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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Warum Burnout nicht vom Job kommt
Eingestellt am 12. 03. 2012 12:11


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Helen Heinemann, Warum Burnout nicht vom Job kommt, Adeo 2012, ISBN 978-3-942208-56-7

Wir haben eine neue Volkskrankheit. Der „Burnout“ ist in aller Munde. Jeder kennt irgendjemand, der gerade darunter leidet, deswegen in Behandlung war oder ist. Und immer wieder wird der sogenannte Burnout auf starke Belastungen im Arbeitsleben zurĂŒckgefĂŒhrt.

Ich persönlich habe aus eigenen Erfahrungen und durch die Beobachtung meiner Umwelt schon lange den Verdacht, dass diese Hypothese nicht stimmt. Dass sich hinter der allzu oft ziemlich schnell ausgesprochenen Diagnose Burnout meist eine veritable Depression verbirgt, aber nicht als solche bezeichnet wird. Vielleicht ist es auch ein Hinweis wert, dass Burnout genau zu der Zeit als Diagnose in Mode kam, als auch immer mehr MÀnner an Depressionen erkrankten. Wer will schon als Mann depressiv sein? Burnout als Folge von harter Arbeit und hektischem Stress klingt da doch schon viel besser.
Ich kenne aus meinem Umfeld etwa ein halbes Dutzend Menschen, bei denen in der letzten Zeit ein Burnout diagnostiziert wurde. Menschen, die all die Jahre ihren Job hervorragend gemeistert haben. Alle haben jedoch in der Vergangenheit ein Leben gefĂŒhrt, in dem der Stress in der Familie, in der Beziehung und in der Freizeitgestaltung(Vereine, Ausgehen, Feiern etc.) kontinuierlich gestiegen ist. Immer weniger haben diese Menschen auf die krisenhaften Anzeichen geachtet in ihrem Leben, sondern die Krise mit immer mehr AktivitĂ€t, Feiern oder Alkohol zu kaschieren versucht. Als dann der jeweilige Zusammenbruch kam (jedes Mal als Burnout diagnostiziert), habe ich mich nicht gewundert, nur darĂŒber, warum man diese dramatische persönliche Entwicklung auf die Arbeit und den Job schieben muss.

Als ich das vorliegende Buch der Psychotherapeutin und Leiterin des „Institutes fĂŒr Burnout-PrĂ€vention“ in Hamburg, Helen Heinemann las, fand ich viele meiner persönlichen Beobachtungen und EinschĂ€tzungen der letzten Jahre bestĂ€tigt. Sie hat in Rahmen von Seminaren im Auftrag einer großen Krankenkasse zum Thema Burnout in den letzten sechs Jahren insgesamt mit 1000 MĂ€nnern und Frauen gearbeitet, die sich selbst als gefĂ€hrdet bzw. schon vom Burnout betroffen einschĂ€tzten und dort Hilfe und Beratung suchten. Oft hat sie die Menschen ĂŒber etwa eine Woche direkt vor Ort am Arbeitsplatz begleitet. Über die Zeit meldeten sich erste Zweifel an den bisherigen Hypothesen ĂŒber diese neuen Krankheit, Zweifel, die immer stĂ€rker wurden und letzten Endes zu diesem Buch fĂŒhrten. Denn Helen Heinemann stellte fest, dass bei den allermeisten ihrer Klienten auch eine bessere Organisation am Arbeitsplatz nichts half. Sie ermittelte, dass es nicht der Stress, die Zeitnot oder eine stĂ€ndige Erreichbarkeit waren, die man als Ursache verdĂ€chtigen kann. Sie erlebte, dass auch Menschen, die ĂŒberhaupt nicht berufstĂ€tig waren, mit Symptomen von Burnout zu ihr kamen.

Sie forschte nach und schon bald drĂ€ngte sich mit ĂŒberwĂ€ltigender Evidenz das Ergebnis auf: „Burnout kommt nicht vom Job. Die Arbeit ist nur der Schauplatz, auf dem es sichtbar wird. Der Fehler im System liegt tiefer.“
Sie findet ihn in den verschiedenen Rollen, die MĂ€nner und Frauen in ihrem Leben ĂŒbernommen haben. Sie beschreibt, wie besonders leistungsbetonte Menschen etwa ihre Rollen aus der Arbeitswelt mit hinein in ihr privates Familienleben nehmen, oder auch den umgekehrten Weg, dass familiĂ€re Rollenmuster am Arbeitsplatz wiederholt werden, wo sie nicht hinpassen und nur Stress verursachen. Die Lösung fĂŒr diese realen Rollenverschiebungen und -verwischungen sieht sie in dem Versuch, dass die Menschen lernen, ihr Leben als ein Spiel zu begreifen, in dem sie selbst die Spieler und mehr lĂ€nger die Spielfiguren sind.
„Mein PlĂ€doyer fĂŒr die Klarheit der Rolle und gegen die Vermischung der Rollen bedeutet, dass der Moment zĂ€hlt und das Spiel je nach Situation neu definiert werden kann. Die Akteure sind die Bestimmer. Wenn ich im Wasserfarbkasten alles zusammenmische, habe ich schnell in dem Kasten und auf der Leinwand einen graubraunen Einheitsbrei. Wenn ich mich aber fĂŒr den Moment eindeutig fĂŒr Rot entscheide und mit dem Gelb warte, bis das Rot getrocknet ist, bleiben die Farben frisch und klar zu unterscheiden.“

Doch es geht um mehr als um bloße RollenflexibilitĂ€t und Rollenbewusstsein. Es geht um mehr als um Spiel. Es geht um meine eigene Geschichte, um meinen Selbstwert, um mein Selbstbewusstsein, um meine IdentitĂ€t und den Sinn, den ich meinem Leben gebe:
„Ursache fĂŒr Burnout ist nicht der Job, sondern die SinnlĂŒcke im Leben. Sinn in meinem Leben entsteht dort, wo ich fĂŒr diese Welt bedeutsam bin. Dazu muss ich mich mit meinen menschlichen FĂ€higkeiten kennen und erkennbar werden fĂŒr andere. Denn nur dadurch, dass ich mich selbst kenne und annehmen kann, wie ich bin, werde ich erkennbar. Und nur so kann ich die Anerkennung meiner Mitmenschen erfahren und mich ihnen als Teil der menschlichen Gemeinschaft zugehörig fĂŒhlen.“

Ich komme noch einmal auf die mir bekannten Menschen zurĂŒck, die in der Vergangenheit oder aktuell ausgebrannt sind. Ausnahmslos haben sie ĂŒber die Jahre immer verzweifelter versucht, den Selbstwert, der ihnen schon zum Teil in der Kindheit abging, durch immer mehr AktivitĂ€t zu ĂŒberspielen, von der sie sich Anerkennung erhofften. Doch sie entfernten sich immer weiter von sich selbst und dann auch von denen, die ihnen wichtig und nahe sind. Sie haben versucht, durch immer „mehr“ etwas zu erreichen, dem ich einzig durch „weniger“ nahe kommen kann.

Die dem Buch angefĂŒgten Fragebögen fĂŒr Frauen und MĂ€nner, können dem Leser und der Leserin eine ersten diagnostischen Eindruck geben, wie weit die GefĂ€hrdung im eigenen Leben schon fortgeschritten ist und vermitteln eine spielerischen Zugang zu sich selbst und zu den eigenen Rollen.

Die wichtigste Arbeit ist die an sich selbst. Doch man kann sich UnterstĂŒtzung holen bei anderen Menschen und wenn es tiefer geht, auch bei einem Therapeuten, der etwas versteht von der spirituellen Bedeutung des PhĂ€nomens Burnout, denn um nichts anderes geht es nach meiner Meinung und meiner persönlichen Erfahrung.

Und noch einmal und immer wieder: weniger ist mehr.

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