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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wahnsinnsliebe
Eingestellt am 25. 09. 2000 16:47


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Rei
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Sep 2000

Werke: 21
Kommentare: 13
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1, Provozieren

Das Bild, dieses schreckliche Bild, das er ihr immer zeigte, wenn sie die Augen ├Âffnete. Das schreckliche Bild, das sich in die Innenseiten ihrer Augen gebrannt hatte, so dass sie es immer sah. Schrecken, Gewalt, Blut, das war alles, was von ihm ├╝brig geblieben war. Mehr gab es von ihm nicht mehr, nicht, seit er die Sache in die Hand genommen hatte. Seitdem sie hier war.

Er sagte, er liebt sie, bevor er ging, bevor er sich ihr n├Ąherte, bevor er die scheuernden Handschellen anlegte. Was hatte ergef├╝hlt, als er ihr das Liebste in ihrem Leben genommen hatte, das, was er auf dieses schreckliche Bild verbannt, es in ihm verewigt hatte? Sie wollte nicht daran denken, sie wollte an gar nichts denken. Aber das Bild war da. Die aufgerissen braunen Augen, die immer so sanft waren. Der entstellte Mund, der sie immer so sanft gek├╝sst hatte. Die gebrochenen Finger, die sie immer so sanft gestreichelt haben. Die tiefe Stimme, herausgeschnitten. Alles vorbei, alles verbannt auf dieses Bild, das in ihrem Hirn abgespeichert war, immer verf├╝gbar.

Nie h├Ątte er sie bekommen, h├Ątte er nicht das unaussprechliche begangen, das, was sie jeden Tag sehen musste. Ihre Liebe h├Ątte sie besch├╝tzt, beh├╝tet. Er hatte ihn ihr genommen.

Die Handschellen dr├╝ckten ihr das Blut ab. Die Finger schliefen ihr ein. W├╝rde das ein Liebender zulassen? Warum hatte er das getan?

Sie wusste noch, wie es begonnen hatte, damals, als sie g├╝cklich mit ihm hatte sein wollen, doch dann kam er und zerst├Ârte ihr Gl├╝ck, ihre Liebe. Dr├Ąngte sich zur├╝ck in ihr Leben, aus dem sie ihn Jahre zuvor verbannt hatte. Doch er war wieder da. St├Ąrker, entschlossener, brutaler. Hatte ihn ├╝berrascht, ihn eiskalt ermordet, dieses Foto gemacht, mit dem er sie jetzt jeden Tag konfrontierte.
Er sagte, er kann das auch mit ihr machen, aber er tat es nicht. Er liebte sie. Er tat gar nichts, au├čer sie anketten, damit sie nicht weglief.
Das Bild h├Ątte l├Ąngst jeden Schrecken verloren haben m├╝ssen, aber das hatte es noch lange nicht. Immer wieder war etwas neues da, was sie erneut erschreckte, schockierte. Die Tr├Ąnen waren l├Ąngst versiegt, tief in ihr begraben. Das machte ihm Sorgen, aber er wollte sie nicht zwingen. Er zwang sie zu gar nichts, nur zu den Dingen, die gut f├╝r sie waren. Darum hatte er ihr ihn ja auch genommen. Er war der Mann in ihrem Leben, nicht der andere. Jetzt jedenfalls nicht mehr.

Sie hob ihren Kopf, als der Schl├╝ssel in der T├╝r ging. Er war wieder da. Er verbannte die Erinnerungen, machte sie wieder zu einem Niemand. Sie wollte weinen, konnte nicht. Alle ihre Tr├Ąnen waren bei ihrer Liebe. Nie sollte er eine davon abbekommen! Sie spuckte ihn an, provozierte ihn. Er machte die Handschellen los. Er sagte, dass er sie liebt. Er sagte, dass er es nicht dulden w├╝rde, wenn sie so zu ihm sei. Das Fenster kam n├Ąher, ihr Kopf hing ├╝ber die Br├╝stung. Sie tat ihm weh, reizte ihn immer mehr, sie wollte, dass er es tat. Und er tat es.

Die Erinnerungen kamen wieder, als der Wind durch ihre Haare fuhr. Ihre Tr├Ąnen kamen wieder. Ihre Empfindungen kamen wieder. Sie lebte wieder.


2, Kennen lernen

Sie ist auf den Weg zu ihrem ersten Tag als Azubi, nerv├Âs, aufgeregt, trockene Kehle. Was sie wohl erwartet? Das Geb├Ąude ragt gro├č vor ihr auf, macht ihr Angst. Sollte sie weglaufen? Sie ├Âffnet entschlossen die T├╝r und geht hinein. Wei├čer Marmor an den W├Ąnden, auf dem Boden dunkler Marmor. Helle M├Âbel, bequeme Sessel, ein Tisch mit Zeitungen. Die Empfangsdame, blond, gutaussehend, vielleicht Ende zwanzig, l├Ąchelt. Sie l├Ąchelt zur├╝ck.
Sie sagt, sie ist die Azubine. Die Stimme zittert. Wieso denn?
Die Empfangsdame l├Ąchelt weiterhin, hebt den Telefonh├Ârer. Sie verweist auf einen der bequemen Sessel, sie setzt sich, bl├Ąttert in der FAZ. Langweilig. Keine Comics?
Der Fahrstuhl geht auf. Ein Mann, klein, dunkelhaarig, gutaussehend, steigt aus.
Er sagt, er ist ihr Ausbilder. L├Ąchelt. Macht man das in der Arbeitswelt? Sie l├Ąchelt auch, folgt ihm in den Fahrstuhl, winkt der Telefondame. Die l├Ąchelt.
Er sagt, das seien ihre Azubikollegen. Vor ihr stehen drei junge M├Ąnner. Einer ist blond, einer dunkelhaarig, einer hat fast eine Glatze. Azubi1, Azubi2, Thorsten. Sie l├Ącheln, also l├Ąchelt sie auch. Was nun? Sie zieht die Jacke aus und steht in der Gegend herum. Blicke kreuzen sich, man mustert sich gegenseitig. Der Ausbilder ist weg, jetzt ist die Situation entspannter. Aber sie l├Ącheln immer noch, gezwungen, ganz unnat├╝rlich. Sie seufzt, l├Ąsst das L├Ącheln verschwinden, die anderen auch. Sie unterhalten sich. Wieso hier Azubi? Hobbies? Familie? Angst?
Thorsten redet mit ihr, die anderen scheinen sich zu kennen. Sie haben viel gemeinsam, zu viel, wie sie unwillk├╝rlich denkt. Aber er ist nett, sehr nett.
Der Ausbilder kommt wieder, F├╝hrung durch die B├╝ror├Ąume, offizielle Vorstellung und Begr├╝├čung durch den Gesch├Ąftsf├╝hrer.


3, Lieben lernen

Thorsten ist da, immer. Er ist dort, wo sie ist. Er ist nett, sehr nett. Zu nett? Sie wei├č es nicht, f├╝hlt sich aber nicht unwohl. Sie mag ihn, sehr sogar. Zu sehr? Sie wei├č es nicht, f├╝hlt sich aber nicht unwohl. Sie redet gern mit ihm, ├╝ber ihre Gemeinsamkeiten, ihre verschiedenen Auffassungen des Lebens. Heile Welt gegen Wirklichkeit. Bisher hat sie immer gewonnen mit der Realit├Ąt. Thorsten ist zu gut beh├╝tet, findet sie. Aber sie streitet nicht mit ihm, dazu ist er nicht stark genug. Er vertr├Ągt sie Wahrheit nicht, streitet sie ab, h├Ąlt seine Erfahrungen dagegen. Welche Erfahrungen? Sie lacht laut, wenn er das sagt, ├Ąrgert ihn mit seiner Weltfremdheit, er l├Ąsst sich das gefallen. Er gesteht ihr, dass er sie liebt. Sie kennen sich doch gar nicht, sagt sie. Er lacht, sagt wieder, dass er sie liebt. Sie lacht, will ihn nicht. Oder doch? Sie lacht lauter, unsicher, was sie tun soll. Seine Weltfremdheit kann doch Liebe nicht zulassen, fragt sie. Er ist beleidigt. Sie streiten sich, reden nicht mehr miteinander. Sie braucht ihn. Sie liebt ihn? Sie wei├č es nicht, f├╝hlt sich aber nicht unwohl. Sie f├╝hlt sich alleine ohne ihn, liebt sie ihn doch? Sie vertragen sich wieder, sind Freunde. Er sagt, dass er sie liebt. Sie wei├č es nicht, f├╝hlt sich aber nicht unwohl. Er sagt, dass er sie ├╝ber alles liebt. Wird sie weich werden? Wenn ihr doch jemand zuh├Âren w├╝rde! Sie sagt, dass sie ihn liebt. Wieso? Gibt sie nach? Sie k├╝ssen sich, er ist gl├╝cklich. Aber sie auch? Sie wei├č es nicht, f├╝hlt sich aber nicht unwohl. Sie k├╝ssen sich wieder, er ist immer noch so weltfremd. Wieso sollten seine Eltern sich nicht trennen d├╝rfen? Wieso sollten sie auf ihren weltfremden, beh├╝teten Sohn h├Âren? Sie streiten sich immer ├Âfter, er k├╝sst sie, sie will nicht. Will sie ihn noch? Sie wei├č es nicht, f├╝hlt sich langsam unwohl. Woher kommt das Gef├╝hl? Er k├╝sst sie nicht mehr, will, dass sie ihn k├╝sst. Aber sie tut es nicht.


4, Schlu├č machen

Sie will ihn nicht mehr. Sie beendet die Beziehung, hofft, dass sie trotzdem noch Freunde bleiben. Aber er will nicht, er will sie. Er ruft an, schreibt Briefe, Emails. Nervt einfach nur. Sie verbrennt sich beim Weihnachtspl├Ątzchenbacken die Finger, er redet weiter auf sie ein. Sie will ihn nicht mehr, sieht er das nicht? Seine Weltfremdheit bricht durch. Sie hatte gehofft, sie besiegt zu haben. Aber Erziehung ist schwer zu ├Ąndern. Er sagt, sie darf nicht Schlu├č machen. Sie fragt wieso. Er wei├č es nicht, sagt, dass er sie liebt. Deshalb. Sie sagt, das ist kein Grund, er soll sie in Ruhe lassen. Er will nicht. Sie schmei├čt ihn raus, hofft, endlich Ruhe zu haben. Ein Paket kommt, ein Tagebuch. Sie sei Schuld, wenn er sich das Leben n├Ąhme. Das ist sie nicht! Sie wei├č es, jeder wei├č es. Aber er tut es nicht. Er sagt, er traut sich nicht. Das ist ihr recht. Sie will die Schuld nicht in die Schuhe geschoben bekommen, sie ist nicht schuld. Egal, was passiert. Er l├Ąsst sie in Ruhe, allein. Er sagt, sie soll nachdenken. ├ťber sich und ihn, ├╝ber ihre Liebe. Sie soll wieder zu ihm finden. Sie sei so fremd geworden. Sie lacht laut, unsicher, was sie tun soll. Ist sie schuld? Nein, sie ist nicht schuld. Er mit seiner Weltfremdheit!


5, Lieben

Ihr neuer Freund, blond, blaue Augen. Thorsten liegt hinter ihr, l├Ąsst sie ihn Ruhe, l├Ąsst sie ihr Leben leben. Sie ist alleine mit ihm und ihrem Gl├╝ck. Aber es wird wieder gest├Ârt. Durch Adrian, den Bruder von Freund, dunkelhaarig, braune Augen. Er will sie, sie will ihn. Sie lieben sich. Sie spielt Freund etwas vor, bel├╝gt ihn. Wieso? Sie wei├č es nicht, aber sie f├╝hlt sich nicht unwohl. Adrian erf├╝llt sie, ist ihr Leben, ihr Gl├╝ck. Wieso kann sie ihn nicht haben? Weil er der Bruder ist. Sie wei├č es und f├╝hlt sich unwohl. Schlechtes Gewissen? Nein, nur keine Idee, wie sie ihn haben kann. Heimlichkeiten, Tuscheleien, erste Vermutungen der Mutter. Nein, sagt sie, da ist nichts. Nein, sagt Adrian, da ist nichts. Mutter ist beruhigt, sie nicht. Woher wei├č sie etwas? Gewissensbisse? Nein, nur ein Verlangen nach Adrian, ihrer Liebe. Sie sind heimlich zusammen, immer darauf bedacht, nicht gesehen zu werden. Niemand ahnt etwas, sie f├╝hlen sich sicher in ihrer Liebe und ihrem verlogenen Spiel mit Freund. Schlechtes Gewissen? Nein, nur erf├╝llt von Liebe und Sehnsucht.


6, Beobachten

Ein Brief, von wem? Kein Absender, aber ein handbeschriebener Zettel. Thorsten! Ihr wird flau im Magen, ├╝bel, sie mu├č sich ├╝bergeben. Er schreibt, dass er alles wei├č, alles gesehen hat. Beweise anbei. Ein, zwei Fotos. Sie und Adrian. Eindeutig. Ihr ist ├╝bel, sie ├╝bergibt sich noch mal. Er macht nicht ernst, denkt sie. Der Brief landet im M├╝lleimer, ein neuer Brief im Briefkasten. Er schreibt, er will es Freund sagen. Ob er das tut? Sie wei├č es nicht, f├╝hlt sich unwohl. Gewissensbisse? Nein, nur Liebe. Er blufft, sie wei├č es. Der Brief landet im M├╝lleimer, ein weiterer in Freunds Briefkasten. Sie f├Ąngt ihn knapp ab. Herzklopfen. Er schreibt, dass er Beweise hat, aber keine Fotos dabei. Erst beim n├Ąchsten Brief. Sie schwitzt, sagt es Adrian. Er schwitzt, will die Sache beenden, aber er liebt sie doch! Sie sagt, sie sind schon zu weit drinnen, als dass sie sich jetzt trennen k├Ânnten. Er sagt, er sieht es ein. Er sagt, er liebt sie. Schlechtes Gewissen? Nein, nur Angst.


7, Fotographie

Er ist weg, Adrian ist weg. Schon seit drei Tagen. Keine Nachricht, kein Anruf, nichts. Sie macht sich Sorgen, vermisst ihn. Polizei? Keine Spur, niemand hat ihn gesehen. Sie will ihn selbst suchen, geht an ihre Geheimpl├Ątze, findet ihn nicht. Sie schreit nach ihm, ruft seinen Namen, aber er antwortet nicht. Nur der Briefkasten mit einem Brief. Nur ein Foto, ein schreckliches Foto. Adrian! Was ist passiert? Sie ├╝bergibt sich den ganzen Tag, zerrei├čt das Foto, verdr├Ąngt es aus ihrem Gehirn, schiebt es vor sich her, tritt darauf herum, will es vergessen. Ihre rotgeweinten Augen sind geschwollen, k├Ânnen nicht mehr ohne Tr├Ąnen sein. Wem soll sie es sagen? Dann mu├č sie auch gestehen. Sie will nicht gestehen. Sie will ihre Farce aufrecht erhalten, will mit Freund und Eltern trauern. Polizei findet ihr nicht, gibt auf. Nur sie wei├č etwas, sagt nichts. Sie will nichts sagen. Sie will vergessen, sie weint heimliche Tr├Ąnen, ihre letzten.


8, Gefangen

Da ist er, hinter ihr: Thorsten. Sie bemerkt ihn nicht, geht ihren Weg zur Arbeit. Er greift nach ihr, zieht sie weg von der Stra├če, verbindet ihr die Augen, haucht seinen stinkenden Atem in ihr Gesicht. Sie kann nicht weinen, will nicht. Mit Adrian ist auch ihr Leben gegangen. Sie ist passiv, sagt nichts, tut nichts. Thorsten ist nerv├Âs, aufgekratzt, er hat sie wieder! Er sagt, er liebt sie. Sie wei├č es, sie hat es immer gewusst, aber sie will seine Liebe nicht. Nicht, nachdem er ihr genommen hat, was sie so sehr geliebt hat. Er schubst sie aus dem Auto, stolpert mit ihr Treppen hinauf, st├Â├čt eine T├╝r auf. Die Augen sind frei, sie sieht nichts, es ist dunkel. Das Licht flammt auf, er schlie├čt die T├╝r. Kein Teppich, kahle W├Ąnde, ein klappriges Bett, eine zerschlissene Couch, ein alter Fernseher. Sie wei├č nicht, ob er arbeitet. Sie hat ihn so lange nicht gesehen, er ist aus ihrem Leben verschwunden, bis zu diesem Tag... Sie hat Angst, sieht ihn an. Sieht in seinen Augen den Wahnsinn gl├╝hen, den er als Liebe bezeichnet. Sie zittert. Er sagt, er freut sich, dass sie wieder bei ihm ist. Ob das Foto ihr gefallen hat? Er sagt, das war nur f├╝r sie, nur, damit ihr verdrehtes Hirn wieder wei├č, was los ist. Da├č sie wieder wei├č, wohin sie geh├Ârt. Sie will nicht, sie schreit, er schl├Ągt zu. Als sie aufwacht, sp├╝rt sie die scheuernden Handschellen.


9, Ende

Die Stra├če raste auf sie zu, Details wurden genauer, die Mutter mit Kinderwagen starrte mit offenem Mund zu ihr hinauf. Die Bremsen der Autos quietschten, Schreie und Rufe drangen an ihr Ohr. Das Leben schenkte ihr Aufmerksamkeit.
Ihre Empfindungen wurden schw├Ącher, ihr Blick tr├╝ber. War sie jemals richtig geliebt worden?
Die Erinnerungen waren weg. Sie hatte sie zum letzten Mal gedacht.

Ó Rei 20. September 2000

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