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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Warten
Eingestellt am 07. 04. 2005 21:47


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Ivy
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Warten


Sie stank.
Denn seit unbestimmbar langer Zeit war sie im feuchten dunklen Keller.
Der Brei kam abends durch eine Klappe in der T├╝re, wobei auch dann nur ein kleines Rechteck des Betonbodens gelblich erhellt wurde. Nie genug. Nicht genug Licht, nicht genug zu Essen.
Zitternd, fiebernd und am Rande des Wahnsinns wartete sie.
Anfangs hatte sie um eine Erkl├Ąrung gebeten.
Danach hatte sie geschrieen, n der T├╝r und den W├Ąnden gekratzt, dagegen getreten und um sich geschlagen. Doch als sie immer schw├Ącher wurde, verlegte sie sich auf Betteln. Irgendwann hatte ihre Kraft auch dazu nicht mehr gereicht und so wartete sie.
Sang sich selber Kinderlieder vor.
Beschwor die Bilder herauf, wie sie noch vor wenigen Tagen mit der Rasselbande, die sie betreute, im Sonnenlicht drau├čen gespielt hatte. Schaukeln, die hin und wieder zur├╝ck schwangen, so wie jetzt ihr Oberk├Ârper ohne dass sie sich dessen bewusst war.
Ihre Haare hatte sie gedreht, sich fingerdicke Str├Ąhnen um die Zeigefinger gewickelt, sie in den Mund genommen und auf den Spitzen herumgekaut.

Als sie ihre Blase zum ersten Mal in einer Ecke entleert hatte, war ihr der Urin durch Unebenheiten im Boden an die F├╝├če gelaufen, die Socken hatten sich damit voll gesogen. Ein d├╝nner Rinnsal war bis zur Matratze gekrochen und die linke Ecke wurde erst feucht, dann nass. In der Dunkelheit unbeholfen zog sie das schwere Unget├╝m etwas zur Seite, in die Mitte des Raumes. Dann kam der Augenblick, in dem sie musste. Stundenlang ignorierte sie den Druck ihres Darms, wollte, konnte nicht auch das in der Ecke hinterlassen. Doch als die Kr├Ąmpfe einsetzten gab es keine Wahl mehr.
Im Anschluss reinigte sie sich behelfsm├Ą├čig mit einer der Socken.
Kurz darauf begannen die Ger├Ąusche. Knirschendes Kratzen chitingepanzerter F├╝├čchen, die ├╝ber den Boden huschten und sich in der Ecke sammelten. Etwas Pelziges ber├╝hrte ihre Wade und zertr├╝mmerte den letzen Rest Selbstbeherrschung. Leises Summen. Fiepen.
Ihre Fingern├Ągel zogen blutige Striemen ├╝ber ihre eigenen Unterarme, um mit dem Blut den Durst zu l├Âschen, die Z├Ąhne gruben sich tief in ihre Lippen, um die Schreie zur├╝ckzuhalten, bis sie auf einem fleischigen Fetzen kaute.
Sie starrte auf die Stelle, an der sie die Klappe in der T├╝r vermutete.
Lange.
Dann sp├╝rte sie wieder weiches Fell an ihrem Kn├Âchel. Zuckte zusammen und huschend entfernte sich der warme K├Ârper.
Aber er kehrte zur├╝ck.

Hunger.
Rasend und von innen zersetzend.
In diesem Raum war er allumfassend, allgegenw├Ąrtig.
Sie zog schn├╝ffelnd Luft ein, angelockt vom Blut.


Die winzige feuchte Nase ber├╝hrte die fast eingetrocknete klebrige Spur auf ihrem Daumenballen. Z├Âgerlich leckte die dazugeh├Ârige Zunge dar├╝ber.

Als sich die H├Ąrchen auf dem Arm aufstellten und die Muskeln unter der Haut anspannten, wich die Ratte wieder zur├╝ck, grade soweit, dass ihre W├Ąrme noch zu sp├╝ren war.

Das Fiepen wurde lauter.

Nichts r├╝hrte sich.

Warten.

Warten.

Nach einiger Zeit kam sie wieder heran, mutiger diesmal, begierig ihre Z├Ąhne in das Gewebe zu schlagen, dem Quell des verlockenden Blutes n├Ąher zu kommen. Frisches Fleisch, alle Sinne konzentriert auf dieses Ziel.
So nah.

Aus dem Dunkel ein weiterer fiepender Laut.

Scharren und schn├╝ffeln.

Mutiger geworden n├Ąherte sich das erste Tier wieder dem Arm, biss hinein, lie├č sich durch den Schmerzenslaut nicht mehr ablenken, zog und zerrte an Haut und Fleisch, als sich blitzschnell eine Hand in ihr Nackenfell krallte, eine zweite sich um ihren Hals legte.
Ein schriller Warnschrei in Todesangst und die zweite Ratte suchte fluchtartig das Weite, bereit jeden Artgenossen zu warnen, der ihr begegnen w├╝rde.

Mit einer heftigen Bewegung brach das kleine Genick, die Beinchen zuckten noch kurz, dann wurde es wieder still.

Der Hunger blieb lauernd in den Schatten.

Sie schleuderte das tote Tier angeekelt von sich. Es landete an der Wand, Knochen brachen splitternd, die kleine Leiche rutschte herunter und blieb mit einem satten Ger├Ąusch liegen.
Tiefes Ausatmen. Wenigstens brauchte sie sich keine Sorgen mehr machen, einzuschlafen, denn es w├╝rden keine weiteren Nager folgen.
Die Klappe ├Âffnete sich nicht.
Es dauerte, war aber ebenso unausweichlich wie das Gesch├Ąft in der Ecke.
Mit zitternden H├Ąnden tastete sie in der Dunkelheit. Als ihre Haut dann doch auf das kalte Fell stie├č, zuckte sie zur├╝ck.
Aber tief in ihr regte sich der Hunger mit unerbittlicher Gewalt, verbrannte die Logik, ihr K├Ârper schrie nach Nahrung.
Fell zwischen den Z├Ąhnen, Innereien, die sich in ihren Mund gossen. Der Gestank, der an dem Tier haftete, trieb ihr die Tr├Ąnen in die Augen, obwohl der Geruchssinn sich schon lange ausgeschaltet hatte.
Sie schluckte w├╝rgend hinunter, um blo├č nicht zu kauen.
Den Rest f├╝r sp├ĄterÔÇŽ
Es kostete fast die letzte Kraft, der Rebellion in ihrem Magen nicht nachzugeben.
Das Summen im Raum wurde best├Ąndiger, als sich die Fliegen auf dem offenen K├Ârper der Ratte niederlie├čen. Sich im ge├Âffneten Bauch paarten und ihre Eier ablegten.

Als nichts mehr von der Ratte ├╝brig war, wurde der Schlaf zur einzigen M├Âglichkeit, den Hunger zu verdr├Ąngen. Ihr Magen knurrte nicht mehr. Sie legte sich auf die Matratze, zog sich zusammen und schloss die Augen.
Wieder warten. Warten auf das Ende. Und keine Tr├Ąnen mehr.

Die freiwilligen Feuerwehrm├Ąnner mussten ihren Brechreiz unterdr├╝cken, als sie die T├╝r eingetreten hatten. Unsteten Schatten werfend huschten die Lichtkegel der Taschenlampen ├╝ber den Boden, bis sie sich an der Gestalt auf der Matratze festsaugten.
Verfilztes, wirres Haar bedeckte das Gesicht, verdreckte Kleidung den ausgemergelten K├Ârper. Schwach wimmerte die Frau, als die ungewohnte Helligkeit ihre entz├╝ndeten Augen traf. Hysterisch um sich schlagend wehrte sie sich gegen die H├Ąnde, die eine schnelle Untersuchung vornahmen und sie anschlie├čend auf die Tragbahre legten. Aus ihrem Mund ein unverst├Ąndliches Wirrwarr aus Lauten und Melodiefragmenten.
Vor dem Haus brach die Mutter der jungen Frau weinend in den Armen des am n├Ąchsten stehenden Polizisten zusammen, nicht in der Lage, in diesem B├╝ndel Mensch ihre Tochter zu erkennen.

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Ralph Ronneberger
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Hm - also rein handwerklich nicht schlecht. Aber wo ist die Geschichte?
Ein wenig verwirrt
gr├╝├čt Ralph
__________________
Schreib ├╝ber das, was du kennst!

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Ivy
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Hallo Ralph!

Danke f├╝r Deinen ersten Kommentar bei einem "Frischling" in der Leselupe.
Diese "Situationsbeschreibung" beruht auf einer wahren Begebenheit - die Bilder, die in meinem Kopf entstanden sind, als ich meine Eltern (damals war ich zu jung, um wirklich zu verstehen und Antworten zu bekommen)belauscht habe, nachdem meine Tante verschwunden ist, kurzzeitig wieder auftauchte, nochmal verschwand und nach einem Jahr als Skelett gefunden wurde...

Was verstehst Du unter einer "fehlenden Geschichte"? Oder besser, warum bist Du verwirrt?

IVY

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Esta
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Brr ...

Unheimlich. Ich wuerde gern unMENSCHLICH schreiben, aber alles was gedacht werden kann, wird irgendwann in die Praxis umgesetzt, nicht wahr? Deine Geschichte ist verstoerend. Sehr sogar.
Ich hatte vor Ewigkeiten mal vor, so was Aehnliches zu schreiben. Na ja. Draus geworden ist dann nichts. Kurzgechichten sind nicht mein Ding, wenn's ums Schreiben geht.

Allerdings interessieren mich jetzt die Aussagen, die du als Anwort auf Ralphs Kommentar geschrieben hast - wahre Begenheiten? Wann? Wo? Ich trau mich kaum zu fragen, aber - warum? Ich meine - kein Mensch sperrt jemanden ohne Grund in einen Keller. Wer hat die Frau eingesperrt? Was hat sie ihm/ihr getan, dass er/sie ein solches Los fuer sie auserkoren hat? Vielleicht waere es ratsam, diese Geschichte aus zwei perspektiven zu schreiben. Aus der des Opfers und aus der des ... aehm ... mann, jetzt faellt mir kein vernuenftiges deutsches Wort ein, gibt's das? Na jedenfalls aus Sicht desjenigen, der die arme so quaelt ... Ich wuerde diese Geschichte auf jeden Fall ausbauen und aus der Situationsbeschreibung einen Plot machen. So wie Ralph vorgeschlagen hat. Um noch mal auf die unterschiedlichen Erzaehler zurueckzukommen - hier wuerde sich natuerlich die Frage stellen, welche Art Erzaehler du verwendest. Ich-Erzaehler? Ganz normale personale Erzaehler? Oder gar - boese, gemein, garstig - einen auktoriellen Erzaehler? Ich hab was gegen auktorielle Erzaehler, aber das ist natuerlich ziemlich subjektiv. Ansonsten wuerde ich in Punkto Erzaehler nur noch vorschlagen, auf jeden Fall den gleichen Erzaehler fuer beide zu benutzen. Andernfalls koennte leicht der Eindruck entstehen, du wuerdest jemanden bevorzugen und gerade DAS wuerde ich bei einem Stoff wie diesem auf jeden Fall vermeiden wollen ...

Also dann.
LG

ESTA

P.S.: Ralph? Darf ich was fragen? Findest du es "verwerflich", Kurzgeschichten zu schreiben, die faktisch keinen richtigen Plot aufweisen, sondern nur Einblick in den ein oder anderen Moment ermoeglichen? Ja? Lass mich raten - du bist nicht gerade Impressionismus-Fan ... ? =] Schade. Ich liebe diese Kunststroemung ...
__________________
"Reality is Ralph." (Stephen King: 'Lisey's Story'/'Love')

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Ivy
Manchmal gelesener Autor
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Schwierig, schwierig....

Hallo ESTA!

Tja, wo fange ich jetzt an???

Zuerst einmal Danke f├╝r Deinen ausf├╝hrlichen Kommentar...

Wann: vor nicht ganz 30 Jahren...
Wo: Norddeutschland...
Warum: Eifersucht...
Was: Meine Tante wurde von Ihrem Freund tats├Ąchlich in seinen Keller gesperrt und v├Âllig dehydriert und mit Wahnvorstellungen von einem Nachbarn herausgeholt - danach war sie, sagen wir mal nicht mehr sie selber. Versteckte sich bei meinen Eltern. Wurde vom Opfer zur T├Ąterin (OUTING: an mir). Und es sagt sich so einfach :

"Wenn jemand meinem Kind etwas antut, bringe ich ihn um!"
Was, wenn es die eigene Schwester war...?

Dieser Ausschnitt geh├Ârt dazu, den Rest der Geschichte irgendwann vielleicht auchschreiben zu k├Ânnen (Wird dann prima Horror-Psycho-...)

Dieser kommende Part ist dann entweder aus der Ich-Perspektive (wenn ich die Kraft dazu aufbringe) oder immer noch aus IHRER... Mal sehen.

Die meisten meiner Texte haben diesen "Spiegelscherben-Effekt".

Liebe Gr├╝├če
IVY

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Esta
Festzeitungsschreiber
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Spiegelscherbeneffekt ... ?

Da faellt mir doch gleich das Video zu Breaking the Habit ein. Kennt das irgendjemand? Wortwoertlicher Spiegelscherben-Effekt.

Oh mein Gott.
Ich weiss, ich bin unmoeglich, aber richtig verstanden, was genau da abgelaufen ist, habe ich noch immer nicht. Deine Tante hat diesen Horror tatsaechlich ueber sich ergehen lassen muessen? Weil ihr Freund eifersuechtig auf sie war ... ? Entschuldige bitte, dass ich dich als Info-Quelle zweckentfremde, aber - Mist, ich bin eben unheilbar neugierig, gerade was solche etwas ... psychotischen Sachen angeht. Was ist damals passiert? Gut, jemand wurde in einen Keller gesperrt. Aus Eifersucht. Eifersucht worauf? Und wenn du sagst, deine Tante (Himmel, es tut mir Leid, wenn ich aufdringlich bin, wirklich) waere nicht die selbe gewesen - inwiefern auesserte sich das? Wie hast sie sich veraendert? Und noch was - du sagtest etwas wie, sie waere "kurz" mal wieder aufgetaucht, um dann fuer ein jahr zu verschwinden und als Skelett wiederaufzukehren ... Ich will dich wirklich, wirklich nicht bedraengen und wenn dich meine Penetranz stoert, bitte ich um Mitteilung. Dann werde ich mich zusammen nehmen, versprochen ... Es interessiert mich nur eben ... *drop* Bin ich anormal? Daemliche Frage. Natuerlich bin ich das ...

Weiter im Text. Was verstehst du unter Outing? Dass Opfer zu Taetern werden, ist nicht ungewoehnlich. Was fuer eine Art von Tater wurde denn aus ihr? Und was zum Henker sollte das mit ihrem Kind???
Hey, du merkst, ich sprudle ueber vor Neugier. Wuerde es dir viel ausmachen, mir per Mail mal so etwas wie einen Tatsachenbericht zu schicken? Und wieder - wenn du nicht reden MOECHTEST, okay.
Allerdings - und jetzt komm ich wieder mit meiner Zwei-Erzehler-Geschichte - ist es vielleicht in solchen Situationen ganz hilfreich, sich ans Verarbeiten zu setzen. Ich sag das so einfach und tu es selber nicht, ich weiss, allerdings ist das bei mir was anderes. Also - Denk drueber nach, die Geschichte zu ueberarbeiten. Ich wuerde mich "wahnsinnig" freuen, sie lesen zu koennen.

ESTA

P.S.: Ich werde fuer gewoehnlich tatsaechlich und ganz profan "Esta" geschrieben ... Hab mir nur angewoehnt, gross zu unterschreiben, um das lang ersehnte Ende etwas hervorzuheben ...

P.P.S.: Nochmal der Tatsachenbericht - Antworten bitte an EstaChan@aol.com bzw. EstaChan@hotmail.de Merci beuacoup. Und ich will wirklich, wirklich niemanden zu nahe treten ...
__________________
"Reality is Ralph." (Stephen King: 'Lisey's Story'/'Love')

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