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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Was nicht stimmt
Eingestellt am 06. 08. 2005 23:21


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sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

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Selbst unter denen, die Paula nicht nur vom Sehen kannten, war kaum einer, der es wusste.


Vermutungen, nat√ľrlich, die hatte wohl jeder von uns, nehme ich an, wir sprachen nicht dar√ľber. Und es war ja auch nichts, es war etwas, das sich schwer besprechen lie√ü, ohne einen oberfl√§chlich wirken zu lassen. Sie schminkte sich schlecht, und? Sie schminkte sich schlecht und hatte sich nie die M√ľhe gemacht, es zu lernen. Sie tat es trotzdem, wenn wir sie alle heiligen Zeiten dazu √ľberreden konnten, abends mit uns auszugehen, aber nur zur Demonstration guten Willens, was sie freim√ľtig zugab, wenn man sie ‚Äď taktvoll! ‚Äď darauf ansprach. Die Demonstration guten Willens schien ihr wichtig zu sein; sie war zur Tanzschule gegangen und nachher nie auf einen Ball, sie hatte den F√ľhrerschein gemacht und keine Absicht, sich je ein Auto zu zulegen. Wollten wir sie aufr√ľtteln, kamen wir ihr mit "Wenn du jetzt nicht‚Ķ, warum hast du √ľberhaupt‚Ķ", sagte sie: um guten Willen zu demonstrieren. Ich hatte sie im Verdacht, alles aus diesem Grund zu tun - auch das Lernen und Lesen, das wir gew√∂hnlich stillschweigend als ihren Lebensinhalt voraussetzten. Wir wussten nicht, ob sie M√§nner hatte. Oder Frauen ‚Äď eher keines von beidem. Wir wussten nicht viel.

Dabei machte Paula nie ein Geheimnis aus etwas. Das w√§re die sicherste Methode, Aufmerksamkeit zu erregen, sagte sie. Und das muss nicht sein. Direkt auf etwas angesprochen, wich sie nicht aus. Aber das Herz auf der Zunge tragen, muss man auch nicht. Fragte man, hast du was?, sagte sie nein. Sie hatte nichts. Bedr√ľckt dich was? Nichts bedr√ľckte sie. Ist dir eine Laus √ľber die Leber gelaufen? Eine Laus war da nicht.

Was nagt denn an dir, fragte ich. Die Termite, sagte Paula. Wir waren uns zuf√§llig auf der Stra√üe begegnet, ich war unterwegs Richtung Vorstadt, zu Freunden, wir wollten grillen. Paula war "noch mal kurz vor die T√ľr, sich die Beine vertreten." Es war ein Sommerabend, mit Tischen auf dem Trottoir, Gel√§chter und Gl√§serklirren in der Luft, da erz√§hlte mir Paula von der Termite in ihren Eingeweiden. Ich vermute, sie hat sich im Herz eingenistet, sagte Paula, aber da bin ich vielleicht nur ein Opfer des Klischees. Genau lokalisieren kann ich sie nicht, und R√∂ntgen br√§chte nat√ľrlich nichts. Es ist alles biologisch nicht m√∂glich, das wei√ü ich auch.
Und wieso glaubst du dann ,..- fragte ich. Das Geräusch, sagte Paula. Sie machen ein ganz eigenes Geräusch. Es gab da mal eine Dokumentation im Fernsehen, da hab ich es gehört und wiedererkannt.
Könnte ich es auch hören?, fragte ich. Paula schaute mich an, nicht einfach in Richtung meines Gesichtes, sondern plötzlich in meine Augen. Du musst mir nicht glauben. Du hast gefragt. Und, nein, du könntest es nicht hören. Man braucht eine bestimmte Stille dazu. Die erst entsteht, wenn man ein paar Tage allein war.
Das hei√üt, der Beleg f√ľr deine Theorie ist nicht zu √ľberpr√ľfen, weil er sich nur einstellt, wenn du allein bist.
Ja, sagte Paula. Ganz schön praktisch, nicht?
Ich muss dir nicht glauben, sagte ich. Wann hast du es das erste Mal gehört?

Eine J√§nnernacht. Vor einer Schularbeit. Ein √ľberhitztes Hirn, das sich nicht auf die Schnelle runterfahren l√§sst. Und ein pl√∂tzlicher Anfall von Klarheit. Gewusst hab ich es immer schon, sagte Paula. Witze hab ich dr√ľber gemacht. Edelhart bin ich mir vorgekommen. Aber erst, als ich dieses Ger√§usch geh√∂rt hab, hab ich begriffen, was es hei√üt.

Ich wusste, was sie meinte. Sie war verloren.

Paula erzählte:
Ich hielt es nat√ľrlich gar nicht aus, im ersten Moment. Ich w√§lzte mich in meinem Bett, ich setzte mich auf, ich ging im Zimmer auf und ab, ich setzte mich wieder hin, ich schaukelte mit dem Oberk√∂rper nach vor und zur√ľck, ich wei√ü, das klingt nach Filmszene. Aber man tut das wirklich in so einem Moment, man wiegt sich, das beruhigt. Ich dachte auch zuerst, es sei eine Pose, noch w√§hrend ich so schaukelte, dachte ich, es w√§re vielleicht eine Pose und auch, dass es kein echter Nervenzusammenbruch sein kann, wenn ich mir das denke. Dann kam das Fieber und ich war erleichtert.

Es war vielleicht doch ein echter Nervenzusammenbruch, sagte ich.
Vielleicht, sagte Paula.
Und danach?
Danach hat sich alles in meinem Leben verschlechtert, aber das war der schlimmste Moment. Seltsam, oder? Aber nat√ľrlich, der Nebel ist wieder da. Ich wei√ü wieder, ohne begreifen zu m√ľssen, meine l√∂chrigen, zerfressenen Eingeweide begreifen zu m√ľssen. Dann geht es.
Was wirst du tun?
Was kann ich tun, sagte Paula.
Es ist nur eine, sagte sie, als sie sah, wie erschrocken ich war. Sie ist kleiner als eine gewöhnliche Termite. Sie ist klein und allein. Das kann dauern.
Liebe?
Sollte mich doch wundern. Das zerfressene Herz. Es ist ein Klischee, vielleicht. Aber bis jetzt… Selbst wenn, gegen die Termite hilft nichts.
Woher..
Ich weiß es.

Und warum dann noch..
Paula schaute sich um. Nach der Hitze des Tages, die alles, was seiner Natur folgen konnte, in den Schatten gezwungen hatte, schien das milde Licht jetzt wie ein Angebot zur Vers√∂hnung. Die Stunde war geschaffen, um vom Badesee nach Hause zu radeln, am besten zu zweit und zu m√ľde zum Sprechen. Man sollte unterwegs sein zu Freunden. Man sollte nicht kurz vor die T√ľr gehen, um sich die Beine zu vertreten, um sich den n√∂tigen Schlaf zu holen, um nicht zu lang wach zu liegen, um ein Ger√§usch nicht zu h√∂ren. Der Abend war zu sch√∂n.
Das ist nat√ľrlich kein Grund, sagte Paula. Aber Banause bin ich auch nicht.

Du wirst dir doch nichts antun?
W√ľrd ich nie, sagte Paula. Ich will doch wissen, wie lange sie braucht.
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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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