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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wahn
Eingestellt am 02. 03. 2001 00:28


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Oliver Uschmann
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WAHN


Es kam ihm vor, als w├Ąre er schon seit Stunden auf der Autobahn. Die Stra├če wird bei Nacht zu einem Ort ohne Zeit und Raum. Die Orte am Stra├čenrand sieht man nicht, lediglich die verdreckten Ausfahrtschilder deuten daraufhin, da├č es sie gibt.
Es k├Ânnte sie ebensogut nicht geben und man w├╝rde es nicht merken.
Die Stunden verschmelzen wie die Striche auf der Fahrbahn und erst am Ziel wird einem wieder bewu├čt, da├č man irgendwo hin wollte.

Die L├╝ftung brummte bet├Ąubend und aus dem Radio fl├╝sterten Stimmen und Musik verhalten in die stickige Luft des Wagens.
Er hatte f├╝r Momente wirklich mit Sekundenschlaf zu k├Ąmpfen, er war ersch├Âpft,m├╝de und ausgelaugt.
Die Messe selbst war keine gro├če Anstrengung gewesen, aber das st├Ąndige ApresÔÇś an der Bar mit den Kollegen, die nahezu schlaflosen N├Ąchte im Hotelzimmer ÔÇô das schlauchte ganz sch├Ân, auch wenn er sich f├╝r seine Ersch├Âpfung fast sch├Ąmte.
Immer, wenn er einen LKW ├╝berholte, linste er aus den Augenwinkeln in die erleuchtete Kabine, sah gro├če, haarige M├Ąnner in Unterhemden, die sich m├╝de ├╝berÔÇÖs Steuer beugten, dachte an ihr Gehalt, dachte an sein Gehalt und sagte zu sich, da├č er so ersch├Âpft nun doch nicht w├Ąre.

Er zog gerade wieder an einem massigen Lastzug vorbei und blickte her├╝ber.
Wieder war die Kabine erleuchtet und wieder drehte der Fahrer, der gerade noch resigniert geradeaus gestarrt hatte, nach einer Sekunde den Kopf und sah ihn an.
Erstaunlich. Seit er ein Kind war, hatte er dieses Spiel gespielt und war immer wieder verbl├╝fft gewesen, wie schnell die Leute bemerken, da├č sie angestarrt werden.
Freie Bahn. Er beschleunigte ein wenig mehr und lie├č die Stra├če unter sich weggleiten. Nach einer Zeit wurde es ihm zu ungem├╝tlich und er fuhr wieder auf der rechten Spur. Das Radio wisperte, die Lichter zogen vorbei.
Ruhe.
Monotonie.
Rauschen.
Pl├Âtzlich zuckte er zusammen, als dieses Gesicht links neben ihm in der Scheibe erschien. Der Wagen ├╝berholte ihn qu├Ąlend langsam, fuhr neben ihm her und der Typ hinterm Steuer blickte kurz zu ihm her├╝ber.
Es war nur ein Moment, aber der Schreck sa├č ihm so tief in den Gliedern, da├č er abbremste und der andere Wagen davonscho├č.
Sein Herz raste. Seine H├Ąnde waren feucht.
Dieser Blick...dieses Grinsen...
ÔÇ×Was soll das ? Bin ich verr├╝ckt, oder was ?ÔÇť Er rief sich zur Ordnung. Es war doch gar nichts passiert, oder ? Meine G├╝te, was f├╝r ein l├Ącherlicher kleiner Anfall. Er drehte das Radio ein bi├čchen lauter und h├Ârte sich die Nachrichten an.
Im Kopf formten sich Kommentare zum Geh├Ârten. Er sch├╝ttelte zufrieden den Kopf ├╝ber die Fehltritte, die er wieder in der Politik erkannte. Er beurteilte,er verurteilte, er setzte ein s├╝ffisantes L├Ącheln auf. Er war wieder Herr der Lage,sein Verstand fuhr wieder mit im Cockpit. Dieses winzige Gef├╝hl, diese vage Ahnung einer kindlichen Angst vor etwas Undefinierbarem, hatte sich in tiefere
Regionen verabschiedet.

Der Motor brummte. Kraft. Durchzug. Er f├╝hlte sich gut, was sollte das Ganze, wor├╝ber sollte er sich beschweren ? Hier sa├č er in einem gro├čen, komfortablen Wagen. Er sah gut aus trotz der letzten Tage, er kam von einer Messe nach Hause zu seiner Frau. Es gab keine Probleme, keinen Beziehungsknatsch. Das Auto surrte, er war gut rasiert.

Es ging nicht um das Auto oder ob er trotz mageren zehn Stunden Schlafs in drei Tagen noch gut aus sah ÔÇô es ging darum, was das alles bedeutete, wof├╝r das alles stand.

Ein gro├čes Schild k├╝ndigte eine gro├če Rastst├Ątte an. Eines dieser monstr├Âsen Schilder mit vielen Symbolen ÔÇô Toilette, Restaurant, Hotel, Tanken, Essen, Trinken, Schlafen, Duschen, Picknicken, Fernsehen, Telefonieren ÔÇô ein wahrer Freizeitpark.
Er setzte den Blinker und fuhr auf den opulenten Parkplatz. Er erleichterte sich, schaufelte sich sch├Ânes, k├╝hles Wasser ins Gesicht und betrat das Restaurant. Es war ein gro├čer, runder Raum. In der Mitte eine runde Theke mit Salatbuffet und Obst, an den Seiten kantinenartige Theken mit den verschiedensten Gerichten und kleinen Stra├čen f├╝r die Tablette.
Er schnappte sich ein k├╝hles Di├Ąt-Bier, mixte sich gut gelaunt einen Salatteller zusammen und bezahlte.
Er sa├č in einer dieser gem├╝tlichen Sitzecken, knabberte ein frisches Salatblatt, machte der Rastst├Ątte stille Komplimente, trank einen Schluck Bier und verschluckte sich derart, da├č er w├╝rgen mu├čte, um Atem rang und f├╝r einen Moment seine Augen hervortraten. Da sa├č er. Da dr├╝ben. Am anderen Ende des Raumes.
Dieses Gesicht. Diese Augen. Hatte er ihn gesehen ? Anscheinend nicht, er stocherte mit Gabel und Augen in seinem Teller herum, sein Kopf spiegelte sich in der dunklen Scheibe und er...hob den Blick, drehte den Kopf und sah f├╝r eine Sekunde zu ihm her├╝ber...und grinste.

Er zuckte zusammen, spuckte seinen Salat aus, stie├č im Aufstehen seine Flasche um und ging z├╝gig hinaus, w├Ąhrend das Bier den Tischrand erreichte und in z├Ąhen F├Ąden auf den Boden tropfte.
Seine Augen tasteten hektisch nach seinem Wagen, eine leichte Panik ├╝berfiehl ihn, als er ihn nicht sofort sah, aber dann lief er, rannte er darauf zu, hieb den Schl├╝ssel in die T├╝r, stieg ein, ri├č die Handbremse los, z├╝ndete und fuhr los.
Der Schwei├č sa├č ihm im Nacken. Er fuhr auf die Autobahn und als er gerade aufatmen wollte, sah er einen weiteren Wagen die Rastst├Ątte auff├Ąllig schnell verlassen.
Das mu├čte er sein, jetzt war er hinter ihm her.
Er trat aufs Gaspedal und zitterte. Die Autobahn war leer. Bis auf die zwei Lichter hinter ihm, die best├Ąndig n├Ąher kamen.
Er hatte das Gef├╝hl, als liege der Typ hinten auf der R├╝ckbank und w├╝rde ihn gleich im Nacken packen ; als k├Ânne er ewig fahren und er h├Ątte ihn doch schon l├Ąngst. Es war so dunkel.
Es war so unwirklich.
Wo sollte er hin, was sollte er denn jetzt machen ?
Die Lichter kamen n├Ąher. Er gab alles, die Tachonadel war mittlerweile bei 250 angekommen. Die Lichter entfernten sich langsam. Ein kurzer Gedanke an die Messe scho├č ihm durch den Kopf. Sein Atem wurde etwas ruhiger.
├ťbersicht, das war es, was er brauchte. Er wurde k├╝hn, verlangsamte etwas und lie├č den Wagen ein bi├čchen herankommen.
Er starrte in den R├╝ckspiegel und versuchte, das Nummernschild zu erkennen.
Er nahm all seinen Mut zusammen, verringerte den Vorsprung noch mehr...nun erkannte er es, seine Angst pr├Ągte ihm die Zeichen in Sekundenbruchteilen unausl├Âschbar ins Gehirn und er gab wieder Gas.

Diese Aktion gab ihm etwas Selbstbewu├čtsein. Er hatte sich dem Feind gen├Ąhert.
Der Feind hatte eine Nummer, war eindeutig geworden.
Hinter ihm erschien ein LKW. Endlich wieder anderes Leben auf der Autobahn.
Das massige Gef├Ąhrt gab ihm R├╝ckendeckung. Es tat gut, einen Schutz zu haben.
Er wurde ruhiger. Pl├Âtzlich zog hinter dem LKW ein Wagen heraus und ├╝berholte. Er. Von wegen Schutz. Von wegen Ruhe. Was bildete er sich eigentlich ein ?
Es war noch nicht zuende. Er trat wieder aufs Gas, doch der andere Wagen n├Ąherte sich und wechselte wieder auf die rechte Spur. Er hatte ihn wieder im Nacken.
Die Minuten vergingen, nichts passierte.
Die zwei Lichter blieben best├Ąndig hinter ihm. Sie wurden nicht schneller, sie wurden nicht langsamer.

Sollte das nun so weiter gehen, ja ? Stellte er sich das so vor ? Sa├č er nun da in hinter seiner Windschutzscheibe und grinste ? Wollte er ihn solange trietzen, bis er nicht mehr konnte ?
Seine Angst verwandelte sich langsam. Sie wurde zur Wut. Zu einer bei├čenden Wut, die den Magen zusammenzieht. Zu einer Wut der Dem├╝tigung.
Das konnte er mit ihm nicht machen.
Er hatte Angst wegen diesem Typ.
Er war verschwitzt und stank.
Er geriet in Panik wegen diesem grinsenden Mistkerl.
Das konnte man mit ihm nicht machen, das ging zu weit.
Er konnte nicht mehr kontrollieren, was er tat. Seine Wut zog ihn hinter sich her und er war ihr hilflos ausgeliefert.
Er zog auf die linke Spur, trat auf die Bremse bis der andere Wagen pl├Âtzlich rechts neben ihm war, ri├č das Steuer rum und rammte ihn.
Der andere Wagen geriet ins Schleudern, kam von der Stra├če ab, schlidderte ├╝ber das kleine Rasenst├╝ck und raste seitlich in den dichten Baumbewuchs am Stra├čenrand, fr├Ąste eine kleine Schleuse in die d├╝nnen, zersplitternden B├Ąume und h├Ąmmerte letztlich gegen einen gro├čen Baum auf dem Feld dahinter.

Er betrachtete das Spektakel im R├╝ckspiegel und wu├čte nicht, was er f├╝hlte.
Ein Gef├╝hl von Triumph kam in ihm auf, doch es drehte ihm den Magen um.
Ein Gef├╝hl von Erleichterung kam in ihm auf, doch es war die Art von Erleichterung,die man hat, wenn man ein durchgehendes Pferd erschie├čen mu├č, da es einen sonst zu Tode trampelt und hinterher liegt es da, blutend.
Er trat auf die Bremse und fuhr auf die Standspur.
Als er die T├╝r ├Âffnete, den Asphalt unter seinen F├╝├čen sp├╝rte und die frische, k├╝hle Luft einatmete, wu├čte er nicht, was er dachte, was er f├╝hlte, wer er war.
Eine ganz normale Autobahn. Eine laue Sommernacht. Leiser Wind.
Zitternd ging er zu der Stelle, an der der Wagen durch die B├Ąume gebrochen war.
Seine Schritte waren z├Âgernd, seine Beine wurden immer weicher, als er in den freigefr├Ąsten Weg einbog und das Wrack des Wagens sah.
Er ging darauf zu, horchte, zitterte, ├Âffnete die verbogene T├╝r.
Ein zerschundener K├Ârper im inneren des Wagens.
Er ber├╝hrte die Schulter, bog ihn zur├╝ck.
Es war eine junge Frau.
Sie war tot.

In seinen Augen starb etwas. Er drehte sich um, rannte zur Autobahn zur├╝ck und ├╝bergab sich auf den Asphalt. Auf seine Knie abgest├╝tzt blickte er in Fahrtrichtung.
Ein Schild k├╝ndigte die n├Ąchste Ausfahrt in tausend Metern an.
Es w├Ąre seine gewesen.


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