Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95236
Momentan online:
68 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wasserfrau
Eingestellt am 18. 09. 2015 13:53


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
herziblatti
???
Registriert: Jan 2007

Werke: 41
Kommentare: 434
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um herziblatti eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Wasserfrau

Es könnte Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein.
Der Wind oder das Leben hatte sie dorthin geweht, wo sie wie eine verwunschene Wasserfrau hinter dem kleinen Verkaufsstand in MĂŒnchens FußgĂ€ngerzone stand und anschraubbare DĂŒsen fĂŒr WasserhĂ€hne verkaufte.

Ein paar Leute waren stehengeblieben, wie immer in einem kleinen Halbkreis, schauten, hörten ihr zu, teilten sich plötzlich.

Sie hatten Platz gemacht fĂŒr einen Herren, nicht allzu groß oder gar furchteinflĂ¶ĂŸend, gekleidet in einen dunkelblauen Mantel aus englischem Tuch. Sein behandschuhter Zeigefinger deutete flĂŒchtig auf den Wasserstrahl, er sagte etwas auf Französisch zu seiner Begleiterin.

Die Wasserfrau stockte in ihrem Vortrag, der die ZweckmĂ€ĂŸigkeit und Sparsamkeit dieser leicht anzubringenden, verstellbaren DĂŒse anpries, und sie sah auf in ein blasses, feingeschnittenes Patriziergesicht, geschĂŒtzt vor zu viel NĂ€he durch eine große Sonnenbrille, die dunklen Haare, so gar nicht in diese Zeit passend, zu einem Mozartzopf zusammengefasst.

Seine Begleiterin, offenbar eine Dolmetscherin, wandte sich mit der Frage an sie, ob denn die WasserhÀhne in Europa alle genormt seien.

Darauf hatte die Wasserfrau keine Antwort, weil sie das nicht wusste, und das brachte sie in BedrÀngnis.
Sie wollte nicht, dass er ginge, ohne etwas von ihr mitzunehmen.
Sie wollte aber auch nicht, dass er etwas mitnahm und irgendwo zu Hause in einem fernen oder nahen Europa feststellte, dass sie gelogen hatte.
Sie zögerte zu antworten.

Er sah ihr zu, wie sie ihre Hand unter den sanften Wasserstrahl hielt, wie sich Luftperlen an den HĂ€rchen ihres HandrĂŒckens fingen und weitergeschwemmt wurden, sah zu, wie sie mit einer kleinen Bewegung die DĂŒse umstellte, wie das feine SprĂŒhen des Wassers in der MĂ€rzsonne glitzerte.
Sie schlug die Augen nieder.
Er spĂŒrte ihre Verlegenheit und lĂ€chelte. Sprach ein paar Worte zu seiner Begleiterin, die ĂŒbersetzte: "Monsieur wĂŒnscht zwei StĂŒck dieser SprĂŒhdĂŒsen mitzunehmen."

SpĂ€ter wusste sie nicht so recht, was in diesen Augenblicken geschehen war. Ein VerkaufsgesprĂ€ch mit positivem Ausgang? Eine Begegnung? Und das winzige Ziehen im Herznest, das sie verspĂŒrt hatte, was war das gewesen?

Ein Jahr spĂ€ter etwa - die Wasserfrau hatte inzwischen geheiratet und saß abends gerne eng an die noch nicht zur Gewohnheit gewordene Schulter geschmiegt vor dem Fernseher - sah sie in einem Frauenmagazin die neuesten Trends aus Paris. Haute Couture, wunderschöne, untragbare und unerschwingliche Kunstwerke. Zuletzt, nicht wie sonst ĂŒblich das Brautkleid, sondern diesmal als ganz persönliches Highlight des Modeschöpfers, eine schwarze Abendrobe mit Mantel, dessen bestickte RĂŒckenpartie im Scheinwerferlicht funkelte und aufblitzte, als liefen Tausende Wasserperlen in feinen Bahnen ĂŒber den Stoff hinunter zum Mantelsaum, wo sie ein glitzerndes Band bildeten.
Und dann kam er selbst auf die BĂŒhne, gab Interviews in allen Sprachen.

Sie erkannte ihn sofort, das Gesicht, die dunkle Brille, den Zopf.
Die Frage der ZDF-Moderatorin, woher er seine Ideen, seine EinfĂ€lle beziehe, beantwortete er auf Deutsch: „Ach, wissen Sie, ich habe so viele EindrĂŒcke, so viel ‚inspiration‘, zu Hause im Badezimmer oder beim Flanieren 
“

Sie lĂ€chelte. RĂŒckte einen unmerklichen Millimeter weg von der WĂ€rme des vertrauten MĂ€nnerkörpers neben sich, sagte kein Wort und den FlĂŒgelschlag eines Schmetterlings, den sie verspĂŒrte, barg sie in einem geheimen Schrein.


© Heidi Merkel


__________________
Warten, was der Fluss so bringt - Fritz Popp

Version vom 18. 09. 2015 13:53
Version vom 19. 09. 2015 12:31
Version vom 21. 09. 2015 20:15

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Wipfel
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2008

Werke: 58
Kommentare: 728
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wipfel eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich werde mir den Zorn der Fans dieser Geschichte auf mich laden - doch teilen kann ich die spontanen EindrĂŒcke nicht. Es sei denn man setzt mir eine rosarote Brille auf...

Macht aber niemand - und auch auf die Gefahr, dass ein SchmetterlingsflĂŒgelschlag mich erschlagen wird: was eigentlich erzĂ€hlst du? Der Subtext ist doch devot, findest du nicht? Und das gefĂ€llt? Kann ja sein - und GeschmĂ€cker sind verschieden.

quote:
saß abends gerne, eng an die noch nicht zur Gewohnheit gewordene Schulter geschmiegt, vor dem Fernseher
Und etwas spÀter:
quote:
RĂŒckte einen unmerklichen Millimeter weg von der WĂ€rme des vertrauten MĂ€nnerkörpers
Was denn nun? Noch nicht oder doch schon vertraut? Und welcher Mann schaut sich solches Zeugs an? Oder waren die MĂ€nner damals anders?

Und aufpassen: 3Sat gab es Anfang der Achtziger noch nicht. offizieller Start im Dez. 84. Und gab es dann gleich eine Modenschau aus Paris? Das lÀsst sich recherchieren - besser du tust es.

GrĂŒĂŸe von wipfel



Bearbeiten/Löschen    


DocSchneider
Foren-Redakteur
HĂ€ufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 137
Kommentare: 2459
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo herziblatti,

leider verstehe ich Deine Geschichte nicht ganz. Wieso nimmt die Begegnung mit dem Modeschöpfer die Wasserfrau so mit? Wieso zieht es in der Herzgegend? Wieso will sie, dass er etwas mitnimmt? Es liest sich fĂŒr mich so, als hĂ€tten sie frĂŒher ein VerhĂ€ltnis gehabt.

Niemals wird ein Tpy wie Karl Lagerfeld an einem schnöden Verkaufsstand stehen bleiben, um sich angepriesene Massenware anzusehen. Das ist fĂŒr mich zu unglaubwĂŒrdig.

Der Schluss zu Rosamunde-Pilcher-mĂ€ĂŸig.

Handwerklich solide, wie immer bei Dir.

Wipfel, Du bist nicht alleine.


LG DS
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

Bearbeiten/Löschen    


herziblatti
???
Registriert: Jan 2007

Werke: 41
Kommentare: 434
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um herziblatti eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Wipfel, danke fĂŒrs Lesen und fĂŒr die Anmerkungen, besonders fĂŒr den Hinweis auf den Sendestart von 3sat, upps.
Zwischen Vertrautheit und Gewohnheit liegt ein entscheidender Unterschied - aber da kommst Du selber drauf.
Und ja, wenn MĂ€nner richtig verliebt sind, schrecken sie vor gar nichts zurĂŒck, nicht mal vor Frauenmagazinen im Fernsehen zumindest habe ich das so erlebt und in meinem Schrein bewahrt. LG - herziblatti
__________________
Warten, was der Fluss so bringt - Fritz Popp

Bearbeiten/Löschen    


herziblatti
???
Registriert: Jan 2007

Werke: 41
Kommentare: 434
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um herziblatti eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Doc, danke fĂŒrs Lesen und fĂŒr die positive Anmerkung ĂŒber meine soliden handwerklichen FĂ€higkeiten.
Der Text wird beim Leser fertig, und nicht alles Geschriebene kann sich vollinhaltlich jedem Leser erschließen.
Ein magischer Moment vielleicht - soll ja vorkommen, dass sich etwas ereignet/beschrieben wird, was nicht mit beiden HĂ€nden zu greifen ist. Und, wie nennt man das gleich nochmal, Phantasie oder so, schadet m.E. beim Schreiben auch nicht.

quote:
Der Schluss zu Rosamunde-Pilcher-mĂ€ĂŸig.
Das muss ich zurĂŒckweisen. Das ist mir selber eingefallen. Das ist nicht abgeschrieben oder angelehnt, auch nicht als Hommage gedacht LG - herziblatti

__________________
Warten, was der Fluss so bringt - Fritz Popp

Bearbeiten/Löschen    


aligaga
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2014

Werke: 78
Kommentare: 4659
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um aligaga eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo @H,

hier ein paar todernst gemeinte Anmerkungen zu deinem Ɠuvre littĂ©raire, das der Bekömmlichhkeit halber einige Retuschen vertrĂŒge:

Es könnte Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein.
Der Wind oder das Leben hatte sie dorthin geweht , wo sie wie eine verwunschene Wasserfrau hinter dem kleinen Verkaufsstand in MĂŒnchens FußgĂ€ngerzone stand und anschraubbare DĂŒsen fĂŒr WasserhĂ€hne verkaufte. Warum ein so pathetischer Erstsatz? Der Verkaufsstand kann ja wohl kaum durch die Luft geflogen gekommen sein, und „das Leben“ weht eigentlich gar nicht, sondern wird gelebt. Vielleicht ist das Schicksal gemeint? Wie, bitte, sieht eine „verwunschene Wasserfrau“ denn aus? Hat sie Wasser in den Beinen? Wer kann sich das vorstellen? Hinzu kommt, dass in MĂŒnchens FußgĂ€ngerzone das hier beschriebene „Marktschreien“ auch in den 80ern nicht erlaubt war. Tipp: Die Marketenderin auf die „Auer Dult“ verfrachten, da gehörte sie hin.

Ein paar Leute waren stehengeblieben, wie immer (wie immer?) in einem kleinen Halbkreis, schauten, hörten ihr zu, und teilten sich plötzlich. Wie soll man sich das vorstellen? Der LĂ€nge nach oder in der Taille? Durch Zellteilung? Wahrscheinlich ist das Öffnen des Kreises gemeint. Tipp: Ausbessern.

Sie hatten Platz gemacht fĂŒr einen Herren, nicht allzu groß oder gar furchteinflĂ¶ĂŸend, (falscher Bezug, gemeint ist wohl der „Herr“, nicht „Sie“) gekleidet in einen schlichten, dunkelblauen Mantel aus feinem Tuch (was denn jetzt: schlicht oder fein?). Sein behandschuhter Zeigefinger deutete flĂŒchtig auf den Wasserstrahl, er sagte etwas auf französisch (Französisch) zu seiner Begleiterin.

Die Wasserfrau stockte in ihrem Vortrag, der die ZweckmĂ€ĂŸigkeit und Sparsamkeit dieser leicht anzubringenden, verstellbaren DĂŒse anpries, und sie sah (noch kleiner als der Modeschöpfer kann sie ja kaum noch gewesen sein!) auf, in ein blasses, feingeschnittenes Patriziergesicht (Lagerfeld war in den 80ern noch feist und nannte sich selbst in Interviews einen „strammen Brummer“. Er nahm erst 2000 ca. 40 kg ab), geschĂŒtzt vor zu viel NĂ€he durch eine große Sonnenbrille, die dunklen Haare, so gar nicht in diese Zeit passend, zu einem Mozartzopf zusammengefasst (der kurze Pferdeschwanz Lagerfelds war nie geflochten wie ein Mozartzopf, sondern stets offen).

Seine Begleiterin, offenbar eine Dolmetscherin, wandte sich mit der Frage an sie, ob denn die WasserhÀhne in Europa alle genormt seien.

Darauf hatte die Wasserfrau keine Antwort, weil sie das nicht wusste, und das brachte sie in BedrĂ€ngnis. Kaum glaublich, dass einen Markscheierin nicht schlagfertig und skrupellos genug wĂ€re, zu behaupten, ihre DĂŒse passe immer, wo auch immer in der Welt!

Sie wollte nicht, dass er ginge, ohne etwas von ihr mitzunehmen. Ist’s möglich?
Sie wollte aber auch nicht, dass er etwas mitnahm, und irgendwo zu Hause in einem fernen oder nahen Europa feststellte, dass sie gelogen hatte. O je – wer soll das glauben? Was die Marktschreier an ihren StĂ€nden verhökern, hĂ€lt doch fĂŒr gewöhnlich niemals das, was versprochen wird. Woher also die Skrupel?
Sie zögerte zu antworten.

Er sah ihr (wem sonst?) zu, wie sie ihre Hand unter den sanften Wasserstrahl hielt, wie sich Luftperlen an den feinen HĂ€rchen (Pleonasmus) ihres HandrĂŒckens fingen und weitergeschwemmt wurden, sah zu, wie sie mit einer kleinen Bewegung die DĂŒse umstellte, und das feine SprĂŒhen des Wassers in der MĂ€rzsonne glitzerte.
Sie schlug die Augen nieder.
Er spĂŒrte ihre Verlegenheit (wo sollte die plötzlich bei einer Marktfrau herkommen?) und lĂ€chelte. Sprach ein paar Worte zu seiner Begleiterin, die ĂŒbersetzte: "Monsieur wĂŒnscht zwei StĂŒck dieser SprĂŒhdĂŒsen mitzunehmen."

SpĂ€ter wusste sie nicht so recht, was in diesen Augenblicken geschehen war. Ein VerkaufsgesprĂ€ch mit positivem Ausgang? Eine Begegnung? Und das winzige Ziehen im Herznest (was soll das sein?), das sie verspĂŒrt hatte, was war das gewesen? Sorry, aber das liest sich furchtbar strapaziert.

Ein Jahr spĂ€ter etwa - die Wasserfrau hatte inzwischen geheiratet und saß abends gerne, eng an die noch nicht zur Gewohnheit gewordene Schulter geschmiegt, vor dem Fernseher - sah sie in einem Frauenmagazin (ihr Mann guckt Frauenmagazine??) die neuesten Trends aus Paris. Haute Couture, wunderschöne, untragbare und unerschwingliche Kunstwerke. Zuletzt, nicht wie sonst ĂŒblich das Brautkleid, sondern diesmal als ganz persönliches Highlight des Modeschöpfers, eine schwarze Abendrobe mit Mantel, dessen bestickte RĂŒckenpartie im Scheinwerferlicht funkelte und aufblitzte, als liefen Tausende Wasserperlen in feinen Bahnen ĂŒber den Stoff hinunter zum Mantelsaum, wo sie ein glitzerndes Band bildeten. Und das in den 80ern vor dem flimmernden Röhrenbild? Kaum zu glauben.

Und dann kam er selbst auf die BĂŒhne, gab Interviews in allen Sprachen. Die alle ins doitsche Fernsehen ĂŒbertragen wurden??

Sie erkannte ihn sofort, das Gesicht, die dunkle Brille, den Zopf.
Die Frage der ZDF-Moderatorin, woher er seine Ideen, seine EinfĂ€lle beziehe, beantwortete er auf Deutsch: „Ach, wissen Sie, ich habe so viele EindrĂŒcke, so viel ‚inspiration‘, zuhause im Badezimmer oder in MĂŒnchen beim Flanieren 
“ Bei einer Modenschau in Paris stehen keine ZDF-ModeratorInnen auf der BĂŒhne und stellen dĂŒmmliche doitsche Fragen. Jamais! TTip: Den Modeschöpfer im Studio aufscheinen lassen. Das kĂ€me besser.

Sie lĂ€chelte. RĂŒckte einen unmerklichen Millimeter weg von der WĂ€rme des vertrauten MĂ€nnerkörpers neben sich, sagte kein Wort, und den FlĂŒgelschlag eines Schmetterlings, den sie verspĂŒrte, barg sie in einem geheimen Schrein. Jaja, die „geheimen Schreine“ der Frauen. Wo die wohl stehen? Ich vermute Mal: gleich neben dem Herzensnest. TTip: sprachlich entfetten!

Gruß

aligaga

Bearbeiten/Löschen    


11 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung