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Leselupe.de > Anonymus
Warten auf den Schlaf
Eingestellt am 16. 11. 2017 18:10


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Anonymous
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Warten auf den Schlaf

Ich erwache, wie stets zu dieser Zeit, aus einem meiner wiederkehrenden Alpträume. Ich weiß nicht, wie spät es ist, aber die Zeit bis zum Morgen ist noch lang, ich weiß das.
Ich schwitze. Höre eine Unzahl von Geräuschen durch die offenstehenden Türen. Im Flur röhrt der Kühlschrank. In der Küche brummt ein Transformator, vielleicht auch mehrere gleichzeitig. Ich weiß nicht, welche Geräte Einbauteile besitzen, die des Nachts nichts weiter machen außer Geräusche abzugeben und Ruheströme zu fressen. Ist es das Radio? Der Sprudelwasserautomat, der das Wasser entkalkt, filtert, kühlt und Kohlendioxid hineinpresst? Aber es entnimmt doch gar keiner Wasser, jetzt, zu dieser Zeit. Ist es einer der Computer? Die Heizung im Keller, die Pumpengeräusche bis in mein Zimmer im Obergeschoss schickt? Ich weiß es wirklich nicht und will es auch gar nicht wissen. Ursachenforschung betreibe ich nicht mehr, an der Existenz kausaler Zusammenhänge zweifle ich ohnehin.

Was nĂĽtzte mir auch mein Wissen?

Nichts. Wer die wirklichen Ursachen kennt, zumal von seltsam-dauerhaften, nicht aus der Welt zu sperrenden Geräuschen, der weiß zugleich: Er kann sie nicht beseitigen. Er kann sie nicht zum Schweigen bringen, und mauerte er alle Türen und Fenster zu und gösse sich flüssiges Wachs in die Ohren. Er kann ihnen nicht entfliehen – sie werden ihn verfolgen bis in den letzten Winkel dieser dröhnenden Welt: denn sie haben sich längst einen sicheren Platz gesucht – in meinem Kopf. Dort hausen sie nun, zwischen meinen Ohren, und sie haben offenbar viel vor, nur nicht die Absicht, diesen Platz zu meinen Lebzeiten wieder zu verlassen.

Also ist ein Wissen um die wahren Ursachen störender Geräusche ein überflüssiges Wissen. Es schadet eher, als es hilft, denn es verstärkt nur die Einsicht in eine fatale Situation.

Außerdem: wer eine Zeit mit bestimmten Geräuschen gelebt hat, der hat sich an sie gewöhnt. Der hat sich mit ihnen eingerichtet auf dieser ungemütlichen, nervösen Erde. Sie sind ihm Vertraute, Gefährten, Genossen geworden. Ich will ja nicht von Freunden reden, aber wenn ich mir mein Schlafzimmer in völliger Ruhe vorstelle, überkommt mich eine Gänsehaut; ich spüre den Hauch der absoluten Einsamkeit, des Todes…

Wie war das, Tochter? Auch du schläfst schlecht, sagst du. Aber wenn gegen Sechs Uhr in der Frühe, nach dem Ende des Nachtflugverbotes, das pfeifende Triebwerksgeräusch der ersten, vom Tegeler Flughafen startenden Maschine ausbleibt – weil ein Flug gestrichen wurde, das Personal streikt oder der Pilot noch im Bett des Stundenhotels liegt, den Kopf vergraben zwischen den silikonisierten Brüsten einer Prostituierten –, wachst du auf…

Dielen knarren so leise, als schleiche eine anorektisch magernde Person durch die Räume. Dabei ist meine Tochter lange aus dem Haus.
Ein Regulator tickt. Ich hatte ihn angehalten, vor Monaten schon. Hat er sich selbständig gemacht? Hat ihn die Zeit angefasst, schleift sie ihn mit sich wie die Hand eines zornigen Vaters den störrischen kleinen Jungen? Ich überlege, aufzustehen und das Pendel an weiteren Schwingungen zu hindern. Ich lasse es schließlich, denn mir fällt ein: ich hatte den Regulator vor einigen Wochen auf E-bay Kleinanzeigen offeriert, jemand holte ihn zwei Tage später ab. Fünfzig Euro, immerhin. Das seltsam monotone, an einen marschierenden Sensenmann erinnernde Geräusch ist geblieben. Ich habe es nicht verkaufen können. Es wohnt ebenfalls in meinem Kopf.
Hinter einer tapezierten Wand rieselt der Putz. Kratzgeräusche. Sicher sind auch Mäuse im Haus. Um Köder und Fallen kümmern sie sich nicht. Nie erwischte ich eine von ihnen… Ich habe gelernt, ihre Ignoranz zu akzeptieren, was sich darin äußert, dass ich die Fallen nicht mehr kontrolliere. Das Gefühl, sich gleichermaßen ignorant zu verhalten, ist nicht unangenehm.Soll man Gleiches nicht mit Gleichem vergelten?

Die Zeit vergeht nicht. Könnte es nicht einen freudigen Knall geben, ein Wecker scheppernd das Aufstehen fordern, die Sonne die Nachtgespenster vertreiben? Wieso kommt mein Chef nicht auf die Idee, mich jetzt, in diesem endlosen Moment, mit einem dringenden Anliegen zu belästigen!? Ach, er wird wohl schlafen, vielleicht träumt er sogar; hoffentlich schlecht… Am besten wäre: er träumte schlecht von seinen Zahlen, stieße dabei auf die Ursache, also gewiss auf mich, wachte erschrocken auf, griffe zum Telefon… Ich entkäme der endlosen Warterei auf den Schlaf. Ich könnte mein Handy eine Zeit klingeln lassen und mir sein frustriertes Gesicht in aller Hässlichkeit vorstellen. Dann nähme ich langsam das Gerät vom Nachttisch, wischte grinsend übers Display, als wischte ich ihn aus der Welt, und meldete mich mit der schlechtest möglichen Laune. Ich könnte ihn regelrecht durchs Telefon anknurren, schließlich gäbe mir der Zeitpunkt alle Berechtigung für ein solches Verhalten!

Ich drehe mich zur Seite. Taste mit der Hand nach der Uhr. Zögere. Halte ein. Man soll nicht nach der Uhrzeit sehen, das verschlechtert die Chancen, doch noch in den Schlaf zu finden, lese ich immer wieder in den Ratgebern zum Thema.

Ich ziehe die Hand zurück. Beginne zu rechnen. Bis zum Morgen mögen es noch – ich komme zu keinem Ergebnis. Will aber einschlafen. Unbedingt. Denn meine Angst wächst, schon während der Fahrt in den Betrieb gegen die ersten Müdigkeitsanfälle kämpfen zu müssen, ein Kampf der im Laufe des Tages an Schärfe zunehmen wird.

Noch vor zwei, drei Jahren sprang ich nachts, wenn ich verzweifelt gegen die Wachheit ankämpfte, aus dem Bett und machte dreißig, vierzig Liegestütze. Zweimal, dreimal, mit kurzen Pausen dazwischen. Manchmal funktionierte es, und ich schlief schweißnass und erschöpft ein. Leider schaffe ich jetzt keine zehn Liegestütze mehr. Ich bin durch die dauerhafte Schlaflosigkeit zu geschwächt, als dass ich des Nachts und spontan noch zu solchen Gewaltakten gegen meinen Körper in der Lage wäre.

Gegen Morgen – oder ist es einen Moment später? Ich weiß es nicht, denn ich kämpfe in einer endlosen Zeitwüste, über der sich eine akustische Hölle wölbt, zugleich um Schlaf und Ruhe und gegen die Angst vor dem Verstummen der Geräusche und dem Ende der Nacht –, irgendwann also, zu einem unbestimmbaren Zeitpunkt an einem lauten, unbestimmbaren Ort, verwirren sich meine Gedanken zu einem Knäuel, und das Knäuel verwandelt sich wundersamerweise in einen weißen Vogel, ich meine: ein aufgescheuchtes, mageres Huhn, und das Huhn flattert aufgeregt davon, um sich im nächsten Moment in einer Brombeerhecke zu verfangen…

Es kehrt keine Ruhe ein. Die Geräusche bleiben, werden lauter, gemeiner. Kein harmloses Brummen von Transformatoren, Kühlschrankaggregaten, Sprudelgeräten, kein monotoner Pendelschlag eines alten Regulators: Stiefel knallen über den Flur. Jemand tritt gegen eine Tür. Fummelt einen Schlüssel in das Schloss. Flucht dabei leise vor sich hin. Der Kegel einer Taschenlampe zerschneidet die Dunkelheit eines kahlen Raumes, in dem zwölf Männer in Doppelstockbetten liegen. Alle sind wach. Horchen, gespannt bis zum Zerreißen, auf die monotone Stimme des Wachmannes, die zwei oder drei Namen nennt. In Sekunden erheben sich die Gerufenen, verlassen, mit einem ungläubig-dümmlichen Glückslächeln im Gesicht, den Verwahrraum, stellen sich im Flur auf. Sie werden bald schon auf dem Kassberg sein, in der Päppelanstalt, dann im Bus, der sie nach Gießen fährt…
Die Tür schlägt zu, der Schlüssel knirscht. Schritte tappen, werden leiser.
Stille.

Aber auch das ist ein Trugschluss. Ich höre mein Herz. Es schlägt mir nicht nur bis zum Halse, es schlägt gegen meine Schädeldecke: ich weiß, wenn ich in den nächsten Wochen nicht zu den Auf- und Abgerufenen gehöre, bin ich verloren. Dann geht es zurück aus diesem Gefängnis in ein noch viel größeres… Ich werde Spießruten laufen. Sie werden schon am Tor dieser Anstalt stehen und auf mich warten. Sie werden hämische Gesichtsmasken aufsetzen und mit langen, bluttriefenden Fingern auf mich zeigen. Sie werden tuscheln und grinsen…

Ich senke die Augen, laufe an ihnen vorbei. Aber die Reihe ist unendlich. Der Spießrutenlauf von Dauer…

Ich verspüre das Gefühl, mich umdrehen zu müssen. Sollte ich es wagen? Was ist schon eine Drehung im Bett… Aber ich zögere. Wer sich umdreht, hat verloren, heißt es. Der verliert die Geliebte, der erstarrt zur Salzsäule, der sieht die nackte, reine Wahrheit und stirbt, weil er sie nicht erträgt… Ich zögere lange. Drehe mich dann doch um und weiß noch vor dem Ende der gefährlichen Aktion genau: Gleich sehe ich in ihre gehässigen Gesichter.Und tatsächlich: Sie starren mich aus ihren Uniformen heraus an, als sei ich nackt und überflüssig. Sie grinsen und verziehen dabei die Mundwinkel zu einem Ausdruck von Ekel.
Es sind meine Ausbilder, Unteroffiziere, die sich an der Front Verletzungen zuzogen, was für sie ein vorläufiges Glück bedeutete: sie mussten nicht zurück an die Front im Osten, sie bekamen leichtere Aufgaben wie die Organisation des Volkssturmes. Ich kenne sie seit zwei Monaten, denn solange bin ich nun schon beim RAD in Brünn. Gestern haben wir noch das Horst Wessel-Lied gesungen, zweimal sogar, vor und nach dem Marschieren und dem Fahnenappell auf dem Hof.
Heute ist der 8.4.1945, alles sieht plötzlich anders aus. Die Russen stehen sechzig Kilometer vor Brünn, Amerikaner und Russen bombardieren mit ihren Fliegern die Stadt. Gestern traf es eine Straßenbahn, voll besetzt mit Zivilisten… Ich hoffe, wir werden evakuiert, wir sind doch gerade mal sechzehn, siebzehn Jahre alt! Von unserem Kompanieführer hören wir allerdings, es könne jeden Tag soweit sein, dass es zum Endkampf und Endsieg kommt. Ich denke nur an Muttel und Vatel, nicht an den Endsieg, aber das kann ich keinem sagen… Was, wenn die Russen die Stadt besetzen und wir sind immer noch hier… Sie werden uns erschießen oder nach Sibirien bringen...

Ich wende mich ab von den bösen Zukunftsvorstellungen, drehe mich wieder um. Wie spät mag es sein? Ich starre durch das Dunkel an die Decke. Die Geräusche wechseln schon wieder. Eben noch hallten die Tritte unserer Stiefel durch den Hof des Brünner Jugendheimes und taumelten die lustlos heraus gekrächzten Horst-Wessel-Verse wie bleierne Enten in den nasskalten Aprilhimmel, um gleich darauf abzustürzen und vom Pflaster verschluckt zu werden, nun peitschen Schüsse, Schwaden von Giftgas ziehen über unsere Gräben. Wir haben uns die neuen Gasmasken übergezogen, aber ich glaube, die Filter taugen nichts – wir werden wohl ersticken oder uns zumindest die Lunge verätzen… Seit Monaten liegen wir hier. In Abständen von ein, zwei Wochen versuchen wir einen Angriff, gewinnen ein paar Meter. Die Franzosen machen das Gleiche. Es geht hin und her, ohne dass sich die Situation entscheidend änderte. Nur die Zahl der Toten und Verwundeten wächst unaufhörlich… Ich bin froh, dass mich meine Freundin so nicht sehen kann, hier in diesem Schlammloch, in der stinkenden Uniform, mit der hässlichen Maske, mit den zusammengebissenen Zähnen, der Angst in den Augen vor dem, was kommt…

Wenn ich am Morgen, zerschlagen von der teils schlaflosen, teils alptraumdurchsetzen Nacht, das Bett verlasse, kann ich die Träume sogar zuordnen: Der Typ da in der Zelle, das bin ich. Der Junge im Brünner Jugendheim, der vor den anrückenden Russen zittert, ist mein Onkel, der schon vor Jahrzehnten starb, nachdem er fünfzehn Jahre in einer psychiatrischen Anstalt dahinvegetierte, ich las sein Kriegstagebuch. Der Mann im Schützengraben ist mein Opa. Er hat nie erzählt von seinen Kriegserlebnissen, lediglich einmal erwähnte er, dass er an der Westfront war. Wie die Bilder seines Elends in mein Gehirn kamen, weiß ich nicht, ich vermute, es ist den Einflüssen von Film, Fernsehen und diverser Literatur zu verdanken. Im Westen nichts Neues – das hat sich mit der Person meines meist sehr schweigsamen Opas verbunden. Seltsam nur, dass es mich trotzdem berührt, so wie das Schicksal meines Onkels, der zwar heil von Brünn ins heimatliche schlesische Dorf zurückfand, aber schon mit Mitte zwanzig von ersten Nervenanfällen und Alpträumen heimgesucht wurde; Selbstmordversuche folgten. Dann der Versuch einer bürgerlichen Existenz: Dorfschullehrer, Zeichnen und Werken; er spielte Klavier, schnitzte, sammelte Münzen, zeichnete, fotografierte Tiere, Kinder, Blitze, reiste mit dem Trabi an den Balaton und interessierte sich sogar für das Leben der ungarischen Zigeuner – ein reiches Leben voller Aktivitäten, rein äußerlich. Innerlich fraßen ihn wohl die Kriegsängste auf. Schlaflosigkeit quälte ihn, die Vergesslichkeit nahm zu, die Unsicherheit. Irgendwann verließ ihn die Frau… Schlussendlich landete er in der Psychiatrie und blieb dort bis zum Lebensende.
Ja, ich kann die Personen, die sich meiner Träume bemächtigen, am Morgen identifizieren. Dumm nur, das genau das mir im Traum nicht gelingt. Da werde ich selbst zu meinem Onkel, zu meinem Opa, zu meinem Vater – auch der hat eine komplizierte Geschichte, im Prinzip ein Kriegstrauma…
Aber was heißt schon: ich. Das Ich gibt es vermutlich gar nicht. Jedes vermeintliche Ich ist ein Wir, ein Sammelsurium verschiedener Personen, Perspektiven, Lebenswege… Ich habe das Pech, eine Art Trümmerplatz der Alpträume ganzer Generationen zu sein. Die miesen Geschichten, sie lasten wie schwere, verkohlte Balken auf meiner Brust, sie stechen wie spitzige Dornen ins Herz, sie zerreiben wie Mahlsteine den Schlaf, das Selbstbewusstsein, das Weltvertrauen… Man entkommt dieser Situation nicht, und auch meine Kinder haben keine Chance…



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