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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Warten auf Go
Eingestellt am 07. 01. 2010 17:06


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gerian
Festzeitungsschreiber
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Es hatte den ganzen Tag ├╝ber geschneit.
In dieser herabgesunkenen Stille gab es weder Himmel noch Erde. Nur Schnee, der im Wind wirbelte und die Fensterscheiben an den H├Ąusern bemalte, die R├Ąume dahinter ausk├╝hlte und die Stadt zum Schweigen brachte.
Die R├Ąder und Tritte auf der Stra├če bewegten sich lautlos.

Den beiden M├Ąnnern unterhalb der Br├╝cke schien es so, als verliefe das Leben wie hinter einem undurchdringlichen Vorhang weiter.

"Das Leben verl├Ąuft nicht so, wie du es dir vorstellst. Es geht seinen eigenen Weg. Und das ist nicht das Gleiche, Bert."
"Didi, lass uns gehn."
"Wir k├Ânnen nicht, Bert."
"Warum nicht?"
"Hast du es schon wieder vergessen, Bert?"
"Was?"
"Warten, warten auf Go. Er hat uns versprochen zu kommen, Bert."
"Ach ja, ich erinnere mich wieder, es ist mir wie eine Ewigkeit, Didi."
"Was?"
"Dieses Warten! Es macht mich ganz krank."

Das Schweigen der versunkenen Stadt drang zu ihnen und h├╝llte sie ein wie in einem Wattebausch.
Nur der gelegentliche Glockschlag der nahen Kirchturmuhr kratzte an der kristallenen Stille.

"Die Zeit vergeht..., vergeht im Warten, so ist das Leben, Bert."
"Aber ich wollte doch nur gl├╝cklich werden, Didi."
"Es ist nicht so, dass ich unbedingt gl├╝cklich sein wollte, das nicht gerade."
"Was denn?"
"Irgendwann im Leben kommst du an einem Punkt, da willst du dich nur noch retten. Aber das habe ich erst sp├Ąt, viel zu sp├Ąt begriffen, auf welche Seite ich mich schlagen musste."
"Sag, Didi, auf welche?"
"Auf die Seite der Sehns├╝chte."
"Didi, wir m├╝ssen nachlegen, unser Feuer geht uns sonst verloren."
"Wir sind es, Bert."
"Was?"
"Verloren."
"Ach nein, wir haben doch noch unsere Sehns├╝chte, Didi."
"Ja, wir warten, wir warten auf Go, er hat uns versprochen zu kommen."
"Wir finden doch immer was, um uns einzureden, dass wir exestieren, nicht wahr Didi?"
"Ja, ja, wir sind wahre Zauberer."

Didi z├╝ndete sich eine Zigarette an. Sie leuchtete wie ein Gl├╝hw├╝rmchen. Er paffte und war damit besch├Ąftigt, Rauchringe in die Luft zu blasen, die wie hohle Augen im Nichts zergingen.

"Welchen Tag haben wir denn heute, Didi?"
"Ich wei├č es nicht, ist es so wichtig?"
"Nein, eigentlich nicht..., die Zeit rinnt dahin, vergeht im Warten."
"Ja, ich erinnere mich..., wie eine Ewigkeit kommt es mir vor, Didi."
"Komm lass und gehn."
"Als ich mich noch nicht sehnen konnte, versuchte ich ein Gutmensch zu sein, doch dann entdeckte ich, wie absurd mein Leben war."
"Didi, das Feuer, unser Feuer geht uns verloren, wir m├╝ssen nachlegen..."

Schlie├člich schliefen sie unter ihren Wolldecken ein.

Sie tr├Ąumten den gleichen Traum:
Es war ein warmer Fr├╝hlingstag, kurz vor Ostern.
Ein Prozessionszug wurde von einem alten Mann angef├╝hrt. Mit seiner Rechten tastete er mit dem Blindenstock den Gebirgspfad ab. Alle folgten ihm. Die M├Ądchen trugen wei├če Kleider und Myrthen in den Haaren. Flecken von Sonnenlicht schwebten wie Schmetterlingen dar├╝ber.
Niemand wagte die feierliche Stille zu st├Âren.
Doch endlich fragte eine Frau am Ende des Zuges:
"Wohin f├╝hrt uns der Blinde?"
"Das wei├č niemand," antwortete ein Mann an der Spitze der Prozession.
"Vielleicht besteht des Blinden Sehnsuht darin, wieder sehen zu k├Ânnen und doch wei├č er, dass die Nacht kein Ende haben wird. Er ist immer unterwegs. Das ist sein Leben," sprach ein Anderer.
Und die Menschen, die das h├Ârten, beschlossen dem Blinden weiter zu folgen.
Niemand wagte mehr, die sinnlose Stille zu st├Âren.

Als die beiden M├Ąnner unter der Br├╝cke wieder aufwachten, war es stockdunkel geworden. Nur die Holzscheide im Feuer glimmte noch.
Es hatte aufgeh├Ârt zu schneien.
Mit schl├Ąfrigen Augen eines Krokodils sah Bert, wie sich der Mond, so d├╝nne und so gelb wie eine matte Zitronenschale ├╝ber die am Boden Hockenden kr├╝mmte und milchiges Licht in ihren Br├╝ckbogen versch├╝ttete.

"Wei├čt du, Bert, irgenwann in deinem Leben wird dir klar, dass du dich nicht mehr nach Etwas sehnen kannst, ohne dir selbst weh zu tun. Ich hatte mit meiner ganzen Kraft gesehntund dabei habe ich mir so sehr weh getan, das kannst du dir ├╝berhaupt nicht vorstellen."
"Didi, lass uns gehn."
"Ja, wir wollen leben, Bert, komm wir gehen, wir sind die Herren unserer Tage!"
"Wir m├╝ssen uns Sisyphos als einen gl├╝cklichen Menschen vorstellen." (Camus: Der Mythos des Sisiphos)

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Haremsdame
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Weil ich gerade dabei bin, Gerian, gleich noch meine Meinung zu dieser Geschichte:

1. Der Beginn, in dem Du die winterliche Stimmung beschreibst, ist gelungen. Allerdings solltest Du den Satz "Die R├Ąder und Tritte auf der Stra├če bewegten sich lautlos." ver├Ąndern. Hier achtest Du zu sehr darauf, aktiv zu bleiben. In meinen Augen w├╝rde ein Passiv besser passen: "R├Ąder und Schritte waren nicht zu h├Âren".

2. Du verwendest zu viel w├Ârtliche Rede. Sie zu k├╝rzen, t├Ąte dem Text sehr gut. So liest es sich zu langatmig.

3. Ist "Glockschlag" Absicht? In meinem Wortschatz gibt es nur "Glockenschlag". Aber das kann an der unterschiedlichen Region liegen, in der wir leben ...

4. "Das Schweigen der versunkenen Stadt drang zu ihnen und h├╝llte sie ein wie in einem Wattebausch." Was h├Ąltst Du davon: "Das Schweigen der versunkenen Stadt drang zu ihnen und h├╝llte sie wie in einen Wattebausch."

5. "... Rauchringe in die Luft zu blasen, die wie hohle Augen im Nichts zergingen" ist ein gelungenes Bild!

6. "Holzscheide" habe ich noch nie geh├Ârt und beim Googeln auch nichts passendes gefunden ...

7. "Mit schl├Ąfrigen Augen eines Krokodils": Ein Bild, unter dem ich mir nichts vorstellen kann.

Ich bin neugierig, was Du aus dieser Erz├Ąhlung machst, indem Du sie ├╝berarbeitest. So solltest Du sie jedenfalls nicht lassen

meint die Haremsdame


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gerian
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Hallo, liebe Haremsdame,

dank deines konstruktiven Beitrages werde ich mich nochmals mit der Geschichte auseinandersetzen.

zu 1. Danke! Hast wohl Recht, dass es ein Passiv in diesem Falle angemessener erscheint, oder so:
"Die beiden M├Ąnner unterhalb der Br├╝cke h├Ârten die R├Ąder und Tritte ├╝ber sich nicht mehr."

zu 2. Ja, sehr dialogtr├Ąchtig. Allerdings wei├č ich noch nicht, wie ich sonst inhaltlich Gesprochene unterbringen soll.

zu 3. Das ist ein Verschreiberle. Richtigerweise muss es hei├čen: Glockenschlag.

zu 4. Holzscheide im Sinne von Brennholz (siehe auch Google).

zu 5. Ein misslungener Metapher: Mit den schl├Ąfrigen Augen eines Krokodils.

Vielen Dank!

LG
Gerd

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Haremsdame
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Freut mich, Gerian, wenn Du den Text nochmal ├╝berarbeitest. Allerdings solltest Du dann auch "Holzscheite" schreiben, denn das Wort findet sich auch im Duden - oder bei Google. Obwohl dort auch Rechtschreibfehler vorkommen, wie Du selbst feststellen konntest ...

Wenn Glockenschlag richtig ist, dann solltest Du auch Br├╝ckenbogen schreiben.

Wenn Du bei den Dialogen den einen oder anderen Satz rausl├Ąsst, wird das Ganze lesbarer und es geht trotzdem nichts verloren - schlie├člich kann der Leser auch mitdenken ...

quote:
"Das Leben verl├Ąuft nicht so, wie du es dir vorstellst. Es geht seinen eigenen Weg. Und das ist nicht das Gleiche, Bert."
"Didi, lass uns gehn."
"Wir k├Ânnen nicht, Bert."
"Warum nicht?"
"Hast du es schon wieder vergessen, Bert?"
"Was?"
"
Wir warten, warten auf Go. Er hat uns versprochen zu kommen, Bert."
"Ach ja, ich erinnere mich wieder, es ist mir wie eine Ewigkeit, Didi."
"Was?"
"Dieses Warten! Es macht mich ganz krank."

Merkst Du, die Aussage ist die gleiche wie zuvor. Nur sehr viel lesbarer. Versuch das bei den anderen Dialogen mal selbst. Ich wei├č, es tut weh, so brutal zu streichen. Aber dem entkommt keiner, der gut schreiben will ...

Also, jetzt mach mal. Bin gespannt, was dabei rauskomt.

Gr├╝├če von der Haremsdame
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