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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Was wäre, wenn wir alle ...
Eingestellt am 15. 08. 2007 00:12


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animus
???
Registriert: Mar 2006

Werke: 60
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Was wäre, wenn wir alle ....
[Kurzgeschichte zum Thema Vorurteile]

Der Zahnstocher war schon ganz weich. Seit zehn
Minuten stocherte ich zwischen und in meinen Zähnen
herum.
Ute hat den Tisch längst abgeräumt. Ute ist die Frau,
die mich auf dem Leben hält. Ich esse täglich in ihrer
Kneipe und hin und wieder schlafe ich in ihrem Bett.
Ute ist in Ordnung, sie lacht bloß sehr selten.
Satt wie immer, saß ich alleine an meinem Tisch,
streckte die Beine aus und nippte an meinem Bier.
Der plötzliche Schmerz erinnerte mich dran, dass ich
endlich zum Zahnarzt gehen müsste, denn wenn ich ein
Viertel des Zahnstochers in einen Zahn verschwinden
lassen kann, dann ist wahrscheinlich etwas nicht in
Ordnung. Ich zog das Stück Holz heraus, wischte die
blutige Spitze am Ärmel ab und steckte es in eine
andere Zahnlücke.

Mein Interesse galt den Menschen, die an mir
vorbeizogen. Bepackt mit Plastiktüten, Kartons oder
vertieft in wichtige Telefongespräche, eilten sie über die
heißen Steine der Fußgängerzone.
Manche ließ ich, ohne sie besonders zu beachten an mir
vorbei ziehen, andere nahm ich genauer ins Visier und
versuchte denen ein Schicksal zuzuordnen.
Egal wie ich sie betrachtete, sie schienen mir alle zu
ernst und frustriert zu sein, ich vermisste die
sommerliche Leichtigkeit. Meine Fantasie kennt keine
Grenzen und so fällt es mir nie schwer, mir ihre
Lebensgeschichten auszumalen. Düster und schräg


Seite 2


waren meine inszenierten Menschenschiksale, denn ich
selbst betrachte mich als tragisch und düster. Ich bin so
geboren und aufgewachsen in der Ansicht, dass jeder
irgendwo eine Leiche im Keller hat, auch wenn es nur
eine Kleine ist.

Die Welt ist ein großer brauner Scheißhaufen, der
unerträglich dampfend stinkt.
Ich weiß nicht, wie lange ich da noch so gesessen hätte,
zeitweise bin ich auch kurz eingenickt und das Kinn fiel
mir auf die Brust, wenn mich nicht eine plumpe
Ansprache in meiner Arbeit unterbrochen hätte.
„Ist der Stuhl frei?“
Die Art, wie der Satz bei mir ankam, weckte in mir ein
unangenehmes Gefühl.
Ich fragte mich, wer ist das, der mich so anquatscht.
Mein Kinn immer noch an meiner Brust hängend, sah
ich die Füße des Fragenden. Ungeduldig trat er
abwechselnd von einem Fuß auf den anderen. Ich
gönnte mir noch einige Sekunden Ruhe und versuchte
das Rätsel zu lösen, aber ich kam nicht weiter.
So richtete ich mich im Stuhl langsam auf.
Mit dem Zahnstocher zwischen den Fingern sah ich ein
rundliches Gesicht und zwei mandelförmige, lachende
Augen.
„Ein Mongoloid, nein so darf man ihn heute nicht
mehr nennen, sondern ein „Down-Syndrom-Träger“,
ging mir durch den Kopf. Unsere Blicke waren eins und
mir war es plötzlich peinlich, denn ich war mir nicht
sicher, ob ich mein kürzlich angelesenes Wissen laut
aussprach oder nur für mich dachte.


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Der junge Mann, meiner Schätzung nach um die
30 Jahre alt, schaute mich aber immer noch freundlich
an und wartete geduldig auf meine Antwort.
Entwarnung in meinem Innern, ich habe es nur
gedacht.’
Nun fühlte ich mich irgendwie genötigt, seine Frage zu
beantworten.
„Ja, hier ist noch frei“, sagte ich, steckte den
Zahnstocher wieder in den Mund und zog meine
ausgestreckten Beine unter meinen Stuhl.
Ohne was zu sagen, setzte er sich hin, rückte ein paar
Mal am Stuhl, bis ihm eine schulmäßige Haltung glückte.
Aufrecht, Knie zusammen, beide Füße gerade und fest
am Boden, die Hände flach auf den Oberschenkeln
liegend.

Mit einem bangen Gefühl schaute ich ihm zu, denn ich
hatte keine Vorstellung, wie ich ein Gespräch mit einem
Down-Syndrom-Träger führen soll. Am besten gar
nicht reden, dachte ich mir.
Es geschah aber etwas, was ich nicht erwartet habe.
Er stellte sich vor.
„Ich bin der Romeo, und du?“, grinste er mich breit an
und stieß mir seine Finger in die Rippen, um mir die
Hand zu reichen.
„Wer zum Teufel hat ihm bloß diesen Namen
verpasst?“, war mein einziger Gedanke. Es hat mich
kalt erwischt, sodass ich nur zum zweimaligen Nicken
fähig war, als Zeichen, dass sein Name bei mir
angekommen war. Seine Finger in meinen Rippen
ignorierte ich einfach.


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Romeos fragender Blick, warum ich seinen Händedruck
nicht erwidern wollte, durchbohrte mich wie ein Pfeil.
Nach einer Weile zog er seine Hand zurück und schaute
mich etwas verunsichert an. Allzu sehr kann ich ihn
aber nicht verunsichert haben, denn kaum hat er seine
Hand wieder auf dem Oberschenkel platziert, fing er
ungeniert an zu erzählen.
Seine behebige Art zu sprechen, mochte ich nicht.
Es war anstrengend ihn zu verstehen und so dachte ich
mir das eine oder andere hinzu und hörte etwas
gelangweilt dem Kindheitstrauma eines
Down Syndroms zu.
Seine aufrechte Haltung hat mich irritiert, denn ich
konnte nie so sitzen, ich lag meistens im Stuhl, schon in
der Schule. Er aber saß aufrecht da, in seiner
schulmäßigen Haltung, wiegte seinen Oberkörper
merklich nach vorn und zurück, seine Augen
schweiften mehr umher, als sie mich ansahen.
Romeo musste viel Energie aufbringen und es war ihm
anzumerken, dass er kein besonders glückliches
Verhältnis zu seiner Kindheit hatte. Aus seiner
Anspannung und der Gesichtsmimik war zu erkennen,
dass er sich ungern an diese Zeit erinnerte. Mich
beschäftigte die grundsätzliche Frage; warum erzählt
mir dieser behinderte Mann, wie beschissen seine
Kindheit gewesen ist.
Langsam gewann ich den Eindruck, dass ich wieder
einem Menschen begegnet bin, der das Leben Scheiße
nennt wie ich und ich konnte es ihm bei seiner
Behinderung gar nicht verübeln.
Romeo erzählte und erzählte, und ich hörte ihm mit
wachsendem Interesse zu.


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Erst, als er eine kleine Pause einlegte und mich lächelnd
ansah, merkte ich, dass er mich genau beobachtete, wie
meine Finger mit dem Zahnstocher in meinem Mund
rumstocherten. Wie ein kleiner Junge, den die Mama bei
etwas Unartigem erwischte, zog ich schnell meine Hand
aus dem Mund und versteckte sie in meiner Tasche. Ich
schämte mich einen Augenblick für mein Verhalten,
sagte aber nichts, nicht mal „Entschuldigung“.
Dafür fragte ich ihn, ob er durstig sei und dass ich ihm
gerne einen Drink ausgeben würde.
Eine große Freude zog in sein Gesicht ein und er rief
laut: „Oh ja, Coca Cola.“
„Ute, eine Cola“, rief in den Ausschank hinein und gab
ihr mit Zeichen zu verstehen, dass es eilig sei. Ute hat
mich wohl verstanden, denn sie war sofort mit der Cola
da und stellte sie auf dem Tisch ab.
Sie sah mich verwundert an, beugte sich zu mir runter
und sagte leicht grinsend: „Ist das dein neuer Freund?“
Ich ließ mir Zeit mit der Antwort, schaute in Romeos
strahlendes Gesicht über ein Glas Cola und versuchte
meine Gedanken über mich und Romeo zu ordnen.
So viel Zeit hatte aber Ute nicht. Sie machte auf dem
Absatz eine Drehung und ging mit grimmigem Gesicht
wieder in den Ausschank.

„Ute ist in Ordnung“, sagte ich mir und widmete mich
wieder Romeo zu.
Er saß da und ließ die Cola nicht aus den Augen.
Entweder traute er sich nicht oder er wartete auf mich,
bis ich mit Ute fertig war, damit wir gemeinsam
anstoßen können. Ich weiß es nicht. Ich nahm mein


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halbvolles Bierglas in die Hand, und hob es mit den
Worten: „Auf dich Romeo!“
Er tat es mir nach und als er das Glas oben hielt, fiel
ihm etwas ein. „Wie heißt du, nochmal?“
„Vergiss meinen Namen, Romeo, lass uns auf dich
trinken“, fertigte ich ihn ab und wir tranken gemeinsam;
er seine Cola, ich mein Bier.
Während des Trinkens ließ ich ihn nicht aus den Augen,
trank langsam Schluck für Schluck und versuchte mich
zu erinnern, ob ich jemals jemanden gesehen habe, der
mit solcher Freude eine Cola getrunken hatte.
An ein solches Bild konnte ich mich nicht erinnern und
meine Fantasie brauchte ich nicht in Anspruch nehmen,
denn ich sah es leibhaftig vor mir.
Wir setzten unsere Gläser ab und bevor ich überhaupt
was sagen konnte, legte Romeo wieder los. Er erzählte,
diesmal voller Begeisterung, sprach schneller, dadurch
undeutlicher und ich musste mich voll auf ihn
konzentrieren, aber ich fing an, ihn und seine
Geschichte zu mögen. Eins ging mir nicht aus dem
Kopf: Wie kann eine Coke einen Menschen so
zufrieden stellen?
Wenn bloß sein rundliches Gesicht und die
mandelförmigen Augen nicht da wären, dachte ich,
verwarf aber gleich den Gedanken. Etwas sträubte sich
auf einmal in mir, dieses Vorurteil mir zu verinnerlichen.
Ich hörte ihm zu, ordnete seine Sätze und Versprecher
so, dass ich verstand, was er mir über sein jetziges
Leben zu sagen hatte.
Romeo sprach von einer jungen Frau, die er vor einem
Jahr kennen lernte. Er beschrieb sie mit liebevollen


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Wörtern und mit sehr viel Feingefühl. Er sprach von
Verlobung, Hochzeit und Familie, von einem
gemeinsamen Heim, wo Kinder spielten und lachten,
von der Schule und dem Altwerden mit dieser Frau.
Romeo strahlte wie ein reich beschenktes Kind und rief
laut: „Ich bin glücklich, ich bin nicht mehr der Andere.“
Sein spontaner Gefühlsausbruch brachte mich
letztendlich zu der Überzeugung, dass Romeo wirklich
nicht zu den Menschen gehörte, die die Welt als einen
großen, braunen Scheißhaufen betrachten, wie ich
zuerst annahm.
Ich schaute in sein glückliches Gesicht und überlegte,
ob ich anfangen soll, ihm meine Vorstellung über die
Welt darzulegen. Ich fühlte mich nicht ganz wohl bei
dem Gedanken, aber ich entschloss mich doch dazu.
Es müsste viel mehr passieren, damit ich die Welt mit
anderen Augen sehe.
Wie gerufen für meinen Gemütszustand, verschwand
die Sonne hinter einer dicken Wolke und eine frische
Brise zog auf einmal durch die Straße. Ein Zeichen für
mich, in diesem schattigen Augenblick Romeos
glückliche Weltsicht zu vermiesen.
„Jetzt werde ich dir eine Geschichte erzählen, Romeo“,
fing ich an und wollte ihm den ersten Seitenhieb
erteilen, als eine junge Frau hinter ihm stehen blieb, ihre
Hände auf seine Schulter legte und mich anlächelte.
„Es gibt doch Menschen, die der liebe Gott mit allem
bedacht hat“, war mein erster Gedanke beim Anblick
dieser Frau. Sie war schön. Hatte einen makellosen
Körper, langes dunkles Haar. Sie sah die Welt mit
einem klaren, offenen Blick und mit dem breiten,


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fröhlichen Lachen zeigte sie, was für schöne, gepflegte
Zähne sie besitzt. In dem Augenblick musste ich an
meine denken.
Es waren aber nicht die Zähne oder die Haare, die diese
Frau ausmachten, sondern es war ihre Ausstrahlung.
Ich konnte sie, für mich unbegreiflich, fühlen und
riechen. Eine Mischung aus Glück, Zufriedenheit,
inneren Frieden, Freiheit. Aus ihr strahlte und duftete
reine Liebe zu ihrem Romeo. Ich konnte es mir nicht
anders erklären. Sie liebte ihren Romeo, diesen Mann
mit dem runden Gesicht und den mandelförmigen
Augen über alles. Mein Blick wechselte ständig
zwischen ihr und ihm und ich versuchte, mich in diese
zwei Liebenden einzudenken. Es gelang mir nicht, mir
dieses Schicksal auszumalen wie sonst. Mit
Erleichterung, denn meine feste Meinung über die Welt
fing an zu wackeln, sah ich, wie sich Romeo schnell von
seinem Stuhl erhob, als er die zwei Hände auf seinen
Schultern spürte. Er musste sie an ihrer Berührung
erkannt haben, ohne sich umzudrehen.
Im Aufstehen drehte er sich zu ihr hin, schlang beide
Arme wie eine riesige Kracke um sie herum und
vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. In diesem
Augenblick haben wohl beide nicht gewusst, dass
irgendeine Welt noch um sie existiert, sondern haben
nur sich gespürt. Es dauerte eine Weile, bis sich Romeo
von seinem Mädchen löste.
Er drehte sich zu mir um: „Julia, das ist....“ Er kannte
meinen Namen nicht und wusste sich in diesem
Augenblick keinen Rat, suchte verzweifelt bei mir Hilfe.


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„Ich bin dein Freund“, sagte ich, ohne zu zögern und
lächelte ihn an.

„Romeo und Julia“, dachte ich noch lächelnd nach und
kam auf den Gedanken, ob die beiden mich vielleicht
verarschen, ein Spiel mit mir treiben, aber als ich die
beiden wieder ansah, verwarf ich ihn schnell.
Julia musterte mich prüfend mit einer
unausgesprochenen Frage in ihren Augen. Um sie von
ihrer Sorge, dass ich wiederum mit dem Romeo ein
Spiel treibe zu befreien, kam ich ihr zuvor.
„Ja, Romeo, ich bin dein neuer Freund und wenn du
erlaubst, auch der deines Mädchens.“
Romeo schaute Julia an, als wenn er nach ihrer
Erlaubnis in ihren Augen suchen würde.
Ihr prüfender Blick wurde sanft und sie nickte kurz.
Ihm war die Erleichterung anzusehen, dass er nichts
Falsches getan hat, aber den Versuch sich wieder zu mir
zu setzen, verhinderte Julia, in dem sie seine Hand
nahm und ihn bat: „Komm Romeo, wir gehen nach
Hause.“

Ich schaute den Beiden nach, Hand in Hand tauchten
sie in der bunten Menschenmenge unter. Wie ein
unermüdlicher Wellengang friedlichen Meeres floss
diese Menschenmenge durch die Straße. Sie war bunt,
sie lachte, sie unterhielt sich, sie ging Hand in Hand
miteinander und duftete nach Frische.
Ich sah keine tragischen Schicksale mehr und ich hatte
nicht das Gefühl, dass die Welt ein brauner,
dampfender Scheißhaufen ist.


Seite 10


„Willst du noch ein Bier?“, riss mich Ute aus meinen
Gedanken. Ich sah in ihr lächelnsloses Gesicht.
„Nein Ute, kein Bier, dafür eine Cola, kalt, bitte.
Und Ute, das war mein neuer Freund, weil du vorhin so
komisch fragtest.“
„Eine Cola, hm.“, mehr sagte Ute nicht und wollte
schon gehen.
„Ute!“ rief ich ihr hinterher, „lächle ein bisschen, das
wird dir gut stehen.“
Sie drehte sich um und sah mich prüfend an.
„Du bist mir heute zu komisch, mein Freund“, sagte sie
zynisch und ging. Sie vergaß, dass sie sich in der Glastür
spiegelte. Ute lächelte. Ute war in Ordnung.
Entspannt, die Beine wieder lang gestreckt unter dem
Tisch, saß ich allein da und wartete auf meine Cola.
Aus Gewohnheit zog ich einen Zahnstocher aus der
Tasche, drehte ihn ein paar Mal in den Fingern um und
zerbrach ihn.
Es hat sich einiges geändert in den letzten zwei Stunden.
Ich brauchte keinen Zahnstocher mehr, ich gewann
einen neuen Freund, Ute lächelte – heimlich - und die
Sonne kroch wieder aus der Wolke hervor.
Ein paar Blumenkübel weiter fing ein blinder
Akkordeonspieler eine fröhliche Melodie an und ich
versuchte mir vorzustellen: “Wie die Welt wohl
aussehen würde, wenn wir alle ein rundes Gesicht und
mandelförmige Augen hätten.“



[animus]

__________________
Die alten Träume waren gute Träume.
Sie gingen nicht in Erfüllung, aber
ich bin froh sie gehabt zu haben.

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