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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wann Jasager nein sagen sollten
Eingestellt am 29. 12. 2012 16:23


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Walther
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Frank W. – Wann Jasager nein sagen sollten

Eine Episode*


Frank W. gehört zur Gruppe derer, die ja sagen, wenn andere sich verbröseln oder auch einfach nein sagen. Es gibt diese Sorte Mensch, die Arbeit sieht, wenn sie da liegt und die diesen Umstand nicht als Anlass nimmt, Reißaus zu nehmen. Solche MitbĂŒrger haben es an sich, dass sie die Löcher stopfen, die andere freundlich hinterlassen.

Das ist fĂŒr den Rest der Umwelt eine prima Sache, weil dadurch zumeist alles wie geschmiert lĂ€uft. Chefs wissen das ganz besonders zu schĂ€tzen. Manchmal wird dieses Verhalten mit Aufstieg belohnt, aber durchaus nicht immer. Pflichtbewusstsein in der beschriebenen Form kann auch Mobbing oder Ausnutzen zum Ergebnis haben.

Eine Eigenschaft, die sich mit dem Pflichtbewusstsein hĂ€ufig paart, ist die LoyalitĂ€t. Sie gilt der Sache gegenĂŒber ebenso wie gegenĂŒber Firma und Chef. Frank W. war ein ĂŒber alle Maßen loyaler und verlĂ€sslicher Mitarbeiter, ohne Krankheitstage, ohne den Urlaub ganz zu nehmen und ohne einen Überstundenausgleich zu verlangen.

Frank W. hat in mehrfacher Hinsicht GlĂŒck gehabt, wie man das in der RĂŒckschau oft nennt. Er hat immer im Vertrieb gearbeitet, und da zĂ€hlen zuvörderst die Ergebnisse. Des Weiteren hat er einen Vorgesetzten, der seinen Einsatz, sein Engagement, sein Der-Sache-Dienen schĂ€tzt, fĂŒr den VertrauenswĂŒrdigkeit und LoyalitĂ€t bis an die Grenze der Selbstaufgabe wichtig ist. Sein Chef ist mit dem Wachstum des Maschinenbauunternehmens, bei dem Frank W. nach dem Studium im Vertrieb eingetreten war, vom Vertriebler ĂŒber Vertriebsleitung bis in die GeschĂ€ftsfĂŒhrung aufgestiegen, wo er im Moment das Ressort Vertrieb und Marketing verantwortet. Und er honoriert, durchaus selbstsĂŒchtig, ganz besonders Frank W.s unermĂŒdlichen Einsatz

Frank W., als seinen Vertrauten, Adlatus, Rechte Hand und loyalen Mitstreiter, nimmt er deshalb bei dieser Reise mit. Heute ist Frank W. Vertriebsleiter und verantwortet den gesamten Vertrieb des Unternehmens im In- und Ausland. Das tut er mit großem Erfolg. Und das war der dritte Grund: Aufgaben, die man Frank W. ĂŒbergab, wurden samt und sonders pĂŒnktlich und mit positivem Ausgang fraglos und klaglos erledigt.

Auf dieser fĂŒnfzehnjĂ€hrigen Fahrt nach oben ist die Verantwortung auf seinen Schultern stĂ€ndig gestiegen. Frank W.s Schultern haben sich unter dieser Last etwas nach vorne verlagert. Als Ausgleich ist ein kleiner Wohlstandsbauch gewachsen. Die Augenringe werden durch die Brille schmeichelhaft verdeckt. Die SchlĂ€fen sind ergraut, die Geheimratsecken nur wenig grĂ¶ĂŸer geworden. Je weniger Frank W. gut schlief, sollte Edith bald in einer streitigen Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann konstatieren, „desto besser schlĂ€ft dein Chef!“

Mochte Edith zu Anfang die vielen Überstunden und Reisen noch hinnehmen, weil das wachsende Einkommen erst den Hausbau und dann noch manchen weiteren kleinen Luxus erlaubte hat. Seit HĂ€nschen, der Sohn, die Familie vergrĂ¶ĂŸert hatt und Edith nur noch mit halbem Deputat als Lehrerin arbeitet, verlangt sie mehr und mehr, dass er seiner Vaterrolle gerecht werden und sich zudem mehr um seine Gesundheit, den Garten und die immer wieder anfallenden Hausreparaturen kĂŒmmern soll. Sowie um seinen Anteil an der Hausarbeit. Und zwar in genau dieser Reihenfolge

Der mangelnde Schlaf, das zunehmende Übergewicht, die fehlende Bewegung und der Stress hat zur Folge gehabt, dass eines Nachts der Notarztwagen vor der TĂŒre gestanden ist. Der Kardiologe hat danach zwar im gewissen Sinn Entwarnung gegeben. Mit KĂŒrzertreten und einem Betablocker lĂ€ĂŸt sich die Sache im Griff behalten, hat er gesagt. Edith ist seitdem in steter Sorge und setzt ihrem Ehemann zu, er solle endlich sein Leben Ă€ndern.

In der Firma hat das Ereignis zu einer Neubewertung der Vertriebsaufgabe und zur anschließenden Einstellung von weiteren VerkĂ€ufern und Vertriebsingenieuren gefĂŒhrt. Frank W.s Arbeit wird auf vier Köpfe verteilt und er zum Chef dieses Teams befördert. Seine Arbeitslast ist dadurch erst einmal ziemlich zurĂŒckgefahren worden. Die Lage entspannt sich also, die Blutwerte sind besser geworden und die Stimmung der Eheleute hat sich gehoben. Auch gewinnt das Geschlechtsleben des Ehepaars W. nach einer gewissen Phase der Einstellung des Medikaments wieder neue Aspekte hinzu.

Leider jedoch scheint der Erfolg an Frank W.s HĂ€nden zu kleben, so dass als NĂ€chstes der Auf- und Ausbau des AuslandsgeschĂ€fts auf ihn zukommt, den er ohne Zögern ĂŒbernommen und mit Bravour bewĂ€ltigt hat. Das hat ihm eine zwar weitere Beförderung eingebracht, erheblich mehr Geld und einen grĂ¶ĂŸeren Firmenwagen, allerdings auch weniger Nachtschlaf und wieder zunehmenden Ärger mit der von ihm geliebten und verehrten Ehefrau.

Es gelingt ihm irgendwie erneut, den Sonntag fĂŒr die Familie freizuschaufeln und wenigstens abends regelmĂ€ĂŸig eine halbe Stunde zu laufen, allerdings löst er damit auf Dauer das Problem der VernachlĂ€ssigung von Edith ebenso wenig wie die VernachlĂ€ssigung der Haus- und Gartenarbeiten. Auch nimmt er nicht an den Elternabenden des Sohns teil.

Edith bekommt nun die Möglichkeit, einen Fachbereich in der Schule zu ĂŒbernehmen. Damit verbunden ist, dass sie wieder ein volles Deputat haben wird. Sie besteht darauf, diese Gelegenheit nicht wieder verstreichen zu lassen, und mahnt dabei an, dass er nun mehr gefordert sei und sie unterstĂŒtzen mĂŒsse.

Diese Faktenlage fĂŒhrt zu einer immer dichter werden Kette an durchaus lautstarken Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten und zum fast völligen Einschlafen des Sexlebens. Eines schönen Tages, und so gar nicht aus dem Nichts, wie es gerne rĂŒckschauend heißt, setzt Edith ihrem Frank W. ein Ultimatum: „Entweder du hast mehr Zeit fĂŒr HĂ€nschen und mich, und damit ein echtes Privatleben, oder ich werde die Konsequenzen ziehen!“

Dies mit Aplomb zu sagen, ist das Eine gewesen. Das Andere ist, mitsamt Sohn vierzehn Tage zu ihren Eltern zu entfleuchen, und ihren verdatterten Ehemann zu Hause alleine im nicht so ganz kleinen Haus und mit recht leerem KĂŒhlschrank an einem Samstagabend zu Beginn der Osterferien sitzen zu lassen. „Damit du mal in Ruhe Zeit hast, ĂŒber deine PrioritĂ€ten nachzudenken!“ wird er beschieden, als er fragte ob das denn nun wirklich ohne jede AnkĂŒndigung und Vorwarnung sein mĂŒsse.

Sein Pech dabei ist, dass sein Chef justamente in den Osterurlaub geflogen ist und er also nichts, rein gar nichts, tun bzw. anleiern kann. Der Sache die Krone auf setzt das Faktum, dass die Hannover Industrie als Leitmesse der Maschinenbaubranche vorzubereiten ist, und das mit einem durch Urlaub und Krankheit ausgedĂŒnnten Team.

Frank W. sitzt dementsprechend total geplĂ€ttet in der KĂŒche am Esstisch, nachdem Edith und HĂ€nschen lautstark ausgeflogen sind. Vor sich ein Bier, das er zum GlĂŒck im Keller gefunden hat. Normalerweise trinkt er eigentlich kein Bier, und schon gar nicht statt Mittagessen. Das hat es keins gegeben. Edith hat vor ihrem Abrauschen weder etwas vorbereitet noch dafĂŒr eingekauft. Ihr Warnstreik ist tatsĂ€chlich perfekt getimt.

Nach einigem Sinnieren holt er sich aus der Schublade einen Zettel und einen Kuli. Mit dem KĂŒchenkĂŒhlschrank beginnend macht er Inventur, was an Essbarem und an Haushaltswaren da ist und was nicht. Den langen Einkaufzettel legt er auf den Tisch und schaut im Geldbeutel nach Barem. „Kluger Zug!“, murmelt er dann, als er entdeckt, dass auch dort ziemliche Ebbe herrscht. Jetzt sollte man die Geheimnummer der Bankkarte kennen. Oder wissen, wo man sie findet. Beides Fehlanzeige. „Die Rache ist fĂŒrchterlich!“, kommentiert er halblaut vor sich hin, mit leicht schiefem Grinsen. „Schöne Scheiße.“

Frank W. setzt sich wieder hin und nimmt einen Schluck aus dem Bierglas. Der schmeckt irgendwie schal und abgestanden. Und das wiederum passt perfekt zu seinem aktuellen LebensgefĂŒhl im Allgemeinen und auch im Besonderen.

Probleme erfordern Lösungen, und Frank W. ist von Haus aus ein Problemlöser. Also nimmt er sein Smartphone zur Hand und ruft seinen Freund und Kollegen GĂŒnther an. Diesem schildert er erst stockend und dann im Schnelldurchlauf seine Lage. „Aha, hat sie ihre Drohungen also wahr gemacht. Frank, alter Freund, das war mit Ansage, und ich habe dich gewarnt gehabt!“ kĂŒrzt GĂŒnther die Eloge ab.

„Ich schlage vor, wir treffen uns im Kaufland um halb fĂŒnf. Da habe ich meine Sachen erledigt und kann mich fĂŒr eine Stunde loseisen. Ich habe etwas Bargeld mit, das ich dir leihen kann, damit du das Nötigste einkaufen kannst. Wie du weißt, ist meine Regierung streng, und es geziemt sich nicht, sich ihrem Regiment entgegen zu stellen.“ Was als Scherz gemeint ist, erzeugt bei Frank W. nicht einmal ein mĂŒdes LĂ€cheln, sondern hat ein brummelndes Ist-ja-schon-Gut zum Ergebnis.

Als GĂŒnther und Frank W. die gemeinsamen EinkĂ€ufe in Franks Auto geladen haben, sagt GĂŒnther zum Abschied. „Bei dir zuhause ist kurz vor zwölf. Wenn du es diesmal verkackst, ist deine Ehe Geschichte. Ich habe mit Ruth gesprochen. Die sieht mehr als schwarz, das tut sie zwar immer, diesmal jedoch ist das Schwarz noch schwĂ€rzer. Rabenschwarz, um es genau zu sagen. Nutz die vierzehn Tage Zeit und regle Deine berufliche Situation. Und mach Deinem Chef und Deinem Team klar, dass Deine Zeit als Ausputzer ihrer Schnitzer und NachlĂ€ssigkeiten erstmal vorbei ist.“

„Du hast gut reden, GĂŒnther. Wer macht das mit der Messevorbereitung? Wer ĂŒbernimmt die mir zugeordnete Rolle des Stellvertreters vom VertriebsgeschĂ€ftsfĂŒhrer? Er ist drei Wochen weg und hat sein Mobiltelefon abgestellt!“ Frank W. ist ratlos. „Selbst wenn ich es wollte, in den zwei Wochen Osterferien kriege ich das nicht gebacken!“

„Frank, Kollege, das ist dein Leben. Die Familie ist das Wichtigste. Du musst dich entscheiden. Entweder deine Ehe oder Dein Job. Ausweichen und Auf-die-lange-Bank-Schieben ist over and out. Edith wird das nicht nochmals zulassen. Ruth hat das ganz klar gemacht, als ich sie nach ihrer EinschĂ€tzung fragte. Das ist deine –eure! – letzte Chance.“

GĂŒnther klopft ihm auf die Schulter. „Alter, du wirst das schon schaffen und das Richtige tun. Wenn ich dir helfen kann, ruf an. Ich bin Montag im GeschĂ€ft. Wir mĂŒssen uns wegen des großen Angebots eh abstimmen.“ Sie reichen sich die Hand, und Frank W. steigt in den Wagen.
Dort sitzt er einige Zeit und starrt ins Nichts, die HĂ€nde auf das Lenkrad gelegt. Dann legt er den Kopf auf die HĂ€nde, und ein Schluchzen schĂŒttelt ihn. Die TrĂ€nen rinnen ihm auf die HĂ€nde. Erst Minuten spĂ€ter schreckt er von einem Hupen irgendwo auf dem Kaufhausparkplatz auf. Die vorderen Scheiben sind angelaufen, so dass sein Weinen zum GlĂŒck niemand gesehen hat.

Frank W. nimmt ein Tempo aus der Jackentasche und schnĂ€uzt sich. Er wischt die TrĂ€nen ab, startet den Motor und stellt die LĂŒftung auf Maximum. Nachdem die Scheiben wieder frei sind, setzt er zurĂŒck und fĂ€hrt nach Hause.

Nach dem Ausladen und EinrĂ€umen geht er in die KĂŒche und lĂ€sst sich wieder am KĂŒchentisch nieder. Voller innerer MĂŒdigkeit, die ihn bleiern heimsucht, stĂŒtzt er zuerst die Ellenbogen auf und legt dann seinen Kopf in die HĂ€nde. Die Leere und die Stille hĂŒllen ihn ein, umgeben ihn ganz und gar und vermitteln ihm eine Ahnung wie es sein könnte, wenn eintrĂ€te, was als bedrohliches Szenario im Falle eines erneuten Versagens auf ihn wartete: Stille und Leere.

Und die KÀlte des Verlusts und der Einsamkeit, die Seele und Körper bis in die letzte Faser ausleuchten.

*Abschnitt aus einem grĂ¶ĂŸeren Prosawerk

Folgetext: Eine Krise kommt selten allein.
__________________
Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

Version vom 29. 12. 2012 16:23

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