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Leselupe.de > Theoretisches
Was hat er gesagt? – Die Kraft der Dialoge
Eingestellt am 13. 02. 2018 22:32


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FrankK
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Was hat er gesagt? – Die Kraft der Dialoge
Du kannst ganze Geschichten erzählen, nur indem Dialoge von den Charakteren der Geschichte geführt werden. Du kannst aber auch das Gegenteil machen, eine Geschichte erzählen mit einer großen Zahl an Figuren, die nicht ein einziges Wort miteinander austauschen.
Oder du machst es wie die allermeisten – eine bunte Mischung aus Erzähltext und Dialog.

Aus der Schule kennen wir noch die Unterscheidung „direkte Rede“ und „indirekte Rede“.

Fangen wir mit der direkten Rede an:
„Die Vorstellung beginnt um Acht“, sagte Tomas.
Sabine fragte: „Bist du dir sicher?“

Ganz simpel, mit den sogenannten „Inquit-Formeln“ (lateinisch inquit, „er sagt“ bzw. „er sagte“), einem gebräuchlichen Mittel für Anfänger, die glauben, jede direkte Rede mit einer derartigen (oder ähnlichen) Phrase einleiten zu müssen um sicherzustellen, dass der Leser auch erfährt, wer hier mit wem spricht. Einfacher und professioneller geht es auch so:

„Die Vorstellung beginnt um Acht.“
Sabine fragte: „Bist du dir sicher, Thomas?“

Auch hier wird klar, wer hat was gesagt. Dieser Dialog ist aber nicht mehr überzeugend, weil Sabine, die innerhalb der Szene Thomas gegenübersteht, ihn mit Sicherheit nicht mit Namen ansprechen würde. Also eine weitere Variation:

„Die Vorstellung beginnt um Acht.“
„Bist du dir sicher?“ Sabine sah Thomas fragend an.

Auch hier wird klar, wer hat was gesagt. Zusätzlich zeigen wir nicht nur die Frage, sondern unterstellen Sabine auch noch eine gewisse Skepsis.

„Die Vorstellung beginnt um Acht.“
„Bist du dir sicher?“ Sabine sah Thomas fragend an.
„Warum so skeptisch? Ich habe vorhin noch mit Stefan telefoniert, er sagte das auch.“
„Ich wundere mich nur, der Film hat nämlich Überlänge.“

Durch den Wechsel zwischen den beiden – die Kamera des Kopfkinos schwenkt munter hin und her – weiß der Leser, wer mit wem spricht. Es geht auch aus dem Inhalt hervor, dem Dialog-Kontext. Es deutet sich auch ein gewisser Konflikt an, den es zu vertiefen gilt:

„Die Vorstellung beginnt um Acht.“
„Bist du dir sicher?“ Sabine sah Thomas fragend an.
„Warum so skeptisch? Ich habe vorhin noch mit Stefan telefoniert, er sagte das auch.“
„Ach so, na, wenn Stefan das sagt, kann ja nichts mehr schiefgehen. Ich wundere mich nur, der Film hat nämlich Überlänge.“

Sabines Abneigung gegen Stefan tritt deutlicher hervor. Bringen wir noch eine Figur dazu, sich zu äußern:

„Die Vorstellung beginnt um Acht.“
„Bist du dir sicher?“ Sabine sah Thomas fragend an.
„Warum so skeptisch? Ich habe vorhin noch mit Stefan telefoniert, er sagte das auch.“
„Ach so, na, wenn Stefan das sagt, kann ja nichts mehr schiefgehen. Ich wundere mich nur, der Film hat nämlich Überlänge!“
„Jepp, Überlänge“, Melanie hob ihr Handy und zeigte das Display herum. „In der Nachmittagsvorstellung lief ein anderes Programm. Deshalb startet unser Film um Acht.“

Melanie ist um Sachlichkeit bemüht, dies äußert sich in ihrer Sprache, in ihrem Ausdruck. Lassen wir den Konflikt eskalieren:

„Die Vorstellung beginnt um Acht.“
„Bist du dir sicher?“ Sabine sah Thomas fragend an.
„Warum so skeptisch? Ich habe vorhin noch mit Stefan telefoniert, er sagte das auch.“
„Ach so, na, wenn Stefan das sagt, kann ja nichts mehr schiefgehen. Ich wundere mich nur, der Film hat nämlich Überlänge!“
„Jepp, Überlänge“, Melanie hob ihr Handy und zeigte das Display herum. „In der Nachmittagsvorstellung lief ein anderes Programm. Deshalb startet unser Film um Acht.“
„Hat irgendjemand dich gefragt?“ Sabines Blick zeigte deutliche Angriffslust.
„Du bist ja nur sauer, weil Stefan nichts von dir wissen wollte!“

Der Leser erkennt einen Beziehungsstreit. Wir glauben, dieser Dialog ist gut so, er zeigt den Konflikt, er trägt die Eskalation. Aber reicht er?
Die Dialoge, die Antworten, gehen kaum über das normale Maß hinaus. Gerade an den beiden blau markierten Stellen sollten wir uns noch einmal Gedanken machen.

„Homo fictus“ ist in allem besser als homo sapiens, homo fictus ist also auch schlagfertiger und redegewandter.
„Wer hat dich denn gefragt?“ – Wäre vielleicht die nächstbessere Möglichkeit, klingt aber auch schon abgegriffen.
„Haben wir von Hühnern gesprochen, dass du Küken dich meldest?“ – Da sitzt Biss drin, es zeigt deutlich die herablassende Art. So deutlich, dass wir den Nachsatz (Sabines Blick zeigte deutliche Angriffslust) auch weglassen können.
Melanies Reaktion – wenn wir jetzt bei „Du bist ja nur sauer, weil ...“ blieben, käme das einem Rückzug gleich, es ist eine schwache Erwiderung.
Eine mittelstarke Erwiderung wäre:
„Du bist ja nur angepisst, weil Stefan dich hat abblitzen lassen!“
Ließe sich das noch steigern? Natürlich, indem Melanie genau so scharf zurückschießt:
„Du bist ja nur angepisst, weil Stefan von einer Matratze wie dir nichts wissen wollte!“
Ich glaube, der gemeinsame Kinogang hat sich für die Gruppe erledigt.

In Dialogen lässt sich wundervoll Konfliktpotenzial aufbauen, ebenso wie Emotionen dargestellt werden können.

Vielleicht wollen wir in unserer Geschichte unseren Fokus nur auf Thomas und Stefan richten, dann wäre der Leser nicht bei der Szene dabei gewesen sondern erfährt nur indirekt davon.

„Erzähl mal, was war gestern Abend los?“ Stefan hob seine Bierflasche, um mit Thomas anzustoßen.
Die beiden Mädchen haben sich gestritten.

Hmm, spontan hingeschrieben, entspricht ja auch der Wahrheit. Aber würde es Thomas wirklich so ausdrücken? Wir probieren eine Variation:
„Die beiden Mädels haben sich gezofft!“
Stellt auch noch nicht das Optimum dar.
„Erzähl mal, was war gestern Abend los?“ Stefan hob seine Bierflasche, um mit Thomas anzustoßen.
„Zickenkrieg!“
„Ach du Scheiße, wie das?“
„Sabine dachte, der Film würde später anfangen, wegen Überlänge und so. Melanie hat dann gegoogelt und uns gezeigt, dass es wirklich um Acht anfing.“
„Wo war das Problem?“
„Sabine hat nen dummen Spruch abgelassen, von Hühnern und Küken.“
„Und?“
„Melanie konterte damit, dass du Sabine hast abblitzen lassen, weil du mit einer Matratze wie ihr nichts hättest zu tun haben wollen.“
Stefan prustete und bespuckte seinen Freund mit einer Ladung Bier. „Ich kann mir vorstellen, was danach passierte!“, brachte er mühsam hervor.
„Genau, Mel braucht ein neues Smartphone.“


„Die beiden Mädchen haben sich gestritten.“ / „Die beiden Mädchen haben sich gezofft.“ Beide Aussagen spiegeln direkt die Situation wieder, beide Aussagen bedeuten in etwa das gleiche, die zweite Variante ist aber eher der jugendlichen Sprache angepasst. Auf die Dialogsprache gehe ich später noch einmal ein.
„Zickenkrieg!“ Ist die gleiche Information, nur indirekt ausgedrückt.
Wann immer es möglich ist, versuche Dialoge so zu gestalten, dass sie ihren Inhalt indirekt ausdrücken.
Langweilige und triste Dialoge (direkte Formulierung) lassen auch die Figuren langweilig und trist erscheinen.

James N. Frey erklärt es in Wie man einen verdammt guten Roman schreibt{*1} auf folgende Art:

quote:
“Bist du schon mal auf einer Party gewesen, wo irgendein Clown sich auslässt über, sagen wir, die natürliche Minderwertigkeit der Frau? Du bist völlig anderer Ansicht, aber alles, was dir zu sagen einfällt, ist: „Sonst tut Ihnen nichts weh?“
Auf dem Nachhauseweg sagst du dir, dass du Simone de Beauvoir hättest zitieren sollen, wo sie über die phänomenologischen Veränderungen kultureller Determinanten von sexuellen Unterschieden nach Klassen- und Kulturzugehörigkeit im Existentialismus spricht. Das hätte diesem Dummschwätzer das Maul gestopft. Wenn deine Figur in dieser Situation gewesen wäre, hättest du eine Weile darüber nachdenken können und dann den richtigen Spruch parat gehabt.
Vielleicht brauchst du eine Woche dafür, aber für den Leser sähe es so aus, als wäre die Figur ganz spontan darauf gekommen.“

Wenn du Dialoge schreibst, werden Deine Figuren mehr Witz zeigen, mehr Charme, Bildung, Beredsamkeit, Klugheit, mehr Feuer als du, der Autor selbst. Wie ist das möglich? Wegen des Zeitfaktors. Was Deine Figuren in einer Geschichte sagen und tun, sieht spontan aus.
Du hast lange darüber gegrübelt. Vielleicht springst du mitten in der Nacht aus dem Bett und rufst: „Heureka! Ich hab`s!“ Und dein Partner hält dich für verrückt. Und am nächsten Morgen schüttelst du den Kopf über deine eigene Idee.
Es steckt eine wahnsinnige Arbeit darin, dass ein pfiffiger Dialog so locker daher kommt – und der Leser liest es einfach. Glaub mir, je einfacher ein Text erscheint, um so mehr Arbeit steckt darin.


Die indirekte Rede:
Sie wirkt altbacken, umständlich und ungebräuchlich, kann aber als Stilmittel genutzt werden, um zum Beispiel in eine hektische Szene etwas Ruhe hineinzubringen.

Thomas erklärte, die Vorstellung würde um Acht beginnen und Sabine fragte sofort, ob er sicher sei. Der Film habe schließlich Überlänge.
Warum sie skeptisch reagiere, wollte er nun wissen, schließlich hätte er vorhin auch mit Stefan telefoniert.
Sie antwortete, dass dann ja wohl nichts mehr schiefgehen könne,wenn Stefan der gleichen Meinung wäre.

Der gewaltige Nachteil ist, dass diese Form es kaum schafft Emotionen oder gar Konflikt zu transportieren, was im direkten Dialog deutlich besser gelingt.
Indirekte Rede baut also eine gewisse Distanz zwischen Figur und Leser auf.

Auf Feinheiten der Differenzierungen der einzelnen Kunjunktivformen möchte ich nicht eingehen. Das obige Beispiel habe ich auch nicht diesbezüglich überprüft. Als einfaches Beispiel sollte es allerdings genügen.


Sprache der Dialoge:
Natürlich geht es nicht um Nationalsprachen. In einer deutschen Geschichte sollten die Figuren auch allesamt Deutsch sprechen.

Jugendliche unterhalten sich – eine jugendliche Sprache:
„Ey, Thomas, hast du schon den krassen neuen Film mit der Scarlett Johansson gesehn?“
„Klar Mann. Heißer Feger, die Kleine!“


Der gleiche Filmbesuch – zwei Mittvierziger:
„Hallo, Thomas, hast du schon den genialen neuen Film mit Scarlett Johansson gesehen?“
„Habe ich, der Film war nicht schlecht, und die Johansson war eine gute Besetzung dafür.“


Der gleiche Film – zwei Senioren:
„Thomas, altes Haus, warst du gestern im Seniorenkino und hast den neuen Film mit dieser Johansson gesehen?“
„Ach ja, `ne hübsche Kleine, könnte meine Enkelin sein. Aber worum ging es in dem Film überhaupt?“


Wichtig ist, dass die Sprache – die Ausdrucksform der Sprache – zu den Figuren passt. Ein achtjähriger Junge wird nie wie sein vierzigjähriger Vater sprechen.

Wenn ein Arzt sich mit einem Techniker unterhält, benutzen beide vielleicht die deutsche Sprache, aber bestimmt nicht, ohne sich in ihrer Ausdrucksform deutlich voneinander zu unterscheiden:
An einem Opfer sieht der Techniker vielleicht blaue Flecken, möglicherweise eine Prellung am Kopf. Der Arzt sieht das gleiche, spricht aber von Hämatomen (Einblutungen in das Gewebe) und Läsionen (Verletzungen durch äußere Einwirkung).
Der Arzt bemängelt an einer Taschenlampe die leere Batterie, der Techniker spricht von einer
verbrauchten Energiezelle an der Stableuchte.

Wie glaubhaft eine Figur herüberkommt, ist auch abhängig von der verwendeten Fachsprache. Sie hebt ihn ab, differenziert ihn von der normalen Bevölkerung, die „nur“ der Umgangssprache (oder weniger) mächtig ist.

Ein Banker aus Frankfurt hat mit Sicherheit ein anderes Vokabular als der Sohn des Kohlenhändlers aus Duisburg.
Die Physiklehrerin aus Leipzig spricht anders als die Blumenverkäuferin aus Wuppertal - ohne auf den Dialekt Rücksicht zu nehmen.
Der Sohn eines Fischers aus Emden hat ein anderes Sprachvermögen als der Sohn eines
Milchbauern aus Münster.

Sollen die Figuren überzeugend als das auftreten, was sie vorgeben zu sein, müssen sie auch sprachlich in ihren Dialogen überzeugend wirken.


Erzählsprache:
Die erzählende Sprache, also die Worte, die der Erzähler von sich gibt.
Im Erzähltext einer Geschichte, die im 18. Jahrhundert spielt, verbieten sich Wörter wie „Handy“ oder „Computer“ natürlich von selbst. Auch von einer „Mondlandung“ kann noch nicht die Rede sein.
Die erzählende Sprache sollte ausgewogen und nicht Trivial sein, sich keinen „Slang“ zu eigen machen.

„Eine Schachtel Reval!“
Kurt lümmelte am Kiosk, kratzte seine letzten Penunsen zusammen, zahlte und steckte die Fluppen ein.

Im Dialog darf etwas derartiges vorkommen, aber nicht in der erzählenden Passage. Es sei denn, du willst mit Humor deine Punkte verdienen. Die erzählende Passage sollte etwas derartiges für ernsthafte Texte vermeiden.

„Was lümmeln Sie denn so an meinem Kiosk herum?“
„Eine Schachtel Reval!“
Kurt suchte sein letztes Geld zusammen, bezahlte, steckte die Zigaretten ein und ging.

Wirkt Kurt jetzt auf dich eher amüsiert und fröhlich oder eher traurig und deprimiert? Ohne ein Wort über sein Gefühlsleben zu verlieren, wird Kurts emotionaler Zustand mit der tristen Monotonie des letzten Satzes dargestellt.
Hätte der „Erzähler“ weiterhin die Begriffe „Penunsen“ oder „Fluppen“ verwendet, wäre dies nicht gelungen, im Gegenteil, der Leser hätte vermutlich amüsiert geschmunzelt.



Hauptthema: Eine gute Geschichte

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Quellen:
*1: James N. Frey, „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, Emons Verlag; Auflage: 1 (1993), ISBN-13: 978-3924491321 (Deutsch)

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