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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Warten auf Che
Eingestellt am 09. 05. 2001 10:14


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Karl Reichert
Blümchendichter
Registriert: Dec 2000

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Warten auf Che


Kiffen ist kein Problem, Haschisch liegt, wenn nicht auf der Straße, so doch zum freundlichen Verzehr hinter‘m Tresen jeder anständigen Kneipe bereit. - Doch wer geht was holen? Das ist die Frage aller Fragen, die sich jeden Samstag stellt, und immer wieder neu beantwortet werden will?
Die Frauen sind schon längst aus dem Haus – Einkaufen!
Egge, Blondie und Zappa hängen noch in den Seilen, genauer gesagt, in den Sesseln oder auf der Couch, haben die Beine über die Lehnen geworfen und liegen stumm da. Der Wohnzimmertisch ist, von Zeitungen, Kaffeetassen, Tellern, Messern, halbzerlaufener Butter, abgebrochenen Brezeln und Tabakkrümeln, sowie Feuerzeugen und anderer, nicht näher definierbarer Dinge, fast vollständig bedeckt - nur noch zu erahnen. Die Luft ist kaum zu atmen, aber keiner hat es bis jetzt für nötig befunden, auch nur ein paar Minuten, zu lüften. Man ist auch so zufrieden, und es tut der überaus friedlichen Stimmung keinen Abbruch.
Aus der Tiefe des Raumes kommen die ersten Zeichen von Leben. Ein sehr verhaltenes Hüsteln, ein aufforderndes „Dzz-Dzz!“ aus einem schmallippigen Mund oder ein kaum hörbares „Mach‘ et!“ ist der ultimative Beginn, eines eingefahrenen Spieles, um erste Aufmerksamkeit zu erregen oder die lästigen Kontrahenten, schon in dieser frühen Phase, in Zugzwang, in die Defensive zu zwingen. Wer ein wenig von Psychologie versteht, weiß, dass der Angesprochene - man denke an Telefongespräche, wo der Fragende automatisch im Vorteil ist, weil der Befragte nur reagieren kann und ganz egal, wie reagiert wird, sich in eine ungünstige, weil passive Lage bringt – immer im Nachteil ist. Sinn und Zweck des Spieles, um des Spieles Willen: Wer holt die nächste Fuhre? Eine durchaus existenzielle Frage, weil diese Stadt, ja, diese Gesellschaft, im Zustand der Nüchternheit nicht zu ertragen ist, und weil sie sich nur so ihre Zuneigung zeigen können, ohne sentimentales Zeug zu faseln.
Blondie hat nicht nur die schlechtesten Nerven und entblößt sich ohne Not, sondern begeht einen Kardinalsfehler, mit dem Vorschlag: „Lasst uns doch die Sache mal fair austragen. Wie wär’s mit dem Schere-Stein-Papier-Spielchen?“ Er muss jetzt in die Offensive, das ist schon klar, die Reihenfolge ist eben nicht beliebig! Und wer in der Bredouille ist, das ist ebenso ungeschriebenes Gesetz, muss ran. Aber muss es die sportliche Variante sein? Blondie kann sich doch an den Fingern abzählen, dass dies ein gefundenes Fressen für diese Bestien ist. Darüber werden sie herfallen, gnadenlos. Denn alles was gesagt, auch wenn es beiläufig einfließt, ist gesagt und somit zur Sektion freigegeben. Nichts wird vergessen oder gar ausgelassen, alles kommt unter den geistigen Hammer, wird kritisiert und kommentiert, und man kann von Glück sprechen, wenn es auf der persönlichen Ebene bleibt. Das Schlimmste ist und bleibt aber das penetrante Ausanalysieren der oft fragwürdigen, gesellschaftlichen Entwürfe. Und wie nicht anders zu erwarten, schlägt Egge sofort einen knochenharten Ton an: „Aha, ein Gentleman, der Gottfried von Gramm der Zocker. Ganz heimlich trainiert, Stunden genommen?“
Das Spiel kann beginnen. Die Regularien: Das Schere-Stein-Papier-Spiel ist ein Handschlagspiel, bei dem die Hand auf den Rücken gelegt und bei „Jetzt!“ nach vorne gezeigt wird. Man entscheidet sich entweder für Stein, Schere oder Papier. Schere schneidet Papier, Stein schleift Schere und Papier wickelt Stein ein. Bei gleichem Symbol wird wiederholt. Es gilt der K.O.-Modus.
Blondie verliert wieder, und wird, zur härtesten Strafe, die es überhaupt gibt, verdonnert. Er muss nicht nur was holen, sondern sofort drehen, und, damit einhergehend, eine äußerst harte Prüfung über sich ergehen lassen. Das Drehen wird nach streng handwerklichen Kriterien beurteilt. Nur ganz bestimmte Kategorien, wie Form, Konsistenz und Durchlässigkeit des Filters werden getestet und diskutiert. Ein orgiastisches Festmahl für Egge und Zappa.
Blondie bewegt sich provozierend langsam aus der bequemen Seitenlage der Couch, in die stabilere Sitzposition und sucht die Dreh-Utensilien: Silberdöschen, Tabak, Blättchen, Papierfilter, meist eine dünne, gut zu biegende Pappe, aus dem Chaos des überbordenden Tisches, zusammen, wischt die Platte mit einer energischen Ellbogenbewegung sauber und klebt mit routinierten Bewegungen der Fingerspitzen die angefeuchteten Blättchen aneinander, streut ein wenig Tabak über die entstandene Fläche, was man den Bodensatz nennt, nimmt das Haschisch aus dem Döschen, hält das Feuerzeug drunter, um es weich zu kriegen und flockt es gleichmäßig über den Bodensatz. Anschießend rollt er einen Filter, legt ihn an das entsprechende Ende, nimmt das fragile Gebilde auf die Finger und wickelt das Ganze, wie eine Zigarette, aber konisch zum Filter hin zulaufend, zusammen, fährt dann noch mit feuchter Zungenspitze über die Klebeflächen der Blättchen und fertig ist das Gesamtkunstwerk.
Siegessicher und in Erwartung der vollen Punkzahl hält Blondie sein Meisterstück in Richtung Prüfer, aber nur soweit, dass sich Zappa genötigt sieht, seine formidable Igelstellung, er legt sich gerne ein warmes Deckchen um die Beine, aufzugeben. Die anstehenden Verhandlungen will er auf Augenhöhe führen. Zappa tastet Pixel für Pixel die brennbare Hülle nach kleinsten Ungenauigkeiten ab. Er will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, seine Schwachenstellenanalyse würde wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten. Doch, bevor das Urteil gefällt wird, bleibt der herrische Blick des Großinquisitors am Filter hängen. Ein Auge flackert und er fragt lakonisch, mit huldvollem Timbre in der Stimme: „Zieht der auch?“ Nimmt das Feuerzeug und kokelt den Rand des, in der anderen Hand sich drehenden, Joints an, zieht das in einem Zipfel endende Käppchen vorsichtig ab und entflammt die freigelegte Mischung mit kräftigen Zügen. Befeuchtet dann mit den Fingern den Rand der Glut, wirft den Kopf weit in den Nacken, inhaliert tief und lässt konzentrische Ringe durch den weit geöffneten Mund strömen. So daliegend verharrt er lange, schnellt dann aber ganz unerwartet mit dem Oberkörper zur Seite, greift zu Blondie rüber, kneift ihm mit Zeige- und Mittelfinger in die Backe, wendet sich Egge zu und sagt lapidar und Furztrocken: „Eine gute Drei-Minus, Alter!“ Egge nickt bestätigend. Der Joint wird weitergereicht und die Bemerkungen werden weniger, dann verstummt die Unterhaltung ganz. Blondie drückt noch den Filter aus und schon befinden sie sich wieder jenseits von Gut und Böse.
Die Frauen kommen vom Einkauf zurück und mit der Ruhe ist es vorbei. Türen schlagen und der Inhalt der vollgepackten Tüten wird geräuschvoll im Kühlschrank, der Obst- und Gemüseschale und den Schränken verstaut. Doch nicht das aufdringliche Gekicher bringt die Herren der Schöpfung dazu sich zu bewegen, es ist vielmehr das permanent schlechte Gewissen, dass sie jeden Samstags plagt. Sie vermuten, dass die Frauen diese Schwäche schamlos ausnutzen, die Einkauferei bewusst in Kauf nehmen, um ihre Vorherrschaft weiter auszubauen. Die Wahrheit ist, dass sich die Frauen nur darüber amüsieren, welch köstliches Bild die Drei abgeben, wenn sie in hektische Betriebsamkeit verfallen und wie aufgescheucht Hühner durch die Gegend rennen. Im Grunde aber nur im Wege stehen.
Inzwischen ist es früher Nachmittag und Blondie nutzt die Gelegenheit und macht sich auf den Weg in die „Rote Harfe“, eine Kneipe direkt am Heinrich-Platz.
Zu früh betritt Blondie die „Harfe“. Eigentlich weiß er ganz genau, das Che, pünktlich kommt, da kann man die Uhr nach stellen. Blondie setzt sich an den Tisch ganz in der Ecke. Hier sitzen alle, die was wollen. Die Stirnseite ist Tabu, die ist Che vorbeihalten. Eine Viertelstunde warten – eine Ewigkeit. Blondie bekommt sofort seinen Kaffee, man kennt sich. Dann lugt auch schon Käpt’n durch die Tür, guckt aber nur kurz und setzt sich wortlos, nimmt die Tageszeitung vom Haken und liest.
Dann der große Auftritt – Che erscheint! Ein spierhagel-dünner Typ, mit Käppi und rotem Stern an der Seite, schlohweißem Bart und entsprechenden Haaren, schreitet würdevoll, aber ohne zu grüßen an seinem Platz, nimmt die grüne Stofftasche, hängte sie, wie seine olivgrüne Lewisjacke, über den Stuhl und setzt sich. Belanglosigkeiten werden ausgetauscht. Nach wenigen Minuten bringt ein Kellner sein Mittagessen und ein Glas Rum. Wahrscheinlich eine alte Sentimentalität, ein schüchternes Wohl auf seinen Namensgenossen in Kuba – das Original. Langsam bewegt Che den Kiefer hin und her, blickt ab und zu kurz auf, so, als ob er die Stimmung prüfen wolle, und die anderen schauen teilnahmslos zu. Ein katholischer Gottesdienst ist ein Scheiß dagegen. Nach dem letzten Schluck Rum räuspert er sich dann geräuschvoll. Die Bestellungen können aufgegeben werden. Er greift in die Tasche, holt die abgepackten Portionen heraus und legt sie auf den Tisch. Jeder bekommt was er braucht, gefeilscht wird nicht.
Als Blondie wieder zu Hause ist, liegt eine geradezu feierliche Stimmung in der Luft. Er kommt sich vor, wie ein Osterhase mit kurzen Ohren. Doch er winkt ab, setzt sich mit enttäuschter Miene hin und sagt: „Tut mir leid, Leute, heute war nichts, sonst wäre ich auch nicht so schnell wieder hier. Che hat wieder mal Paranoia vor den Bullen und ist nicht gekommen.“
Das kommt wirklich vor.
„Los, komm‘, pack‘s auf den Tisch und zier Dich nicht so!“


















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