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Leselupe.de > Humor und Satire
Was "Muttern" so alles lernen muss
Eingestellt am 13. 12. 2006 10:20


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maerchenhexe
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Registriert: Nov 2006

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Was „Muttern“ so alles lernen muss

„Noch knapp zwei Wochen bis Weihnachten“, schoss es mir heute Morgen durch den Kopf, während ich die Waschmaschine füllte. Das Haus war weihnachtlich geschmückt, die Spieluhren, ich bin ein leidenschaftlicher Sammler, gaben mit zarten Elfentönen ihre Melodien preis, und die Nordmanntanne stand schmückbereit im wassergefüllten Eimer auf der Terrasse. Die Kugeln hatte ich bereits in der letzten Woche aus dem Keller geholt und sie vom Seidenpapier befreit. Die Zeitschaltuhr regelte zuverlässig die stimmungsvolle Außenbeleuchtung, Schlitten und Rentier, sowie das Lichternetz am Balkon erstrahlten pünktlich um 18 Uhr und legten sich nach Vorgabe um 23 Uhr wieder schlafen.

Wie jedes Jahr am Heiligabend wĂĽrden die Kinder und meine Eltern mit uns zusammen feiern. FĂĽr das Festmahl war alles geplant; die Krabben warten im TiefkĂĽhler auf ihre Bestimmung, sich mit der Cocktailsauce zur Vorspeise zu vereinigen, und die Ente war beim Metzger meines Vertrauens bestellt. Das Dessert, Sterneneis mit Bratapfelgeschmack und Zimtkappe, wĂĽrde sowieso ein Renner sein, dessen war ich mir gewiss.
Als meine Tochter am Nachmittag auf einen Kakao vorbei kam, erzählte ich ihr recht selbstzufrieden, wie wunderbar ich die Weihnachtsvorbereitungen in diesem Jahr doch im Griff hätte. „Ach, übrigens, Kathrin“, wandte ich mich dann direkt an sie. „Sagst du am Heiligabend wieder das Weihnachtsgedicht auf? Du weißt doch, ohne Gedicht ist es für Oma und Opa kein richtiger Heiligabend.“
„Ein Gediiicht, welches denn?“ Am Tonfall ihrer Frage konnte man erkennen, dass sich ihre Begeisterung sehr in Grenzen hielt. „Na, wie wäre es denn mit „Die Weihnachtsmaus“ oder „Knecht Ruprecht“, und wenn beides gar nicht geht, vielleicht „Markt und Strassen stehen verlassen“, versuchte ich sie zu locken.
„Mama“, Kathrins Tonfall ähnelte jetzt dem einer Krankenschwester, die der Patientin erklärt, dass sie die Pille schlucken müsse, um endlich zu gesunden. „Die Weihnachtsmaus habe ich das erste Mal im zarten Alter von fünf Jahren aufgesagt, ab zehn gehörte dann der gute Knecht Ruprecht zu meinem Repertoire und ab vierzehn stand der Markt auf dem Programm! Jetzt, meine liebe Mutter, bin ich 21 Jahre alt und ich schwöre dir bei allem, was mir heilig ist: es gibt keine Gedichte mehr!“ Sprachlos sah ich mein revoltierendes Kind an. Das soeben Gehörte musste ich erst mal verdauen. Aber Kathrin gab mir keine Chance, das Thema mit ihr weiter auszudiskutieren.

„Tschau, Mama, ich hab dich auch lieb.“ Mit diesen Worten zog meine Tochter sich an und entschwand. Auf der einen Seite verstand ich sie ja; wer sagt noch mit 21 Jahren Gedichte für Oma und Opa auf? Aber was würden meine Eltern sagen, wenn sie vom Bruch der Tradition hörten? Ich sah ihre entgleisenden Gesichtszüge förmlich vor mir und fürchtete sehr um die Harmonie des Familienfestes. Aber was tun? Meinen 26 jährigen Sohn um diesen Dienst bitten? Wohl kaum! Und für unsere jüngste mit ihren 17 Jahren, zudem noch hochpubertär, war das Wort „Gedicht“ schon ein Reizwort und würde allenfalls zu einem Wutanfall führen.

Es gab nur eine Lösung! Ich musste in die Offensive gehen! Also rief ich am frühen Abend bei meinen Eltern an, erzählte ausführlich von meinen Weihnachtsvorbereitungen und von dem Festmahl, welches ihrer harren würde. Auf die Art und Weise hoffte ich, den Schlag abzumildern, den ich ihnen nun mit dem Bruch der Gedichts-Tradition versetzen musste. Irgendwann unterbrach meine Mutter meinen Redeschwall und sagte: „Das klingt alles wunderbar, mein Kind, nur – bitte, tu Vater und mir den Gefallen und lass das mit dem Gedicht vor der Bescherung sein. Wir haben es uns all die Jahre angehört, weil Kathrin sich solche Mühe gegeben hat. Aber sie ist doch jetzt wirklich groß genug, um zu verstehen, dass Weihnachtsgedichte nicht so unser Ding sind.“


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be a friend, where a friend is needed and you won't have to look round the other way.

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