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Leselupe.de > Humor und Satire
Walliser Spiegel(ei)
Eingestellt am 01. 11. 2004 17:01


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cordem
Hobbydichter
Registriert: Oct 2004

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(Hinweis zum einfacheren Verständnis: Das Wallis ist ein Kanton in der Schweiz. Im Allgemeinen ist das Denken der Walliser sehr traditionsbewusst. Das Bistum der Schweiz liegt im Wallis, daher auch erz-konservativ.)

Walliser Spiegel(ei)

So, hol’ schnell zwei Eier, mein Sohn, während ich diese Besucher hier versorge.

Wissen Sie, ich bin ein höllisch guter Walliser. Echt. Ich lebe hier im Wallis wie kein zweiter mit Leib und Seele. Ich geniesse die Berge, die dumpf ratternden Felsstürze. Ich liebe die Wälder, die ja so oft herrlich-weihnachtlich brennen im Hochsommer. Ich weiss die Luft zu schätzen, die doch von einer Chemie-Industrie so herrlich fein bereichert werden. Die Natur trübt keine Seele und keinen Geist, wohl aber den Blick, wenn kein Baum mehr steht.

Und ich liebe die Walliser Menschen selber. Ja, diese süssen, kleinen, putzligen und wortgewandten – nein, halt – redseligen Walliserinnen und Walliser. Immer wieder erfrischt ein Gespräch mit ihnen das Leben auf sonderbare Weise, sieht man doch, wie schlecht es dem Herrn Nachbar geht. Ach und wie angenehm ist es doch zu wissen, sich vor dem Gärtner zwei Gassen weiter in Acht zu nehmen – er soll ja schrecklich mit den Rosen umgehen. Der Fön soll ihm die Blumen kastrieren. Angeblich. So ist mir gesagt worden. Aber bitte, lasst den armen Mann doch in Ruhe.

Oh, bring doch bitte die Pfanne hervor, Kind, und stell’ den Ofen auf 10 ein. Nein, anders rum – 10 sagte ich. Herr Gott noch mal, das kann doch nicht so schwer sein!

Übrigens: Ich geh’ allwöchentlich zur Sonntagmesse, schätz’ ich doch das Geleier des Priesters, vorgetippt – oh, pardon – vorgegeben vom Herrn Gemeinderat, damit er auch nicht um die Gunst seiner Wähler betrogen wird. Doch was nützt mir die holde Predigt, wenn in der Taverne neben an schon wieder das Neuste über Frau Dorfhure diskreditiert wird. Hoch Lob unser’m Gesang, verstohlen blickt neben an. Ich mach’ so was nicht.

Frei ist dennoch die Meinungsbildung im Stammeshaus. So wie’s sich für einen freien Bürger auch gehört. Doch wehe dem, der nicht der Meinung der demokratischen Mehrheit spurt. Getötet wird dann, jawohl – nicht der Mensch soll dann aber büssen, aber seine Ehre! Wie kann man sich nur Auflehnen gegen das, was schon eh so war und bleiben wird wie es ist?

Wie, kein Öl? Dann hol’ welches beim Nachbar. Ja. Sonnenblumenöl. Nein, nicht bei dem. Beim andern. Der wäre viel zu beschäftigt mit dem Grossziehen seiner unmöglichen Kinder.

Wisst Ihr, wenn aus Kapitalismus gesunder Geschäftssinn wird, dann ist dies auch der Dorf-Ältesten nicht verwehrt. Weiss die gute Frau doch dem Herrn Arzneihändler Kräutersalbe aufzudrängen und dafür Geld einzuheimsen. Doch wohl getäuscht, wer jetzt denkt, man habe den Zeitgenossen zünftig verarscht – oh, exküse – hinters Licht geführt. Kann doch der Apotheker dem Kunde nun das neuste Präparat präsentieren und wird zum Apostel der Heilkunde im Dorf. Ich geh’ ja da nicht mehr hin.

Ach, was ist der Herr Doktor doch aufgebracht. Sitzt er doch im Vorstand des Dorfchors. Singt doch so gerne, und nun soll er aus seinem Trauten Heim ausziehen. Wissen Sie warum? Wegen der Autobahn. Ist das nicht eine Frechheit? Soll der Herr Doktor wegen einer Autobahn ausziehen. Wozu ĂĽberhaupt die Autobahn, wenn wir doch die Kantonsstrasse haben? Damit noch mehr Gesindel den Weg in unser Dorf findet?

Junge? Lass den Hund der Nachbarin in Ruhe! Lass, ihn und bring das Sonnenblumenöl rein. Wissen Sie, der Hund wird schrecklich behandelt. Wer weiss, ob der nicht plötzlich zuschnappt. Gib’ her!

Apropos, Gesindel. So eine Autobahn würde mehr Touristen bringen. Und das heisst doch Ausländer. Im Sonntags-Lotto haben wir das schon ausführlich darüber diskutiert. War doch dieses geschiedene Weib neben der Kirche der Ansicht, Ausländer seien wichtig für unser Land. Pah! Bloss weil sie in irgendeiner Vereinigung sitzt, ist sie doch nicht befähigt, einen Disput über eine solch grundlegend schwere Frage zu legen. Aber bitte. Mich gehen ihre Manieren ja nichts an.

Wenn Sie mich fragen, wir haben ein ernsthaftes Problem. Wirklich. Ein soziales Problem. Die Kinder von heute spielen ja schon mit diesen Ausländern. Ich habe ja nichts gegen sie. Aber sie sollen sich einfach von meinem Kind fernhalten. Hab’ ich auch schon der Kindergarten-Betreuerin gesagt. Ob diese Frau überhaupt pädagogische Erfahrung hat? Glauben Sie mir, wir geben unsere Kinder viel zu unwissend in unbekannt Hände. Und besonders in der heutigen Zeit, in der um jede Ecke ein Kind vergewaltigt wird.

So, gekocht wird aber nun, mit den zwei Eier, Spiegelei. Möchte Sie auch etwas von dem Gerücht? – oh, entschuldigung – Gericht? Es ist zur Genüge da.

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