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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Was nach dem Clown kam
Eingestellt am 21. 07. 2013 21:52


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Leovinus
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Was nach dem Clown kam
- Eine Rhapsodie -

I.

Karl hatte die Frage, wie er auf diese Lichtung gekommen sein mochte, vergessen. Saftig, von sanftem Grün, schwangen die Gräser sacht im Wind und wurden an genau den richtigen Stellen von malerischen Gänseblumen unterbrochen.
Zarte Vogelstimmen ergänzten einander harmonisch. Aus dem rauschenden Wald ringsum schwebten wunderbare bunte Seifenblasen. Der hellblaue Himmel war mit wenigen weißen Wolken betupft. Dazwischen segelte, wie ein verlorener Luftballon, ein Clown. Die Seifenblasen umschwirrten Karl. Er wischte sie fort, doch kamen stets neue. Der Clown löste sich von den Wolken und sank, schneller werdend, hinab. Immer mehr Seifenblasen flogen über die Wiese. Bald vermochte Karl den Wald nicht mehr zu erkennen. Der Vogelgesang bohrte sich als hoher Ton in seinen Kopf. Am beunruhigendsten aber war der Clown, der mit wachsender Geschwindigkeit und immer größer werdend auf die Wiese zu raste. Die Seifenblasen hüllten Karl ein. Er versuchte, sie fortzuwedeln. Doch brauchte er die Hände, um sich die Ohren zuzuhalten, da das Vogel-Quietschen zu einem Kreischen angeschwollen war. Der Clown stürzte mit dem Tempo eines D-Zuges auf Karl herab. Karl machte einen mühsamen Schritt rückwärts. Die Gestalt wurde größer und größer. Noch ehe Karl die Hände schützend vor das Gesicht schlagen konnte, warf ihn der Clown, gewaltig wie ein Reisebus, zu Boden.

Als er die Augen wieder öffnete, fand Karl sich im Eisenbahnwaggon eines Dampfzuges in einem Dorfbahnhof wieder. Es dämmerte. Aus drei Lampen strahlte kaltes Licht auf den staubigen Bahnsteig. Dort stand ein resolut wirkender Schaffner in einer leuchtend weißen Uniform. Seine Stirn ragte kaum über einen Koffer, der dort herrenlos herumstand. Er lächelte Karl freundlich an und blendete ihn unversehens mit einer riesigen Taschenlampe.

Vorn tönte die Lok und rollte los. Karl lehnte sich zurück und atmete tief durch.

II.

Der Zug brauste durch eine ständig wechselnde Landschaft. Rote Felder verschwanden, Häuser mit leeren Fenstern tauchten auf, grüne Felsen ragten unversehens dicht neben dem Zug in die Höhe, um wieder unterzugehen. Die Gleise führten auf eine Brücke, die sich weit über einen uferlosen See spannte.

Karl wandte den Blick ab und entdeckte auf der Ablage eine Broschüre. Ihre Seiten waren mit Tabellen und den Abbildungen komplizierter Eisenbahnnetze bedruckt, die, sobald er sich auf einen bestimmten Punkt konzentrierte, verschwammen und in der Tiefe des Papieres versanken. Seine Augen versuchten zu folgen. Immer wieder holte er die Linien hervor, doch es gelang ihm nicht, sie lange genug zu halten. Sein Blick verschmolz mit ihnen und ging unter.

Karl kniff die Augen zusammen und schaute wieder hinaus. Ein anderer Zug überholte sie. Innen saßen Männer, die in wilder Hast Broschüren durchblätterten und eine nach der anderen hinauswarfen. Noch ehe die Papiere das Fenster verlassen hatten, zerstoben sie in winzige Fetzen. Als der Zug vorüber war, erschien die idyllische Wiese wieder. Statt des Waldes umgaben sie wie ein weites Feld der Möglichkeiten, unzählige Gleise.

Der Zug wurde langsamer und stand. In einer hellgrauen Uniform betrat der Schaffner das Abteil. „Wer aussteigen möchte, hat nun die Gelegenheit dazu.“ Karl erhob sich. Er stellte fest, dass er den Schaffner nur noch um Haupteslänge überragte. „Wird der Zug auf mich warten?“

Der Schaffner schüttelte den Kopf. „Sie können jederzeit einen anderen wählen.“ Karl nickte.

Kaum hatte er die Wiese betreten, liefen die Maschinen der Lok an und die Eisenbahn erreichte aus dem Stand ihre volle Geschwindigkeit.

Karl blickte sich unschlüssig um. War er am Ziel? Dorthin zurück, wo er begonnen hatte? Er legte sich ins Gras. Warme Luft füllte seine Lungen. Durch sein Gesichtsfeld flog ein Vogel. Die Wolken standen still am Himmel, weit und breit kein Clown, keine Seifenblasen, kein Schreien. Karl spürte den weichen Boden unter sich. Ein Käfer lief über seine Hand. Die Zeit zerschmolz wie glühendes Glas.

Er zog matt die Broschüre hervor. Die Linien verschwammen nicht mehr, schienen klarer und stabiler, ohne dass er mehr deuten konnte.

Es musste doch einen Weg geben, die Karten, die Tabellen, die Ziele zu verstehen. Aber war dies der richtige Ort dafür?

Karl erhob sich und ließ den Blick streifen. Konnte er nicht einfach hier bleiben? Hier ging es ihm gut. Was sollte er mit Plänen, die er nicht verstand? Er atmete den Duft des verschwundenen Waldes ein. Sein Blick verlief sich in der Unendlichkeit. Die Gänseblumen wogten im Wind und aus den Gräsern stieg die Langeweile. Wie ein tödliches Gas waberte sie über die Wiese, wand sich um Karls Rumpf, hing sich an seine Hände, zog die Schultern hinab und schnürte ihm den Hals zu. Sie drang in ihn ein und füllte sein Inneres mit einer farblosen Masse. Das Gras welkte. Die Vogelstimmen wurden eintönig, der Wind stickig. Die Wolken hingen wie festgeklebt. Karls Gesicht wurde stumpf. Aus der Ferne erklang ein Brummen, ein anschwellendes Pfeifen. Hinter Karls Stirn schwappte die träge Masse. Er drehte mühsam den Kopf und erblickte einen blauen Schnellzug. Auf der anderen Seite raste ein grüner heran. Schwerfällig versuchte Karl sich zu bewegen. Sein rechtes Bein zog ihn nach links, das andere nach rechts. Langsam torkelte er vorwärts und schwenkte den Kopf wie ein Elefant. Ein Gänseblümchen umkrallte seinen Fuß. Er versank im weichen Boden. Mit Wut trat er gegen die zerrende Pflanze. Erst, als er mit der Broschüre auf sie einschlug, ließ sie ihn widerwillig gehen. Zehn, fünfzehn unbeholfene Schritte, dann entschied sich sein Körper. Er taumelte über die Wiese und erreichte endlich rennend die Gleise. Von beiden Seiten steuerten die Züge auf ihn zu. Sie fuhren durch ihn hindurch und verschmolzen zu einem.

Die Bahn stoppte abrupt. Karl stieg ein. Am Zugende wartete der Schaffner. Von ihm kaufte er eine Fahrkarte. Der Schaffner, dessen Uniform sich weiter verdunkelt hatte, war nun ebenso groß wie er.

III.

Die Zugfahrt verlief ereignislos. Karl erlernte einen Beruf. Er traf Frauen und Freunde, und trennte sich von ihnen. Er kaufte Häuser und verlor sie. Den Schaffner sah er lange nicht. Immer wieder versuchte er, dem Geheimnis der Broschüren auf den Grund zu kommen. Eines Tages endete die Fahrt in einem Kopfbahnhof.

IV.

Allein lief er dort auf und ab. Er sah sich Dutzenden Zügen gegenüber. Sie standen mit dampfenden Schornsteinen oder summenden Elektroaggregaten auf den Gleisen und warteten jeder darauf, dass er sich für ihn entscheiden würde. Immer, wenn er sich einem Zug näherte, entfernte sich dieser, ohne sich zu bewegen. Wenn er auf einen anderen zusteuerte, kam der erste näher.

Auf allen Bahnsteigen gingen Schaffner umher. Ihre Anzüge wurden nachtfarben.

Aus dem Augenwinkel entdeckte Karl inmitten der anderen im Führerhaus eines D-Zuges den Clown. Zunächst wollte sein Blick sich nicht darauf einstellen, doch dann sah er es klar: Im vordersten Wagen saß eine Frau am Fenster. Sie blätterte mit ruhiger Hand durch die Broschüre und machte mit einem Stift Anmerkungen.

Karl spurtete los. Doch mit jedem Schritt entfernte sich auch dieser Zug. Die Beine wurden Karl schwer. Der Zug schien zu verlöschen. Karl rannte, um ihn zu halten. Er lief … am richtigen Bahnsteig vorüber. Als er es bemerkte, lag sein Zug hundert Schritt hinter ihm. Zum Umkehren fehlte ihm die Kraft.

Er setzte sich auf den Boden und starrte ins Leere. Ein Schaffner, in einer fast schwarzen Uniform, kam vorüber und sah grübelnd auf ihn herab. Auf die Frau zeigend gab Karl ihm die Broschüre. Der Schaffner nahm das Heft und brachte es ihr. Sie schaute aus dem Fenster, hinüber zu Karl. Sie lächelte. Der Zug näherte sich lautlos und noch immer ohne Bewegung, bis er direkt vor ihm stand. Der Schaffner ließ ihn ein. Karl musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu schauen. Die Frau, Elisabeth, lehrte Karl, die Broschüren zu lesen. Sie entdeckten Fahrten zur Wiese und Wege von dort zurück. Mit ihr lebte er, bis sie starb. Allein fand er die Wiese nicht mehr. Er verließ den Zug auf dem Dorfbahnhof.

V.

Der Bahnsteig war staubig wie vor Jahren. Karl war nun so groß wie der Papierkorb, neben dem er stand, in dem eine alte Broschüre lag. Der Schaffner kam auf ihn zu. Gekleidet in eine glänzend schwarze Uniform sah er auf ihn herab. Der Schaffner leuchtete Karl mit seiner riesigen Taschenlampe ins Gesicht, löste sich auf, und hinter ihm erschien der Clown.

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