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Leselupe.de > Gereimtes
Warum ich nicht wissen kann,
Eingestellt am 07. 01. 2002 14:47


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M├Â├čner, Bernhard
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was ein Politiker ist.

Es w├Ąre sinnlos, euch den Namen des Dorfes zu verraten, in dem ich geboren wurde, lebe und sicher auch einmal sterben werde. Ihr w├╝rdet den Namen auf kaum einer Landkarte finden.
Kein Politiker mit Rang und Namen hat sich je hierher verirrt, nicht einmal in Wahlkampfzeiten, in denen die sich
doch ├╝berall hin begeben, wo zwei oder drei versammelt sind.
Es w├Ąre sinnlos, hier Wahlkampf zu machen, denn wir wissen immer schon, welche Familie schwarz, rot oder jene Liste, die mit "F" beginnt, anzukreuzen pflegt. Im Neubaugebiet wohnen zwei Familien, die im begr├╝ndeten Verdacht stehen, den "Gr├╝nen" ihre Stimmen zu geben. Im Ortskern kommen dann noch einige braune Stimmen dazu. Wir sind berechenbar! So etwas wie ein Mikrokosmos. Oder so etwas...
Wenn mich meine Kinder gefragt h├Ątten: "Was ist ein Politiker?" so h├Ątte ich sie dar├╝ber genau so wenig aufkl├Ąren k├Ânnen, wie ├╝ber die Frage, woher die Kinder kommen. Irgendwie wurde ich als Vater nie gefragt und irgendwann wussten die Kinder dann trotzdem Bescheid.
Nat├╝rlich gab und gibt es auch bei uns Politiker! Kommunalpolitiker eben. Als ich noch ein Kind war, waren diese Kommunalpolitiker sehr wichtig! Es gab im Dorf einen Ortsgruppenleiter, einen Bauernf├╝hrer und einen B├╝rgermeister. Die drei trugen, wenn sie ihre vaterl├Ąndischen Pflichten versahen, oder zu ihren Gefolgsleuten sprachen, eine braune Hose, ein nicht ganz so braunes Hemd, wowie schwarzgewichste und geb├╝rstete Stiefel, oder Schuhe mit Gamaschen. Auf dem H├Âhepunkt der nationalen "Bewegung" verwirklichten sich diese ├Ârtlichen Leiter und F├╝hrer mit ihren mehr oder weniger strammen PG┬┤s einen grandiosen Traum: Sie pflanzten auf dem Platz vor dem Pfarrhaus eine "Hitlerlinde". Unter deren Wurzeln vergruben sie eine Flaschenpost, in der sie eine Liste mit ihren Namen f├╝r kommende Generationen verewigten. F├╝r die Zeit nach dem tausendj├Ąhrigen Reich!
Ich ging gerade einige Wochen in die erste Klasse unserer Dorfschule, sp├Ąter nannte man so etwas "Zwergschule", als das k├╝rzeste aller tausendj├Ąhrigen Reiche aufh├Ârte.
Bei uns h├Ârte es sang- und klanglos auf, kein Schuss fiel, das Dorf blieb von Bomben und feindlichen Kampfhandlungen verschont. Wahrscheinlich fanden die alliierten Flieger unser Dorf gar nicht auf ihrer Karte.
Als an einem wundersch├Ânen Fr├╝hjahrs-Nachmittag 1945 (F├╝hrers Geburtstag) ein Jeep mit drei wei├čen und einem dunkelh├Ąutigen Franzosen samt Trikolore die Dorfstra├če hinauf fuhr, h├Ąngte mein Vater das goldgerahmte Bild mit dem "F├╝hrer", das in der Ofenecke hing, ab. Der F├╝hrer, der darauf irgendwie aussah, wie das sp├Ątere TV-Ekel Alfred, hatte ausgedient. Und das, obwohl unser Ortsgruppenleiter noch einmal einen Rundgang durch "sein" Dorf machte und fest behauptete: "Der letzte Schuss ist noch nicht gefallen!" In der darauf folgenden Nacht wurde die inzwischen pr├Ąchtig gediehene Hitlerlinde samt ├şhrem kr├Ąftigen Wurzelwerk von unbekannten Zeitgenossen ausgegraben. Alles geschah v├Âllig lautlos und bei m├Ą├čig hellem Sternenlicht. Mein Vater hat Tr├Ąnen gelacht, als er am andern Morgen den wieder tadellos eingeebneten Tatort
sah. Er, der zwei Jahre zuvor schwer verwundet aus Russland zur├╝ckgekommen war, hatte im h├Ąulichen Kreis ├Âfter vorausgesagt, dass der Krieg verloren sei. Da ich in diesem Alter sehr mitteilungsfreudig war, verbreitete ich die Neuigkeit bereitwillig im Dorf herum. Danach machte ich die ersten Erfahrungen mit einem v├Ąterlichen "Maulkorb-Erlass".
Als unsere Zwergschule wieder ├Âffnete, war ich bereits in der zweiten Klasse, hatte aber l├Ąngst vergessen, was man uns in der ersten Klasse hatte beibringen wollen oder sollen. Unser Lehrer, der ehemalige Ortsgruppenleiter, war inzwischen gr├╝ndlich "entnazifiziert" worden.┬┤Vor dem Unterricht sangen wir danach nicht mehr: "Wir haben einen F├╝hrer" sondern, man war zum Schulgebet zur├╝ckgekehrt.
Wer im Dorf entnazifiziert wurde, bestimmte zun├Ąchst einmal der wieder kommisarisch eingesetzte B├╝rgermeister. Nur trug er jetzt keine braunen Hosen mehr! Er war ja schon immer
dagegen gewesen! Immer! Von Anfang an!
Wie, Freunde, sollte ich in einer solchen Idylle einen Politiker kennen lernen?
__________________
-Bernhard M├Â├čner-

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Gegge
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Registriert: Not Yet

Ein sch├Âner Text, der mit einigen kleinen ├änderungen und weniger Bezug zur Schreibaufgabe eigentlich schon eine tolle Kurzgeschichte abgeben k├Ânnte.

Gru├č Gegge

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M├Â├čner, Bernhard
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Warum ich nicht wissen kann, was ein Politiker....

Vielen Dank, f├╝r Deinen Kommentar! Auch auf
einem Dorf hatte man Gelegenheit, Politiker
kennenzulernen und Kommunalpoliter sind eine
besonders interessante Sorte.
Ob ich es einmal mit einem Prosa-St├╝ck in der
Lupe versuchen soll. Aber, wer nimmt sich schon
die Zeit, so etwas auch zu lesen?
mfg. Bernhard
__________________
-Bernhard M├Â├čner-

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Elli K.
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2001

Werke: 6
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Also,

ich habe deinen Text mit go├čem Vergn├╝gen gelesen! Einer der besten Beitr├Ąge zur aktuellen Schreibaufgabe und sicherlich noch anderweitig "verwendungsf├Ąhig"!

Beste Gr├╝├če,
Elli

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M├Â├čner, Bernhard
Routinierter Autor
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Warum ich nicht wissen kann

Danke, Elli, f├╝r Deine Antwort! Ich w├╝nsche Dir
viel Gl├╝ck mit Deiner Muse.

Des einen Gl├╝ck ist fast uns├Ąglich,
denn seine Muse k├╝sst ihn t├Ąglich,
des andern Dichters Elend ist,
dass seine Muse gar nie k├╝sst.
-Bernhard-

__________________
-Bernhard M├Â├čner-

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Lothar
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

Werke: 0
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Warum ich nicht wissen kann

Lieber Bernhard!

Ich habe mir Zeit genommen, Deine Geschichgte zu lesen. Mir gef├Ąllt der Bezug Deiner Geschichte zum Heute. Au├čer, dass wir uns von ├Ąu├čerer Uniformiertheit tats├Ąchlich verabschiedet haben, hat sich wohl nicht viel ge├Ąndert. Die Uniformiertheit von Heute sieht man nicht sofort. Aber auch die hast Du sehr gut dargestellt. Die Einen w├Ąhlen so, die Anderen so. Alle stecken wir im engen Korsett unserer jeweiligen Weltsicht, deren es leider nur 3, 4 gibt, nein 5, denn Jene muss man ja auch dazu z├Ąhlen, die keine allgemein akzeptierte haben.

Eine verdammt gute, realistische Geschichte. Dein Bezug zum Heute hat wohl nicht Allen gefallen und sie wohl deshalb ins Archiv verbannt.

Liebe Gr├╝├če
Lothar

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Gegge
Guest
Registriert: Not Yet

@Lothar,
NEIN, die Geschichte ist lediglich im Archiv gelandet, weil Sie vorher im SchreibaufgabenForum und ALLE Schreibaufgabenbeitr├Ąge ins Archiv wandern sobald eine neue Schreibaufgabe gestellt wurde.

Gru├č Gegge

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