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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Vorwort in Grün
Eingestellt am 25. 03. 2012 17:54


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fion
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Registriert: Mar 2012

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Vorwort in Grün





Wer braucht schon ein GPS, wenn man eine richtige Straßenkarte hat?
Ein GPS birgt seine Tücken.
Wenn man nicht weiß wo man ist, kann das Gerät mit Leichtigkeit alles behaupten.
Ohne Karte und ohne Grundwissen über die eigene Position ist man ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Wieso dann überhaupt ein GPS?
Sie sagen es ist so hübsch einfach damit zu reisen und lügen könne das Gerät gar nicht.
Ha, sage ich da nur! Ich habe es vor ganz kurzer Zeit doch selber erlebt.

Es war auf einer Fahrradtour in die nähere Umgebung, mit einem Bekannten. Wir hatten uns verfahren, richtig, dadurch dann eine landschaftlich reizvolle Gegend besucht, die wir sonst nie und nimmer gesehen hätten. Aber wir hatten ein Ziel und das galt es auch an dem Tag zu erreichen. Es ging um die einfache Entscheidung: Gerade aus oder links abbiegen.
Mit einem Leuchten in den Augen zückte mein Begleiter sein Handy, wählte die GPS Funktion und konnte mir dann mitteilen, ...das wir uns in Frechen befanden. Ein Ort über fünfzig Kilometer von unserm Startort entfernt? Nach dreißig Minuten? Bei unserer Kondition?
Wir beide hielten das für sehr unwahrscheinlich.
Wahrscheinlicher war das jenes GPS log.
Das Leuchten in seinen Augen wich und machte dem typischen Starren Platz, das die Augen der Herren erreicht, wenn sie einer Anzeige etwas entlocken wollen was das Gerät partout
nicht bereit ist zu geben.
Ich kürze ab. Wir haben dann eine halbe Stunde später unser Ziel erreicht, weil wir weiter gefahren sind und den nächsten Spaziergänger gefragt haben.
Ich resümiere. Unter normalen Bedingungen braucht kein Mensch ein solches Gerät.

Jetzt bin ich auf dem Weg zu einer Bekannten.
Sie ist umgezogen, wohnt im Grünen, Zweihundertzwanzig Kilometer von ihrem ehemaligen Wohnsitz entfernt. Ich folge ihrer Einladung in ihr neues Domizil. Freue mich sie wieder zu sehen.
Den größten Teil des Weges zu ihr, verbringe ich auf der Autobahn. Die Abfahrtsnummer habe ich mir gemerkt. Auf der Straße an einer geeigneten Stelle halte ich an und mache einen Abgleich mit einer ganz normalen Straßenkarte. Ich schreibe ein paar Daten auf einen Zettel, lasse die Karte offen neben mir liegen. Los geht es.
Die Gegend ist gut ausgeschildert.
Wie anhand der Karte zu lesen war muss ich erst einmal in die Richtung einer Stadt namens Bleuern, danach links abbiegen und nach Grün fahren, so heißt der Ort. Drei Kilometer hinter Grün, da muss ich hin. Sie sagte mir am Telephon, das ich einfach auf der Straße bleiben solle, es sei dann das rot weiße Holzhaus im skandinavischen Stil, im Giebel sei ein rundes Fenster. Gar nicht zu übersehen.
Noch halte ich mich in Richtung Bleuern. Eine schöne Gegend, waldig hügelig und die Straße kurvenreich.
Ich komme an eine Kreuzung, nach Bleuern geht es rechts herum. Danach führt mich die Strecke an einem wunderbaren See mit Teichrosen vorbei. Was für ein Anblick! Ich nehme mir vor hierhin in den nächsten Tagen einen Ausflug zu machen.
Ich bin so zufrieden mit dieser Umgebung, happy meine Bekannte wieder zu sehen, das Wetter spielt mit, es wird ein tolles Wochenende.
Kurz hinter dem See wird es diesig. Im Wald staut sich der Dunst aus dem See. Wie toll das aussieht, wenn zwischen den Bäumen die Sonnenstrahlen als gerade Linien zu erkennen sind. Ich fahre langsamer, nicht weil die Sichtverhältnisse mich dazu zwingen, sondern um den Anblick auch richtig genießen zu können.
Märchenhaft, alles wird ganz hell. Endlich bemerke ich den Grund, der Dunst wird dichter. Ich fahre durch Nebelschwaden und der Nebel kringelt sich hinter mir, ich beobachte das im Rückspiegel. Ich kann unter einem Tuch aus Wassertröpfchen, das in der Luft schwebt, hinweg fahren.
Ich rolle jetzt ganz langsam. Was für ein Naturschauspiel.
Und dann, mit einem Mal, sehe ich gar nichts mehr.
Schnell schalte ich die Nebelleuchten ein. Es nützt nichts. Um mich herum ist dichtester Nebel. So dicht habe ich ihn noch nie gesehen. Ich schaue in den Rückspiegel, nichts. Alles um mich herum ist weiß, ein flauschiges wolkiges aber undurchdringliches Weiß. Wasser perlt an der Scheibe runter.
Ich bremse, halte an, schalte den Motor aus. Keiner wird auf dieser Straße fahren, nicht bei dem Nebel.
Ich öffne die Türe, steige aus. Die hohe Luftfeuchtigkeit kondensiert sofort auf meiner Haut. Nichts ist zu hören, kein Geräusch. Weiße Lautlosigkeit. Ich gehe um mein tropfnasses Auto herum, will nicht mitten auf der Straße stehen, man weiß ja nie. Von meinen Haarspitzen tropft es. Ich sehe kaum ein drittel meines Wagens. Ich mache einen Test, gehe rückwärts von der Motorhaube weg. Potztausend! Nach zweieinhalb Schritten ist der Wagen verschwunden. Ich gehe wieder auf ihn zu, drei Schritte, vier! Ich bin erschrocken, gehe schneller, fünf sechs. Da taucht er aus dem Nebel auf. Ich beeile mich, reiße die Fahrertür auf, es ist nicht einfach in das Auto zu steigen, er bewegt sich, ich komme zu sitzen, ...und ziehe die Handbremse! Ich Schussel. Ich war wohl durch den Nebel so abgelenkt das ich nicht bemerkt hatte an einer Anhöhe angehalten zu haben.
Ich kurble das Fenster runter. Bin fasziniert von der Stille das draußen. Schaue auf die Anzeige, genau 13 Uhr. Fahre mit ausgestrecktem Arm durch die Wolke, Wirbel werden sichtbar. Spiele mit dem Nebel herum. Von meinen Händen tropft das Wasser. Ich zähle die Tropfen. Spiele weiter und mache Kringel in die Luft.
Schaue auf die Uhr, immer noch genau 13, obwohl die kleinen Doppelpünktchen blinken. Ich stutze. Warte. 13 Doppelpunkt 00. Ich zähle ganz langsam bis sechzig. 13:00!
Na dann ist die Uhr eben kaputt.
Ich habe das Gefühl das der Nebel noch dichter wird.
Ein Geräusch, einem Klirren gleich. Es klingt ganz hübsch und auch harmonisch, aber ich kann es nicht einordnen.
Vielleicht ist vor mir ein weiterer havarierter Autofahrer der Musik hört?
Ich lausche hinein in die mittlerweile dermaßen dichte Wolke.
Auch der Innenraum wird von dem Nebel beschlagnahmt.
Noch einmal dieses Geräusch, es scheint näher zu kommen.
Ich sorge mich, versuche das Weiß vergeblich mit meinen Augen zu durchdringen. Nicht das ein Auto auf mich zu fährt. Selbst meine Ohren mühen sich ab.
Der Nebel im Auto ist schon so dicht das ich die Uhr nicht mehr sehen kann, auch das Lenkrad ist verschwommen.
Das helle melodische Klingen ist ganz nah als es ein drittes Mal zu hören ist.
Danach beginnt ein geräuschloses Rauschen. Es ist schwer zu beschreiben, es könnte auch einem körperlichen Saugen nahe kommen. Ich kann mich nicht entscheiden ob es zu hören oder zu fühlen ist.
Das Ende des Nebels.
Wie ein einheitliches Ganzes zieht er ab. Wow!
Ich öffne die Tür, springe raus.
Mir folgt der Nebel aus dem Wagen, ein Schleierschwanz der sich beeilt den großen Nebel einzuholen. Eine weiße Wand die die Straße im Wald davon schiebt.
Und plötzlich stehe ich wieder im golden funkelnden Sonnenschein. Alles tropft und glitzert. Erfrischt und gereinigt.
Wahnsinn denke ich. Tolle Sache!
Ich wende mich der Straße vor meinem Auto zu. Weder ist dort ein anderer Wagen zu sehen noch ist da eine Anhöhe.
Ich schmunzle, neige meinen Kopf ein wenig zur Seite. Der Nebel war doch nicht so stark das er den Wagen weggeschoben hat? Schnickschnack. So was gibt es doch gar nicht.
Ich drehe mich um, vom Nebel ist nichts mehr zu sehen. Ich bestaune noch einmal seine Hinterlassenschaft. Selbst die Luft scheint gewaschen.
Steige in das Auto, alles ist nass. Aus meinen Haaren tropft es, meine Kleider sind klamm, die Karte neben mir klebt zusammen, bevor ich losfahren kann muss ich die Scheiben von innen trocknen. Im Handschuhfach liegt eine Küchenpapierrolle, die hat der Nebel nicht berührt. Ich nehme so viel Wasser mit den Blättern auf wie es geht. Im Beifahrerfußraum sammelt sich ein Haufen nasser Tücher.
Ich fahre los. Bald macht die Straße eine Biegung und verlässt den Wald, Etwas wie eine Heidelandschaft tut sich auf. Da wo der Boden zu erkennen ist, strahlen helle sandige Stellen mir entgegen, es duftet so wunderbar nach Birke, Heide und Sand. Ich liebe diesen Geruch.
Mir fällt auf das alles hier trocken ist. Ich komme mir wie ein Alien vor, immer noch tanzen Wassertropfen im Fahrtwind auf der Motorhaube.
Ich erreiche eine gut beschilderte Kreuzung. Von Bleuern ist nichts zu lesen, aber Grün ist schon ausgewiesen, dem Straßenschild nach geht es rechts herum. Ich wage es zu bezweifeln und konsultiere den Zettel. Die Schrift ist dermaßen verlaufen das nichts mehr zu erkennen ist. Das gibt es doch nicht, Kugelschreiber verläuft nicht. Ich nehme die Straßenkarte, meine Güte ist die schwer. Der Karte nach muss ich erst nach Bleuern, dann erst kommt Grün. Ich suche auf meiner gefahrenen Route den Wald durch den ich eben gefahren bin. Da ist keiner. Ich schaue nach einem blauen Punkt, ich bin doch an diesem schönen See vorbei. Auch davon kann ich auf der Strecke von der Autobahn bis nach Bleuern nicht sehen. So klein war der See gar nicht.
Ich denke mir, na ja, vielleicht mache ich irgendwo einen Fehler beim Lesen der Karte, kann ja sein.
Grün ist ausgeschildert, also los.
Ich will die Karte gerade beiseite legen, da sehe ich einen eingezeichneten See.
Hinter Grün! Im Wald!
Na da muss ich mich vorher aber mächtig verfahren haben. So was aber auch. Ich schüttle meinen Kopf.
Fahre los, Richtung Grün. Mir dämmert das es die falsche Richtung sein muss, mir steht aber plötzlich der Sinn nach einer Tasse Kaffe und die hoffe ich in Grün zu bekommen. Vollkommen irrational.
Ortseingang. Das Örtchen ist so klein es hat nicht einmal ein gelbes Schild. Ich fahre an einem grünen Schild vorbei auf dem Grün steht.
Dahinter fangen sofort die Häuser an, plus einer Menge Plakate auf denen für die verschiedensten Ausstellungen geworben wird. Ich fahre noch langsamer, versuche so viele Plakate zu lesen wie möglich. Im Grund geht das ganz einfach, die Namen die es darauf zu lesen gilt kennt jeder: Rousseau Magritte Dali Bacon Popowa Derain Manet Rosetti Canaletto Rubens Eyck, um nur ein paar zu nennen. Man kennt sie alle. Ich denke, Himmel, solch eine Vielfalt gibt es nicht einmal in London oder Paris. Was ist denn hier los? Ein Festival der Kunst? Ein geheimes Treffen der Galerien und Museen? In Grün? Das kann doch nicht wahr sein.
Ich muss mich konzentrieren, immer mehr Autos und Fußgänger sind unterwegs. Ich folge der Straße, die einen kleinen Schlenker macht und mit einem Mal stehe ich vor einem wunderschönen sternförmigen Marktplatz.
Kaffees unter Bäumen mit einladender Bestuhlung und bunten Sonnenschirmen wechseln sich ab mit bunten Markiesen an Fassaden. Sieht das einladend aus.
Ich suche einen Parkplatz, gehe danach in ein Kaffee. Auf dem Tisch liegen viele bunt Handzettel und Prospekte über das in Grün angebotene. Hui, mir schwirrt der Kopf.
Mein Kaffe wird gebracht. Hatte ich den schon bestellt? Mensch bin ich durcheinander.
Ich frage die Kellnerin, beziehungsweise stottre vor mich hin, weil ich nicht weiß was ich fragen soll oder wie mich auszudrücken.
Die Kellnerin antwortet ganz souverän, das dieses Festival der Kunst alljährlich hier in Grün stattfindet, gestern abend die große Abschlussfeier gewesen sei und das heute bis 17 Uhr das letzte Mal die Präsentationen geöffnet haben.
Ja, denke ich, was jetzt? Meine Bekannte anrufen, sie bitten das wir uns hier treffen, oder das ich erst nach Fünf zu ihr komme. Warum hat sie davon nichts gesagt? Schnell den Kaffe bezahlen, nur einen Schluck davon trinken, das Handy raus, sie anrufen. Ich gehe einfach schon mal los, noch wählt das Telephon ihre Nummer. Kreisförmig sind die Gebäude um den Marktplatz angeordnet und in fast jedem Haus gibt es Kunst zu sehen, also egal wo ich anfange. Die Nummer ist gewählt, sofort startet die Ansage das der Teilnehmer vorübergehend nicht zu erreichen ist. Ich werde es später noch mal versuchen.
Ich betrete die erste Galerie.
Goya!
Was lässt mich mehr staunen? Der nahezu perfekte Ausstellungsraum oder die Anzahl der Bilder? Hier hängen mindestens dreißig, ach was vierzig Gemälde und Zeichnungen.
Alles Originale?
Ein bisschen wie in Trance gehe ich zu einer Dame hinüber.
Sie wendet sich mir so was von ehrlich freundlich zu, das passiert einem sonst in keiner Galerie.
Ich frage, weil ich gar nicht anders kann, ob dies hier alles Originale sind oder Drucke oder was auch immer?
Sie präsentiert mir das offene Lächeln einer Person die wirklich gerne Auskunft gibt und beteuert das es alles Originale sind. In Grün werden immer Originale ausgestellt.
Potztausend! Ich wende mich den Bildern zu, erkenn ein paar von ihnen wieder. Sie rufen ein Gefühl hervor an das ich mich auch erinnern kann. Ach ja, mein Vater hatte ein kleines Buch über Goya. Als kleines Mädchenhabe ich mir die Bilder darin angesehen und ängstigte mich, so düster die Darstellungen. Ab und an habe ich es aufgeschlagen, doch irgendwann blieb es geschlossen, das Gruseln überwog damals mein Vermögen zu verstehen. Ich weiß gar nicht ob meine Eltern das mitbekommen haben? Hätten sie mir erklären können warum Goya diesen schaurigen Weg gegangen ist? Kann ich das heute? Ja, es ist ganz einfach: es gibt solche und solche, will heißen jeder Jeck ist anders und er nahm diesen Weg. Einfach akzeptieren. Obwohl dieser erste Kontakt so misslungen scheint, ist es doch erstaunlich das ich selber angefangen habe zu malen. Vielleicht gerade deshalb? .
Trotzdem, auch wenn Goya nur die Schrecken seiner Zeit aufzeigte, mir gefallen sie heute immer noch nicht.
Ich gehe zur Tür, die Dame schaut mich an und ich erkenne in ihrem Blick das sie meine Entscheidung akzeptiert.
Sind alle Galeristen hier so nett? Es wäre märchenhaft, nahezu perfekt. Helfende verständnisvolle Galeriebetreiber.
Wie sieht es denn sonst aus?
Bestenfalls wird man ignoriert, subkutan bekommt man aber immer seine Injektion verpasst mit dem Inhalt: Sie haben hier nichts verloren. Sie haben doch gar keine Ahnung von Kunst. Fragen sie ja nichts, es echauffiert schon genug das sie hier sind. Wer nicht kaufen kann, soll auch nicht schauen dürfen. Und so weiter. Wenn man diesen Personen genauer zu hört, erkenn leider darunter eine noch viel schlimmere Melodei: Fragen sie ja nicht ein einziges Mal. Kunst, ha dieses elende Geschmiere von Leuten die sich für Künstler halten. Wir sagen was Kunst ist. Und ich verkaufe es. Verstehen sie? Geld nicht Kunst! Was können sie sich für Kunst kaufen, hä? Gar nichts. Ach scheren sie sich zum Teufel. Sie elendes Pack das an den Sinn hinter diesen lächerlichen Bildern glaubt. Nahrung für den Geist, das ich nicht lache.
Solche Galeristen könnten einem leid tun.
Aber das waren nur so meine Gedanken.
Ich bin schon zur nächsten Tür herein. Und schon wieder staune ich über die Räume, hoch hell und gut ausgeleuchtet.
Die Bilder die hier gezeigt werden sind ausnahmslos surrealistischer Natur. Ich gehe herum, schaue und genieße.
Komme vor einem Gemälde zu stehen, ...na da brat mir doch einer nen Storch, das ist doch das Bild! Ist ja nicht zu fassen.
Es war in der fünften Klasse, wir machten einen Ausflug mit der Kunstlehrerin in die Stadthalle, in der es eine Ausstellung gab. Zu sehen waren ausschließlich Gegenständlichkeiten die aus ihrem gewohnten Kontext entnommen. Diese kreative Willkür sprach mich damals schon an. Unsere damalige Hausaufgabe war, jeder Schüler sollte sich ein Bild aussuchen und darüber einen Aufsatz schreiben. Mein Bild war schnell gefunden. Ich erinnere mich jetzt wieder an das Gefühl, als ich in das Gemälde eintauchte, wie ich darin umherwandern konnte.
Heute wandere ich noch einmal und ich erfahre wieder die Gedanken des Malers.
Damals war ich so fasziniert darüber, dass ich schon dort der Lehrerin meine Entdeckung mitteilen musste. Für mich war es das erste Mal das ein stillstehendes und wortloses Bild dermaßen agil und redselig war.
Leider interessierte es die Lehrerin nicht im Mindesten.
Ich will, von heute aus betrachtet, mal glauben das sie mit dem Sack Flöhe hüten zu beschäftigt war.
Ich blieb allein auf meiner Erfahrung sitzen.
Hoffentlich hat sich die Lehrergilde weiter entwickelt.
Das war damals. Und heute stehe ich wieder vor dem für mich so wichtigen Bild.
Ich schaue mich um, ich stehe ja in einer Galerie.
Bedeutet das, ich könnte das Gemälde sogar kaufen?
Das erste Mal in meinem Leben hege ich einen solchen Gedanken.
Ich wende mich an einen jungen Mann und frage danach.
Meine Güte ist der nett.
Ich erzähle ihm die ganze Geschichte.
Er freut sich mit mir, erkundigt sich sogar wie lange das her ist.
Ich errechne 35 Jahre.
Er weist mich auf das Datum hin, 1976.
Es wurde sogar im gleichen Jahr erstellt.
Ich sage, dass es den Anschein hat, das das Bild extra für mich gemalt wurde. Und ich erkundige mich nach dem Preis.
Siebentausend kostet es!
Das ist die Stange Geld die ich nicht habe.
Der Galerist nickt, ohne mich ab jetzt zu verachten. Lächelnd rät er mir vielleicht mal in der Lotterie zu spielen.
Ich bedanke mich für das freundliche Gespräch, schreibe mir noch Name und Titel auf und verlasse die Ausstellung.
Beim Wegpacken der Notiz fällt mir mein Handy in die Hand. Ich versuche noch mal meine Bekannte zu erreichen.
Wieder die gleiche Ansage, vielleicht in dem Fall sogar die selbe.
Sie wird sich schon fragen wo ich bleibe.
Es tut mir leid meine Liebe aber es gibt noch so viel zu schauen, ich kann das beim besten Willen nicht unterbrechen.
In der nächsten Ausstellung erwartet mich ein bunter Mix aus Aquarellen, Ölbildern und Acryl, das Thema ist einheitlich: Bunte welke Blumen in Vase auf Tisch. Ein Klassiker!
Es gibt so viele Möglichkeiten dieses Arrangement zu malen. Selbst das meiner Meinung nach lascheste, hat noch das gewisse Etwas.
Aber nicht für mich, nicht heute, die Zeit drängt.
Eine Galerie weiter, ein ähnliches Angebot. Hier ist das Thema: Kulinarisches auf Teller und Tisch. Ich komme vor einem Bild von Clara Peeters zu stehen: Hering mit Kapern und Orangenscheiben auf Zinnteller, von 1620.
1620, stelle sich das einer mal vor. Ich stehe hier vor einer Zeitreise. Hier wo ich jetzt stehe, stand vor fast 400 Jahren eine Dame namens Clara und malte das Bild.
Es ist fast ein wenig so, wie wenn man nachts in den Himmel schaut und sich klar macht, dass das Licht das man jetzt von den Sternen sieht Millionen Jahre alt ist.
Für mich stellt dieses Bild reine Magie dar, diese Geschicklichkeit mit Pinsel und Farbe einen dermaßen Realen Anschein zu erwecken. Ich bin glücklich eine solche Arbeit schauen zu dürfen. Mehrfach verändere ich meine Position vor dem Bild.
Weil ich auch hier in dieser Ausstellung die einzige Betrachterin bin, wird mir die gesamte Aufmerksamkeit der ausgebildeten Aufsichtsperson zuteil.
Ohne das ich gefragt hatte, doziert die nette Dame über Stillleben: Das dieses Genre sich in Holland etablierte, als zunehmend die religiösen Darstellungen an Bedeutung verloren. Diese Darstellungsweise, vor dunklem Hintergrund, häufig gewählt wurde. Solch üppige Mahlzeiten galten als Symbol für Wohlstand und Konsum. Wohingegen Gemälde die Symbole der Vergänglichkeit enthielten, als da wären Totenschädel, Taschenuhren oder verfaulendes Obst, nannte man Vanitas. Clara Peeters war eine der ersten Stilllebenkünstlerin, obwohl es diesen Begriff noch nicht gab. Man bezeichnete es damals als Frühstücksgemälde.
Und schon wieder etwas gelernt.
Ich lächle die Dozentin an, dann das Gemälde, dann still vor mich hin.
Eine Erinnerung steigt hoch. In meinem Kopf erklingt eine Melodie.
Womit verbinde ich das ganze hier gerade?
Und dann habe ich es.
Hundert Meisterwerke!
Die Sendung aus den 70ger oder 80ger Jahren.
Ich hatte sie damals oft gesehen.
Ich frage ob sie sich daran erinnern könne?
Das Intro, diese Melodie, sie hatte so etwas besonderes, sie klang verheißungsvoll.
Und dann die Stimme des Sprechers, so ruhig, so bedacht.
Als Kind ist man davon schon beeindruckt.
Ich lache auf. Allein hängen geblieben ist aber nur das der Sprecher die Phrase: Spannung in der oberen Bildhälfte benutzt hatte und das inflationär.
Ob ich Hundert Meisterwerke heute noch als gelungen ansehe, fragt sie mich.
Ich muss ihr gestehen, dass ich schon damals dem Wust an stilvoll kontrollierten Worthülsen kritisch gegenüber stand. Und beinahe hätten die Sendung es geschafft, ob diesem gestelzten Gebaren, das ich mich von der Kunst abgewandt hätte.
Heiße Luft bläht so gerne, sagt die Dozentin
Lachend verlasse ich sie und die Stillleben. Mir ist beinahe so als wandere ich durch die Kunsterfahrungen meines Lebens.
Mal sehen was es in der nächsten Ausstellung zu entdecken gibt.
Das nächste Haus am Marktplatz enthält ein Eiskaffee, dafür ist keine Zeit. 17 Uhr werden die Schotten hier dicht gemacht. Ich spute mich.
Betrete den nächsten Raum.
Oh, mal ganz was anderes. Sehr reduziert hier.
Daneben wirkt ein Mondrian ja üppig, geradezu verschnörkelt.
Die Bilder, vier an der Zahl, sind großformatig. Ich schätze sie auf zwei Meter mal einsachtzig.
Das Gemälde vor mir wird auf voller Länge glatt in der Mitte geteilt. Die rechte Seite ist in sattem rot gestrichen, die andere Bildhälfte wurde mit Blattgold sauber beklebt.
Die drei anderen sind gleich aufgebaut, allein sie präsentieren eine andere Farbe.
Beeindruckende Schlichtheit! Handwerklich einwandfrei!
Trotz Ihrer einfachen art, gelingt es mir nicht ihnen Information zu entlocken.
Ich wende mich um, kein Mensch zu sehen. Was nun?
Mitten im Raum steht eine weiße T-förmige Säule mit einem Glaskasten oben auf.
Ich gehe zu dem Gebilde hinüber.
Unter dem Glas ist ein Din-A-4 großes Kartonpapier, auf dem ganzseitig ein Text geschrieben steht.
Aha! Kein Personal. Auch gut.
Das mit dem: Auch gut, stellt sich als zu voreilig daher gedacht heraus. Gar nichts ist gut.
Ich ringe mit dem Text.
Ich gebe mir wirklich Mühe.
Nein ich bin nicht müde. Meine Konzentration ist voll da. Aber sie findet keinen Ansatzpunkt. Nicht eine Stelle an der sich ein geistiger Hebel ansetzen lässt. Der Text entgleitet mir. Schon in der zweiten Zeile wage ich zu bezweifeln das die Worte in der richtigen Reihenfolge stehen. Ich begreife nicht was man mir da mitteilen will. Könnte man überhaupt anhand eines solchen Wortsalat Information weitergeben? Wollte der Verfasser das? Ist es nicht eher so das derjenige der das verbrochen hat sich selbst einfach nur in den Vordergrund spielen wollte?
Ich atme tief durch.
Das hier ist genau so, wie es nicht sein sollte.
Angewidert schaue ich auf das perfekt präsentierte Blatt unter Glas.
Das untere Drittel hat sich der Verfasser selbst gewidmet, seine Vita. Ich kürze diesen selbstbeweihräuchernden Text mit drei Worte ab: Er ist Kunstprofessor!
Schade das er sein ganzes Studium und seine Professur nur der eigenen Nabelschau widmet.
Er ist kein Katalysator, kein Mittler. Und hier an diesen Bildern wäre professionelle Hilfe von Nöten gewesen.
Was soll man dazu sagen? Außer, die Bilder an sich sind ganz hübsch. Doch auch einfach. Wieso dann so einen Bohai darum. Sie waren auf einer Seite farbig und auf der anderen Seite Gold. Ist doch dekorativ! Ich kann mir nicht erklären warum dieser Professor sich an ihnen mit so vielen Worten versucht hat?
Noch einmal drehe ich mich um, ist denn keiner da der mir helfen kann?
Das einzige was mir bei der Lösung des Problems helfen kann, ...ist die Tür nach draußen.
Auf dem Trottoir atme ich noch mal ganz tief durch.
Nicht ärgern. Es ist ein Experiment, das einen Beigeschmack hinterlassen hat und den gilt es hinweg zu spülen.
Direkt nebenan ist ein Kiosk. Mir steht der Sinn nach einer Flasche Mineralwasser mit Zitronengeschmack.
Bevor ich das kleine Lädchen betrete lese ich das Schild das über der Tür installiert ist: Kiosk m. (türk.) Zeitungs-, Erfrischungshäuschen; offenes Gartenhäuschen.
So so! Man lernt nie aus.
Ich kaufe eine Limo.
Neben der Kasse steht ein Kasten mit Rubbellosen.
Ich erinnere mich an die Worte des Galeristen und kaufe auch noch ein Los für eine Mark.
Draußen vor der Tür ist eine Bank, setze mich, spüle diese Kunsterfahrung beiseite, nehme eine Münze und mache mich daran die Felder frei zu rubbeln.
Eigentlich schabt man sie frei, rubbeln ist etwas anderes.
Schabelose klingt aber nicht so gut.
Dabei entsteht diese spezielle Erwartungshaltung, das Schaben kommt einem Trommelwirbel gleich.
Doch wie sagt Lord Vetinari immer? Die Hoffnung stirbt zuletzt!
Ich schabe weiter. Es gilt den richtigen Winkel mit der Münze zu erwischen, damit die Deckschicht auch wirklich weggeputzt werden kann.
Wegputzlose wäre auch noch eine Möglichkeit.
Ich bemühe mich eine innere Haltung zu erreichen, auf das ich nicht all zu sehr enttäuscht werde, wenn das Los eine Niete ist. Ich kontempliere ein Mantra: Ist sowieso kein Gewinn. Sei nicht traurig. War ja nur eine Mark. Genieße die kleine Aufregung.
Die Felder liegen frei.
Und was soll ich sagen?
Das Bild ist mein!
Erst einmal starre ich reglos vor mich hin. So was kann man nicht begreifen.
Langsam nur kommt meine Ratio wieder in gang.
Wie jetzt vorgehen?
Zurück ins Erfrischungshäuschen, dort dem Betreiber mein Los zeigen.
Der gratuliert mir zu dem Gewinn von siebentausend Mark und bestätigt auch die Gültigkeit.
Ich drehe mich auf dem Absatz rum, gehe zielstrebig zur Galerie zurück. Finde alsbald den Herrn wieder, auch ihm zeige ich freudestrahlend das Los.
Er sagt, na bitte, nimmt das Los an sich und erklärt mir, während er das Bild für mich einpackt, dass dieses Los ja nicht namensgebunden ist und er es ebenso gut für mich einlösen kann. Er übergibt mir das Paket und wünscht mir noch einen schönen Tag.
Genau so geschwind und reibungslos bringe ich das Bild in mein Auto, kehre zum Kiosk zurück, sage da noch bescheit das der Galerist mein Los einlösen wird und das es seine Richtigkeit damit hat.
Der Besitzer nickt.
Und schon bin ich auf dem Weg in die nächste Galerie.
Kaum durch die Tür durch, spricht mich ein Mann an mit den Worten, da bist du ja!
Bin überrascht, sage ihm das er mich mit jemandem verwechselt hat.
Er wiederspricht mir, alle Besucher werden so empfangen, das gibt jedem das Gefühl der Vertrautheit und herzlich Willkommen zu sein.
Aha, ein Trick mutmaße ich.
Nein, sagt er, ein Kunstgriff und lacht. Er bietet mir seinen Arm an.
Ich hake mich bei ihm ein.
Schmunzelnd bemerkt er, mal sehen was es hier so gibt.
Ich antworte das er doch alles kennt.
Ja und nein, ist seine Antwort. Er kenne hier alle Bilder aber meine Reaktionen darauf natürlich nicht. Er sammle all diese Regungen, erklärt er mir. Er sehe sich als Verwalter der Bilder. Es gäbe Leute denen genüge zu wissen welchen Titel ein Gemälde trägt, sähen die Farben auf der Leinwand, für sie höre das Bild am Rand auf. Und er habe schon Menschen getroffen, die weder lesen noch schreiben konnten, die hätten ihn durch die Ausstellung geführt und ihm von Dingen in den Bildern berichtet, da habe er nur staunen können. Es gäbe Aufschneider die alles besser wissen und Besucher die zu eingeschüchtert sind um den Mund auf zu machen. Den einen gilt es zu stutzen den anderen vom Devotismus zu heilen. Es gäbe so viele Reaktionen vor den Bildern. Alle Regungen notiere er, zu jedem Bild. Das Werk das er dadurch erstelle werde: ein Kunst-Medikations-Buch. Es zeichneten sich immer genauere Trendreaktionen vor den Bildern heraus. Ob ich verstehen kann wie nützlich das sei, fragt er mich und wirkt sehr euphorisch dabei. Er begleite die Besucher hier durch die Ausstellung, zeichne ihre Reaktionen auf, übertrage sie sorgfältig in ein Buch. Seine Idee sei, dass ein Bild heilen kann. Bald wäre das Kunst-Medikations-Buch vollständig und er könne es an Ärzte verteilen, auf das sie es zur Therapie nutzen können.
Welch ein wunderbarer Gedanke. Ich gratuliere ihm zu seiner Inspiration.
Dann fragt er ob wir mal los sollten?
Er schickt sich an den Raum zu verlassen.
Ich schaue zu den ausgestellten Exponaten hinüber, moderne Kunst, Minimalismus oder so. Warum wir diese nicht ansehen, frage ich?
Bitte, wenn es sein müsste, antwortet er gedehnt. Er positioniert sich davor und litaneit einen Text herunter.
Ich frage, ob er so über alle ausgestellten Bilder sprechen werde? Zeige ihm deutlich, das es so mir auf keinen Fall gefalle.
Er schaut mich an, dann lacht er wie über einen gelungenen Spaß. Diese Dinger hätte er gemalt, einfache Vierecke auf buntem Grund. Der Raum wäre übrig gewesen und er hätte nicht wiederstehen können.
Ich griene und sage ihm das es diesen Gag in einer anderen Galerie schon einmal gibt.
Oh nein, sagt er, der meint es ernst!
Wir verlassen jetzt wirklich den Vorraum und widmen uns den echten Kunstwerken. Der Raum ist riesig. Solche Ausmaße hätte ich hier in keinem Haus vermutet. Solche Dimensionen vermutet man in gar keinem Haus. Es ruft ein Gefühl hervor von einem Universum in einem Universum. Ich frage nach ob es hier einen Orang Utan gäbe?
Er schaut mich irritiert an. Als Bildnis fragt er?
Als Bibliothekar antworte ich.
Er korrigiert, Kurator.
Ich akzeptiere, Kurator ist hier in diesem Universum passender.
Dann aber schlagen mich die Bilder in ihren Bann, es sind unbeschreiblich viele.
Die Exponate werden in offenen Nischen präsentiert, alles wirkt verschachtelt.
Ich drehe mich um meine Achse, es kommt einem Labyrinth gleich. Ich verbalisiere die Sorge das man sich hier verlaufen kann.
Er beruhigt mich, dies wäre zwar schon vorgekommen, letztlich hätte er mich aber von der Eingangstür abgeholt, was doch darauf hinweise das er jetzt den Raum kenne.
Haha, anders hätte ich an seiner Stelle ja auch nicht geantwortet.
Er macht sich fleißig Notizen über meine Reaktionen.
Bald brauche ich eine Pause, meine Füße schmerzen schon. Sitzgelegenheiten gibt es hier zur Genüge. Die Bilderflut muss verdaut werden, zumindest sollten sie sich setzen, so wie ich.
Ich resümiere: Keinen der Maler kenne ich, ihre Namen sind mir vollkommen unbekannt. Auch sind die allerwenigsten der Bilder auf Leinwand, die meisten sind auf Karton, gelegentlich sogar nur auf Kästchenpapier.
Ich spreche mit meinem Begleiter darüber, dass ich mich von dem Gefühl lösen muss, mich hier 2. Klasse Kunst gegenüber zu sehen. Es kommt wirklich zum Kampf in mir. Das Medium auf dem sich die Gemälde zeigen unterstützt ihre Wirkung einfach nicht genügend. Ich ärgere mich über meine Gedanken, wie verzogen ich bin, denn die Bilder sind fabelhaft. Sie vermitteln eine Melange aus nativer Kunst, wie man sie aus Afrika und Australien kennt mit unserer okzidentalen Haltung. Ich suche nach Worten.
Er hilft mir: Nicht akademisch!
Dem kann ich nur aus vollem Herzen zustimmen.
Ich muss es noch besser definieren, will klare Worte finden, damit die Gedanken, die in mir herum flattern wie eine wildgewordene Horde Schmetterlinge, auch klarer werden. Als ich mich davon gelöst habe, dass ein Kunstwerk nur auf ordentlichem Malgrund und mir hochwertigen Farben zur Wirkung gelangt, macht mein Kopf schnell den nächsten Schritt. Ich darf mich nicht von Oberflächlichkeiten beeindrucken lassen, wie sie vielleicht entsteht wenn man Dürers Hände betrachtet. Sicherlich ist das eine einwandfreie Arbeit, aber es ist nur wahnsinnig gutes Handwerk. Hier zeigen Künstler nicht das wie sondern das was! Sie erlauben uns einblicke in ihr Welt. Und ich mäkle an der Erscheinungsform herum.
Bravo! Er klemmt sich seinen Notizblock unter den Arm und applaudiert. Seine Augen leuchten vor Freude.
Welches Bild hatte wohl diese Reaktion in mir hervorgerufen?
Weiter geht es.
Er notiert.
Ich rede, frage und höre seinen Erklärungen über die Bilder oder die Situation der Künstler.
Was für eine Schande es gewesen wäre, wenn niemand das alles hier gesammelt hätte.
Wie viele wunderbaren Gemälde es noch auf der Welt gibt. Wie viele gute Künstler es gibt. Wie viel Potential im Verborgenen bleibt!
Hier drinnen kann man die Zeit vergessen.
Wir gehen von Nische zu Nische.
Einmal ist mir so, als ob mich ein Zwerg durch eine Mine führt. Tief unter der Erde, wo er mir die verborgenen Edelsteine zeigt, die die Geologie hervor bringt. Da ist mir ganz märchenhaft zumute.
So, sagt er irgendwann zu mir, gleich sei der Rundgang beendet.
Wir machen eine letzte Pause, setzen uns vor ein Bild das wie eine Waldszene wirkt. Abstrakt, aber ein dichter Wald. Und obwohl das Bild ausschließlich in dunkel gearbeitet ist, erweckt es dennoch das Gefühl, nur noch ein paar Schritte machen zu müssen um eine Lichtung zu betreten.
Ein gut gewähltes Bild.
Allerdings bezweifle ich das, wenn ich die Galerie verlasse, es draußen noch hell sein wird. Meiner Meinung nach hatte ich hier viele Stunden verbracht und äußere meine Gedanken.
Oh Schreck, ich hatte auch meine Bekannte vergessen.
Er reagiert gelassen. Das man sich auf das eigene Zeitempfinden nicht immer verlassen solle.
Wir öffnen die Tür zum Vorraum. Tatsächlich, der Marktplatz steht noch voll im Licht.
Auch wenn mich dies nach der Anmerkung über Zeitempfinden nicht überraschen sollte.
Na bitte sagt er, wir liegen noch gut in der Zeit.
Ich danke ihm für die Führung durch diese fantastische Ausstellung, wünsche ihm, allen beteiligten Ärzten und Patienten viel Erfolg und verabschiede mich.
Trotzdem, da ist das Gefühl deutlich mehr Zeit verbraucht zu haben.
Wir sind herum gewandert.
Gewandert!
Kann ich mich so täuschen?
Ich versuche hinter das Gebäude zu sehen. Unmöglich, alle Galerien sind hier Wand an Wand gebaut. Aber ich kann die Dächer der Häuserreihe dahinter sehen.
Normaler Abstand.
Auch kommt das unterkellern von Grün nicht in Frage, alles war ebenerdig, nie hatte ich das Gefühl das ich hinab gegangen bin.
Was wäre so schlimm daran, wenn ich akzeptierte das in einem Zimmer sehr viel mehr Raum ist als man im allgemeinen gewohnt ist?
Raum der sich an einem Ort sammelt.
Innerhalb dieser Ansammlung dehnt sich dann der Raum inversiev.
Dementsprechend ist innerhalb dieser hinter Null Dehnung mehr Strecke, also auch mehr Zeit.
Ach du lieber Herr Einstein. Schade das er diese Ausstellung nicht besuchten kann.
Ich hänge noch diesen Gedanken nach, da bemerke ich aus den Augenwinkeln Bewegung auf dem Marktplatz. Ich wende mich dem Geschehen zu das hier und dort stattfindet.
Es wird langsam zusammen gepackt.
Oh wie schade, meinetwegen könnte es ewig so weiter gehen.
Wende mich dem nächsten Eingang zu, im Rahmen steht eine sehr schöne Frau in elegantem roten Kostüm.
Ich frage ob es noch geöffnet hat?
Sie konsultiert ihre Uhr. Es sei fünf vor halb Fünf, also noch genügend Zeit sich ihr Exponat anzusehen. Nur keine Hast und Eile.
Ein Bild?
Ich betrete den Raum. Da hängt: Kreidefelsen auf Rügen, gemalt 1818, von Caspar David Friedrich.
Daneben kommt ein Buch zu liegen, aufgeschlagen mit einem schönen Kugelschreiber auf der rechten Seite.
Ich erkenne das die jeweiligen Betrachter des Gemäldes ihre Gedanken in das Buch geschrieben haben.
Ein Bild ruft mehr als Tausend Wörter hervor.
Die gutgekleidete Dame tritt ganz leise an mich heran, ruhig fordert sie mich auf auch etwas in das Buch zu schreiben, gerne dürfte ich auch blättern.
Ich tue wie mir geheißen. Betrachte das Bild.
Was könnte ich schreiben?
Was haben andere vor mir geschrieben?
Jeder hat sich daran gehalten, Datum und Ort zu vermerken. Beide aufgeschlagenen Seiten beginnen mit: Grün 2011. Es wird darüber notiert das das Licht auf dem Gemälde beeindruckend ist. Über die ruhige Schau hinaus auf das Meer, dass so etwas überhaupt möglich ist, also hinaus auf das Meer zu schauen, wenn man mitten in einem Raum, mitten in einem Land steht, weit weg von jeglicher Küste.
Ich schmunzle, stelle mich vor das Bild und schaue hinaus aufs Meer.
Ich blättre ein paar Seiten zurück.
Elberfeld 1987. Ich lese eine kleine Abhandlung von jemandem über die Farbwahl.
Ich blättre noch weiter zurück.
Paris 1940.
Oh, denke ich, das Buch begleitet das Bild aber schon lange.
Hie ist zu lesen, in altmodischer Schrift, wie viel dem Betrachter Friedrichs Position wert war, er nennt ihn einen Vorboten der Präraffaeliten.
Mal sehen wie weit das Buch zurück reicht. Ich schlage die erste Seite auf.
Die Schrift kann ich so gut wie gar nicht lesen: Schnörkel, Kringel, Striche oben und unten. Ein Klecks verrät mir das es mit einer Feder geschrieben wurde. Allein die Jahreszahl ist für mich zu entziffern.
1818.
Hat Friedrich selbst das Buch zum Bild gebracht?
Schade das ich davon gar nichts lesen kann.
Ich schlage wieder die Seite auf wo der Kugelschreiber liegt.
Mein Text lautet: Grün 2011.
Ich kann mich nicht entscheiden was ich notiere soll.
Entweder, wie mich die Idee beeindruckt einem Bild ein Buch auf dem Fuße folgen zu lassen um es alle Gedanken der Betrachtenden aufsammeln zu lassen.
Oder, ob ich schreiben soll, dass ich noch niemals auf Deutschlands größter Insel war.
Hier an dieser Stelle verspreche ich Herrn Caspar David Friedrich, das ich demnächst nach Rügen fahre, um mich dorthin zu stellen wo ich jetzt stehe. Vielleicht werde ich ein rotes Kleid tragen.
Ich wende mich dem Gemälde zu. Schaue an Kreidefelsen vorbei hinaus auf das Meer.
Die Dame tritt wieder an mich heran, wirft einem Blick in das Buch, nickt, lächelt, nimmt mir den Stift aus der Hand und schließt das Buch.
Tja. Das ist eindeutig. Mehr gibt es auch nicht mehr für mich hier drinnen zu tun.
Draußen auf dem Marktplatz wähle ich ein Kaffee das mir den Blick auf das Treiben gewährt, ohne zu stören oder gestört zu werden.
Eine Glas Sekt wird mir serviert.
Ich bin mir sicher keine Bestellung getätigt zu haben, aber es ist genau das was ich will.
Siedendheiß fällt mir meine Bekannte ein!
Wieder gibt es nur diese Ansage.
Jetzt mache ich mir Sorgen. Ihr wird doch nichts zugestoßen sein?
Nicht mehr so entspannt trinke ich den Sekt.
Ich vergewissere mich noch einmal bei der Kellnerin, als ich bezahle, ob jedes Jahr hier in Grün das Festival stattfindet.
Sie nickt und kassiert.
Schnell gehe ich zu meinem Auto. Das Gläschen Sekt bringt mich auf trab und die Sorge die ich in meinem Inneren fühle mahnt.
Nicht das sie seit Stunden auf meine Hilfe hofft.
Lange kann es ja nicht dauern bis das ich bei ihr bin. Ich unternehme weder einen Versuch auf dem verschmierte Zettel zu lesen, noch schaue ich in die Straßenkarte. Ich steige ein und fahre gleich los. Das soll man eigentlich nicht, so knapp nach dem Genuss von Alkohol.
So weit ich mich an das letzte Telephonat erinnere, hatte sie zu mir gesagt, dass ich nach Grün nur der Straße folgen solle und dann das rot-weiße Haus schon sehen würde.
Zumindest habe ich ein sicheres Gefühl jetzt in die richtige Richtung zu fahren.
Ich gebe richtig Gas. Eine Mischung aus zu Hilfe eilen und Sekt spricht aus meinem Fuß.
Ein Fasan, der genau diesen Zeitpunkt wählt um im niedrigen Flug, vor mir, die Straßenseite zu wechseln, macht das ich scharf bremsen muss.
Das Bild hinter mir rutscht von der Rückbank.
Das Herz in mir rutscht auch eine Etage tiefer.
Der Fasan macht das ich den Alkohol im Blut instantan abbaue und von dem Moment gesitteter fahre.
Keine fünf Minuten später sehe ich auch schon das Haus.
Ich parke auf dem Seitenstreifen vor dem weißen Holzzaun der das Haus umgibt, ziehe die Handbremse. Mein Blick fällt auf die Uhr im Armaturenbrett. 13:00. Ach, die ist ja kaputt. Greife meine Tasche, ziehe den Schlüssel ab, lege meine Brille auf ihren Platz. Noch einmal streift mein Auge die Uhr, 13:01. Oh? Technik! Verschwende aber keinen weiteren Gedanken, springe aus dem Auto, öffne das Gartentor und sause Richtung Haustür.
Die geht in dem Moment auf und eine vollkommen gesunde und freudestrahlende Ingrid kommt auf mich zu, mit den Worten, da bist du ja schon, pünktlich wie die Maurer.
Wir umarmen uns erst einmal.
Ich beglückwünsche sie zu dem tollen Haus, dann erst gehe ich auf ihre Anspielung ein, vier Stunden später als erwartet hier ein zu treffen. Erkläre ihr, das ich zuerst in dichtem Nebel gefangen war, dann festgestellt habe ganz falsch gefahren zu sein und dann in der Stadt Grün dieses Festival der Kunst angesehen habe. Das ich aber drei mal versuchte sie anzurufen und mir schon Sorgen gemacht habe. Das alles zusammen die Gründe seien weshalb es so spät geworden ist.
Ingrid macht ein bisschen ein komisches Gesicht. Sie rollt mein Gesagtes von hinten auf. Spät, fragt sie, du bist absolut pünktlich. Und geklingelt hätte ihr Handy nicht. Was für eine Stadt Grün, der nächste Ort ist Bleuern, dazwischen gibt es nichts, nicht mal eine Bushaltestelle. Was für ein Festival? Davon müsste sie doch wissen, wenn ein Fuchs hustet weiß das hier jeder. Zu dem Nebel kann sie nichts sagen.
Wir stehen immer noch vor der Tür und schauen einander an.
Ihr Blick verrät das sie sich auf den Arm genommen fühlt.
Mein Blick spricht von Verwirrung.
Ich sage, es ist nach Fünf.
Ingrid hebt ihren Arm mit der Uhr, streift ihren Pullover beiseite, ließt die Zeit ab, gerade kurz nach Eins.
Ja aber?
Sie fragt ob ich sie veräppeln wolle.
Nein natürlich nicht!
Ich will es beweisen, hole mein Handy raus, suche die Seite mit den getätigten Anrufen. Kurz bevor ich den Bericht lesen kann, fläscht noch mal ganz kurz das Signal auf, Akku laden, dann ist der Monitor schwarz. Ich erinnere mich sofort das das Netzteil zuhause liegt. OK, das passt.
Ich versuche es noch mal. Frage nach, du hast mir doch am Telephon gesagt, das ich nach Bleuern links Richtung Grün fahren soll.
Sie sagt, so etwas hätte sie nie und nimmer behauptet, es gibt hier keinen Ort mit dem Namen Grün und sieht dabei so aus, als ob sie das sehr ernst meint.
Aber der ist doch in der Karte verzeichnet, beharre ich.
Sie sagt, komm wir holen dein Gepäck und dann zeigst du mir Grün auf der Karte.
Ich muss von der Fahrerseite rein, weil ich so nah am Zaun geparkt habe. Die Karte ist immer noch ganz schwer und wellig vom Wasser.
Was ich damit gemacht hätte? Ins Wasser geworfen?
Nein, sage ich, das war der Nebel. Schon als ich mein eigenes Gesprochenes höre fürchte ich ihre Reaktion.
Ich ernte einen sehr spöttischen Blick.
Ich verstehe Ingrid ja. Die Karte ist so nass, sie steht kurz vor tropfen. So etwas kann kein Nebel, also kein normaler Nebel. Aber das war ja auch der weltbeste Nebel. Supernebel!
Bemerke das ich das letzte Wort laut ausgesprochen habe.
Sie lacht laut auf. Ja klar!
Ich überhöre diese Spitze, wende mich der Karte zu.
Da! Da ist Grün. Drücke meinen Finger auf die Stelle, als ob sie mir sonst entwischen würde. Lehne die Karte an das Autodach, versichere mich das Ingrid auch wirklich hinschaut und ziehe meinen Finger weg.
An dieser Stelle könnte man jetzt das Verb rubbeln verwenden!
Diese von mir so unbedacht durchgeführte Berührung gab der Karte genau an der Stelle den Rest.
Gar nix ist zu erkennen.
Grün ist von der Karte getilgt.
Wieder lacht Ingrid.
Sie hält das Ganze wohl für einen Jokus.
Wohl inszeniert von mir, aber nur ein Jux.
Ich zweifle an mir selbst.
Nein! Meine Stimme klingt flehend. Es ist alles wahr. Ich schaue sie an. Erinnere mich. Noch habe ich einen Trumpf.
Das Bild!
Ich beuge ein wenig mein Knie um in das Auto zu schauen.
Oh nein, es ist verschwunden, rufe ich aus.
Ingrid fühlt sich bestens unterhalten. Straßentheater. Sie spielt mit. Auch um ihr Entsetzen zu beteuern, legt sie beide Hände an die Seiten ihres Gesichts und ruft auch aus, Verschwunden!?
Fast bin ich gewillt blöde Kuh zu ihr zu sagen. Mir ist es ernst.
Ich hatte Vier Stunden!
Aber ich sage es nicht. Ich kann ja nur froh sein das sie nicht auf den Gedanken kommt, dass ich auf dem schmalen Grat zur Einweisung balanciere.
Jetzt endlich fällt mir meine Bremsung ein.
Laut sage ich, ach ja, der Fasan!
Sie stimmt mir zu, genau, der Fasan war es!
Ich könnte sie würgen.
Schiebe sie beiseite, öffne die hintere Tür. Da ist das Bild. Ich greife beherzt zu. Jetzt kann nichts mehr schief gehen. Sicherlich wird Ingrid mir nicht glauben. Ein eingepacktes Bild ist kein Beweis. Na ja, für sie nicht. Für mich schon. Noch an Ort und Stelle packe ich es aus.
Ich traue meinen Augen nicht.
Es ist nicht das Gemälde.
Auch kann der Galerist es nicht verwechselt haben.
Es ist mein Bild.
Also ein Bild welches ich gemalt habe, vor Monaten.
Ein Bild, das Ingrid und ich auf einer Ausstellung gesehen haben.
Sie fand es schön, wollte es aber lieber in rot haben. Vorher war es grün.
Und das habe ich gemacht.
Und es vergessen.
Ganz vergessen.
Ganz und gar.
Ihr langer Umzug. Dann, bis ein Termin für meinen Besuch gefunden war.
Vergessen.
Er wäre ein schönes Einzugsgeschenk gewesen.
Ist eins.
Ingrid jubelt und fällt mir um den Hals.
Sie erkennt es wieder. Ist ja auch für sie.
Ich will ein großes Glas Wein.
Und eine Zigarette.
Und mich hinsetzen.

Mittlerweile ist es 22 Uhr hier im Haus.
Wir haben die Geschichte mindesten zehn mal durchgekaut.
Ingrids Position besagt: Gute Geschichte. Nichts lässt sich von dem was ich behaupte beweisen. Die Uhr im Auto kann ich zurück gestellt haben. Die Straßenkarte und die Küchenrollentücher mit einer Flasche Wasser zu dem gemacht haben. Und so weiter. Es gibt keine Beweise.
Allein, ich sehe so unglücklich aus.
So unglücklich das sie mir Glauben schenken muss.
Sie spricht weiter und meint, das wenn man mal ganz klar das Geschehene betrachten würde, stelle sich gar nicht die Frage ob das ganze Inszeniert sei, sondern was ich in den Vier Stunden gesehen und gelernt hätte. In den Vier Stunden sei mir doch etwas klar geworden. Daraus sollte ich was machen. Ich sei doch so begeistert. Schreib das doch mal auf!
Ich lasse ihre Worte auf mich wirken.
Es ist eine gute Idee.
Ingrid steht auf. Schlaf mal eine Nacht darüber und träum was schönes.
Du auch, wünsche ich ihr.
Das letzte an das ich mich erinnere bevor ich einschlafe sind die Gedanken: Wäre ich auch mit einem GPS nach Grün gekommen? Und, in welchem Frechen haben wir uns auf der Radtour befunden?

PS:
Zum Beweis das die Geschichte wahr ist, hier das Bild das ich für Ingrid gemalt habe.
PPS:
Und. Ich hoffe die Künstlerin, die das Original in Grün gemalt hat entschuldigt mein Klauen.

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