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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Was wäre, wenn...
Eingestellt am 25. 12. 2013 21:30


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Julian
Hobbydichter
Registriert: Dec 2013

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1
Freitag, 13.12.13, 19:37, Stuttgart- Markus Heller
Kühle Luft schlug mir entgegen, als sich die Bahntüren am Bahnsteig öffneten. Ich warf dem dunkelhaarigen Mädchen, mit dem ich während der gesamten Fahrt vergeblich Blickkontakt gesucht hatte, einen letzten schüchternen Blick zu. Im Film hätte sie vermutlich genau in diesem Moment aufgesehen, gelächelt und dann die Augen niedergeschlagen. Stattdessen galt ihre ganze Konzentration weiter dem weißen iPhone in ihrer Hand, über das ihre Finger in zugegeben beeindruckendem Tempo huschten.
Ich stieg also aus, gemeinsam mit vielleicht zehn anderen Menschen, allesamt Köpfe gesenkt, Augen nur für die eigenen Füße- oder natürlich das Smartphone. Eine kleine Ausnahme bildete hier die Gruppe von vier Mädchen, die zwei Wagons weiter vorne ausgestiegen waren und nun in meine Richtung kamen. Dem Styling nach waren sie auf dem Weg zu einer Party. Sie mussten etwa in meinem Alter sein. Ihr Gespräch ließ sich nicht eindeutig als Konversation einordnen, es klang vielmehr nach einem wilden Chor aus vier Stimmen, die sich einerseits gegenseitig übertönen, dabei aber andererseits die anderen noch hören wollten. Ich schaute kurz zu ihnen rüber, als ich aber bemerkte, dass mich eins der Mädchen dabei ansah, drehte ich mich schnell wieder um und senkte meinen Blick wieder auf den Boden. Plötzlich wurden die Stimmen hinter mir leiser, sie schienen zu tuscheln, dann kicherte eine. Ich wäre am liebsten in Grund und Boden versunken. Sie lachten mich aus. Die Rolltreppe war defekt, deswegen nahm ich die Treppen, wobei ich mir mehr Zeit nahm als üblich, wodurch die Mädchen hinter mir aufholten. Sie waren nun so nah, dass ich einzelne Gesprächsfetzen verstehen konnte und dabei zwischen mindestens drei Stimmen unterscheiden konnte. Eine klang tief, fast männlich, die zweite ein wenig heiser und die dritte sehr hoch, an der Grenze zu unangenehm. Und dann war da noch eine vierte Stimme, musste ja, schließlich waren es vier Mädchen. Ich hörte sie kaum, das Mädchen, der sie gehörte, sprach sehr leise. Die Stimme klang- beruhigend und aufwühlend zugleich, es war schwer einzuordnen. Bevor ich mich allerdings näher mit der Klassifizierung von Stimmlagen beschäftigen konnte, war ich oben an der Treppe angelangt. Ich stand an der Hauptstraße, es war herrschte noch reger Verkehr, auch einige Passanten, dick eingepackt in Jacken, Mützen und Schals waren noch unterwegs. Ich stellte mich an die Ampel und wartete. Als ich einen Blick über die Schulter warf, möglichst unauffällig und sehr kurz natürlich, sah ich die Mädchen, die allesamt etwas orientierungslos wirkten, noch immer am Treppenaufgang stehen. Die mit der hohen Stimme sagte etwas, woraufhin plötzlich alle zu mir herübersahen. Sofort drehte ich mich wieder um. Ich hörte die heisere Stimme sagen: „Soll ich den jetzt fragen?“
Ich versuchte, die Angst zu ignorieren, die in mir aufstieg, und drehte mich vorsichtig wieder um. Ein Mädchen kam auf mich zu, blonde Haare, klein, ein süßes Gesicht. Ich sah, wie sie zum Sprechen ansetze, sie war noch zwei Meter entfernt. Von plötzlicher Panik ergriffen drehte ich mich wieder um, sah, wie die Ampel auf Grün umsprang und überquerte mit schnellen Schritten die Straße. Das blonde Mädchen war mir nicht gefolgt, sie war noch auf der anderen Seite und ging wieder zu ihren Freundinnen, die mir alle drei hinterher sahen. Dann wandten sie sich ab und gingen langsam in die andere Richtung davon.
Für mich war der Abend damit beendet. Nach Hause, etwas essen, einen Film schauen und dann ins Bett. Dabei blendete ich mit aller Kraft die Gedanken aus, wie dieser Abend auch hätte verlaufen können. Die Frage, die ich mir stellte, lautete: Was wäre, wenn?
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„Kann ich helfen?“ frage ich und bemühe mich um ein Lächeln, das meine Angst hoffentlich versteckt.
„Ja, bitte. Wir sind nicht von hier und suchen den Georg-Büchner-Weg“, sagt das blonde Mädchen. Sie steht mir direkt gegenüber, ich frage mich, ob sie trotz der Dunkelheit meine Augen sehen kann. Ihre Freundinnen stehen weiter hinten und sehen zu uns herüber.
„Der Büchner- Weg. Hm, das ist aber eine ganze Ecke weg von hier“, antworte ich schließlich, in Sorge, dass die Pause zwischen Frage und Antwort unnatürlich lang gewesen war.
„Kannst du uns den Weg vielleicht beschreiben oder so?“ fragt sie und klimpert dabei mit ihren Augen. Ich atme innerlich erleichtert auf, bei der Dunkelheit dürfte sie nicht sehen können, wie sich meine Wangen rot färben.
„Das ist aber echt kompliziert, dahin zu finden“, erkläre ich, bevor sie antworten kann, schiebe ich noch hinterher, „aber ich kann euch hinbringen, wenn ihr wollt.“ Was habe ich mir dabei nur gedacht?
Während ich mir Worte zurechtlege, mit denen ich mich für mein forsches Angebot entschuldigen kann, sagt sie: „Das wäre cool, aber willst du wirklich?“
„Klar, wieso nicht, ich hab heute Abend sowieso nichts mehr vor“, erwidere ich, wobei sich meine Stimme für mich anhört wie ein Fremder.
„Super! Komm mit.“
Sie strahlt mich an und bedeutet mir dann, mit ihr zu den anderen Mädchen herüberzugehen.
„Er bringt uns hin“, erklärt sie ihren Freundinnen, „wie heißt du eigentlich?“
„Markus.“
Alle vier starren mich an. Am liebsten würde ich mich in Luft auflösen. Ich sehe zuerst auf den Boden und mustere dann die Mädchen ein wenig genauer. Neben der kleinen Blonden steht eine andere Blonde, sie trägt einen knallroten Lippenstift, Lederjacke und eine Mütze, die ihr bis fast auf die Schulter herunter hängt. Das dritte Mädchen hat rot-braune Haare, trägt ihre Haare hochgesteckt und klimpert eifrig mit ihren geschminkten Augen. Sie sieht zwar nicht schlecht aus, aber aus irgendeinem komischen Grund ist mir ihre Anwesenheit fast unangenehm, weswegen ich meinen Blick hinüber zu dem letzten Mädchen wandern lasse. Sie sieht mich an, dann treffen sich unsere Augen für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie den Kopf senkt. Ich spüre ein leichtes Kribbeln im Bauch, schiebe es aber auf die Kälte, die mich frösteln lässt. Ich sehe sie noch kurz an. Es ist etwas an ihr, das sich nicht beschreiben lässt, etwas, das meinen Blick an ihr haften lässt. Nach ein paar Sekunden, in denen sie ihren Kopf nicht mehr hebt, komme ich mir plötzlich albern vor, wie ich sie so anstarre, drehe meinen Blick beschämt weg und frage in die Runde: „Also, gehen wir los?“
Auf dem Weg erfahre ich, dass meine Vermutung tatsächlich richtig war, die vier sind bei der Party einer anderen Freundin eingeladen, die vor kurzem umgezogen ist. Die kleine Blonde heißt Saskia, die andere Blonde Jessica, die mit den rot-braunen Haaren stellt sich selbst als Beccie und das vierte Mädchen als Marie vor. Diese sieht kurz herüber, als ihr Name genannt wird, dreht sich aber schnell wieder weg. Nachdem Saskia und Beccie mir ein paar Fragen über mich- wahrscheinlich nur aus Höflichkeit- gestellt haben, fangen sie wieder an, untereinander zu quatschen.
Das Mädchen, das mir als Marie vorgestellt wurde, geht etwas abseits und scheint nicht in das Gespräch eingebunden zu sein. Ohne zu wissen, was ich tue, gehe ich zu ihr rüber und laufe neben ihr her. Sie beachtet mich nicht wirklich.
Schließlich, bevor die Situation noch peinlicher wird, nehme ich allen Mut zusammen, den ich aufbringen kann und frage sie: „Woher kommt ihr eigentlich?“
„Aus Göppingen.“
„Das ist aber eine ganze Ecke weg von hier, oder“, frage ich erstaunt.
Sie schmunzelt. „Ja, wir sind jetzt fast eine Stunde mit der Bahn hierher gefahren.“
„Und wie kommt ihr heute Abend wieder zurück?“
„Wir übernachten bei Luisa. Das ist die, die heute die Party macht.“
„Zu welchem Anlass eigentlich?“
„Sie ist heute 17 geworden.“
„Achso.“ Kurze Pause. „Wie alt bist du eigentlich?“
„Auch 17, ich hatte vor zwei Wochen Geburtstag.“
„Na dann, alles Gute nachträglich“, wünsche ich ihr.
Sie lächelt mich an: „Danke.“
Ich wünschte, die Strecke zum Büchner- Weg wäre länger. Marie und ich verstehen uns gut, ab und zu lächelt sie. Wir reden über Belanglosigkeiten, was zählt, ist, dass wir überhaupt sprechen.
Ich erfahre, dass sie ein Gymnasium in Göppingen besucht und in zwei Jahren Abitur schreiben wird, also ein Jahr später als ich. Sie spielt Volleyball und nimmt seit einigen Monaten Klavierunterricht, bezeichnet sich selbst aber als „total untalentiert und ungeschickt.“ Sie fragt mich, ob ich auch spiele.
„Ich habe zwar schon lange keinen Unterricht mehr, aber ich spiele trotzdem jeden Tag.“
„Und was spielst du dann zum Beispiel?“
„Worauf ich Lust habe. Ab und zu schreibe ich auch etwas Eigenes.“
Erstaunt sieht sie mich an. „Wirklich?“
„Nichts besonderes, das sind nur kleine Melodien die mir in den Kopf kommen.“
Gerade biegen wir in den Georg- Büchner- Weg ein. Bevor Marie antworten kann, ruft Jessica, die mit den anderen etwas weiter hinten gelaufen ist, uns zu: „Marie, welche Hausnummer war es nochmal?“
Es stellt sich heraus, dass wir nach der Hausnummer 17 suchen. Kurze Zeit später stehen wir vor einem großen, weißen Haus, aus dem gedämpft Musik auf die Straße dringt. Ich bedauere, dass wir schon da sind, lasse mir aber nichts anmerken und verabschiede mich von den Mädchen, wünsche ihnen viel Spaß und will gerade den Rückweg antreten, als mir jemand hinterher ruft: „Markus, warte!“
Marie kommt auf mich zu: „Kannst du kurz hier warten? Ich bin gleich zurück.“
Dabei sieht sie mich so lieb an, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als zu sagen: „Natürlich.“
Sie lächelt mir zu und klingelt dann gemeinsam mit ihren Freundinnen an der Tür. Die Tür öffnet sich und die vier verschwinden im Haus.
Ich warte. Wie ich hier so stehe, wird mir wieder bewusst, wie kalt es ist, ich fröstele leicht und ziehe meinen Schal enger um den Hals. Die Minuten verstreichen. Eine Gruppe von fünf Jungen kommt die Straße entlang, Alkoholflaschen in der Hand, einer sieht mich schief an. Bestimmt fragt er sich, warum ich an einem Freitagabend bei der Kälte mitten auf der Straße rumstehe. Ehrlich gesagt weiß ich es ja selbst nicht. Die Jungen klingeln und werden eingelassen, wodurch es wieder still wird in der Straße, sogar die Musik ist aus. Ich bin drauf und dran, zu gehen, als sich die Tür erneut öffnet und Marie nach draußen kommt.
„Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, ich musste erst zu allen Hallo sagen.“
„Kein Problem“, sage ich und versuche dabei, meinen Ärger darüber, dass sie mich fast zehn Minuten in der Kälte hat warten lassen, zu verbergen.
„Was ich fragen wollte, ähm, also ich habe gerade Luisa gefragt und für sie ist es okay, deswegen… Hast du Lust, mit auf die Party zu kommen?“
Ich traue meinen Ohren nicht. Anscheinend ist mir meine Überraschung ins Gesicht geschrieben.
„Also nur wenn du willst, natürlich, ich weiß ja nicht, was du heute Abend noch vorhast.“
„Natürlich habe ich Lust. Aber ich bin doch überhaupt nicht richtig angezogen für eine Party.“
„Das geht schon, mach dir keine Sorgen“, sagt Marie und lächelt mir zu, „komm mit.“
Ich erwidere ihr Lächeln und folge ihr zur Haustür…

10 Jahre später
„Überraschung“, rufe ich und ziehe das Leintuch von dem Klavier.
Ein breites Grinsen breitet sich auf Maries Gesicht aus: „Das war doch nicht… Du hättest doch nicht… Danke!“, ruft sie und fällt mir um den Hals.
Lächelnd streichle ich ihr über die Haare und erkläre: „Immerhin ist heute unser 10-jähriges. Darauf habe ich früher immer gespielt, das stand die letzten Jahre bei meinen Eltern in einer Ecke, ich glaube, du kannst es besser gebrauchen.“
Ihre Augen glitzern, als sie sagt: „Es ist einfach… fantastisch!“
Sie setzt sich an das Klavier und fängt an, Für Elise zu spielen. Ab und zu schleichen sich ein paar Fehler ein, trotzdem bin ich stolz darauf, wie schnell sie das Stück gelernt hat und applaudiere, als sie fertig ist.
„Darf ich dir kurz etwas zeigen? Das habe ich gestern Abend geschrieben, als du weg warst, es ist nur eine ganz kleine Melodie, aber irgendwie hat sie etwas“, bitte ich.
„Natürlich“, ruft sie begeistert und rutscht auf dem Klavierschemel ein wenig zur Seite.
Ich setze mich neben sie und beginne zu spielen. Während das Stück erklingt, schweifen meine Gedanken ein wenig ab, ich registriere nur am Rand, wie Marie sich an meine Schulter schmiegt. Stattdessen stelle ich mir die Frage, was gewesen wäre, wenn ich an diesem 13.12.13 anders gehandelt hätte, wenn ich vor der Frage des kleinen, blonden Mädchens geflüchtet wäre. Wo stünde ich dann heute?
Eilig verdränge ich diese Gedanken wieder und konzentriere mich wieder auf meine Finger, die immer schneller über die Tasten fliegen.
Alles ist gut.

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Dnreb
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Kribbeln im Bauch

Lieber Julian

"Ich spüre ein leichtes Kribbeln im Bauch,..."
Deine Geschichte habe ich gerne gelesen, ist sie doch flüssig (von leichter Hand) und lebendig geschrieben. So ein nahezu automatisches Fließen der Sprache scheint mir das Wesentliche für allen Anfang des Schreibens. Den Mut zu etwas gewagteren Konstruktionen, einer Sprache, die das Empfundene stärker zum Leser transportiert, kannst Du gewiss noch trainieren.

Hier und da stecken noch ein paar Tippfehler, lassen sich aber leicht finden und korrigieren.

Die Beschreibungen im ersten Teil besitzen eine stärkere Bildhaftigkeit, haben bei mir folglich den intensiveren Eindruck hinterlassen.

Herzlichen Dank
Bernd Sommer (Dnreb)

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