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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Warum es bei uns kaum noch Störche gibt!
Eingestellt am 14. 05. 2002 23:34


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ibini
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2002

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Ich hatte an diesem Tag lange gearbeitet. Vor dem Zubettgehen wollte ich mir noch etwas die Füße vertreten. Obwohl es draußen außergewöhnlich schwül und jede Bewegung zu viel war. Vielleicht machte mir aber nur die Müdigkeit zu schaffen. Auf der Straße war es für eine Großstadt kurz nach Mitternacht auffallend ruhig. Lediglich wenige Menschen waren unterwegs. Und von diesen hatte es offensichtlich einer eiliger als der andere.

Bei der Hektik des zu Ende gehenden Tages kam mir die ungewohnte Ruhe entgegen. Ich konnte meinen Gedanken freien Lauf lassen und in Träumen versinken. Eine Gelegenheit, die sich mir nicht allzu oft bot. Meine Phantasie begann von selbst ihr facettenreiches Spiel. Der Flug in ferne Welten verschwamm im Ringen mit Poseidons Wogen und im Genuß alles Göttlichen an der Tafel des Zeus. Eine klappernde Stimme holte mich auf die Erde zurück. Im ersten Augenblick glaubte ich, sie zu kennen, im nächsten erschien sie mir fremd. Es war jedenfalls eine irdische Stimme. Ich drehte mich um in der Meinung, sie komme von hinten. Aber es war nichts zu sehen. Vielleicht hielt sie die Dunkelheit versteckt, die mir mit wenigen Metern Abstand folgte. Ich ging weiter. Wieder diese Stimme. Sie kam schnell näher, und dann war sie unmittelbar neben mir. Sie gehörte einem kleinen Storch. Das sollte mich eigentlich überraschen. Ich empfand es jedoch als normal:

Was er wollte, brauchte ich nicht zu fragen,
denn er redete wie zu einem alten Freund.
Er schüttete mir sein ganzes Herz aus,
ein Herz, von tiefen Sorgen umzäunt.

Er erzählte von seiner Familie, seinem Leben,
das für Störche heute besonders schwer,
denn es gäbe immer weniger Nahrung,
und darunter litten sie alle sehr.

Noch ein anderes bereite ihm Kummer:
Biß er früher einem Mädchen ins Bein,
um den Nachwuchs der Menschen zu sichern,
so regle das heute die Pille, die Pille allein.

Dadurch sehe er sich nicht nur seiner Arbeit,
sondern auch des Sinns seines Lebens beraubt.
Er könne deshalb kaum richtig schlafen.
Das gräme ihn, selbst wenn keiner es glaubt.

Er stehe, wie er meinte, vor der Pleite,
es müsse schon ein Wunder geschehen.
Wenn sich seine Lage nicht bessere,
dann müsse er zum Arbeitsamt gehen.

Daran wolle er aber noch nicht denken,
denn das bringe ihm nur Schande,
es verkorkse nicht nur sein Leben,
sondern breche auch die Familienbande.

Es gäbe, so der Storch, nur einen Weg,
dem Schlamassel hier zu entgehen:
auszuwandern in ein anderes Land!
Wohin? Ja, das müsse er erst sehen.

Vorstellen könne er sich etwa den Süden,
wo Frauen weiter ins Bein gebissen werde,
dadurch bliebe vor allem seine Ehre gewahrt,
mehr erwarte er gar nicht auf dieser Erde.

Wie aufgetaucht, ist er wieder verschwunden,
der kleine Storch, ich wünsch ihm viel Glück!
Am liebsten aber wär mir, ich sag’s offen,
alle Störche kämen zu uns zurück.

An die letzten Minuten kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich muß wohl weggetreten gewesen sein. Der aufreibende Arbeitstag machte sich bemerkbar. Jedenfalls kam ich, angelehnt an ein hell erleuchtetes Schaufenster, wieder zu mir. Ich wollte nichts wie nach Hause. Im Weggehen drehte ich mich wie unter Zwang noch einmal um und schaute in die Auslage. Es war die eines Geschäftes für Babyausstattung. Inmitten von Strampelhöschen, Jäckchen, Wollschühchen und dergleichen stand ein naturgroßer Storch. Es schien, als würde er mir zublinzeln. Ich war wirklich bettreif!



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