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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Waschsalon
Eingestellt am 07. 10. 2006 02:57


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petrasmiles
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Waschsalon, √ľberarbeitete Version 3

Reinlichkeit erfordert manchmal logistischen Aufwand, vor allem dann, wenn man nicht zu den Gl√ľcklichen z√§hlt, die eine eigene Waschmaschine besitzen. Dann hat man seine liebe Not, den Akt der Manierlichkeit aufrecht zu erhalten. Unm√∂glich ist es nicht.

Es gibt Waschsalons, in Gro√üst√§dten. Ich nehme an, auf dem Land hat man daf√ľr mehr Familie in der N√§he.
Ich gehe lieber in den Waschsalon. Aber nicht in jeden. Das muss man organisieren. Das ist alles eine Frage der Priorisierungen.

Um zum Waschsalon zu kommen, muss man das Haus verlassen, eine Menge Gegenst√§nde mit sich f√ľhren und Kleingeld dabei haben. Auch hier greifen die Dinge ineinander und schon die geringste Missachtung bedeutsamer Umst√§nde macht aus einem allt√§glichen Akt ein √Ąrgernis.

Ich habe kein Auto. Ich benutze gerne Stra√üenbahnen; Busse nicht so sehr, schon gar nicht mit einer Menge Gep√§ck. Nicht auszudenken, wenn ein Henkel rei√üen w√ľrde, oder eine Tasche bei holpriger Fahrt umf√§llt und Intimes offenbart. Nicht, dass die Menschen durch den Anblick von ein bisschen Schmutzw√§sche aus dem Gleichgewicht zu bringen w√§ren, aber mir w√§re es peinlich.

Dem Waschsalon verdanke ich die Erkenntnis, dass eine Gruppe von Menschen, auch solche, die sich nicht kennen, instinktiv ein Vakuum erkennen und mit ihren Rollen f√ľllen.
Jeder benutzt den freien Raum zum Selbstausdruck. Wie er gerne gesehen w√ľrde.
Am schlimmsten sind die kommunikativen Einsamen. Aus jeder Bewegung machen sie einen Gespr√§chsankn√ľpfungspunkt, so banal, dass wirklich jedem etwas dazu einfallen w√ľrde. Manche der Angesprochenen st√ľrzen sich wie Geier auf diese Gelegenheit der Selbstdarstellung. Ich bin wahrgenommen worden, jubelt ihre Stimme.
Die sich anbahnende Unterhaltung ist dann ihrer Lautst√§rke nach f√ľr alle bestimmt. Endlich fragt sie mal jemand nach ihrer Meinung. Und davon haben sie viel, negativ reziprok zu den Gelegenheiten, sie zu √§u√üern.

Wenn ein kommunikativer Nicht-Einsamer so unvorsichtig war, eine harmlose Bemerkung zu machen, so in der Richtung ‚ÄöHallo Mensch, ich bin auch ein Mensch‚Äô, dann kommt angesichts der Antwortlawine meist ein gehetzter, erschrockener Ausdruck in seine Augen. Das passiert aber nur Waschsalon-Unge√ľbten.
Ich lächle meistens nur. Nur ja keine Wörter anbieten, aber höflich bleiben. Meist komm ich ungeschoren davon.
Ich habe die Gelegenheiten durchprobiert; nie kam etwas dabei raus, das ich nur ann√§hernd als Unterhaltung bezeichnen w√ľrde. Und man wird nie, aber auch wirklich nie, von den Leuten angesprochen, von denen man gerne angesprochen werden w√ľrde.
Da sind mir meine Gedanken doch lieber.

Einmal saß ich der Wäsche wegen wartend an einer Haltestelle.
Am anderen Ende der Sitzreihe hocken zwei junge Schwarze, schwätzend, lachend.
Sie sind nicht besonders gepflegt, spucken auf die Straße.
Eine alte, sauber gekleidete Frau n√§hert sich uns. Ich bin in ein Buch vertieft, h√∂re ihre Geschichte von der Cola an, die sie sich kaufen m√∂chte, und ob sie daf√ľr 50 ct. haben k√∂nnte. Ich schau immer weg; zuviel gesch√§ftsm√§√üige Bettler unterwegs. Sie sp√ľrt meine Haltung und verschont mich; sie wendet sich an die jungen M√§nner, die ihr aufmerksam zuh√∂ren, aber offensichtlich kein Wort verstehen.
Einer von ihnen fragt mich, ob ich englisch oder franz√∂sisch spreche, um zu √ľbersetzen. ‚ÄöShe is begging‚Äô, sag ich. ‚ÄėShe is begging?, fragt er ungl√§ubig. Ich nicke.
Beide Jungs stehen auf wie beim Milit√§rappell, greifen nach ihren Portemonnaies in ihren Ges√§√ütaschen und kramen ein paar M√ľnzen hervor.
Ich sch√§me mich. Aber ich wei√ü nicht so recht, wof√ľr. Aber unbehaglich ist mir.
Ich glaube, die beiden haben mich f√ľr sehr kalt gehalten. Eine typische Vertreterin dieses kalten Landes. Wo der eine nicht f√ľr den anderen einsteht. Da steht eine alte Frau auf der Strasse und bettelt und diese reiche wei√üe Frau gibt ihr noch nicht einmal 50ct. Ich sehe gut aus. Was wissen sie schon von Kontost√§nden und Arbeitslosigkeit und Verzweiflung ... ich sehe mich mit ihren Augen, und es gef√§llt mir nicht, was ich sehe.

Ich schaue möglichst nie direkt hin. Ich könnte es nicht ertragen, in wissende, urteilende Augen zu blicken. Nicht, dass das wahrscheinlich wäre, aber ich möchte kein Risiko eingehen. Meist blicke ich verstohlen hin, wenn ich mich unbeachtet weiß.
Ich nehme die Geschichte mit nach Hause und sinne nach. So verschaffe ich mir √úberblick √ľber alles. √úber den Schwung einer Augenbraue, Bartstoppeln, Falten, abgelaufene Abs√§tze erkenne ich den Zustand der Seelen und der Welt.

An der Mangel stand einmal ein sportlicher Endvierziger oder gut erhaltener F√ľnfziger und pl√§ttet und faltet mit Hingabe und Geschick seine saubere W√§sche. Er steht mit dem R√ľcken zu allen, und gerade einmal eine Feuersbrunst k√∂nnte die Kette seiner sinnvollen Bewegungen unterbrechen. Er will mit niemandem etwas zu tun haben.
Die Erleichterung, als er alles gefaltet und verstaut hat und diesen unwirtlichen Ort verlassen kann, merkt man ihm deutlich an. Es macht ihn sympathischer. So geht es mir auch immer.

Manchmal bin ich erstaunt √ľber die Bandbreite an Menschen, die den Waschsalon aufsuchen. Eine Frau in mittleren Jahren st√ľrmte herein, stopfte gro√üe unhandliche St√ľcke in eine Jumbomaschine, und ihre Miene verriet deutlich die Botschaft ‚ÄöIch geh√∂re nicht zu Euch. Ich habe eine eigene Waschmaschine‚Äô. Sie hastet wieder hinaus wie andere aus dem Leihhaus. Sie wollen m√∂glichst viel Distanz zwischen sich und diesen Ort der Scham bringen. Dabei tragen sie sie doch mit sich herum.
Manchmal, wenn sie auf die Maschine warten, sind sie diejenigen, die gerne eine Gespräch anfangen, nur um dann geschickt einfließen lassen zu können, dass sie ja nur wegen der großen Teile kämen.

Sehr √ľberrascht war ich, dass bei den M√§nnern viele j√ľngere anzutreffen sind; manche erinnern von den Klamotten her eher an einen Yuppie mit Designerk√ľche. Keine Waschmaschine? Vielleicht investiert er sein Geld lieber in seine Hobbies, sein Auto, seine Klamotten.
Es gibt hier auch ethnische Vielfalt.
Menschen mit Verst√§ndigungsproblemen gegen√ľber bin ich nachsichtiger. Da helfe ich aus, erkl√§re, k√ľmmere mich. Manchmal muss ich aufpassen, nicht zu sehr vereinnahmt zu werden. Aber ich habe √úbung darin, auch nonverbal r√ľberzubekommen, dass es jetzt genug ist, und ich meine Ruhe haben m√∂chte.

Ich hoffe, es ist jetzt nicht der Eindruck entstanden, als w√ľrde ich die Menschen nicht m√∂gen. Ganz im Gegenteil. Ich f√ľhle mit ihnen, ich nehme sie wahr, erkenne sie an, indem ich sie erkenne, aber ich m√∂chte nicht in etwas verwickelt werden, das ich dann nicht mehr entwirren kann.

Ich versuche immer, einen Ausgleich zwischen meinen Priorit√§ten herzustellen. Wenn ich zu diesem Waschsalon hier gehe, dann muss ich drei Stationen mit der Bahn fahren. Nur, wenn die Bahn √§lter ist ‚Äď was auf dieser Strecke meistens der Fall ist - und zum Einstieg mehrere Stufen erklommen werden m√ľssen, wird das ganze schwierig, erst recht auf dem R√ľckweg.
Und wenn es dann auch noch regnet, dann komme ich mit zwei Händen nicht hin.
Darum warte ich oft auf regenfreies Wetter und muss den Wäschestapel und die saubere Wäsche im Auge behalten. Ich muss immer feststellen können, was jetzt wichtiger ist.
Ich habe mich auch schon einmal bei Regen aufmachen m√ľssen, weil ich zuvor keine Lust gehabt hatte. Das kommt nat√ľrlich auch vor. Manchmal muss ich abw√§gen zwischen den 5o Cent Ersparnis und der aufgewendeten Zeit und M√ľhe. Meistens muss ich dann doch los. Ich habe mehr Zeit als Geld.

Einmal habe ich es erlebt, dass ein gepflegter und auffällig flott gekleideter, vielleicht 6ojähriger Mann, wie ein Tiger im Käfig den Salon durchschritt, immer mal wieder in meine Nähe kam, wie zur Aufforderung ‚sprich mich an’.
In einer anderen Umgebung w√ľrde er mich ansprechen. Das ist wirklich auff√§llig: Dies hier ist das Territorium von Frauen. M√§nnerregeln gelten hier nicht. Sie halten sich alle zur√ľck. Ohne Einladung macht hier keiner den Mund auf. Drucksen herum wie unfreiwillige Eindringlinge, nicht ohne Sorge, bei Fehlverhalten vom Platz gestellt zu werden.
Vielleicht wollte er auch nur loswerden, was einer wie er hier zu suchen habe.
Ich finde das r√ľhrend, wie manche M√§nnerseelen darunter zu leiden scheinen, niemanden f√ľr ihre W√§sche zu haben.
Sp√§ter kam dann noch eine √§ltere Frau herein, die mit der gelassenen M√ľdigkeit ihrer Jahre seine Not erkannte und ihm eine passende Bemerkung als Vorlage anbot, sein Herz auszusch√ľtten. Ich habe nicht hingeh√∂rt, aber ich habe mich f√ľr ihn gefreut.

Manchmal sind die Menscheleien im Salon spannender als mein Buch, aber manchmal
muss ich mir erlauben, einen Krimi von einer meiner Lieblingsautorinnen zu lesen, die ich ab und an in der Stadtb√ľcherei ergattern kann.
Ich bin sehr streng zu mir, und ich lasse mir nicht alles durchgehen, aber ich weiß auch, wann ich nachgeben muss. Krimis darf ich sonst nur als Feierabendspaß lesen.
Ich habe zwar keine Arbeit, aber das heißt ja nicht, dass ich keine Arbeit habe.
Ich w√ľrde mir auch nie gestatten, tags√ľber den Fernseher anzumachen.

Gott sei Dank laufen die Maschinen nicht sehr lang hier; daher wasche ich hier auch nur Buntw√§sche. F√ľr meine K√∂rperw√§sche gehe ich in einen anderen Salon bei mir um die Ecke; der ist teurer und die Trommeln sind kleiner, aber sie waschen l√§nger, und damit f√ľhle ich mich wohler.
Es kommt ja immer darauf an, was man sich dabei denkt.


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bonanza
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f√ľr waschsalons, wartezimmer und superm√§rkte braucht man
geduld und humor. du beweist beides, petrasmiles.
leider braucht der leser deines textes auch geduld.
ich w√ľrde ihn nochmals (sehr hei√ü) waschen und durch
die mangel drehen - vielleicht schrumpft er auf eine
angenehme größe und bekommt mehr farbe.
(mache das besser per handwäsche.)

bon.

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petrasmiles
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Werke: 31
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Lieber bon,

danke f√ľrs Lesen und Kommentieren!
Ja, ich finde ihn auch lang. Aber irgendwie will diese Frau so wahrgenommen werden, die Summe all dieser Eindr√ľcke geben ihr Bild, zeigen ihr Leben. Sie scheint genau durch diese √ľppige Wahrnehmung in diese √úberl√§ngen selbst zu geraten, die sie daran hindern, am Leben teilzunehmen. Habe ich mich verst√§ndlich ausgedr√ľckt?
Im Moment bin ich noch √ľberfordert, zu lokalisieren, wo ich was weglassen k√∂nnte. Ich glaube, das geht am Anfang immer so, oder? Ich denke mal √ľber k√ľrzere S√§tze nach.

Liebe Gr√ľ√üe
Petra
__________________
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bonanza
Guest
Registriert: Not Yet

ja, das ist normal - das ist ähnlich wie beim ausmisten
des kleiderschranks. wenn man dann aber mal angefangen
hat, ist man oft √ľberrascht, wieviel man aussortieren
kann - und vielleicht mit spa√ü etwas neues einf√ľgen.

bon.

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