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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Vorurteile
Eingestellt am 14. 09. 2007 01:00


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Daunelt
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Vorurteile


Meine Vorurteile und detailreichen Worst-Case-Szenarien lasse ich mir nicht nehmen: sie werden gepflegt und ausgebaut zu umfassenden Systemen. Ein Beispiel: ich möchte an einem gewöhnlichen, werktĂ€glichen Nachmittag in die Stadt fahren, eines meiner LieblingscafĂ©s besuchen, in Ruhe lesen, schreiben, beobachten, den stillen Kampf ausfechten: Selbstbeherrschung gegen TortenbĂŒfett. Aber ich weiß, nun wĂ€re besser zu sagen: ich glaube zu wissen, dass ich unbedingt vor 15.00 Uhr eintreffen muss, sonst ist unweigerlich jeder irgendwie akzeptable Platz (also alles, außer den Katzentischen) belegt. Da werden die ĂŒblichen Zeitgenossen wieder vor mir da sein, die Zeit und Geld genug haben, wĂ€hrend der normalen Arbeitszeit ihre Hintern in den Lokalen breitzusitzen. Diese bereits jetzt feststehende Tatsache nĂ€hrt HassgefĂŒhle gegen meine Mitmenschen: alte Frauen, die nie ihre hĂ€sslichen HĂŒte abnehmen, arrogante Schnösel mit modischen Frisuren und ihre stets rauchenden, weiblichen Pendants, MĂŒtter mit riesigen Kinderwagen und kreischenden, unzufriedenen Gören.

Ich beeile mich also, jede Ampel steht auf Rot, ich komme natĂŒrlich zu spĂ€t, es ist 15.40 Uhr, trotzdem gewagt, um die Ecke zu schauen, voll Bitterkeit – ich erstarre: das CafĂ© kaum halbvoll, friedliche, ruhige Menschen mittleren Alters, ĂŒberwiegend Nichtraucher, mein Stammplatz einladend, keiner starrt mich an, die Kellnerin ungewohnt freundlich. Ich gehe weiter, erledige dies und das, beschließe, wieder heimzufahren. Total beknackt, nicht wahr ? Aber ein Versuch, diese AnfĂ€lle von Paranoia psychologisch zu deuten und damit harmloser zu machen: ich brauche, um in dieser mir eigentlich gehörig kalt und feindselig scheinenden Umwelt zurecht zu kommen, Fixpunkte, Ankertaue, einen markierten Wattweg, beleuchtete Straßen. Wenn die fehlen, trifte ich ab. Zu diesem festen Rahmen zĂ€hlen neben einem ganzen Katalog mehr oder weniger harmloser Rituale (so lege ich beispielsweise abends Portemonnaie, SchlĂŒssel, Kamm und anderes immer genau im Viereck auf dem Tisch ab) eben auch festgefĂŒgte Vorurteile und pessimistische Erwartungshaltungen. Und wenn die sich in Wohlgefallen auflösen, ist es, obwohl das Leben doch jetzt eigentlich wieder ein kleines StĂŒckchen einfacher wird, als bekĂ€me mein Schutzanzug irgendwo ein winzig kleines Loch. Ein mehr praktisch veranlagter Part in meinem Ich lacht dann gehĂ€ssig darĂŒber, wie viel von der möglicherweise knapp bemessenen Lebensspanne und –energie auf solch einen Schwachsinn verwendet wird. „Na, Alter,“ höhnt es in den Hallen meiner Seele, „wieder mal an den Rand der Erdscheibe gerudert und doch nicht heruntergeplumpst ? Tja, sie ist eben doch eine Kugel, du Schwachkopf !“.

Ja, so etwas frustet – und es erstaunt, wie viel wirr geknĂ€ultes Gedankengarn in 1.500 ccm cerebraler Masse Platz findet. Übrigens steht es noch nicht ganz so schlimm mit mir: ich bin dann doch in das CafĂ© gegangen.

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Orangekagebo
Guest
Registriert: Not Yet

Eine gute Leistung, Daunelt, und dass um 01.00 Uhr in der Nacht. Alle Achtung. Gelungenes Kopfkino, vor allem:

quote:
„Na, Alter,“ höhnt es in den Hallen meiner Seele, „wieder mal an den Rand der Erdscheibe gerudert und doch nicht heruntergeplumpst ? Tja, sie ist eben doch eine Kugel, du Schwachkopf !“

Manches bedarf m.E. nach eines anderen Ausdruckes:
z.B.
quote:
schreiben, beobachten, den stillen Kampf: Selbstbeherrschung gegen TortenbĂŒfett ausstehen.

... einen Kampf ausstehen? Du kĂ€mpfst! ... und meinen Kampf fechten wie immer. Selbstbeherrschung gegen TortenbĂŒfett.

quote:
die Zeit und Geld genug haben, wÀhrend der Normalarbeitszeit ihre Hintern in den Lokalen breitzusitzen

vielleicht: die Geld und Zeit genug haben, wÀhrend der normalen Arbeitszeit ...

quote:
trotzdem gewagt, um die Ecke zu schauen,

Warum gewagt?

Manchmal ist zu viel in die SĂ€tze gepackt, finde ich.
Aber vielleicht sehe ich das nur als Geschichtenschreiber so. Tagebuch ist ja anders. Da werden die Gedanken eben einfach niedergeschrieben.

LG, orangekagebo

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Daunelt
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Hallo,

Danke fĂŒr Eure freundlichen Kommentare. Die Anregungen zu "TortenbĂŒfett" und "Normalarbeitszeit" habe ich aufgegriffen und eingearbeitet; "trotzdem gewagt, um die Ecke zu schauen" heißt, daß ich eigentlich gar nicht in das CafĂ© schauen wollte, weil es in meiner Vorstellung ja ĂŒberbelegt war und die Wut auf meine Mitmenschen mich beutelte.

Liebe GrĂŒĂŸe

Daunelt

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