Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92217
Momentan online:
552 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Was nicht stimmt
Eingestellt am 06. 08. 2005 23:21


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 49
Kommentare: 164
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um sohalt eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Selbst unter denen, die Paula nicht nur vom Sehen kannten, war kaum einer, der es wusste.


Vermutungen, natürlich, die hatte wohl jeder von uns, nehme ich an, wir sprachen nicht darüber. Und es war ja auch nichts, es war etwas, das sich schwer besprechen ließ, ohne einen oberflächlich wirken zu lassen. Sie schminkte sich schlecht, und? Sie schminkte sich schlecht und hatte sich nie die Mühe gemacht, es zu lernen. Sie tat es trotzdem, wenn wir sie alle heiligen Zeiten dazu überreden konnten, abends mit uns auszugehen, aber nur zur Demonstration guten Willens, was sie freimütig zugab, wenn man sie – taktvoll! – darauf ansprach. Die Demonstration guten Willens schien ihr wichtig zu sein; sie war zur Tanzschule gegangen und nachher nie auf einen Ball, sie hatte den Führerschein gemacht und keine Absicht, sich je ein Auto zu zulegen. Wollten wir sie aufrütteln, kamen wir ihr mit "Wenn du jetzt nicht…, warum hast du überhaupt…", sagte sie: um guten Willen zu demonstrieren. Ich hatte sie im Verdacht, alles aus diesem Grund zu tun - auch das Lernen und Lesen, das wir gewöhnlich stillschweigend als ihren Lebensinhalt voraussetzten. Wir wussten nicht, ob sie Männer hatte. Oder Frauen – eher keines von beidem. Wir wussten nicht viel.

Dabei machte Paula nie ein Geheimnis aus etwas. Das wäre die sicherste Methode, Aufmerksamkeit zu erregen, sagte sie. Und das muss nicht sein. Direkt auf etwas angesprochen, wich sie nicht aus. Aber das Herz auf der Zunge tragen, muss man auch nicht. Fragte man, hast du was?, sagte sie nein. Sie hatte nichts. Bedrückt dich was? Nichts bedrückte sie. Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen? Eine Laus war da nicht.

Was nagt denn an dir, fragte ich. Die Termite, sagte Paula. Wir waren uns zufällig auf der Straße begegnet, ich war unterwegs Richtung Vorstadt, zu Freunden, wir wollten grillen. Paula war "noch mal kurz vor die Tür, sich die Beine vertreten." Es war ein Sommerabend, mit Tischen auf dem Trottoir, Gelächter und Gläserklirren in der Luft, da erzählte mir Paula von der Termite in ihren Eingeweiden. Ich vermute, sie hat sich im Herz eingenistet, sagte Paula, aber da bin ich vielleicht nur ein Opfer des Klischees. Genau lokalisieren kann ich sie nicht, und Röntgen brächte natürlich nichts. Es ist alles biologisch nicht möglich, das weiß ich auch.
Und wieso glaubst du dann ,..- fragte ich. Das Geräusch, sagte Paula. Sie machen ein ganz eigenes Geräusch. Es gab da mal eine Dokumentation im Fernsehen, da hab ich es gehört und wiedererkannt.
Könnte ich es auch hören?, fragte ich. Paula schaute mich an, nicht einfach in Richtung meines Gesichtes, sondern plötzlich in meine Augen. Du musst mir nicht glauben. Du hast gefragt. Und, nein, du könntest es nicht hören. Man braucht eine bestimmte Stille dazu. Die erst entsteht, wenn man ein paar Tage allein war.
Das heißt, der Beleg für deine Theorie ist nicht zu überprüfen, weil er sich nur einstellt, wenn du allein bist.
Ja, sagte Paula. Ganz schön praktisch, nicht?
Ich muss dir nicht glauben, sagte ich. Wann hast du es das erste Mal gehört?

Eine Jännernacht. Vor einer Schularbeit. Ein überhitztes Hirn, das sich nicht auf die Schnelle runterfahren lässt. Und ein plötzlicher Anfall von Klarheit. Gewusst hab ich es immer schon, sagte Paula. Witze hab ich drüber gemacht. Edelhart bin ich mir vorgekommen. Aber erst, als ich dieses Geräusch gehört hab, hab ich begriffen, was es heißt.

Ich wusste, was sie meinte. Sie war verloren.

Paula erzählte:
Ich hielt es natürlich gar nicht aus, im ersten Moment. Ich wälzte mich in meinem Bett, ich setzte mich auf, ich ging im Zimmer auf und ab, ich setzte mich wieder hin, ich schaukelte mit dem Oberkörper nach vor und zurück, ich weiß, das klingt nach Filmszene. Aber man tut das wirklich in so einem Moment, man wiegt sich, das beruhigt. Ich dachte auch zuerst, es sei eine Pose, noch während ich so schaukelte, dachte ich, es wäre vielleicht eine Pose und auch, dass es kein echter Nervenzusammenbruch sein kann, wenn ich mir das denke. Dann kam das Fieber und ich war erleichtert.

Es war vielleicht doch ein echter Nervenzusammenbruch, sagte ich.
Vielleicht, sagte Paula.
Und danach?
Danach hat sich alles in meinem Leben verschlechtert, aber das war der schlimmste Moment. Seltsam, oder? Aber natürlich, der Nebel ist wieder da. Ich weiß wieder, ohne begreifen zu müssen, meine löchrigen, zerfressenen Eingeweide begreifen zu müssen. Dann geht es.
Was wirst du tun?
Was kann ich tun, sagte Paula.
Es ist nur eine, sagte sie, als sie sah, wie erschrocken ich war. Sie ist kleiner als eine gewöhnliche Termite. Sie ist klein und allein. Das kann dauern.
Liebe?
Sollte mich doch wundern. Das zerfressene Herz. Es ist ein Klischee, vielleicht. Aber bis jetzt… Selbst wenn, gegen die Termite hilft nichts.
Woher..
Ich weiß es.

Und warum dann noch..
Paula schaute sich um. Nach der Hitze des Tages, die alles, was seiner Natur folgen konnte, in den Schatten gezwungen hatte, schien das milde Licht jetzt wie ein Angebot zur Versöhnung. Die Stunde war geschaffen, um vom Badesee nach Hause zu radeln, am besten zu zweit und zu müde zum Sprechen. Man sollte unterwegs sein zu Freunden. Man sollte nicht kurz vor die Tür gehen, um sich die Beine zu vertreten, um sich den nötigen Schlaf zu holen, um nicht zu lang wach zu liegen, um ein Geräusch nicht zu hören. Der Abend war zu schön.
Das ist natürlich kein Grund, sagte Paula. Aber Banause bin ich auch nicht.

Du wirst dir doch nichts antun?
Würd ich nie, sagte Paula. Ich will doch wissen, wie lange sie braucht.
__________________
.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!