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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Wattebausch
Eingestellt am 24. 04. 2003 18:39


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Muffin
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Wattebausch

Ich wurde den Verdacht nicht los, dass schon der Name von Privatdozent Dr. Puschelwald alles √ľber ihn aussagte. Besser treffen w√ľrde vielleicht nur etwas wie Schleichmichel, weil er in den fensterlosen Raum hinein geschlichen war. Er hatte den Kopf zwischen den Schultern, l√§chelte auf eine unbeschreiblich verkl√§rte Weise und schien alles andere als zurechnungsf√§hig. Er trug ein dunkelblaues Sakko, das ihm auf eine √§u√üerst eigenartige Weise von den Schultern hing und weder vorne noch hinten sa√ü, dazu eine schwarze Hose, ein schwarzes Hemd und eine leuchtend blaue Krawatte. Das sch√ľttere graue Haar stand in alle erdenklichen Richtungen ab und an seinem Hinterkopf hatte sich eine deutlich kahle Stelle gebildet. Er stand da vor uns und wirkte reichlich verloren. Er knetete seine H√§nde und hie√ü uns in seinem Seminar √ľber Goethes Wahlverwandtschaften willkommen. Wenn man die Augen ein wenig zusammenkniff und den Kopf schief legte, sah er dem alten Goethe sogar ein bisschen √§hnlich. Allerdings hatte Goethe wahrscheinlich selten so d√§mlich gel√§chelt.
Die Art und Weise wie er redete, lie√ü uns schon innerlich seufzen. Das mussten wir also das ganze Semester ertragen. Dr. Puschelwald schlich offensichtlich nicht nur in Seminarr√§ume, sondern auch mit seiner Stimme. Er sprach eigentlich nicht wirklich langsam, aber so leise und gleichf√∂rmig, dass man ihn nur so gerade eben h√∂ren konnte, wenn niemand mit Bl√§ttern raschelte oder mit dem Kugelschreiber √ľber das Papier kratzte. Er sprach sogar so leise, dass das Quietschen seiner Schuhsohlen auf dem Lamynahtboden zu laut war. Jeder, f√ľr den das Gesagte an die Grenze des H√∂rbaren stie√ü, war √ľberrascht, dass Dr. Puschelwald noch leiser sprechen konnte. Wenn er auch nur im Entferntesten √ľber Liebe oder zwischenmenschliche Beziehungen sprach, wurde er noch leiser, zog den Kopf (es war anatomisch kaum m√∂glich) noch weiter zwischen die Schultern und l√§chelte wie ein verschmitzter Zweitkl√§ssler, der versehendlich in den M√§dchenumkleiden gelandet war. Uns war gleich klar, dass dieser Mann ein Problem hatte, vielleicht sogar mehr als eines.
Wenn er den Kopf so zwischen den Schultern hatte, wirkte er wie eine ziemlich dämliche Schildkröte, die wohl zu lange in der Sonne gewesen sein musste. Sein Blick hastete unstet im Raum umher und flackerte auffällig oft in meine Richtung. Ich fing an konzentriert auf das leere Blatt vor mir zu starren.
‚ÄěDer Roman war nat√ľrlich ein Skandal, als er erschien, schlie√ülich ging es um Ehebruch,‚Äú schnarrte er verlegen. ‚ÄěIhnen ringt das heute nat√ľrlich nur noch ein m√ľdes L√§cheln ab.‚Äú
Niemand lächelte. Abgesehen von ihm.
Wie ein Tiger im K√§fig wanderte er immer von der einen zur anderen Seite des Raumes und im Quietschen seiner Schulsohlen ging das, was er uns erz√§hlte, fast g√§nzlich unter. Topografische Leitmotive, die Dichte des Romans und mythische Verkn√ľpfungen, alles ein einziger Wirrwarr aus unvollst√§ndigen S√§tzen, die er entweder vergessen hatte zu beenden oder deren Reste im Quietschen der Schuhsohlen untergingen. Mir wurde langsam mulmig. Sein Blick flackerte wirklich erstaunlich oft in meine Richtung. Hatte ich einen Fleck auf der Nase oder warum l√§chelte er immer so verlegen?
Und dann, wir wollten es nicht glauben, wurde er noch leiser. Von dem, was er sich dort in seinen nicht vorhanden Bart nuschelte, konnte man nur ein Wort verstehen. Ottilie. Wenn man den Roman kennt, und das war bei uns der Fall, wei√ü man, dass Ottilie, eine der Hauptpersonen, von Goethe f√∂rmlich verg√∂ttert wurde, als sei er in seine eigene fiktive Figur verliebt. Das, oder etwas √§hnliches musste bei Puschelwald auch der Fall sein. Er lief rosa an und fl√ľsterte fast, wenn er sie erw√§hnte. Er bekam so ein eigenartiges Glitzern in die Augen und l√§chelte noch ein bisschen verkl√§rter. Der arme Mann musste sich in eine Person verliebt haben, die nicht existierte, ja die niemals existiert hatte. Das allein war schon traurig genug, aber jetzt begann er auch noch mir allein den Roman zu erkl√§ren. Er kam zwar nicht auf mich zu, aber er sah nur mich an. Es war als h√§tte der Rest der Studenten pl√∂tzlich den Raum verlassen. Tats√§chlich h√§tte ich in dem Moment nichts lieber getan als eben das. Ich zwang mich seinem Blick stand zu halten und meinen Sitznachbarn nicht be√§ngstigte Blicke zuzuwerfen, doch ich merkte sehr wohl, dass man mich mit skeptischen Blicken musterte. Ich wollte ihm schon sagen, dass ich gar nicht Ottilie hei√üe, als er sich von mir abwand und √ľber etwas v√∂llig anderes referierte. √úber die Zeit. Er erkl√§rte, dass der Hauptmann, ebenfalls eine Figur aus dem Roman, an einer Stelle zugibt, vor lauter Liebe vergessen zu haben seine chronometrische Sekundenuhr aufzuziehen. Besonders interessant, weil er knapp zehn Minuten sp√§ter, ich kann nicht sagen, was dazwischen passiert war, weil sich jemand die Nase geputzt hatte, feststellte, das seine Uhr, wie seltsam, ebenfalls stehen geblieben war. Mein Magen machte einen akrobatischen H√ľpfer und stand eine Weile Kopf und als ich wieder zu mir kam erz√§hlte er mir gerade, dass der Adel zu der Zeit gerne abends zusammensa√ü und d√§mliche Spielchen spielte. Sie stellten zum Beispiel ber√ľhmte Gem√§lde nach und jemand wie ich (er l√§chelte) w√ľrde zum Beispiel die Maria nacharmen und mit einem Kind auf dem Arm genauso posieren, wie die Ikone aus der nahen Kapelle. Ich wollte ihm gerade erkl√§ren, dass ich auch nicht Maria hie√ü, als zwei Studenten aus der letzten Reihe sich erhoben und offensichtlich genug von Puschelwalds Fl√ľstern hatten. Sie schickten sich zum Gehen an und als sie an der T√ľr waren, winkte Puschelwald ihnen fr√∂hlich zum Abschied. Puschelwald erz√§hlte noch ein wenig √ľber Hausarbeiten und Referate, wobei er nur halb so viele Themen f√ľr Referate wie ben√∂tigt anbot und als wir die ersten beiden Abschnitte des Romans lasen, wo Puschelwald nur ab und zu einwarf, welches Motiv gerade angesprochen war, klingelte pl√∂tzlich ein Handy, das wie √ľblich erst einmal ignoriert wurde und erst nach dem f√ľnften Klingeln von einem hochroten Kopf ausgedr√ľckt wurde. Der rote Kopf murmelte eine zaghafte Entschuldigung, doch Puschelwald schien das gar nicht zu st√∂ren.
‚ÄěOh, der Anrufer will mir sicher sagen, dass ich Schluss machen soll,‚Äú l√§chelte er und beendete damit seine Sitzung. Puschelwald, da bin ich mir jetzt sicher, ist ein rosa Puschentr√§ger mit Puschelhasen, dem der Name Wattebausch auch perfekt stehen w√ľrde.


__________________
Denken ist allen erlaubt;
vielen bleibt es erspart.
(Curt Goetz)

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Rainer
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hallo muffin,

was willst du uns mit deinem text sagen?
eine kleine episode aus dem aufreibenden gremanistikstudentenleben: studentin von trotteligem seminarleiter fast zu tode gelangweilt, aber dann klingelte rettenderweise ein handy?

als zeitgeistskizze der gesättigten studentenschaft nicht schlecht, aber auch ein interessantes psychologisches portrait deiner prot.
bevor ich jetzt dich mit deiner prot verwechsele, w√ľrden mich deine intensionen den text zu ver√∂ffentlichen interessieren.

noch eine kleine anmerkung zur rechtschreibung.

der lamynahtboden wird √ľbrigens nicht aus lamy`s zusammengen√§ht, sondern durch laminieren hergestellt...


viele gr√ľ√üe

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Muffin
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Hallo Rainer,

also Laminatboden, so wie ich es zu erst geschrieben hatte. So kann einen das Rechtschreibprogramm von Word linken. Ich werde ihm in Zukunft (versprochen) nicht mehr blind vertrauen.


Zu Deinen Fragen:

Was wollte ich mit diesem Text sagen?

Also ich wollte mit Sicherheit nicht sagen, dass alle Dozenten in der Germanistik langweilig sind. Der Text ist ja auch eher ein kleiner spezieller Ausschnitt.

Es ist eher eine Studie. Eine Charaklterstudie. Damit ist der Text hier vielleicht im falschen Forum, das geb ich zu, in der Schreibwerkstatt wäre er wohl besser gekommen.

Warum ich ihn veröffentliche?

Vielleicht damit mich jemand dar√ľber aufkl√§rt, wie man Laminatboden schreibt
Nein, mal im Ernst, ich will ja auch was lernen und lernen kann man nur, wenn man es anderen zeigt und die einem sagen, wie sie es finden. Das ist der Grund, warum ich es hier veröffentliche.
Außerdem fand ich den Text ganz unterhaltsam (uuuhaaa, Eigenlob stimmt).

liebe Gr√ľ√üe

Sarah

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