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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Wanderungen im Unwirklichen
Eingestellt am 01. 11. 2009 08:48


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Anno 1890 veröffentlicht André Gide seine erste Erzählung "Die Hefte des André Walter" (frz. Les Cahiers d'André Walter). Darin wird vorexerziert, wie ein Prosatext zu schreiben ist. Deshalb und weil auf diesen Monat Gides 140. Geburtstag fällt, wollen wir jetzt über den Erstling des großen Franzosen reden.

Die "Handlung" ist mit ein paar Worten skizziert. Der 21jährige André Walter liebt Emmanuèle. Das junge Mädchen heiratet einen anderen. André - einsam, monologisierend über den ganzen Text hinweg - redet sich ein, er begehre sie nicht. Ihr Körper störe ihn und fleischlicher Besitz erschrecke ihn.
Es gelingt André, sich von der Geliebten zu entfernen, indem er die Erinnerung an seine Liebe in eine Romanform zwingt. Darüber wird er wahnsinnig und stirbt. Zuvor entschläft auch noch die geliebte Frau.

Was ist nun das Bemerkenswerte an diesem kleinen Roman im Roman? Der Romanschreiber André verschmilzt fast unmerklich mit der Romanfigur Allain zu einer Person. Der Verlauf der tödlichen Erkrankung Gehirnfieber ist aus dem Text ablesbar:
Anfangs will André die in ihm rumorende Leidenschaft bezähmen. Da muß er sich nachts im Traum auf diese Wanderungen begeben. Bilder über Bilder stürzen herein. Nackte Paare umschlingen sich an seinem Wege. Er schaut weg, hört aber die Küsse. Zunächst sorgt am darauf folgenden Tag Musik für Abhilfe: Chopin, Schumann, Bach. Nicht Wagner! Das Schreiben tut auch gut. Schreiben - das ist Erinnerungen konservieren wie getrocknete Blumen vom letzten Sommer. Auch Dichter wirken beim Erinnern mit. Philosophieren nützt wenig. Es geht nicht um den Verstand. Vielmehr die Seele ist im Spiel, "das liebende Verlangen". Die Erinnerungsarbeit trägt Früchte. André sieht im Traum zum ersten Mal Emmanuèles Blick! Er arbeitet unnachgiebig "wie ein Rasender" an dem Roman. Dann ist die Zeit der Liebe vorüber. Die Erinnerungen quälen ihn. Er fürchtet sich vor der Nacht, vor dem nächsten Traum. Der kommt. André kann nicht entrinnen. Emmanuèles liebes Gesicht erscheint ihm, abscheulich verzerrt, als das einer Wachspuppe. Das Schlimmste bleibt ihm nicht erspart. André erhascht im Traum einen Blick unter das Kleid der Geliebten. Emmanuèle zieht das Gewand über ihr Gesicht. Da ist dann nur noch Nacht. André hält die "Wanderungen im Unwirklichen" schließlich nicht länger aus.

André Gide, der Literatur-Nobelpreisträger 1947, wurde am 22. November 1869 in Paris geboren und starb am 19. Februar 1951 daselbst.

Quelle
Raimund Theis (Hrsg.), Peter Schnyder (Hrsg.):
André Gide: Die Hefte des André Walter.
Aus dem Französischen von Gerhard Kluge und Hans Joachim Kesting.
In: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Band VII/1, Seiten 27 - 154 und 509 - 520. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1991. 587 Seiten, ISBN 3-421-06467-9

Die deutsche Erstausgabe
André Gide: Die Aufzeichnungen und Gedichte des André Walter. Mit farbigen Aquarellen von Roland Oudot und Maurice Brianchon. Übersetzer: Gerhard Kluge, Joachim Kesting und Rolf von Höne. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1969. 183 Seiten. Leinen

Hedwig 11/2009

__________________
Hedwig

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