderem Interesse las, weil ich vor sehr langer Zeit in Jamaica und Haiti arbeitete und dort lebhaft mit Voodoo Kontakt hatte. Eine meiner Storys im Buch "My Walk On The Wild Side" hei├čt "Voodoo Chile" und spielt auf Haiti.

Was Deine Story betrifft, so h├Ątte ich die Wirkung der Nadel nicht nur auf Stiche und Rumpeln und Umfallen beschr├Ąnkt, sondern vielleicht auf das "Wunder" ausgeweitet, dass der Nachbar mit einem Mal seine Nachbarin nicht mehr als nervig, sondern als liebenswert, attraktiv usw. empfindet. Wie bereits vorgeschlagen vielleicht nach einer Rettungsaktion, Mund-zu-Mund-Beatmung oder etwas ├ähnlichem, vielleicht noch Zauberhafterem ... von Musik oder Blitzen oder spukhaftem Platzregen untermalt ...

Wie gesagt, tolle Story, gratuliere!

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