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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Vorlieben
Eingestellt am 31. 12. 2003 17:37


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casagrande
???
Registriert: Mar 2002

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Vorlieben

Beim Neubau der Wiener Veterin├Ąrmedizinischen Universit├Ąt in Kagran wurden die Fertigstellungsarbeiten letztlich ausgesprochen hektisch. Wie bei solchen Gro├čbaustellen die Regel, n├╝tzen Zeitplanungen und diesbez├╝gliche Kontrollen nur das ├ärgste zu verhindern. Um die anberaumten Abnahmepr├╝fungen mit dem Auftraggeber, dem Ministerium f├╝r Wissenschaft, termingerecht zu schaffen, mussten in den letzten Tagen davor rund um die Uhr gearbeitet werden. Die Maler besserten die Sch├Ąden aus, die die Schreiner beim M├Âbeleinbau verursacht hatten. Die Schreiner wiederum beseitigten die Transportsch├Ąden. Die Installateure pr├╝ften ihre Leitungen und stemmten die W├Ąnde auf, die Maler gipsten die L├Âcher wieder zu. Ein schier endloses Hin und Her. Ein Ende schien nicht in Sicht. Und immer und ├╝berall Dreck. Kaum war die Putzkolonne an einer Stelle fertig hatte irgendein Handwerker an einer endg├╝ltig fertigen Stelle einen Defekt entdeckt, repariert und seinen Dreck liegen gelassen. Sinnlos, einen Handwerker dazu zu verpflichten, seinen Mist selbst wegzur├Ąumen. Die Putzer waren das untere Ende der Hierarchie und wurden auch entsprechend behandelt.
Aber selbst in dieser Kaste gab es eine Hackordnung. Die war noch wesentlich strenger und brutaler als zwischen Handwerkern und Hilfsarbeitern. Nun ist der Ton auf Baustellen nicht gerade fein. Ob aus Tradition oder Herkunft der Beteiligten sei dahingestellt. Was jedoch zwischen den Putzarbeitern und deren unmittelbaren Aufsichtspersonen abgeht, ist noch eine Stufe sch├Ąrfer. Selbst die aus dem Osten stammenden, auf den Wiener Baustellen zunehmend agierenden Arbeiter, waren trotz ihrer mangelhaften Deutschkenntnisse ├╝ber den Ton in dieser Putzgruppe verwundert. Die Putzfrauen stammten vorwiegend aus der T├╝rkei und dem fr├╝heren Jugoslawien. Die M├Ąnner waren dem Aussehen und Geruch nach entweder Obdachlose oder Alkoholiker. Die Vorgesetzten gaben sich betont cool, wohl so, wie sie sich einen Mafiosi vorstellten oder einen solchen im Kino gesehen hatten. Sie sprachen das bekannte Kanakendeutsch, bei dem nur Insider erkennen k├Ânnen, ob es Deutsche sind, die diese Sprache nach├Ąffen oder T├╝rken, die f├╝r sich untereinander diesen Slang entwickelt haben.
S. war aus dem Kosovo und seit vier Jahren in Wien. Ihr Mann war verschollen im Krieg. Der Sohn gerade f├╝nf Jahre alt. Die Verwandtschaft in alle Winde verstreut, ein Onkel im nahen Krems. Ansonsten war sie auf sich gestellt und wegen der herrschenden Gesetze nicht berechtigt, eine Arbeit anzunehmen. Mit den gew├Ąhrten beh├Ârdlichen materiellen Hilfen konnte sie zwar ├╝berleben, von Lebensinhalt oder Spa├č war aber keine Rede. Sie hatte darum die Gelegenheit genutzt und ├╝ber eine Bekannte mit deren Personalien diese Stelle bei der Putzkolonne angenommen. Nat├╝rlich wusste der Putzgruppenleiter ├╝ber die Hintergr├╝nde Bescheid. Und S. wusste auch ├╝ber seine Vorlieben. Das hatte ihr ihre Bekannte haarklein verraten. Sie selbst wollte den Job nicht mehr machen. Wegen dieser Vorlieben. Sie war verheiratet und hatte Bedenken, dass ihr Mann dahinter k├Ąme und es dann zu Mord und Todschlag k├Ąme. Ihr selbst hatten die kurzen ÔÇ×VorliebenÔÇť nichts ausgemacht. Es brachte auch Vorteile. Zumindest bei der Einteilung zu den Arbeiten. Und die Anderen richteten sich danach.
Eine der Vorlieben war: jung und blond. Die andere war: stete Verf├╝gbarkeit. Und noch eine: keine lange Fummelei. F├╝r S. war es ein Schock zu h├Âren, dass ihre als strenggl├Ąubig geltende muslimische Bekannte ihrem muslimischen Gruppenf├╝hrer zu Willen war, nur um ihre Arbeit nicht zu verlieren. Sie fragte bei anderen Bekannten vorsichtig nach und erfuhr, dass dies keine Ausnahme, nein, dass dies die Regel war. Je schlechter bezahlt die Stelle war, umso mieser die Bedingungen. Eine besser bezahlte Arbeit bekamen nur die, deren Papiere in Ordnung waren, deren sozialer Hintergrund besser war, deren Auftreten besser war, derenÔÇŽ.
S. war 34 Jahre alt. Sie fand sich immer noch h├╝bsch, fr├╝her galt sie als Sch├Ânheit in ihrem Dorf. Aber was n├╝tzte ihr diese Sch├Ânheit, wenn sie damit nichts anfing. Sie ├╝berlegte, ob irgendjemand aus ihrem fr├╝hren Bekanntenkreis oder einer ihrer Verwandten von einem lasterhaften Betragen etwas erfahren k├Ânnten. Es war doch nicht Prostitution, wenn sie die Arbeit annahm und im Zuge dann m├Âglicherweise dem Leiter zu Willen sein musste. Sie redete sich die Situation gut. Und nahm die Putzstelle.
Die Vetrin├Ąrmedizinische war ihre erste Putzstelle. Jede Nacht von sechs Uhr Abend bis zum n├Ąchsten Tag um Sechs. Die Nachtschicht wurde besser bezahlt. In den ersten vier N├Ąchten war die Hektik allgemein und darum kam es auch zu keiner ÔÇ×VorliebeÔÇť. Jeder schimpfte mit dem Anderen. Sobald der Bauleiter den Polier anfuhr, weil etwas nicht stimmte, etwas nicht gemacht war, etwas dringend zu tun war oder auch nur, weil einfach die Nerven blank lagen, dann ging der Druck von oben nach unten durch. Dann war abzusehen, dass die Schreierei mit Drohungen der Entlassung bei der Putzkolonne enden w├╝rde. S. war von diesen Drohungen ausgenommen. Sie f├╝hlte die zunehmende Anspannung, wann sie ihre Rechnung zu bezahlen h├Ątte.
Diplomingenieur Gold war verantwortlich f├╝r die Virologie, dem Komplex, in dem die Labors und Versuchsr├Ąume f├╝r die Virenforschung untergebracht waren. Duschschleusen, Unterdruckr├Ąume zur Verhinderung von Kontamination der Umgebung, Sterilausr├╝stung von Wand und Boden und was deren technische Vorkehrungen noch eingebaut worden waren, um die Bev├Âlkerung der Umgebung in Sicherheit zu w├Ągen. Nur ausgesuchten Personen war es erlaubt, diese R├Ąume nach der vorl├Ąufigen Fertigstellung zu betreten. Er, Gold, hatte nat├╝rlich den Generalschl├╝ssel. Und der Leiter der Putzkolonne. Der aber nur f├╝r diese Nacht und f├╝r einige R├Ąume. Als Gold seine Runde machte um nach dem Rechten zu sehen, die Arbeiten zu kontrollieren und die anstehende Abnahme durch den Ministeriumsvertreter vorzubereiten, kam er in einen dieser erw├Ąhnten Reinr├Ąume. Die vier Personen der Putzkolonne waren bei der Endreinigung mit Desinfektionsl├Âsung. Gold sah durch die Luken der Duschschleuse, wie der Kolonnenf├╝hrer aus dem Nebenraum hereinkam, kurz in die Runde schaute und der jungen Blonden mit dem Finger l├Ąssig ein Zeichen gab. Sie lie├č ihren Wischer fallen und ging mit ihm in den Nebenraum. Gold sauste zur Unterdruckschleuse, von wo aus ein Einblick in den Nebenraum m├Âglich war. Er musste erst zwei T├╝ren aufsperren um dorthin zu gelangen. Durch die Doppelverglasung der T├╝re der Schleuse konnte er nur einen Teil des Raumes einsehen. Er sah nur noch, wie sich der Mann durchs Haar fuhr, die Blonde r├╝ckte ihren Rock zurecht.
Gold war unschl├╝ssig, was er tun solle. Er entschied, sich nicht einzumischen. Die Blonde h├Ątte Nachteile, sie hatte bestimmt keine Arbeitsgenehmigung. Der Macho w├╝rde auf eine andere Baustelle kommen, aber Nachteile hatte er deswegen nicht. Die Reinigungsfirma hatte bisher ihre Arbeit gut gemacht, ein Wechsel w├╝rde nur mehr Geld kosten und m├Âglicherweise den Termin gef├Ąhrden. Die Situation ├Ąrgerte ihn aber er war sich sicher, dass ein Eingreifen diese nicht verbessern w├╝rde.
Als S. aus dem Nebenraum zur├╝ck kam putzte sie weiter, als w├Ąre nichts passiert. Auch die anderen taten so. Und sie ├╝berlegte, was war passiert. Vier oder f├╝nf Minuten der ├ťberwindung. Daf├╝r hatte sie ihre Arbeit und irgendwann w├╝rde eine andere Blonde kommen und sie w├Ąre von diesem Stress erl├Âst. Bevor man sie k├╝ndigte, w├╝rden sicher die anderen Dackel hinausgeworfen werden. Diese ├ťberlegung beruhigte sie.

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