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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Warten
Eingestellt am 04. 09. 2009 18:39


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Lesemaus
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2009

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Der Hubert ist nun auch tot. Heute stand’s im BlĂ€ttle. Und das Essen kommt auch immer spĂ€ter. Gestern gab’s Kartoffelbrei und Leber. Die Zwiebeln waren natĂŒrlich latschig. Nicht so kross wie die von der Renate. Was gĂ€b ich drum, wenn ich noch einmal einen richtigen Rostbraten mit viel solchen Zwiebeln essen könnte! Aber wer weiß, ob das meine Verdauung noch mitmachen wĂŒrde. Ich kann die Winde sowieso schon kaum noch halten in letzter Zeit. Noch nichts zu sehen draußen. Die Siebert blockiert wieder den Behindertenparkplatz. Wenn die Polizei sich doch mal um solche kĂŒmmern wĂŒrde! Muss der Fahrer von “Essen auf RĂ€dern” wieder in der zweiten Reihe parken. Auf das Hupkonzert freue ich mich schon! Ist ja klar, dass die in der GroßkĂŒche keine knusprigen Zwiebeln hinkriegen. Wer weiß, wann die die vielen Portionen fertig machen und wie lange die in den Warmhaltegeschirren aufbewahrt werden. Na, ja, auch egal, Hauptsache, es kommt bald. Der Hubert, so so. Hat’s ihn auch erwischt! Dabei ist das doch ein Achtunddreißiger, zwei Jahre jĂŒnger als ich. Aber ich glaub, der hatte Krebs, als ich ihn vor ein paar Monaten in der Stadt traf, hat er so was erzĂ€hlt. Den Bauch so dick wie eine Hochschwangere. Dabei war er immer schlank. Aber es ist lauter FlĂŒssigkeit im Bauchraum, die da nicht hingehört. Hat er gesagt. Möchte lieber gar nicht wissen, was da so in mir alles rumwuchert. Ist auch egal, wenn’s mal schnell ginge, wĂ€r’s mir schon recht. Wer soll auch ein Interesse daran haben, dass ich noch lĂ€nger lebe! Siebzig Jahre sind haufeng’nug. Nur mit meinen Katzen wird’s ein Problem geben. Was fangen die dann ohne mich an? Die Meili, die Zierzitzi, der Wotan und der freche Klabautermann. Muss mich mal hinsetzen und mein Testament machen. Damit sie versorgt sind. Obwohl, wer weiß, ob der, der mein Geld dafĂŒr kriegt, dass er sie nimmt, ob der nicht Gift in ihr Essen tut. Na, meine liebe Meili, wo hast du dich denn wieder rumgetrieben, hast Hunger gekriegt, was? Ja, du kriegst gleich einen schönen Obstgarten, darfst wieder das Oberste abschlecken. Den Rest ess ich dann. Ich weiß doch, dass du das magst, gell? Mann, waren das Zeiten, als ich noch mit dem Hubert auf Montage war! Wir zwei, das war schon was. Damals in Lagos.

Wir durften auf eigene Faust nicht raus. Wenn wir was sehen wollten, mussten wir dem Chauffeur Bescheid sagen, selber fahren war strengstens verboten. Aber was sollten wir uns dort schon ansehen, so was von verkommen und unhygienisch. Dritte Welt halt. Die jĂŒngeren Kollegen waren mal in einer Disco. Wenn man da in das Lokal rein gekommen ist, hatte man gleich vier Weiber an sich hĂ€ngen gehabt und die, die einem gefallen hat, die hat man dann mitgenommen. Die musste erstmal duschen und dann ins Nest und am anderen Morgen hat man der ein paar Kröten in die Hand gedrĂŒckt und ‘ne Schachtel Zigaretten fĂŒr den Papa und Geld fĂŒr’s Taxi und das Geld war soviel, wie ihr Papa den ganzen Monat verdient hat. FĂŒr mich war das nichts, es wurde ja auch dringend vor Kontakten mit einheimischen Frauen gewarnt, weil, wenn man sich was holt, kann’s hier in Deutschland nicht behandelt werden, weil gegen denen ihre Krankheiten gibt es hier gar keine Medizin. Und dort im Krankenhaus ist es noch schlimmer wie bei uns im GefĂ€ngnis. Hubert war mal im Krankenhaus, nach einem Discobesuch, als er ĂŒber die Straße zu seinem Taxi wollte, es war stockdunkel und zwischen Straße und Haus war ein dunkler Streifen und Hubert dachte, das ist frisch geteert und wollte drĂŒber gehen. Das war aber ein Abwassergraben, da lĂ€uft das Abwasser offen in die GrĂ€ben, und Hubert fĂ€llt da rein und steht bis zu den Knien buchstĂ€blich in der Scheiße. Weil er sich verletzt hatte, hat er in die Klinik mĂŒssen. NatĂŒrlich von oben bis unten voll mit Scheiße. Da hat er von den ZustĂ€nden im Krankenhaus erzĂ€hlt. Primitiv, dreckig, unhygienisch. Ja, das waren noch Zeiten! Draußen ist immer noch nichts zu sehen. GegenĂŒber lungern wieder die HalbwĂŒchsigen rum. Rauchen und haben diese Stöpsel im Ohr. Können die sich so ĂŒberhaupt unterhalten? Haben die nichts Besseres zu tun? Zu unserer Zeit mussten wir in dem Alter schon arbeiten. Mein Vater hĂ€tte mir aber was erzĂ€hlt, wenn ich den ganzen Tag auf der Straße rumgestanden hĂ€tte. Im Familiengericht wird heute wieder ein interessanter Fall verhandelt. Mein Gott, wie sieht der denn aus!? Die Haare wie Stacheln von einem Stinktier. Und auch noch blau und lila. Und wie dem seine Freundin angemalt ist. Als ob sie eine schwarze Brille auf hĂ€tte. Und dazu grellrosa Haare. Mein Gott
 Der Alte hat die Stieftochter missbraucht, die sich dann umgebracht hat. Gerade erzĂ€hlt er, sie hĂ€tte ihn provoziert. Mit kurzen Röckchen und bauchfreien - was? - Tops. Die Sprache ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Man braucht ja grad ein Wörterbuch, wenn man verstehen will, von was die Leut schwĂ€tzen. Alles nur Englisch. Wo leben wir denn? Na, ja, wenigstens haben die beiden Paradiesvögel versucht, das MĂ€dchen, die was die Schwester des Stacheligels war, zu schĂŒtzen. Die andere Schwester soll der Kerl ja auch angefasst haben. Sowas gab’s zu meinen Zeiten nicht. Heut scheint das ja gang und gĂ€be zu sein. Und die Mutter will natĂŒrlich wieder von all dem nichts mitgekriegt haben. Wird wohl froh gewesen sein, dass ihr Alter sie in Ruhe gelassen hat. Jetzt wird’s aber Zeit mit dem Essen. So spĂ€t ist es noch nie gekommen. Die sprechen ja schon das Urteil. Acht Jahre, na, hoffentlich sitzt er die auch ab. Letzte Woche haben sie die alte Greiner aus dem zweiten Stock abgeholt. Im Blechsarg. Wie lange die wohl schon in ihrer Wohnung gelegen hatte? Trotzdem. Ins Altersheim bringt mich keiner! Solange ich noch laufen kann und allein aufs Klo, bringen mich keine zehn Pferde hier raus. Dort wird man doch totgepflegt, wird zur Nummer, zum Bittsteller, ausgeliefert den Launen und ZeitplĂ€nen unterbezahlter Pfleger. Dann lieber der Putzfrau ein bisschen mehr zahlen, damit sie meinen Dreck wegmacht. Und ein gescheiter Fernseher, bei dem ich mit niemand um das Programm streiten muss. Ja, gibt’s denn so was! Die Siebert kommt schon wieder mit einem Schwarzen daher. Ist das noch derselbe wie letztens oder schon wieder ein Neuer? FĂŒr mich sehen die doch alle gleich aus. Als ob’s nicht genug Deutsche gibt hier bei uns! Damals in Afrika, als wir monatelang da unten waren, das war freilich was ganz anderes. Irgendwo musste man ja hin mit seinen Trieben. Und der Hubert der hat auch wirklich nichts anbrennen lassen. Und er hatte auch nicht, wie ich, eine Frau zu Hause sitzen, mit der man bei jedem Urlaub dieselben Diskussionen fĂŒhren musste. Musst du unbedingt auf Montage gehen? Und so weit! Und so lange! Mein Gott, was dachte sich Renate denn, wo ich sonst so viel Geld in so kurzer Zeit verdienen könnte! Mit dem Ausgeben hatte sie ja auch keine Probleme!

FĂŒr NANZ sind wir damals auch durch ganz Deutschland gereist. Als sie ĂŒberall von ihrer VerkaufsflĂ€che einen Raum abgezweigt haben, um dort Spielautomaten aufzustellen. Spielautomaten! Wir mussten die WĂ€nde dunkelblau streichen und ĂŒberall Sternenhimmel hinmalen. Der Besucher sollte das GefĂŒhl haben, er schwebt durchs Weltall. Und dann bei meiner Heimkehr, zwei Tage frĂŒher als angekĂŒndigt, die Überraschung: die liebe Renate in unserem Ehebett mit dem Nachbarn! Da flogen die Fetzen! Von da an war die Sache natĂŒrlich gegessen. War wenigstens niemand mehr da, der stĂ€ndig gemeckert hat. Und ein schlechtes Gewissen musste ich dann auch nicht mehr haben, wenn ich mit einer schönen Fremden im Bett war.

Als ich dann Karin kennen gelernt hatte, habe ich mal bei meinem Chef vorgefĂŒhlt, von wegen, nicht mehr so oft auf Montage und so. Hat der gesagt, ich solle mir keine Schwachheiten einbilden, Maler, die in Deutschland WĂ€nde anstreichen wollen, gĂ€be es wie Sand am Meer. Was sollte ich also machen? Bin ich halt weiter mit Hubert auf Montage gefahren.

Auf die Beerdigung werde ich wohl gehen. Mal sehen, ob jemand von der Firma da ist. Aber fĂŒr die Chefs ist man nur solange interessant, wie man schaffen kann. Der Hubert, der hat ja die Firma so sehr als sein Eigenes angesehen, dass er sogar, als einmal das GerĂŒcht aufkam, die Firma ginge bankrott, bei einer Betriebsversammlung den Vorschlag gemacht hat, jeder Kollege könnte mal eine Woche umsonst arbeiten, damit sich die Firma wieder erholen kann irgendwann. Dann ist man dahinter gekommen, dass der Seniorchef das GerĂŒcht selbst in die Welt gesetzt hatte, damit die Arbeiter noch einen Zahn zulegen.

Ja, der Hubert war getrieben von der Angst, die Firma könnte bankrott gehen, wenn er nicht tut wie ein VerrĂŒckter. Ich wĂŒrde mich nicht wundern, wenn er sich jeden Abend, bevor er eingeschlafen ist, ĂŒberlegt hat, hab ich heute wirklich genug fĂŒr das Wohl der Firma getan? FĂŒr dieses Ziel ist er auch ĂŒber Leichen gegangen. Der hat seine Mitarbeiter behandelt wie die Sklaven. Er ist durch die Gegend gerast wie ein VerrĂŒckter und hat das von allen anderen auch erwartet. Und wer das nicht gemacht hat, hat mit dem Hubert Probleme gekriegt.

Ja, ja, der Hubert. Aber jetzt könnt’ das Essen schon langsam kommen. Ob die mich vergessen haben? Die Vera ist schon dran, heute hat sie das Thema “Ihr wollt heiraten, ich bin dagegen!” Ich versteh das nicht, warum die Leut ins Fernsehen gehen und dort ihre Probleme bereden mĂŒssen. Können sie doch genauso gut auch zu Hause machen. Und wie die sich manchmal anschreien! Sowas hĂ€tt’s zu meinen Zeiten nicht gegeben. Aber das ist wahrscheinlich wieder alles aus Amerika rĂŒbergekommen. Komm her, Meili, darfst auf meinen Schoß liegen, musst nur runter, wenn ich ans Fenster will, nach dem Essen schauen. Ich versteh das nicht. Mit uns Alten kann man’s ja machen!












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Ein Schriftsteller sollte nicht schreiben wollen, sondern schreiben mĂŒssen. (Erwin Strittmatter)

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