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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Wat hasse dir da angetan
Eingestellt am 31. 05. 2012 17:26


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Wat hasse dir da angetan!

Am 15. Mai begann der Jagdlehrgang. Wie son kleinet Kind vor Weihnachten hatte ich diesen Tag herbeigesehnt. Achtzehn Teilnehmer standen um neunzehn Uhr vor dem Unterrichtssaal aufe Matte.
Ich, Willi PĂŒttmann, tauchte als einziger schon in jagdgrĂŒnen Klamotten auf. Die anderen Lehrgangsteilnehmer sahen mich deshalb als ihren Lehrgangsleiter an und scharwenzelten ehrfurchtsvoll um mich rum.
Lehrgangsleiter war ein gewisser HasenklĂ€ffer. Son kleinen, unscheinbaren Terrier mit SĂ€belbeinen, en Förster war dat. Er machte seinem Namen alle Ehre, der Kerl hatte nĂ€mlich so wat Wadenbeißerischet an sich. Der schien aber wat aufm jagdlichen Kasten zu haben. Dat spĂŒrte ich. Erst stellten sich die Ausbilder vor, dann kamen wir anne Reihe.
Zwei SchĂŒler, drei Hausfrauen, en Landwirt, zwei Knochenflicker, en Studienrat, en Rechtsverdreher vier Rentner, zwei Handwerker und zwei Unternehmer waren wir. Also, ne sehr gemischte Truppe, Durchschnittsalter 53. Alle mit nur einem Ziel: Wir wollten JĂ€ger/Innen werden, weil wir alle die gleichen jagdlichen Erbanlagen inne Knochen hatten. Dat glaubte ich jedenfalls!
„Meine Damen und Herren“, begann der HasenklĂ€ffer seine EinfĂŒhrungsrede. „Ihnen als kĂŒnftige JĂ€ger/Innen bringen wir in den nĂ€chsten Monaten das notwendige jagdliche Wissen bei, das RĂŒstzeug fĂŒr die JĂ€gerprĂŒfung.
Nehmen Sie bitte den Lehrgang ernst und grinsen Sie nicht da vorne, Herr Ackermann. Ihnen wird das Lachen noch vergehen, das können Sie mir glauben. Die Anforderungen an Sie sind hoch. Nicht umsonst wird diese PrĂŒfung auch das ‚grĂŒne Abitur’ genannt.“
Wie kam der uns denn vor, der hatte se doch wohl nich alle im Stall. Wir waren doch keine Schulblagen!
„Sie werden unterwiesen zu den Themen:
Wildtierarten, deren Biologie und Krankheiten, Jagdbetrieb, WildschadenverhĂŒtung, Land- und Waldbau, Jagdgebrauchshunde, Brauchtum, Wildbrethygiene, Waffen- und Jagdrecht, Tier- und Naturschutz, Landschaftspflege, Lang- und Kurzwaffen.
Ohne Ihren zusĂ€tzlichen hĂ€uslichen Fleiß werden Sie die PrĂŒfung mit Sicherheit nicht bestehen. Sie, Frau Kohl, schnattern bitte nicht wenn ich rede, verstanden?“
Mann, wat hatte der Kerl denn fĂŒrn Ton am Balg? Waren wir hier aufm Kasernenhof?
Ich peilte ma kurz inne Runde und hab die Köppe vonne Teilnehmer ausspioniert. Da saßen schon einige mit ner Flappe bis aufe Erde.
Hatten die hier wat anderet erwartet? Son KaffeekrĂ€nzchen oder son Sonntagsspaziergang im Park mit dem Förster anne Hand, oder waren die nur ĂŒber den Ton vom Lehrgangsleiter knatschig? Ich muss gestehen, dat ich bei dem angedrohten Lehrstoff und wegen der Schulmeisterei auch nich gerade der Heiterste inne Runde war.
HasenklÀffer sprach weiter:
„Sie werden wöchentlich an drei Unterrichtseinheiten von jeweils drei Stunden teilnehmen. An den Wochenenden werden Revierbegehungen durchgefĂŒhrt. Ich bring Sie schon auf Trab, haha.“ Er war der Einzige, der darĂŒber lachen konnte.
„DarĂŒberhinaus“, fuhr er fort, „ist es ratsam, Arbeitsgemeinschaften von drei bis vier Personen zu bilden.“ Jetz kam aus unseren Reihen die erste Wortmeldung.
Studienrat Dr. Fulbalg fragte empört, woher er denn die Zeit hernehmen solle. Wie sich die Herren das denn vorstellten? So einen Lehrgang könne er unmöglich akzeptieren. Er stand auf und verließ kopfschĂŒttelnd den Raum.
Ich war sprachlos. Wat bildete sich denn dieser studierte Blödmann ein. Dat war doch keiner, der Jagdblut inne Adern hatte! Dat war ne Pfeife!
HasenklĂ€ffer kommentierte: „Da waren es nur noch siebzehn.“ Und er quatschte weiter:
„Die spĂ€tere PrĂŒfung besteht aus einer SchießprĂŒfung, einer schriftlichen und mĂŒndlich-praktischen PrĂŒfung, fĂŒr die jeweils ein Tag anberaumt wird.
Sollten Ihre SchießkĂŒnste den Mindestanforderungen nicht entsprechen, werden Sie von der weiteren PrĂŒfung ausgeschlossen. In der Regel sind das zwanzig Prozent der Teilnehmer, und ich ahne schon, wer das von Ihnen ist.“
Dat war ja wirklich nich sehr fair, warum sachte der Kerl heute schon so wat? Der kannte uns doch ĂŒberhaupt noch nich. Dat war ne gezielte Verunsicherung! Hatte der etwa hellseherische FĂ€higkeiten? Meinte der mich vielleicht damit?
Der KlÀffer war immer noch nich fertig.
„BemĂŒhen Sie sich um eine Praktikantenstelle in einem der umliegenden Reviere, damit Sie praktische Erfahrungen sammeln können.“
Nach dieser Rede war et mir arg mulmig, und ich machte mir so meine Gedanken: „Willi, wat hasse dir da angetan? So schlimm hasse dir dat wirklich nich vorgestellt. Wat hat en JĂ€ger denn mit Landschaftspflege und mit Land- und Waldbau am Hut?
Du hass ja ĂŒberhaupt keine Freizeit mehr. Dat Schlimmste – wie verklickersse dat bloß deiner Frau?
Den ganzen Kram sollte ich in nur zwölf Monaten kapieren und in meiner alten Birne speichern? Hatten mich meine Jagdgene eventuell jetz schon ĂŒberfordert?“ Ich hatte auch noch andere Zweifel:
„Bisse ĂŒberhaupt bei dem richtigen Verein oder iss dat hier möglicherweise die Land- und Forstwirtschaftsschule mit som bematschten Feldwebel als Leiter? Hatte vielleicht der Studienrat als einziger den richtigen Durchblick, hat sofort vernĂŒnftig entschieden und iss abgehauen? Wat weiß ich!“
Ich war verdammt verunsichert und kam reichlich zerknirscht nach Hause. NatĂŒrlich erzĂ€hlte ich allet haarklein meiner lieben Berta. Ich dachte: Vielleicht krisse bei ihr son bissken Trost und Aufmunterung.
Berta reagierte leider wieder typisch: „Willi, ich hab dich mehrfach gewarnt, dat schaffst du nie! Du biss zu alt fĂŒr so wat.“
Dat war ja vielleicht ne tolle Ermutigung! Promt trÀumte ich die ganze Nacht abartiget Zeug.
Ich schĂ€mte mich zuerst, den Traum am nĂ€chsten Morgen von Berta deuten zu lassen. „Watt sollz“, dachte ich dann, „Berta legt den Traum heute vielleicht positiv aus und beruhigt dich son bissken.“
„Also, Berta, stell dir ma vor, wat mich fĂŒrn ekelhafter Traum diese Nacht gepiesackt hat: Ich bin durch die PrĂŒfung gesegelt. Sofort hab ich mir aufm schwatten Markt ne Knarre besorgt und Hirsche, Rehe, Wildschweine und Hasen so lange gewildert, bis nix mehr in den Kofferraum passte.“ Sie lĂ€chelte.
„Berta, dat iss ja noch lĂ€ngst nich allet. Et kommt noch viel schlimmer! Nach der Wilderei bin ich in dat ParteibĂŒro vonne militanten Natur- und TierschutzverbĂ€nde marschiert und hab mich da als aktivet Mitglied registrieren lassen. Ich trĂ€umte davon, dat selbsternannte NaturschĂŒtzer keine JĂ€gerprĂŒfung brauchten und deshalb allet viel besser ĂŒber die ökosozialistischen ZusammenhĂ€nge wussten.
Ich dachte: Willi, dat iss die Alternaive, du biss auch ohne die verdammte BĂŒffelei bei die Jagd immer am Ball. Bei jeder Treibjagd bisse auch ohne Einladung zur Stelle. Und weil die JĂ€ger mich nich mitjagen ließen, hab ich die Jagdgesellschaft mit Böllers, VerwĂŒnschungen und Schreierei gestört. Hochsitze hab ich auch umgenietet und abgefackelt. Ich hab mit son paar langhaarigen vermummten Chaoten die JĂ€gerschaft mit nem riesigen Transparent als „perverse Mörder“ beleidigt, ohne dat die Polente wat unternahm und mich verknacken tat.
Iss dat nich furchtbar, Berta? Wie kann ich nur so minderwertige Sachen trĂ€umen? Dat sind außergewöhnlich schlechte Vorzeichen.“
Sie peilte mich unglĂ€ubig vonne Seite an und schĂŒttelte den Kopp. Sie grinste zuerst wie en Honigkuchenpferd und fing dann an zu lachen. Die hörte gar nich mehr auf. TrĂ€nen rollten ihr ĂŒber dat Gesicht.
„Berta, lach nur, mach dich ruhig ĂŒber mich lustig.
„Mein liebet Williken“, sachte se, „dein Albtraum iss doch wirklich ganz einfach zu deuten:
Die Jagdgegner wÀren auch alle gerne JÀger/Innen! Die haben auch Jagdblut inne Adern drin, genau wie du, Willi! Hab doch Erbarmen mit die Armen. Dat sind Neidhammels.
Leider haben die nich dat nötige Großgeld und keine Zeit fĂŒr son einjĂ€hrigen Lehrgang. Die brauchen auch kein schweret Muffensausen vor dem grĂŒnen Abitur zu haben, so wie du jetz, mein armet Williken.“
Ach, wat war ich froh, dat mir Berta den Traum so beruhigend deutete und aufn Punkt brachte.
Ich hatte wirklich mĂ€chtig Schiss vor der PrĂŒfung. Hoffentlich hielten dat meine Nerven durch!


__________________
Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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