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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Warum?
Eingestellt am 19. 08. 2010 18:15


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Retep
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Registriert: Jun 2008

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Warum ?

Das Haus liegt in einer Randzone der Stadt, am Ende einer Seitenstraße, die an einem HĂŒgel am Wald endet. Eine Villa mit großem GrundstĂŒck, das mit einer Mauer eingefasst ist.
Eine ganz normale Straße. Da steigen morgens Kinder in den Schulbus, kommen am Nachmittag zurĂŒck, fahren Leute zur Arbeit, gehen Frauen zum Einkaufen.
LÀngere Zeit haben sie das Anwesen beobachtet, alles sieht ziemlich unauffÀllig aus. Nur Zivilfahrzeuge fahren manchmal hinein oder hinaus, als ob jemand zur Arbeit fÀhrt oder nach Hause kommt.
„UnauffĂ€llige Leute wohnen da, ich kenne sie nicht, manchmal haben sie wohl viel Besuch. Öfter machen sie auch das Radio sehr laut an“, hatte ein Nachbar gesagt.

Ab Mitternacht wird es ruhig, nur vier Polizisten sind dann anwesend.
Abwechselnd hÀlt einer Wache, kommt ab und zu aus dem Haus und geht um das Haus. Die anderen schlafen. Alle zwei Stunden wird gewechselt.

Sie sind fĂŒnf, Edgardo, drei MĂ€nner und eine Frau. Eindringen in das Haus, Befreiung von Gefangenen, die hier verhört und gefoltert werden. Wo die SchlĂŒssel zu den Zellen hĂ€ngen, wissen sie. Dann RĂŒckzug ĂŒber die Mauer, Flucht mit dem Campingbus. Alles ist oft und detailliert besprochen worden.
Auf keinen Fall soll geschossen werden.

Der Bus wird in einer Seitenstraße abgestellt. Sie ziehen sich schwarze Kapuzen ĂŒber die Köpfe und laufen zur Mauer. Zuerst klettert die Frau hinĂŒber, dann nacheinander die MĂ€nner.

Hinter dichten BĂŒschen bleiben sie stehen und versuchen ruhiger zu atmen.
Edgardo schleicht zur RĂŒckseite des Hauses, dann an der Mauer entlang und bleibt neben dem Eingang stehen.
Ein Mann kommt aus dem Haus. Er kann ihn von hinten angreifen und hÀlt ihm das Chloroformtuch auf Mund und Nase. Der WÀchter strampelt noch ein bisschen, fÀllt dann aber auf die Erde.
Die anderen vier kommen gelaufen und schleichen ins Haus. Er fesselt den BetÀubten, steckt ihm ein Tuch in den Mund.
Alles oft geĂŒbt, es mĂŒsste klappen, denkt er.
Er ĂŒberlegt, welchen Nutzen ihr Unternehmen haben wird. Ein Tropfen auf einem heißen Stein, es wird die Diktatur nicht beenden, aber jemand wird weniger leiden.
Die vier kommen leise heraus, bringen zwei junge MĂ€nner und ein junges MĂ€dchen mit. Die Gesichter der Befreiten sind mit Blut verschmiert, ihre Kleidung ist zerrissen und verdreckt.
Alle laufen auf die Mauer zu. Plötzlich geht ein Scheinwerfer an. Alles wird taghell erleuchtet.
Die ersten sind schon an der Mauer, heben das MĂ€dchen hoch, klettern schnell hinĂŒber. Nur er und die Frau haben die Mauer noch nicht erreicht.
Jemand schießt mit einer Maschinenpistole.
Er weiß, dass man mit dieser Waffe nur sehr ungenau zielen kann, wenn das Ziel sich bewegt und weit genug entfernt ist.
Alle sind entkommen, nur er und die Frau laufen noch auf die Mauer zu.
Ein einzelner Schuss.
Die Frau fĂ€llt hin, er dreht sich um, schießt den Scheinwerfer aus, es ist dunkel, nur die Straßenbeleuchtung taucht alles in DĂ€mmerlicht.
Nach dem Schuss sind die Polizisten ins Haus gelaufen, rufen VerstÀrkung, wissen nicht, wie viele noch im Garten sind, wollen nichts riskieren.
Er hebt die Frau auf, trÀgt sie bis zur Mauer, sieht, dass seine HÀnde blutig sind und hört den Bus abfahren. Das war so ausgemacht.
Er sitzt an der Mauer, hĂ€lt die Frau auf seinem Schoß, Blut lĂ€uft aus ihrem Mund.
Sie schaut ihn an, weiß wohl, dass sie sterben wird. Er weiß es auch.
Sie flĂŒstert: „Nimm mich in den Arm, mir ist so kalt!“
Er drĂŒckt sie fest an sich, TrĂ€nen laufen ĂŒber sein Gesicht. Sie beginnt zu zittern, keucht noch einmal, rote Blasen kommen aus ihrem Mund, ihr Kopf fĂ€llt zurĂŒck, sie ist tot.
25 Jahre ist sie alt geworden, wollte die Welt verÀndern...

Gestorben, wofĂŒr, fĂŒr wen, warum? Er glaubte, es einmal zu wissen, jetzt weiß er es nicht mehr, lehnt ihren Kopf an einen Baum, streichelt noch einmal ihr Gesicht.
Er springt an der Mauer empor, kann sich an den Glasscherben hoch ziehen.

Der Mond ist hinter den Wolken hervor gekommen, Vollmond, der kalt am Himmel steht, unbeteiligt, als sei nichts geschehen, und doch ist fĂŒr ihn eine Welt zusammengebrochen. Er verschwindet in einer dunklen Gasse.















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>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

Version vom 19. 08. 2010 18:15

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