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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Warmer Schnee
Eingestellt am 21. 08. 2002 00:31


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bosbach46
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Warmer Schnee

Wenn wenigstens Schnee fiele. Dann w├Ąre zur Jahreswende genau die Wetterlage vorhanden, die Du so liebst. Es regnet ununterbrochen, seit Stunden bereits. Und auf der Br├╝cke stehen eng gedr├Ąngt die Menschen. Sie warten auf das Feuerwerk. Dann, dein Anruf. Deine Stimme spiegelt die Hektik wieder, die gerade bei euch eingetreten war. An ein p├╝nktliches Schichtende sei nicht zu denken. Eben erst sei noch ein Junge eingeliefert worden, dessen Verbrennungen..., na ja, Du kannst dir ja den Aufwand vorstellen. Gut,antwortete ich, ich warte trotzdem, in dem kleinen Hotel direkt vor der Br├╝cke. Es kann fr├╝her Morgen werden, meinte sie. Ich will Dich zum Jahresanfang f├╝hlen und ich warte! Okay, erwiderte sie.

Vor dem Haupteingang der Hotelbar versperrte eine Menschentraube den Weg. Ich benutzte den Seiteneingang. Achtlos ging ich an dem Rettungswagen vorbei, der mit eingeschaltetem Blaulicht vor dem Eingang parkte. Im Flur, vor dem Zigarettenautomaten, stand eine h├╝nenhafte Frau und versuchte Zigaretten zu ziehen.

Du meine G├╝te, schon wieder kaputt, seufzte sie langgezogen.
Sie hob den Arm dabei und lie├č ihre Hand leicht fallen. Ihr Haar war zu einem Turm aufgesteckt. In Bauchnabelh├Âhe schlo├č eine blaue Nerzjacke ab. Unter ihrem schwarzen Minirock stachen grobmaschige, schwarze Str├╝mpfe hervor, nat├╝rlich mit Naht. Die Abs├Ątze ihrer Schuhe waren eine Art artistischer Herausforderung, h├Âher ging es nicht mehr. Ihr Gesicht wirkte herb, sie war ein Mann. Vielleicht ein Mann, dem die Natur nicht erlaubt hatte, als Frau ins Leben treten zu d├╝rfen.

Du kannst von mir Zigaretten haben, bot ich an und reichte ihr oder ihm eine Schachtel hin.
Wirklich s├╝├č von Dir, Kleiner, hauchte sie. Kleiner, wurde f├╝r den Rest der Nacht mein neuer Name. Obwohl ich mit einhundervierundachtzig Zentimetern keineswegs zwergw├╝chsig war, kam ich mir im Vergleich zu ihrem schwerf├Ąlligen, hochgewachsnen K├Âper tats├Ąchlich klein vor.

Sie legte ihren Arm auf meine Schulter und schob mich sanft in das Lokal. Schrill, rief sie "huhu" und wie einstudiert riefen die hinter der Theke stehenden Transen "huhu" zur├╝ck. Der fraulich-m├Ąnnliche Kolo├č hatte von mir Besitz ergriffen. Sie oder er oder was immer dieser Mensch war, stellte mich als frische Errungenschaft vor und herzte mich mit feuchten K├╝ssen ungest├╝m ab. Mehr gezerrt, als gebeten wurde ich auf die Tanzfl├Ąche gedr├╝ckt. Durchaus bemerkte ich das erotische Knistern, das durch den gesamten Raum flirrte und mich sanft einlullte. Ich tanzte Twist. Genauer, ich wurde umtwistet. Die Transen stellten mich in den Mittelpunkt, knuften mich seicht und forderten mich zu immer wilderen Tanzaktionen auf. Schnellstens rann mir der Schwei├č herab und mein Blickaustausch, meine st├Ąndig wechselnden Augenkontakte brachen in ein neues Land ein.

Meine M├Ązenin hielt pl├Âtzlich inne und zog mich, wie eine Mutter ein Kleinkind gegen dessen Willen durch den Supermarkt schleift, zur Theke. Mir reichte sie Mineralwasser und sah mir belustigt ins Gesicht.

Wei├čt Du Kleiner, was ich geil finde?
Nein, ich wu├čte es nicht.
Ungebremst fuhr sie fort, die Kripo und der Notarzt seien im Hause. Mir fiel der Rettungswagen wieder ein, den ich vor dem Seiteneingang wieder gesehen hatte.

Warum, was ist geil daran, wollte ich wissen.

Sie kam nah an mich heran und leckte unerwartet mein Ohrl├Ąppchen.
Weil, fl├╝sterte sie, sich im Hinterzimmer ein alter Knacker zu Tode gewichst habe. Sie kicherte jetzt.

Werden Sie bel├Ąstigt, h├Ârte ich Jemanden fragen. Ich sch├╝ttelte den Kopf. Nein, dachte ich, ich komme hier klar und wurde prompt von einem Frau-Kerl, der einen ├╝ppigen hormongef├Ârderten Busen vorweisen konnte,auf die Tanzfl├Ąche gezogen. Ruhige Musik setzte ein. Das vamp├Ąhnliche Wesen schmiegte sich sanft an meinen K├Ârper und wir drehten uns versunken dahin. Um uns herum tobte ein Fest, jenseits aller mir vertrauten Spielregeln und neugierig betrachtete ich die aufgedonnerten Elfen, Matronen und gro├čen Damen, die den Raum f├╝llten. Nach und nach bemerkte ich, wie m├╝de die Transvestiten unter ihrem blendenden Make-Up wirkten. Wie sie traurig ihre Blicke ziellos ins Irgendwo richteten und f├╝hlte f├╝r einen Bruchteil, dass ich es hier mit Menschen zu tun hatte, die von einer unstillbaren Sehnsucht
getrieben wurden. Der glamor├Âse Glitzer, die tempostarke Heiterkeit wirkte wie neuer Lack auf einem durchrosteten Auto.

Und dann sp├╝rte ich die H├Ąnde der H├╝nin. Sie war mir zur Tanzfl├Ąche gefolgt und kreiste hinter mir mit ihren tellergro├čen Pranken auf meinen Hintern. Ich sei ein untreues Bengelchen, eine Sternschnuppe, meinte sie vers├Âhnlich. Und dann sah ich durch den Dunst das Gesicht meiner Frau. Sie l├Ąchelte warmherziger denn je. Innerlich entz├╝ndete sie eine Rakete nach der anderen, die in meinem Bauch einen gewaltigen Funkenregen verspr├╝hten und eine G├Ąnsehaut erfasste in Wellen meinen K├Ârper. Die Dicke umkreiste noch immer meinen Po von hinten, das Busenwunder umschlang mich wie ein Oktupus und meine Frau dr├Ąngte sich dazwischen und schob mir ihre Zunge in den Hals. Sie wurde gestreichelt, ich sp├╝rte durchdringende Z├Ąrtlichkeit. Stunden sp├Ąter zogen wir unsere M├Ąntel an. Berauscht und verw├Âhnt gingen wir auf den Ausgang zu.Meine H├╝nin warf mir ein Ku├čh├Ąndchen zu und mein Busenwunder schlug ├╝berzeichnet die Augenlider herab und l├Ąchelte mich tiefgr├╝ndig an.

Drau├čen scheite es. Meine Frau hielt mein Gesicht, z├Ąrtlich zwischen ihren H├Ąnden, die noch ein wenig nach einem Desinfektionsmittel rochen und sagte mit ihrer tiefen Stimme, die ich besonders am Telefon so mochte, ich will Dich! Dann schmolzen auf meinem ├╝berhitzten Gesicht die ersten Schneeflocken des neuen Jahres und eine paradiesische Zufriedenheit wuchs in mir. Auf der inzwischen menschenleeren Br├╝cke, zeugten wir, jetzt nur noch zu blo├čer Leidenschaft geworden, unser Neujahrskind.
__________________
J. Bosbach

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Kalle
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2002

Werke: 19
Kommentare: 20
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Hey Bosbach,

top Geschichte, mit viel Realit├Ątsn├Ąhe. Weiter so! Lenkt ab und entspannt.

Kalle
__________________
Kalle, der, den sie "die Flamme" nennen

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ElsaLaska
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo bosbach,

hat mir sehr gut gefallen, Deine Geschichte, einerseits sehr sensibel erz├Ąhlt, andererseits schrill und realit├Ątsnah. Gute Mischung.

Kleine Fehler:
"Schrill, rief sie "huhu" und wie einstudiert riefen die hinter der Theke stehenden Transen "huhu" zur├╝ck."
Schrill rief sie "Huhu!" und wie .... Transen "Huhu!" zur├╝ck.

"knuften mich seicht"
knuFFten

"h├Ârte ich Jemanden fragen"
jemanden klein.

"wie ein Oktupus" OktOpus

"Drau├čen scheite es"- schNeite es

Komma im letzten Satz ├╝berpr├╝fen!

Gute Bewertung von mir.

Lieben Gruss
Elsa

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
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Fein. Gef├Ąllt mir sehr!
Zwei Kleinigkeiten noch:

"Deine Stimme spiegelt die Hektik wieder, die gerade bei euch eingetreten war" - falsche Zeit im Nebensatz, es m├╝├čte hei├čen: "... eingetreten ist."
"Obwohl ich mit einhundervierundachtzig Zentimetern keineswegs zwergw├╝chsig war..." - ist er doch wohl immer noch, da (hoffentlich) weder gestorben noch gewachsen, also Pr├Ąsens, bitte.

Ist nur Erbsenz├Ąhlerei - ich freue mich ├╝ber jede Geschichte, die mir Kleinb├╝rgerin ein fremdes und (ich gestehe) suspektes Milieu sympathisch nahebringt. Sensibel ud schrill zugleich, Elsa hats schon perfekt gesagt. Fein!
Gr├╝├čle,
Zefira

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