Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92250
Momentan online:
142 Gäste und 4 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Vorsicht Porzellan!
Eingestellt am 05. 05. 2001 17:32


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 52
Kommentare: 285
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

1

Ich stellte den Teller auf den Tisch.
Seine filigranen Zeichnungen habe ich mir nie einpr├Ągen wollen. Sind doch die Teller, die ich dem Stapel im rechten Fach des Schrankes entnehme, lediglich Umstand meiner Zeit, deren F├╝lle genauso zu- und abnimmt wie Fr├╝hling, Sommer, Herbst und Winter.
Noch nie habe ich einen Teller absichtlich zerschlagen.
Vielleicht weil ein Teller nicht provoziert wie ein Glas, das in seinen Glanzzeiten unentwegt zum Bes├Ąufnis auffordert. Au├čerdem habe ich einen Teller n├Âtiger als ein Glas, das ich jederzeit m├╝helos durch die Flasche ersetzen kann und diese wiederum durch die n├Ąchste; dr├╝ckt doch eine Flasche kr├Ąftig gegen den Handballen, l├Ą├čt sich liebkosen und dennoch gegen die Wand werfen, wo sie aller Wahrscheinlichkeit nach dumpf oder schallend zerbricht. Ein Teller aber liegt umst├Ąndlich zwischen den Fingern und ihren Ans├Ątzen und fordert damit von selbst zur Vorsicht auf. Der Bauch einer Flasche ist nebenbei bemerkt auch nicht das selbe wie die H├Âhlung eines Tellers. Das wird wohl jeder verstehen k├Ânnen. Und dann: liegt nicht in jedem Teller ein Polterabend, die Ank├╝ndigung einer Verbindung zweier sich liebender Menschen auf Leben und Tod?

2

Ich stellte oft einen Teller auf den Tisch.
Man sagt, dreimal ist die Regel. Auch ich habe aufgeh├Ârt, dagegen zu rebellieren in der Erkenntnis, da├č es letztlich einfacher ist, das Hungerzentrum einem gleichbleibenden Rhythmus zu unterwerfen als sich selbst einer schwierigen, spontanen Nahrungsaufnahme. Schlie├člich leben wir in Zeiten der Selbstdisziplinierung.

3

Ich griff auch zu L├Âffel, Gabel und Messer, grenzte den Teller damit ein, steckte mein Revier akkurat ab.
L├Âffel konnte ich immer gut leiden; erinnern sie mich doch an Eileiter und Geb├Ąhrmutterh├Âhlen, an Ovulationen und Empf├Ąngnisschutz, also an Liebe. Alles hat wohl seinen Sinn, was sich dem Raum des Mundes optimal anpa├čt und im Bauch seinen H├Âhepunkt erlebt.
Die Gabel aber bleibt mit bis heute fremd, aus der Angst heraus, mich an ihr zu verletzen. Eine Gabel kann ich mir hundertfach vergr├Â├čert vorstellen und mit ihrer Hilfe m├╝helos Bauernkriege zelebrieren, Vergewaltigungen in dunklen Tennen und Elternmorde. Nein, eine Gabel ist und bleibt ein zwiesp├Ąltiges Ding. Selbst bedrohlich stellt sie sich zur Bedrohung Anderer zur Verf├╝gung, doch wenn es so weit ist, versteckt sie sich wie blindgeschlagen in der Lade.
Wie lieb und vertraut ist mir dagegen das Messer. Vor allem dann, wenn wir uns in unertr├Ąglicher Spannung gegen├╝bersitzen. Ein Messer h├Ąlt sich ebenso gut in der Vergangenheit wie auch in der Phantasie. Das Wertvollste an ihm aber ist, da├č es sich blitzschnell der Gegenwart anzupassen wei├č. Mit einem scharfen Messer l├Ą├čt sich jede Pulsader durchschneiden, jede Kehle, jedes Herz, jeder Angriff abwehren. In Zeiten des Gl├╝cks hinterlie├č ich gern Messerkerben in Holz und Blattwerk. Leider wei├č ich heute nicht mehr, wo sie geblieben sind, in welchen H├Ąnden, vor welchen Augen, in welcher Erde, in welchem Land, unter welchem Himmel. So habe ich die Suche danach naturgem├Ą├č als v├Âllig sinnlos allen nur m├Âglichen Heimatorten ├╝berlassen und erlaube mir, ein wenig zu ├╝bertreiben, was die Gl├╝ckzeiten und Heimatorte betrifft.

So vergeht die Zeit.

Stunden, Tage und Jahre, die ich am Tisch verbringe, vor Tellern, deren filigrane Zeichnungen nichts bewirken und deren immer ├╝ber mich hinaus ersetzbares Porzellan lediglich Umstand meiner abnehmenden Lebensf├╝lle sind, nicht mehr und nicht weniger.

So vergeht die Zeit.

4.

Danach sp├╝lte ich das Geschirr ab.
Mein Gehirn auf Sparflamme geschaltet mu├čte ich also den noch dumpfen Schmerz heimlicher W├╝nsche akzeptieren. Dagegen soff ich an oder fra├č in mich hinein, was hineinpassen wollte. Niemals aber kotzte ich mich aus. Es blieb mir ein Greuel, mich ├╝bergeben zu m├╝ssen. So wuchs mein Bauch, w├Ąhrend ich sp├╝lte, Tag f├╝r Tag. Dabei wusch ich meine H├Ąnde gleich mit in ihrer Unschuld, ├╝berlie├č ihre zerst├Ârten Fingerkuppen dem Schicksal und h├╝tete beides wie meine Aug├Ąpfel. Schlie├člich hing an ihnen mein ganzes Leben. Das war mir klar.

5

Bis auch sie eines Tages die Kraft verlie├č.
V├Âllig unvermittelt spreizten sich die Finger und lie├čen den ersten Teller meines Lebens zu Boden fallen, wo er klirrend zersprang und samt seiner Porzellanteilchen mit den filigranen Zeichnungen durch den Raum stieb.
Ich erschrak, zweifelte pl├Âtzlich an meinen F├Ąhigkeiten. Zur Pr├╝fung zog ich einen zweiten Teller aus dem Schrank und st├╝tze dessen Boden sogleich mit der linken Hand ab. Mein Gehirn lauerte. Der Teller hielt stand, und wurde damit zum Feind. Ich forderte ihn heraus, indem ich die linke Hand zur├╝ckzog. Da verwandelte sich der Teller zu Stein, die Finger der rechten Hand spreizten sich - und... k l i r r r r r ...fiel das Porzellan zu Boden.

Mein Kopf l├Âste sich ├╝ber dem Scherbenhaufen unter meinen F├╝├čen auf. Ich wurde leichter und leichter, w├Ąhrend das Gef├╝hl von Sattheit mich verlie├č und dem Hunger nach Nichts Platz machte. Bald nahm ich den dritten Teller und warf ihn zu Boden. Mit dem vierten machte ich das selbe, mit dem f├╝nften, dem sechsten, dem siebten, dem achten, dem neunten - dann endlich war der Schrank leergefegt und ich wandelte barf├╝├čig ├╝ber die Scherben hinaus in den Flur und in's Bad hinein, wo ich mich gl├╝cklich ├╝bergab.

6

Seitdemm esse ich nichts mehr, betrachte stattdessen meine sich gl├Ąttenden Fingerkuppen und staune ├╝ber ihre Ber├╝hrungen, die behutsam mein eigenen Leben nach und nach zum Vorschein bringen; befriedet und ohne den zartesten Farbton eines m├Âglicherweise falsch verstandenen Gl├╝cks.



22.11.1988

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


miss.fortune
Guest
Registriert: Not Yet

Hunger

"Vorsicht Porzellan!" ist wie gellende Stille: sanft und zart, zugleich niederschmetternd und bedrohlich.

Sehr fein gesticktes und atmosph├Ąrisches Schriftst├╝ck!

Bitte mehr davon!

by the way: kritik zu meiner kurzgeschichte "weg"?

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
bin

├╝berw├Ąltigt. welch ein stil, welch eine sprache! das ist ein werk f├╝r meine sammlung.lg
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 52
Kommentare: 285
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hi Miss.Fortune (was f├╝r ein Name!),

danke f├╝r deine Kritik; freut mich nat├╝rlich sehr, wenn die Geschichte auch vom Handwerklichen her ber├╝hrt. - By the way, ich melde mich bald zu deiner Story.

Birgit

Bearbeiten/Löschen    


Chrissie
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2000

Werke: 67
Kommentare: 602
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

'Gellende Stille' - besser kann ich's auch nicht sagen!

WOW!

Liebe Gr├╝├če
Chrissie
__________________
Pseudonym? Nein Danke!
Christine Mell von Mellenheim

Bearbeiten/Löschen    


Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 52
Kommentare: 285
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Liebe Marion,
Liebe Chrissie,

vielen, vielen Dank, da├č mein "Vorsicht Porzellan" bei euch so gut angekommen ist.

Liebe Gr├╝├če

Birgit

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!