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Leselupe.de > Theoretisches
Was ist Textarbeit?
Eingestellt am 17. 03. 2004 15:53


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Bernd
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Aug 2000

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Als Dichter und Schriftsteller, aber ebenso als Kritiker arbeiten wir an Texten. Was und wie ist aber Textarbeit?

Ich möchte hier ein paar Anregungen geben.

Arbeit am eigenen Text

Vor der Veröffentlichung steht der Text. Wie entsteht er?
Ich habe eine Idee und bringe sie zu Papier. Wie? Ich mache mir Gedanken ĂŒber Inhalt, ĂŒber Form.

Der Text steht da. Und doch ist er nicht frei, nicht wirklich. Er entwickelt sich. Der Anfang hat Einfluss auf das Ende. Die Rhythmik entwickelt sich, die Sprache.

Nemen wir an, ich schreibe einen Limerick. Das scheint einfach. Es ist ja nur ein kleiner Scherz.

WorĂŒber? Ja. Jetzt beginnt das Dilemma. Nehmen wir an: Über das Essen.

Ein Limerick hat eine sehr festgelegte Form. 5 Zeilen, aabba das Reimschema, eine festgelegte Betonung.

Die Idee: Eine Frau isst und isst und wird dicker.

quote:
Eine Frau saß vorm Kiosk am +++ (steht noch nicht fest, wird sich ergeben.)
und aß und sie aß und sie aß,
so wuchs sie enorm
in Inhalt und Form,
- muss sich auf "aß" reimen.

quote:
Eine Frau saß vorm Kiosk aus Spaß (reimt sich, aber ein Ort wĂ€re besser.)
und aß und sie aß und sie aß,
so wuchs sie enorm
in Inhalt und Form,
sie hatte ein ganz schönes Maß. (... ginge, ist aber nicht sehr witzig.

quote:
Eine Frau saß zum Lunch an der Maas
und aß und sie aß und sie aß,
so wuchs sie enorm
in Inhalt und Form,
sie hatte ein ganz schönes Maß.
... aber es reimt sich nicht. Und Lunch ist englisch ...

quote:
Eine Frau saß bei Hamburg im Gras,
und aß und sie aß und sie aß,
so wuchs sie enorm
in Inhalt und Form,
sie hatte ein ganz schönes Maß.


Na ja. Gucke ich die Rechtschreibung an.

Ok. Aber die dritte und vierte Zeile sollten eingerĂŒckt sein.


quote:
Eine Frau saß bei Hamburg im Gras,
und aß und sie aß und sie aß,
        so wuchs sie enorm
        in Inhalt und Form,
sie hatte ein ganz schönes Maß.


Trau ich mich? Gut ich werde es veröffentlichen.

Und jetzt, ganz wichtig: Das Thema.

Beim Limerick ist es recht einfach,
ich kann die erste Zeile nehmen und zur besseren Übersicht gebe ich (Limerick) mit an.

Eine Überschrift hat der Limerick gewöhnlich nicht. Bei anderen Werken muss ich mir die sehr genau ĂŒberlegen. Oft stimmt sie mit dem Thema ĂŒberein, muss sie aber nicht.

Nach dem Absenden kontrolliere ich noch mal. Was man da noch an Fehlern findet, ist enorm, insbesondere auch an der Formatierung.


Lesen

Schon das Lesen ist Textarbeit. Bei Gedichten muss ich mich entscheiden: Lese ich leise, lese ich laut? Lese ich am Bildschirm? Drucke ich den Text aus? Das ist wichtig vor allem bei Geschichten.
Manchmal lese ich auch anderen vor. Das ist eine anerkennende Form der Textarbeit, zumindest meistens.


Kritik


Die nÀchste Stufe der Textarbeit beginnt.
Das Gedicht wird gelesen.
Ich lese das Gedicht, hier das eines anderen.
Oder jemand liest meins.

Viele finden es gut.

"Lustig. GefÀllt mir."

Das ist eine positive RĂŒckkopplung. Die ist in einigen Foren hĂ€ufig, in einigen selten. Ist es schon Textarbeit? Ich denke, ja, aber da gibt es verschiedene Auffassungen.

"Das ist ein Schöner Limerick, könnte was draus werden. Aber sollte die letzte Zeile nicht witziger sein? Irgendwie explodiert es nicht so recht."

... ein anderer schreibt: Ist ja HahnebĂŒchener Mist, Reime sind sowieso blöd.

Noch jemand schreibt: Was soll das? Da ist ja gar kein Inhalt drin?

Aufnahme der Kritik

Jetzt beginnt eine doppelte Textarbeit. Aufnahme der Kritik und Verarbeitung des Textes.

Das Lob nehmen viele gut auf. Manche fĂŒhlen sich genervt durch zu viel Lob.

Die sachliche Meinung hilft, aber nicht immer.
Was kann ich jetzt tun? Ich habe das GefĂŒhl, die letzte Zeile ... der hat recht.

Den "hahnebĂŒchenen Mist" ignoriere ich, ich könnte zwar antworten, das wĂŒrde mich nur belasten. So was ist nicht ernst zu nehmen. Es ist dialogzerstörend. (Manche nehmen es ernst und ihre Gedichte weg, denn bei Dichtern sind Selbstzweifel stark.)

Der nÀchste: er hat offensichtlich von dieser Form nie was gehört, oder keine Beziehung dazu. Ich kann ihm Hinweise in einem Artikel geben, zum Beispiel im Theorie-Forum.

---

Da bleibt aber noch Zweifel.

Das ganze von vorn:

und das Ergebnis:

quote:
Eine Àltere Dame aus Graus,
die lebte in Saus und in Braus,
        stopfte rein jede Sorte,
        Eisbein, Creme und Torte,
und sie fĂŒllt jetzt die Stube voll aus.

---

Induktive Methode

Es gibt eine zusĂ€tzliche Methode der Textarbeit: Ich fĂŒhre den Text fort, oder experimentiere mit der Form. Das fĂŒhrt oft zu besonderer Zusammenarbeit, manche sehen es aber nicht so gern. Hier muss ein gemeinsamer Wille da sein.

Dann folgen mehrere Gedichte einander. Hier entsteht zugleich eine Art Wettbewerb und Zusammenwirken.

---
Andere Möglichkeiten: Ich zitiere den Text und mache auf Fehler aufmerksam, oder auf Probleme des Inhalts.
Kritik der Form wird dabei von vielen leicht angenommen, Kritik des Inhalts wird viel öfter abgelehnt, denn viele sind mit dem Inhalt stĂ€rker verwurzelt. Oft wird eigenes Erleben oder eigener Kummer beschrieben. Und da kommt jemand und kritisiert? Die Kritik sollte hier immer zum Text, nie zur Person erfolgen. Textarbeit an der (eigenen) Kritik ist außerordentlich notwendig.
---


Zusammenfassung

Textarbeit hat zwei wesentliche Seiten:
1. Die eigene Arbeit am eigenen Text.
2. Die Arbeit am und mit dem fremden Text und den Dialog.


__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

Version vom 17. 03. 2004 15:53

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Michael Schmidt
Manchmal gelesener Autor
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Hallo Bernd,

deine Anregungen haben mich beschÀftigt und bringen mich auf folgende ErgÀnzungen:

Jede Form von Antwort ist hilfreich, man sollte nur die nötigen RĂŒckschlĂŒsse dazu ziehen. Lob oder Veriss als reine MeinungsĂ€ußerung zeigen – selbst bei inhaltlicher Leere- wie das Werk ankommt, oftmals wichtiger fĂŒr den Autoren ( fĂŒr den Kritiker gilt natĂŒrlich das Gleiche, auch der Kritiker hat ein Werk, nĂ€mlich die Kritik ) als detaillierte und fortfĂŒhrende Textkritik.
Ich denke sogar, eine hundertprozentige „Textarbeit“ ist kontraproduktiv, da sie dem Autor den Freiraum nimmt, sich und sein Werk zu verbessern.

Der Kontext des Kritikers ist wichtig. Je besser der Kritiker dem Autor bekannt, desto bessere RĂŒckschlĂŒsse kann er auf die Kritik nehmen.
Beispiel : Eine Geschichte ist SF und spielt im Star Trek Universum.
Ist der Kritiker jetzt mit der SF vertraut? Kennt er Star Trek? Wie war seine Erwartungshaltung? Ist er eine Zielgruppe des Textes? Wie belesen ist er? Ist seine Expertise Vor- oder Nachteil? Ist der Kritiker mir bekannt und beurteilt meinen Text eher positiv?

Wie stark ist der Kritiker bemĂŒht, den Text in sich zu verbessern, nicht ihn zu verĂ€ndern? Ein manchmal unterschĂ€tzter Punkt ist es, den Text so zu Ă€ndern, wie sich der Kritiker den Text wĂŒnschen wĂŒrde, nicht wie es dem Text am besten tĂ€te.

Eine Frage fĂŒr den Autor. Was will ich mit dem Text erreichen? Soll er provozieren, unterhalten, bilden? Schreibe ich einen provokanten Text, kann ich mich ĂŒber die entsprechenden Antworten nicht beschweren, waren sie doch mein Ziel, oder? Habe ich eine klare Aussage, und der Leser verstand sie nicht, woran lag es? War die Aussage wirklich klar?

Bis bald,
Michael

__________________
Der ErnstFall Michael Schmidt

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
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Ungeliebte(?) „Textarbeit“

Ich wage, einfach zu behaupten, dass der Streit um den Begriff „Textarbeit“ und dem, was er beinhaltet bzw. beinhalten soll, schon fast so lange andauert, wie es die Leselupe gibt. Und es ist viel darĂŒber gestritten worden, was denn nun Textarbeit und was wohl pure Plauderei sei.

Es gab eine Zeit, wo hier auf der Lupe ein lockerer Meinungsaustausch herrschte und vor allem auch viel herumgeblödelt wurde. Auch das hatte seine Reize. Fast unmerklich trat dann das, was wir hier gern als „Textarbeit“ bezeichnen immer mehr in den Hintergrund. Speziell aus den Reihen unserer „BlĂŒmchendichter“ rekrutierten sich immer mehr User, die den eigentlichen Sinn der Lupe wohl darin sahen, fix mal ein hingeschludertes Gedicht unter die Leute zu bringen und dann gegenseitig und genĂŒsslich ihre aktuelle seelische Verfassung breitzutreten, Kochrezepte anzupreisen oder einfach nur das Wetter vor der eigenen HaustĂŒr zu beschreiben. Ganz schlimm verbreitet waren solche Kommentare wie: „Ich kann den Inhalt deines Textes wunderbar nachvollziehen. Mir ging es nĂ€mlich ganz genauso, und da hatte ich folgendes
“
Mitunter war das schlichtweg nicht mehr auszuhalten. Also wurde ein Schnitt gemacht, die Plauderecke eingefĂŒhrt (spĂ€ter gesellte sich dann noch das Forum Lupanum hinzu) und die Werkeforen fĂŒr möglichst konstruktiven Meinungsaustausch (vielleicht ein hĂŒbscherer Begriff fĂŒr „Textarbeit“) frei gehalten. Das rigorose Einschreiten der Moderatoren gegen die ausufernde Plauderei war einfach notwendig, um das eigentliche Ziel in den Werkeforen nicht immer wieder verwĂ€ssert zu sehen.
Auch wenn der Begriff fast schon zum Unwort zu verkommen scheint – „Textarbeit“ ist und bleibt das A und O auf der literarischen Arbeitsplattform „Leselupe“. Warum wird darauf soviel Wert gelegt? Ganz einfach. Auf der Leselupe sollen Werke nicht nur ausgestellt, sondern diskutiert werden. Dabei sollen vor allem StĂ€rken und SchwĂ€chen herausgefiltert, auf handwerkliche MĂ€ngel hingewiesen oder inhaltliche Ungereimtheiten aufgedeckt werden.(Um nur ein paar Beispiele zu nennen) Ob das fĂŒr das betreffende Werk oder den dahinter stehenden Autoren letztlich hilfreich ist oder nicht, hĂ€ngt nicht nur von der QualitĂ€t der Kommentare bzw. Kritiken ab, sondern vor allem von der Einstellung des entsprechenden Autors selbst. Ein nicht zu unterschĂ€tzender Nebenaspekt bei der Auseinandersetzung mit fremdem Texten besteht meines Erachtens darin, dass man dabei vor allem selbst enorm hinzu lernen kann.
Aber – mĂŒssen wir das ĂŒberhaupt? Ich denke – ja.

Ich wage einmal folgende These:
Schreiben ist immer auch gleichzeitig Textarbeit – zunĂ€chst erst einmal am eigenen Werk. Wer nicht einmal bereit ist, am eigenen Text intensiv zu arbeiten, schreibt nicht wirklich. Er macht nur Notizen ĂŒber das, was ihm gerade so ein- oder zufĂ€llt. Ist derjenige handwerklich routiniert (was selten der Fall ist, denn Routine kommt erst durch Lernen und viel Arbeit), dann kann sogar etwas Brauchbares dabei heraus kommen. Ein Genie schafft damit vielleicht sogar anerkannte Literatur. Ein normaler Schreiberling produziert bei solcher Herangehensweise vor allem fĂŒr den Papierkorb. Er darf sich schon glĂŒcklich schĂ€tzen, wenn aus seiner spontanen Massenproduktion mal eine Sequenz heraus ragt, die den Beifall einer mehr oder minder großen Leserschar findet. HĂ€ufig handelt es sich bei den Applaudierenden allerdings um solche Lupenmitglieder, denen die Arbeit am eigenen Text ebenfalls ein GrĂ€uel ist. Ja – ich habe den Eindruck – die Textarbeitsgegner sind durchaus solidarisch untereinander. Wer Textarbeit am eigenen Werk scheut, wird wenig VerstĂ€ndnis dafĂŒr aufbringen, dass es Leute gibt, die so etwas regelrecht einfordern.

Wer mit Textarbeit nichts am Hut hat und obendrein mit schlechten Kritiken nicht umgehen kann, wird hier in der Lupe eigentlich immer nur Gast aber nie ein aktives Mitglied sein können. Um aber nicht stĂ€ndig das GefĂŒhl haben zu mĂŒssen, ausgeschlossen zu sein, profiliert sich der „Anti-Textarbeiter“ gern als „Plauderecken-Aktivist“. Wer aber ausschließlich dort die sonst nur spĂ€rlich fließende Anerkennung zu finden trachtet, hat den Sinn der Leselupe wohl nicht verstanden. Er sollte sich zunĂ€chst einmal ehrlich die wohl fĂŒr einen Schreiberling wichtigste Frage stellen:



Warum schreibe ich?


Jetzt höre ich schon, wie es aus allen Ecken tönt: “Mein Gott – da gibt es viele GrĂŒnde. Stimmt! Da wĂ€ren zum Beispiel der pure Spaß am Fabulieren, das Schreiben als ein Mittel reiner Selbsttherapie (was man wirklich nicht unterschĂ€tzen sollte)oder einfach nur der Wunsch, sich mitteilen zu wollen.
Das sind nur einige BeweggrĂŒnde, die jemanden zum Schreiben animieren. Wenn man alle Lupianer nach ihren Schreibmotiven fragen wĂŒrde, so kĂ€men mit Sicherheit noch viele andere Gesichtspunkte mit ins Spiel. Und alle mĂŒsste man akzeptieren.
Niemand ist anderen gegenĂŒber fĂŒr seine Schreib-Motivation rechenschaftspflichtig. Auch was die Themenwahl und die vermeintliche QualitĂ€t ihrer Abhandlung angeht, da hat niemand hinein zu quatschen.
Allerdings gilt dies meines Erachtens nur bis zu einem ganz bestimmten Punkt. NĂ€mlich genau dann, wenn ein Schreibender mit seinen Werken an die Öffentlichkeit tritt, wird der bislang genossene Freiraum automatisch eingeengt. Der Autor hat nĂ€mlich begonnen, fĂŒr andere zu schreiben. HĂ€ufig lese ich in Gegenargumenten von kritisierten Autoren die sinngemĂ€ĂŸe Aussage: „Ich schreibe ja nur fĂŒr mich.“ Oder: „Ich schreibe immer nur aus dem Bauch heraus.“
„Einverstanden!“ kann ich da nur antworten. „Aber bitte bleib dann auch mit samt deinem Bauch im stillen KĂ€mmerlein.“
Dieses „Ich-schreibe-nur-fĂŒr-mich“ halte ich zumindest in der Mehrheit der FĂ€lle fĂŒr eine reine Schutzbehauptung, die vor allem dann benutzt wird, wenn ein Text durchfĂ€llt. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe diesen Satz auch lange vor mir hergetragen. Ich habe dieses selbstgemalte Schild erst fallen lassen, als ich vor fĂŒnf Jahren zufĂ€llig die Leselupe fand und auf ihr hĂ€ngen blieb.
Wer veröffentlicht, will auch gelesen werden.Er möchte natĂŒrlich vor allem Zuspruch erfahren und aber auch möglichst viel RĂŒckkoppelung erhalten.
Wer das bestreitet, belĂŒgt den Leser. Wer aber veröffentlicht, obwohl er tatsĂ€chlich völlig davon ĂŒberzeugt ist, nur fĂŒr sich zu schreiben, der betrĂŒgt sich selbst. Derjenige ist sich selbst demnach als Publikum genug. Aber dann sollte er auch auf Veröffentlichungen verzichten. Ich bin aber ĂŒberzeugt davon, dass es nicht ein einziges Mitglied hier in der Lupe gibt, das lediglich seine Texte hier ablegt, um die eigene Festplatte zu schonen.

Wer mit seiner Schreiberei an die Öffentlichkeit geht, möchte auch in der Regel ein möglichst großes Publikum interessieren – ja – sogar begeistern. Aber angenommen, man schreibt ein Buch, bringt es im Eigenverlag heraus und merkt dann, dass es keiner will. Aber warum? Das wird er nur schwer erfahren. Hier auf der Leselupe besteht die Riesenchance, von Leuten gelesen zu werden, die es gewohnt sind, aufmerksam zu lesen. Das sind Leute, die selbst schreiben und die in ihrer Mehrzahl gewillt sind, auch zum Gelesenen Stellung zu nehmen. Was fĂŒr ein Idealfall!
Aber plötzlich sind da unverdauliche Brocken in den Kommentaren. Man wird kritisiert, es wird hinterfragt, es werden Fehler angekreidet, es werden ÄnderungsvorschlĂ€ge gemacht. Da kommt plötzlich ein Haufen Arbeit auf einen zu. Und von da an gibt es mehrere Möglichkeiten:

1. Ich sehe ein, ich kann nicht schreiben und belasse es bei dem Versuch.
2. Ich bin so von mir ĂŒberzeugt, dass ich die Kritiker mit Verachtung strafe.
3. Ich komme zwar nicht ĂŒberall an, aber ich gebe mich mit einer winzigen Fangemeinde zufrieden.
4. Ich gehe in mich, und komme zu dem Schluss, dass ich noch eine Menge tun muss, um besser zu werden. DafĂŒr bin ich aber zu faul oder besitze ganz einfach nicht das Stehvermögen.
5. Ich unterwerfe die Kritiken und Kommentare einer möglichst selbstkritischen Wertung, filtere das heraus, was mir richtig bzw. nachvollziehbar erscheint und mache mich an die Arbeit. Mein Ziel ist es dabei, den Leser in seiner Erwartungen (er möchte gut unterhalten werden – nicht mehr und nicht weniger) gerecht werden. Also – ran an die Arbeit – die „Textarbeit“.

Jetzt, liebe Lupis möge jeder fĂŒr sich entscheiden, zu welcher der fĂŒnf Gruppen (es gibt sicherlich noch viele Nuancen) er gehören möchte. Eines muss man sich wohl stets vor Augen halten. Aus dem Bauch kommt meist nur unfertiges Zeug. Die noch so gute Idee reicht auch nicht. Das so genannte Talent zum Schreiben wird viel zu oft ĂŒberbewertet. Schreiben kann und soll Spaß machen. Schreiben ist aber nicht selten eine regelrechte Knochenarbeit, die einem obendrein niemand abnimmt. Aber – es kann Hilfestellungen geben. Und dafĂŒr ist die Leselupe ein idealer Platz.


Gruß Ralph

__________________
Schreib ĂŒber das, was du kennst!

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mara
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2002

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Das ist ein wunderbarer Beitrag, Ralph und ich danke dir - so muss ich nun nicht mehr unbedingt ein eigenes neues Thema beginnen.

Ich sehe das auch so, dass man als Autor immer an seinen eigenen Texten arbeitet. Ich bin fĂŒr VorschlĂ€ge von anderen auch dankbar. Nur habe ich die Erfahrung gemacht. dass VorschlĂ€ge auch vieles verschlimmern können, denn Meinungen sind so vielfĂ€ltig wie Leser. Oft genug habe ich nach einigem Abstand wieder zu einer Ă€lteren Version des Textes zurĂŒck gefunden, weil alle Änderungen vielleicht die Aussage fĂŒr bestimmte Leser verstĂ€ndlicher gemacht haben, aber der Text letztlich nicht mehr das sagte, was ich hatte ausdrĂŒcken wollen.

Und: Es gibt Texte, bei denen ich dankbar fĂŒr ÜberarbeitungsvorschlĂ€ge bin. Andere will ich nicht Ă€ndern, weil ich sie genau so und nicht anders gedacht habe. Wenn es wenigstens eine Möglichkeit gĂ€be, das deutlich zu machen, das wĂ€re schon viel Wert.

Was bleibt, ist immer noch das MissverstĂ€ndnis neuer Mitglieder, die die Leselupe als Veröffentlichungsplattform sehen, auf der sie Leser fĂŒr ihre Werke finden. Das geht vielen so, die zum ersten Mal in einem Lyrikforum sind. Bevor man da mit Textarbeit beginnt, wĂ€re es gĂŒnstig, ĂŒber das allgemeine Vorgehen hier zumindest aufgeklĂ€rt zu werden. So dass man (wie ich schon sagte) sich nicht umsonst lang und breit mit einem Text auseinandersetzt, zu dem der Autor gar keine Textarbeit haben will. Und auch, damit der Neue sich entscheiden kann, ob die LL etwas fĂŒr ihn ist oder nicht, ohne dass er gleich "aneckt".

Daher mein Vorschlag mit dem "BegrĂŒĂŸungsbereich" (oder wie immer man das nennen möchte), wo ein neuer Autor sich vielleicht vorstellen und einige Werke von sich posten kann. Und dort als Antwort/Standardtext (vielleicht sogar gleich durch einen Redakteur, der das Forum betreut): Herzlich Willkommen in der LL. Schön, dass du hier bist. Bei uns ist es ĂŒblich, dass man sich ĂŒber die eingestellten Werke produktiv austauscht. WĂ€re es dir recht, wenn ich zu deinen Texten ein paar kritische Anmerkungen mache?

__________________
Soll doch in einem Kellerfach verwesen, was ich schon viel zu lange bei mir trag. (Ein Abgesang an meine alten Gedichte...)

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Garjan
Guest
Registriert: Not Yet

Das ist ein sehr wertvoller Beitrag. Außer wenigen Genies gibt es keine Schriftsteller, die ihr Werk einfach nieder schreiben und dann an ihren Verlegern schicken. Nicht einmal Bestseller Autoren.

Ich ĂŒberarbeite inzwischen selbst Kurzgeschichten zehn bis fĂŒnfzehn Mal, ehe es andere zu lesen bekommen. Nicht mitgerechnet die ÄnderungswĂŒnsche, die noch vom Lektorat kommen. Entscheidend fĂŒr die Weiterentwicklung ist die FĂ€higkeit, MĂ€ngel in der eigenen ErzĂ€hlung zu erkennen.

Bei RatschlĂ€gen muss man den goldenen Mittelweg finden. Als KĂŒnstler braucht man Selbstvertrauen. Wer eine Mimose ist, sollte keine Texte schreiben, die er Fremden zum Lesen gibt. Ein Werk ist erst gut, wenn es verrissen wurde. Damit muss man als Autor leben.
Man sollte aber ĂŒber Kritik reflektieren können. Wenn man jede Kritik als MajestĂ€tsbeleidigung abtut, wird man niemals ein erfolgreicher Autor werden.

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Ralph,
habe gerade erst jetzt den Beitrag Ungeliebte(?) „Textarbeit“
von dir hier entdeckt. Ich finde diese klare und sachliche Darstellung, obwohl sie ja schon lange zurĂŒckliegt, ausgezeichnet. Die mĂŒĂŸte jedem Neuling beim Einstieg mitgegeben werden. Leider wird heute außer der Arbeit am eigenen Text viel zu wenig davon im Mit- und Gegeneinander praktiziert. Im wechselseitigen Austausch lernt man aus meiner persönlichen Erfahrung am meisten. Das ging mir bei meinen drei StudiengĂ€ngen jedesmal so.
Das Thema ist immer noch oder schon wieder sehr aktuell. Ich frage mich, warum, wenn ein Neuer sich mit einem Text vorstellt, er/sie so leicht aufgenommen wird. Vielleicht sollte man ihm/ihr das Lesen dieses Textes vorher zur Bedingung machen.
LG USch

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