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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Wahlen im Wahlkampf – Sex ohne Esprit, Rock und Drogen
Eingestellt am 17. 07. 2006 01:37


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DayDreamer
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Es ist etwas Wunderbares, wenn man seiner eigenen Meinung Ausdruck verleihen kann. Das kann in Form von Handzeichen, Stimmenthaltungen oder eben auch in der ganz normal-morbiden Form der wahlkabinentechnischen Abstimmungsprozedur geschehen. Doch was kommt danach, wenn die Stimmen gezählt sind? Das Ende in einer Ansichtssache.


Mein offeriert seine Meinung, wenn man traditionell gefestigt ein Morgenkipferl statt einem Croissant präferiert; wird zum konsequenten Wechsler wenn man vormittags im oralen Kaugummizeitalter von herber Minzfrische zu wohliger Kirschdemenz wechselt und zum unsicheren Unentschlossenen, wenn man sich Abends nicht zwischen den Bars entscheiden kann und somit zu Hause bleibt.
In wohl gewählten Abständen begütet uns die Errungenschaft der Demokratie mit einem Anspruch der allumfassenden, wahrhaftigen Partizipation. „Demokraten aller (Bundes-) Länder vereinigt euch, ein Gespenst geht um“, hallt es durch die verfallenen Gassen der bröckelnden Altstadt. Spukwarnungen, Gruselgeschichten und der Ruf nach Geisterjägern umwirbt die Stimmung ausgehend von der jeweiligen Gegenpartei. Und wir wissen: Es wird Zeit inne zu halten. Zeit zu reflektieren. Zeit, seine vor Jahren getroffene Entscheidung zu evaluieren und entweder positiv oder negativ zu resümieren und dementsprechend zu agieren: Sprich revidieren oder bestätigen.
Ebenso kompliziert-komplex wie dieses Satzgebilde ist diese Festlegung. Diese unscheinbare Feststellung die ihren Anfang ebenfalls in Griechenland nahm: Wahlen finden hauptsächlich immer während der Zeit des Wahlkampfes statt.

Eine Tatsache, mit der man sich scheinbar abfinden muss.

Dennoch ist die Illusion noch nicht zu Ende. Werden wir uns folgendem Statement bewuss

[Es ist viel mehr als eine Selbstlegitimation der politischen Eliten; viel weniger als eine echte Bürgerbeteiligung.]


Es ist doch seltsam, in wie viele Entscheidungen man so gepflegt oberflächlich anonym eingebunden wird. Man hetzt von Gemeinderats- zu Landtagswahlen. Wählt den Nationalrat. Wählt den Präsidenten. Man wählt die EU-Abgeordneten. Nebenbei wählt man aus der Kaffeekarte. Man wählt die Vereinsmandatare. Wählt den Betriebsrat. Wählt in naher Zukunft vielleicht sogar den ÖGB-Präsidenten. Man wählt zwischen Cola und Cola Light. Man wählt den Pfarrgemeinderat. Man wählt den Superstar und den Containerkönig. Man wählt den Lieblingsfußballklub. Man wählt die ÖH-Delegation. Man stimmt für oder gegen Atomkraftwerke.
Offensichtlich wählt man schon sehr viel. Ein Umstand, der mit dem Blut von Generationen erkämpft wurde. Etwas, weswegen man anerkennend auf die freien Schultern klopfen sollte und sich selbstgefällig dekadent seiner eigenen Herrlichkeit bewusst werden sollte. Und dennoch ist es irgendwie seltsam.

Ich kann es weder beschreiben noch begründen. Doch diese Trägheit, diese Selbstgefälligkeit – unsere Sattheit – werden uns zum Verhängnis. Indem man uns vorgibt und vorlebt, man offeriere uns alle Möglichkeiten der Mitbestimmung lenkt man uns von unserer eigenen Aufgabe ab: Fragen zu stellen und aktiv mit zu entscheiden. Nicht bloß zu wählen.
Diese Illusionen der „aktiven Mitentscheidung“ werden vor allem in Wahlkampfzeiten behütet vor den Vorhang bemüht. Wahlwerbende Gruppierungen aller Richtungen bedienen uns mit ihren Meinungen und Visionen. Es sind nicht unsere Visionen und Ideen. Nicht unsere Meinungen. Es sind die der Parteien, die sie zur Abstimmung stellen.
Doch wer sind „wir“. Wer oder was ist diese Gesellschaft, die hier so scheinbar übergangen wird? Wer sind wir, denen von Hasardeuren vorgeworfen wird, dass eine Partei ohne Zustimmung in der Bevölkerung keine Positionen entwickeln kann. Dass die Partei – zumindest in unsere Verständnis von Demokratie – selbst aus Mitgliedern der Gesellschaft besteht. Das wir selbst alle Teile dieser Parteiengruppierung sind und werden können.

Doch eben das ist es, was ich mit dieser „Illusion der absoluten Mitbestimmung“ meine. Damit, wie man uns mundtot macht indem man uns vorgibt, wir säßen sowieso direkt in den zentralen der Macht. Das ist es, wenn ich davon spreche wie belogen, ausgegrenzt und peripher man sich – selbst zu Wahlkampfzeiten – vorkommt. Man lässt uns scheinbar die vollkommene Wahlfreiheit einer Kaffeekarte und vergisst auf jene Mehrheit, die sich als Teetrinker deklarieren. Und dies, obwohl wir gerade an der Theke einer Cocktailbar gustieren.

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petrasmiles
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Vor lauter Seitenhieben ist mir jetzt die Botschaft abhanden gekommen :-) Ich werde Deinen sehr eloquenten Text noch einmal lesen müssen - manchmal ist er (mir) ein bisschen zu eloquent. Zu anspruchvoll formuliert hebt alle Aussagen auf die gleiche Ebene und dann konkurrieren sie miteinander - und so entsteht dann vielleicht auch der Eindruck wie bei mir, ja gut, worum ging es noch einmal? (Kann das auch an der Hitze liegen?)
Was ich aber verstanden habe, und womit ich nicht einverstanden bin, dass ist die Gesellschaftskritik, die nur 'nölt', nicht Ross, nicht Reiter nennt. Was mir fehlt, ist, an welchen Idealen die Realität hier denn gemessen wird. Außerdem halte ich die zitierte Sattheit für einen Trugschluß, auch, wenn es immer noch viele gibt, die sich in der Tat selbstgefällig nur um sich selbst drehen.
Dann halte ich auch die Motive, wählen zu gehen, für sehr sehr vielfältig. Ich argwöhne, dass die von Dir heraufbeschworenen Leute eher gar nicht wählen gehen würden, als dass sie sich 'einlullen' ließen.
So, wie der 'gemeine Mann' von der berühmten Straße heute oder demnächst eingebunden sein wird in seinen Überlebenskampf, können wir froh sein, dass er überhaupt wählen geht. Wenn er das aus Gründen der Staatsräson tut, weil sein Herz links schlägt, er den Kandidaten 'X' toll findet, oder sich aus Partei 'Y' eine Verbesserung seiner Lage erhofft, nie wird er in der Lage sein, all diese Entscheidungsprozesse nachzuverfolgen, geschweige denn mitzugestalten. Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen, dass die Mitgestaltung von politischen Entscheidungsprozessen vermehrt zu einem Luxus verkommt, den sich dann auch nur die Reichen werden leisten können. Ich finde es intellektuell unfair, diese strukturelle Problematik in eine charakterliche oder eine der Aufgeklärtheit umzugießen.
Die Aussage, besser aktiv durch geistige Teilhabe dabei zu sein, anstatt sich nur aufs Wählen zu beschränken, ist nicht falsch, sie taugt nur nicht als Postulat - und eigentlich auch nicht als Gesellschaftskritik.
Aber jetzt lese ich das erst noch einmal. Schön geschrieben.

Gruß
Petra

P.S. Ich bewerte nicht, weil ich als Gutwerter immer Punktabzug bekomme und damit einen Text statt zu erheben in den Keller klicke; für mich wäre das eine 6 bis 7.
__________________
Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug für Gutwerter!

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DayDreamer
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Hallo! (:

Vielen, vielen Dank erstmal für deinen ausführlichen Kommentar.

Ja, du hast mich auf etwas aufmerksam gemacht was ich lange nicht wahrhaben wollte (Seit ich 17 bin, also seit 5 Jahren *g*). Aber es ist anscheinend wirklich so: Oftmals, wenn eben diese "eloquten Passagen" durchkommen, ist es so, dass die Wörter und Sätze den Text und die Bedeutung neigen und bestimmen. Und nicht umgekehrt. Dass gewisse Sachen spontan eben ganz schnell so formuliert werden wie hier - und damit teilweise oft am eigentlichen Sinn vorbeigehen und wirklich des Lesens wegen geschrieben sind. Und nicht der Aussage wegen - wie es aber der Sinn des Textes sein sollte.

Mal schaun, ob sich das in diesem Leben noch ändern lässt... ;-)

Superschönen Sommer!

lg

chris

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