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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Warten und vergessen
Eingestellt am 16. 05. 2003 19:49


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Red Right Hand
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2003

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„Kommste heute Nachmittag noch kurz rüber zum Sportplatz? Wir haben heute ein so wichtiges Spiel gegen Röllinghausen! Der Trainer sagt, wenn wir das gewinnen, dann gibt er uns `n Kasten aus!“
Mira schaute müde von der Zeitung auf, die sie minutenlang fast apathisch einfach nur angestarrt hatte und sah ihren kleinen, fast dreizehnjährigen Bruder an.
„Du, ich weiß nicht – okay, okay! Brauchst nicht so ein Gesicht zu machen! Ich komme,“ antwortete sie mit einer matten Stimme und fügte noch schnell ein „Ganz, ganz bestimmt!“ hinzu. Marc neigte nachdenklich seinen Kopf zur Seite, nickte kurz und stürmte dann plötzlich, wie vom Blitz getroffen davon.

Sie war froh, dass er weg war. Zum Sportplatz... In letzter Zeit konnte sie wieder besser mit ihm. Seitdem sie hin und wieder zum Sportplatz gekommen und ihm zugeguckt hatte. Keine Kommentare kamen mehr von ihm. Keine Verletzungen mehr.
„Darfst halt nicht alles so ernst nehmen, was er sagt,“ hatte ihre Schwester gesagt. „Er ist halt in einem schwierigen Alter!“
Darüber konnte Mira nur lachen. Melanies immer gleich toll ausfallenden Tipps... Ihr „Kopf hoch! Wird schon wieder!“ Ihr ach so großes Verständnis... Und was wusste sie?
„Sein Alter ist nicht das Problem. Das Problem bin doch ich! Er will eine Schwester haben, die nicht einfach dumpf vor sich hinbrütet und nichts tut und immer nur verheult ist. Das ist das Problem!“ dachte sie und stand endlich vom Frühstückstisch auf. Sie hatte kaum was gegessen. Wie immer. Und wie immer war sie diejenige, die als letztes fertig war.
Sie ertappte sich wieder dabei, an Samstag zu denken.
„Ich sag ihm am besten wirklich ab!“ dachte sie und hätte sich dafür am liebsten selber geohrfeigt.

\"Genau darauf wartet doch Melanie! Dann kann sie wieder mit ihrer Tour bei mir ankommen! Aber muss sie denn erfahren, dass ich einfach nicht hingehe? Am besten, ich fahre am Abend einfach mit dem Fahrrad raus in die Felder, dann merkt die doofe Kuh das nicht... Und dann komme ich nach Hause und dann sieht sie mich – aber eben nicht verträumt, eben nicht den Kopf voller Gedanken an den süßen Jungen, schaue nicht ganz verliebt in die traute Runde. „Oh, ihr Rendezvous wird wohl ganz schrecklich verlaufen sein!“ wird sich die Melanie denken und „Warum ist sie auch so schrecklich schüchtern, diese doofe Gans!“ Dann kommt wieder der große Auftritt der großen Schwester: sie nimmt mich in die Arme! Ja, erzähle du mir von deinen Männergeschichten! Oh, ja? Tatsächlich? Wir aufregend! Nein – was für Schweine!“
Sie grĂĽbelte und grĂĽbelte.

„Nichts weiß die doch! Einfach nichts!“

In ihrem Kopf schien es wieder so komisch zu rauschen, als wenn alles verrĂĽckt spielen wĂĽrde, alles durcheinander laufen. Wegen der Leere. Der unendlichen Leere...

Die Sonne draußen schien herrlich. Es sollte ein richtig schöner Sommertag werden. Sie legte sich bei geöffnetem Fenster in das halbdunkel ihres Zimmers. Von hier aus konnte sie dann das vom Schwimmbad kommende Gekreische der Kinder hören. Und das Chlor riechen... Sie liebte den Geruch von Chlor, sie wusste auch nicht so recht warum.

Musste sie tatsächlich noch zum Fußballplatz? Nur um ihrem Bruder zuzugucken? Wie er sich auf der harten, staubigen, roten Asche herumquält – er, mit seiner schlecht gepolsterten Torwarthose. Wahrscheinlich würde er glänzend halten, ihm und der Mannschaft wird großzügig ein Kasten Malzbier ausgegeben und er fühlt sich ein Stück weit näher an der B- oder A– Jugend. Wofür bräuchte er sie dabei?

Sie wusste auch nicht so recht – sie hatte einfach keine Lust. Mira stand auf, nahm ihre Gitarre, sah auf die Seiten und legte sie wieder weg. Sie hatte lange nicht mehr gespielt. Früher hatte sich ihre Mutter immer darüber beklagt, dass sie die ganze Zeit „krankhaft an den armen Seiten herumzupfen“ müsse. Jetzt gab es keine Klagen mehr.

Sie starrte auf das Bild auf ihrem Schreibtisch: sie,
Arm in Arm mit ihrer Freundin. Das Ferienlager... Schien so weit weg. Kurz dachte sie daran, dem Mädchen einen Brief zu schreiben. Das hatten sie sich am letzten Tag im Lager fest vorgenommen: sich jede Woche mindestens einen Brief zu schreiben. Wie es bei solchen Sachen halt ist – nach einer kurzen Zeit begannen die Briefe mit „Du, entschuldige, dass ich dir solange nicht geantwortet habe denn das und das ist passiert“. Und dann brach der Kontakt irgendwie ganz ab. Sie hatten zusammen in einem Zelt geschlafen. Sie konnte sich noch gut an die „Fünf Freunde“ – Kassetten erinnern, die sie beide immer in der Nacht gehört hatten. Oder wie ein paar wildgewordene Jungen das Zelt „überfielen“. In diesen Sommerwochen hatte sie alles vergessen können... Kein Onkel Joe, ganze vier Wochen lang...

Sie versank in ihren Gedanken. Und hörte plötzlich auf zu denken. Sie stand einfach nur da, mitten im Zimmer, und starrte auf den schwarzen Fleck an der Wand, den sie dort als Kind raufgemalt hatte. Weil die kleine Mira alles hat anmalen müssen. Schwarz anmalen.

Am Abend kam Melanie ins Zimmer und warf ihr vor, nicht zum FuĂźballspiel gekommen zu sein. Was sie sich denn dabei denke? Da solle sie sich nicht wundern, wenn Marc dumme SprĂĽche macht. Da er doch eine Schwester braucht!

Mira sagte nichts. Wünschte sie in die Hölle, blieb mit an die Brust gezogenen Beinen auf ihrem Bett sitzen und schaute an ihrer Schwester vorbei.
„Onkel Joe kommt bald ein paar Tage vorbei. Er hat heute Nachtmittag angerufen“ sagte sie plötzlich leise.
„Was? Wie kommst du plötzlich auf Onkel Joe? Hör mal Mira, was denkst du dir eigentlich dabei...“
Es war komisch gewesen, mit ihm zu telefonieren. Sie hatte monoton ein „Ja, ja.“ wiederholt. Seine Stimme hörte sich wie damals an. Er hatte nichts besonderes gesagt, das nicht. Aber – es war komisch. Als sie über ihn nachdachte, konnte Mira sich nicht mehr an sein Gesicht erinnern. Obwohl sie von ihm geträumt hatte. Von einem dunklen Körper ohne Gesicht, von einem schwarzen Schatten, von seiner kalten Hand...
Und nun sollte sie ihn wiedersehen. Bald schon...
Mira hatte es keinem erzählt. Es ist etwas zwischen ihr und diesem schwarzen Schatten in ihren Träumen. Etwas, was nur sie beide angeht.

„Dein Bruder! Er braucht eine Schwester, die ihm zeigt, dass sie für ihn da ist! Hörst du? Verantwortung!“

Keiner war in ihrem Zimmer. Keine Melanie. Nichts. Gar nichts. Kein Bett, kein Schrank, kein Boden. Nur die schwarze Leere.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo red right hand,

dein text scheint in der masse etwas untergegangen zu sein, aber dafür ist er zu gut. vielleicht ist auch nur das thema schwierig, weil nicht sonnenscheingeeignet. möchtest du eine ausführliche kritik? dann mache ich mich in den nächsten tagen mal darüber her.
ein gravierender rs-fehler ist mir in erinnerung geblieben: saiten nicht seiten wenn es um ein instrument geht.

grĂĽĂźe

rainer

__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Zarathustra
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 108
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Hallo Red Right Hand,

mir hat der Text gut gefallen,
er geht unter die Haut.
"Die schwarze Leere am Schluss" hat sich bei mir als Leser mit vielen Gedanken gefĂĽllt.

__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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flammarion
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hm,

schwieriges thema. betroffene schweigen oft bis an ihr lebensende, weil sie sich schämen. dabei sollte der kerl, der das gemacht hat, schämen! aber es gibt immer noch leute, die meinen, dass das kind schuld hat.
du hast das gut verpackt. bin gespannt auf weitere sachen von dir. ganz lieb grĂĽĂźt
__________________
Old Icke

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