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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wahrheit
Eingestellt am 29. 09. 2002 01:52


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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
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Ob es wahr ist? GerĂŒchte sind wie fremde Menschen, man weiß nicht, wie sehr man an sie glauben darf. Und gerade jetzt sollte es ein möglichst widerlicher, unausstehlicher Mensch sein, dem man in keinem Fall vertrauen möchte. Denn wenn es wahr ist.. Annette vermag sich nicht vorzustellen, was dann werden soll.
Nachdenklich streicht sie sich die Haare aus dem Gesicht. Es kann einfach nicht wahr sein. Trotz allem Drill, trotz der Uniformen, trotz aller Befehle sind es doch Menschen, die dort in den Lagern arbeiten. Und es gibt nun einmal Dinge, die man nicht tut; nicht, weil sie einem verboten wurden, sondern weil man ein Mensch ist. Es kann also nicht wahr sein. Ob etwas wahr wird, wenn man es hÀufig genug wiederholt?
Annette ist die GrĂŒbelei satt. Sie hat auch gar keine Zeit mehr, sich jetzt noch Gedanken darĂŒber zu machen. Wenn der Zug pĂŒnktlich ist – keinesfalls sicher in diesen Tagen – dann wird es nicht mehr lange dauern, bis Harald ankommt. Fast sechs Monate sind vergangen, seit er fort ist, und die Briefe, die sorgfĂ€ltig in der Pappschachtel unter dem Bett aufgehoben werden, sind doch nur ein schwacher Trost. Aber heute werden sie einander sehen, und es wird wieder sein wie frĂŒher. Weil es nicht wahr sein kann.

Er atmet tief ein. Abgase von der Straße. Die Äpfel vom Baum vor dem Bahnhof. Der eigene Schweiß, der von der langen Bahnfahrt in der Uniform hĂ€ngt. Der Qualm der Zigaretten, ebenfalls noch aus dem Zug. Herrlich. Er bleibt stehen, hebt das Gesicht mit geschlossenen Augen und lĂ€ĂŸt sich die Sonne auf die Lider scheinen. Diese Luft. Der LĂ€rm der Automobile und das Kinderlachen. Nur ein paar Stunden Fahrt entfernt steigt schwarzer Qualm ĂŒber drĂŒckender Stille auf, und ein sĂŒĂŸlicher Geruch hat sich ins Mauerwerk gegraben, in die Baracken, in die Gewehre. Man muß all das weit hinter sich lassen, um wieder frei atmen zu können.
Harald schultert sein GepĂ€ck und macht sich auf den Heimweg. MĂŒtterlicher Befehl: Wenn du ankommst, kommst du aber gleich her, ja? Es gibt Apfelkuchen, frisch gebacken. Er lĂ€chelt. Endlich wieder ein Befehl, dem man gern folgt. Keine AlptrĂ€ume von Schreien. Keine bleichen, ausgemergelten Gesichter. Apfelkuchen. Die warme, zu lange Umarmung der Mutter. Annette. Und diese herrliche Luft.

Es riecht nach Heu, und eine frĂŒhe Grille singt ihr Abendlied. Ob es wahr ist? Annette sitzt auf der Bank, in deren Lehne fĂŒr alle Ewigkeiten ihre Initialen stehen, und wartet. Wenn sie den Hals reckt, kann sie die Scheune sehen, wo sie sich treffen wollen. Daß der Heugeruch bis hierher kommt – erstaunlich. Sie versucht, an Harald zu denken, sich sein Gesicht ganz genau vorzustellen, aber es gelingt ihr nicht. Das letzte Bild, die Fotos, die er manchmal schickt, alle zeigen einen fremden Mann, einen in Uniform. In Uniform wird jeder HĂ€nfling zum Mann, hat Luise immer gesagt. Blödsinn. In Uniform wird jeder zu einem Fremden. Aber darunter, irgendwo zwischen dem Stoff und den Abzeichen und Waffen, steckt ein Mensch, muß ein Mensch stecken. Deshalb kann es nicht wahr sein.

Mit jedem Schritt wird der Geruch intensiver. Harald atmet in vollen ZĂŒgen, beschleunigt seine Schritte. Bald rennt er und verliert beinahe die Sandalen. Nach dem schweren Essen tut die Bewegung gut, und er will nicht mĂŒde sein, wenn er vor ihr steht. Erst am Scheunentor bleibt er stehen, wartet darauf, daß seine AtemzĂŒge wieder gleichmĂ€ĂŸig werden. Ein, aus. Ein, aus. Eins, zwei. Rechts um. Arm ausstrecken zum Gruß. Den Heugeruch einatmen. Das Tor öffnen.
„Annette?“ Er geht ein paar Schritte in das Zwielicht. Berge von Heu bilden eine schmale Gasse, einen Hof, eine Mauer. „Annette?“ Keine Antwort. Zögernd geht er weiter. Seine Hand tastet bereits nach dem Tabakbeutel, aber hier drin wird er das Rauchen lieber lassen. Sie ist nicht da.
Harald haßt das Warten, aber hier, im Zwielicht, allein mit dem alles betĂ€ubenden Geruch und in aller Stille lĂ€ĂŸt es sich eine Weile aushalten. Er lĂ€ĂŸt sich auf einem der Heuballen nieder, zieht einen Halm heraus und steckt ihn zwischen die Lippen. Hat er nicht geglaubt, sie könne es auch nicht erwarten? Hat er nicht erwartet, sie sei hier? Vermißt er sie in dieser Scheune nicht mehr als noch auf dem Weg hierher? So wie die Sehnsucht im Wohnzimmer grĂ¶ĂŸer war als auf dem Gleis? Dies ist Zuhause, und Zuhause ist Annette.
Durch das offene Tor fÀllt ein Schatten, und er springt auf, lÀuft ihr entgegen. Sie atmet schwer, und ihr Haar ist in Unordnung, aber sie lacht, als sie in seine Arme fÀllt. Ihr Körper, ihr Geruch. Ihre Lippen. Ihre WÀrme. Ihr Duft.
„Wo warst du solange?“ bringt er zwischen zwei KĂŒssen hervor, aber die Antwort ist ihm eigentlich gleich. Sie ist ja jetzt hier, und nichts anderes zĂ€hlt.
„Ich war immer hier“, antwortet sie, und ihre Finger gleiten ĂŒber die Knopfleiste seines Hemdes. „Ich war hier.“

Es ist nicht wahr. Sie liegt neben ihm, den Kopf auf seiner Brust, die sich gleichmĂ€ĂŸig hebt und senkt, wĂ€hrend er schlĂ€ft. Im Zwielicht kann sie es genau erkennen. Es ist nicht wahr.

__________________
Andrea Rohmert

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Stefan J.W.
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2002

Werke: 5
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Danke fĂŒr diese wundervolle Geschichte. Sie ist die erste, die mir (sozusagen) wirklich etwas gibt und mich zum nachdenken angeregt hat. Vor allem zwei (Ab)SĂ€tze haben es mir angetan:

GerĂŒchte sind wie fremde Menschen, man weiß nicht, wie sehr man an sie glauben darf

Der Bezug auf diesen Anfang im dritten Absatz: in Uniform werde jeder zu einem Fremden, ist geradezu genial.

In Uniform werden also sogar die Menschen, die wir glauben, gut, vielleicht sogar auswendig zu kennen, und vor allem zu lieben, zu Fremden, denen man nicht mehr glauben kann.
Sie (und das, was man von ihnen hört) werden zu schrecklichen GerĂŒchten und es fĂ€llt schwer daruf zu vertrauen, dass sie ihre Menschlichkeit behalten haben.
Genau mit den selben schrecklichen Gedanken hatte meine Oma zu kĂ€mpfen, als ihr Mann im Zweiten Weltkrieg kĂ€mpfte, bis ihr irgendwann mitgeteilt wurde, dass er irgendwo in Rußland den Heldentod gefallen sei. Jahre spĂ€ter traf sie auf einen Kameraden ihres Mannes, der ihr bereichtete, dass mein Opa in einer kleinen polnischen Siedlung aufgeknĂŒpft an einem Fleischerhaken neben zweier seiner Kameraden im Schaufenster hing. Vermutlich waren sie russischen Soldaten zum Opfer gefallen, deren Frauen wohl ebenso dachten, wie Annette in deiner Geschichte.

Wo warst du solange?

Ein weiterer Satz, der es mir besonders angetan hat. Seine Frau, die Monate auf ihn wartet, sich den Kopf zerbricht, wÀre es eigentlich, die diese Frage stellen sollte.
Doch er fragt, ganz selbstverstĂ€ndlich. Ich kann dir jetzt auch nicht mehr dazu sagen, außer dass ich mir die Geschichte noch ein paar Mal zu GemĂŒte fĂŒhren werde. Vielleich danach mehr.???

Tolle Idee, tolle Umsetzung...

Gruß, Stefan


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"Unser Leben ist das,wozu unsere Gedanken es machen." (Marc Aurel)

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Stefan J.W.
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2002

Werke: 5
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Ach ja...sorry fĂŒr die (zu schlechte) Bewertung, aber ich habe mich verklickt. Sollte eigentlich eine glatte NEUN werden!
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"Unser Leben ist das,wozu unsere Gedanken es machen." (Marc Aurel)

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
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Oje, soviel Lob.. Danke erstmal, und ĂŒber die Bewertung solltest du dir keine Gedanken machen - eine ausfĂŒhrliche, so positive Kritik bringt mir wesentlich mehr als eine abstrakte Zahl.

Gruß,
Andrea
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Andrea Rohmert

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
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Eine phantastische Studie ĂŒber Schuld und VerdrĂ€ngung, an der OberflĂ€che idyllisch und doch trotzdem voll lauernder Schrecken, die nie genau benannt werden, die aber jeder kennt.
Einziger Kritikpunkt: Am Anfang ist der einzige konkrete Satz
>Nachdenklich streicht sie sich die Haare aus dem Gesicht<
zwischen lauter Überlegungen geschaltet und wirkt auf mich etwas unmotiviert, da es danach sogleich wieder ins Abstrakte geht. Wo ist sie ĂŒberhaupt in diesem Moment, als sie die Überlegungen anstellt? Wir erfahren es erst lange nachher: sie sitzt auf einer Bank und wartet. Ich wĂŒrde diese Situation, die trĂŒgerische Idylle, gleich am Anfang einfĂŒhren, so daß der Leser Annette kennt und sich vorstellen kann, ehe er in ihre Gedanken eingefĂŒhrt wird.

Auch von mir eine "9"
Zefira

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
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Im ersten Entwurf war der erste Abschnitt einige Zeilen lĂ€nger, und jetzt Ă€rgere ich mich fast, daß ich ihn nicht irgendwo noch aufgeschrieben habe - ich habe ihn dann nĂ€mlich radikal gekĂŒrzt, weil er mir zu ĂŒberlastig war. Prinzipiell war ein Ortswechsel von Szene zu Szene geplant, bis sie in der Scheune ankommen, und so steht A. zu Beginn in ihrem Zimmer vor dem Spiegel - also, zumindest stand sie da mal, ehe ich die Stelle rausgestrichen habe. Mal sehen, wenn ich dazu komme, versuche ich zum Wochenende hin, die Stelle zu rekonstruieren und stelle sie dann zum Vergleich hier rein.

Nebenbei bemerkt: Bei all dem Lob bleibt ja fast nur noch die Frage, wann die 10 kommt.. ;o)


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Andrea Rohmert

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