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Leselupe.de > Humor und Satire
Vorausschauend
Eingestellt am 06. 03. 2007 17:36


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Raniero
Textablader
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Vorausschauend

Der elegant gekleidete Herr, der in der großen Stadt am Rhein zugestiegen war, bewegte sich mit seinem flachen schwarzen Koffer und einer mittelgroßen Reisetasche durch den Luxuszug in Richtung Großraumwagen erster Klasse.
Von diesen Wagen gab es nur zwei im gesamten Zug, einer unmittelbar am fahrenden Restaurant, der andere an der Spitze des Zuges gelegen.
Der Reisende bevorzugte, da er keine Platzreservierung vorgenommen hatte, den Wagen vorn am Zuganfang; dieser Großraumwagen war im Allgemeinen, da nicht unmittelbar am Zugrestaurant gelegen, weniger besetzt, und tatsĂ€chlich gelang es ihm, nach kurzer Suche einen freien Platz an einer Vierersitzgruppe aus zwei gegenĂŒberliegenden PlĂ€tzen, die durch einen Tisch mittlerer GrĂ¶ĂŸe getrennt waren, zu finden.
Drei PlÀtze dieser Sitzgruppe waren bereits von drei ebenfalls recht elegant gekleidete Herren besetzt, und ein jeder hatte seinen Kleincomputer, einen sogenannten Laptop, aufgeschlagen.
An vielen anderen PlĂ€tzen des Wagens saßen ebenfalls ĂŒberwiegend gut gekleidete Personen, in der Mehrzahl mĂ€nnlichen Geschlechts, die Laptops auf kleinen Tischen funktionsfĂ€hig aufgebaut. Eine richtige Computergemeinschaft, mochte man glauben, und in der Tat glich der gesamte Großraumwagen eher einem Internetcafe oder einer Computerschule als einem Reisezugwagen.
All diese kleinen Rechner bezogen ihre elektrische Energie, soweit sie nicht netzunabhÀngig betrieben wurden, aus kleinen Steckdosen, die in die Tische an den SitzplÀtzen eingelassen waren.
Es herrschte eine gedÀmpfte Stille, die nur durch das monotone Klappern der vielen Tastaturen der Kleincomputer unterbrochen wurde.
Hin und wieder erblickte man, was jedoch die Ausnahme bildete, auf einem der komfortabel gepolsterten PlÀtze jemanden, der nicht in einen Computer, sondern in ein Buch vertieft war.
Die drei FahrgÀste der Vierergruppe blickten kaum auf, von ihren Laptops, als der elegante Herr Platz nahm, nachdem er zuvor die Reisetasche unter dem Sitz
verstaut und den schwarzen Koffer auf dem Tisch deponiert hatte.
Man befand sich offensichtlich unter Seinesgleichen.
Die einzige Neugier, die sich eventuell einstellen könnte, galt höchstenfalls der Art und Ausstattung des Laptops, welches sogleich zum Vorschein kĂ€me; nach der teuren Kleidung des Neuankömmlings zu urteilen, war mit einem GerĂ€t modernster PrĂ€gung zu rechnen. Umso grĂ¶ĂŸer jedoch war das Erstaunen wenn nicht gar Entsetzen der drei, als sie aus den Augenwinkeln wahrnahmen, dass ihr neuer Tischnachbar statt des erwarteten Minicomputers ein völlig anderes und in diesem Luxuswagen niemals fĂŒr möglich gehaltenes Utensil aus seinem schwarzen Koffer ans Tageslicht beförderte; einen flachen Zweiplattenherd, etwas kleiner als die handelsĂŒblichen Modelle und alles in allem kaum grĂ¶ĂŸer als ein normaler Laptop.
Die drei FahrgÀste glaubten, ihren Augen nicht zu trauen; so etwas hÀtten sie im Leben nicht erwartet, und schon gar nicht von einem Herrn in einem solchen Outfit.
Diesem aber schien die Reaktion seiner Tischnachbarn nichts auszumachen; ungerĂŒhrt steckte er den Stecker der Herdplatte in die noch freie Steckdose, deponierte den schwarzen Koffer unter seinem Sitzplatz und zog stattdessen die Reisetasche wieder hervor, aus der er zum weiteren Entsetzen der drei Mitreisenden nacheinander einen kleinen Kochtopf, eine Bratpfanne, eine Konservendose und ein paar Eier entnahm.
„Das ist aber hier nicht ĂŒblich, mein Herr“, entfuhr es dem ersten der drei Tischnachbarn, einem Mann um die fĂŒnfzig, mit graumelierten SchlĂ€fen, „in einem solchen Ambiente, ich meine, in einem so schönen Wagen!“
Unter den drei Tischnachbarn, die nacheinander an verschiedenen Bahnhöfen in StĂ€dten des Ruhrgebietes zugestiegen waren und deren Kommunikation bisher nicht ĂŒber ein paar Höflichkeitsfloskeln hinaus gekommen war, begann sich eine Solidargemeinschaft zu bilden, gegen den Eindringling mit der Kochplatte.
Dieser war gerade damit beschĂ€ftigt, die Konservendose, die ein Fertigsuppenprodukt enthielt, zu öffnen und den Inhalt in den Topf zu gießen, ohne auf die Frage zu reagieren.
„Meinen Sie nicht, das ginge zu weit,“ ließ sich der zweite aus der Runde der Aufrechten, ein noch junger Mann um die Dreißig, vernehmen, „auf eine solche Weise diesen Zug, das GlanzstĂŒck der Flotte, zu entweihen?“
Der Inhaber des Kochgeschirrs zeigte weiterhin keine Reaktion; er nahm stattdessen ein paar Eier aus den unergrĂŒndlichen Tiefen seiner Reisetasche und schlug sie in die Pfanne.
„Sagen Sie mal,“ platzte dem dritten aus der Runde der Kragen, „was soll das denn? Es gibt doch einen Speisewagen hier im Zug!“
„Derer sogar zwei!“ korrigierten die beiden anderen.
„Meinen Sie mich, meine Herren“, ließ der Herr der zwei Flammen zum ersten Mal seine sonore Stimme vernehmen, „sprechen Sie mit mir?“

Im gleichen Augenblick ertönte eine Durchsage ĂŒber die Lautsprecher des Großraumwagens:
„Sehr verehrte Reisende, meine Damen und Herren! Wir bedauern außerordentlich, Ihnen mitteilen zu mĂŒssen, dass in beiden Zugrestaurants aufgrund eines technischen Defektes an den KĂŒchenanlagen derzeit keine warmen Speisen zubereitet werden können. Wir sind natĂŒrlich bemĂŒht, diesen Mangel schnellstmöglichst zu beseitigen, allerdings ist es uns im Moment nicht möglich, eine Aussage darĂŒber zu machen, wann die Anlagen wieder zur VerfĂŒgung stehen. Wir bitten um Ihr VerstĂ€ndnis!“
Die drei eingeschworenen Laptopfans blickten einander an, verdutzt und verÀrgert zugleich.
„Verflucht!“ entfuhr es dem Graumelierten in einem Tonfall, der absolut nicht zum vornehmen Ambiente passte, „gerade eben wollte ich in den Speisewagen gehen. So eine Sch..!“
„Ich ebenfalls!“
„Ich auch, verdammt. Immer muss mir so was passieren!“

„Darf ich die Herren zu einem nicht gerade opulenten doch warmen Mahl einladen? Ein SĂŒppchen wie bei Muttern zuhause, und ein paar Eier mit Speck?“

Ein wenig beschĂ€mt nahmen sie die Einladung an, die drei Tischnachbarn, und rĂ€umten eiligst ihre Labtops vom Tisch, um Platz zu machen fĂŒr Teller und Besteck.

Nach Beendigung der Mahlzeit rĂ€umte der elegante Reisende alle Utensilien vom Tisch und verstaute sie in der Reisetasche, außer der Herdplatte; diese drehte er zur VerblĂŒffung seiner GĂ€ste einfach um; zum Vorschein kam ein funktionstĂŒchtiger Laptop. In der Tat, eine vorausschauende Sichtweise, dachten die drei Tischfreunde und ließen sich die Adresse der Herstellerfirma des GerĂ€tes geben.

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Plastikpusteblume
Festzeitungsschreiber
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Die Idee vermag grundsÀtzlich zu gefallen. Als die Herdplatte herausgeholt wurde, musste ich demnach auch Schmunzeln.
Leider plĂ€tschert der Text es davor und danach doch sehr vor sich hin. Auch wirken die Wendungen etwas konstruiert. Vorschlagen wĂŒrde ich daher eine deutliche KĂŒrzung des Textes. Ob es unbedingt zwei Speisewagen sein mĂŒssen (die vielleicht beabsichtigte Überspitzung funktioniert hier nicht), wĂ€re außerdem eine Überlegung wert.
__________________
Ελευθερία ή θάνατος!

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