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Leselupe.de > Kurzprosa
Weg in die Freiheit - Ein Brief
Eingestellt am 08. 01. 2005 12:56


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hwg
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Lieber Jonathan!
Das ist mein Abschiedsbrief an Dich. Ich wei├č, dass er Dich nicht mehr erreichen wird.
Gestern habe ich erfahren, du hast Dir das Leben genommen. Deshalb ist dieser Brief ein Selbstgespr├Ąch. Mein Versuch, mir etliches von dem, was zwischen uns gelaufen ist, von der Seele zu schreiben.

Es war im Taxi, als ich den Brief Deiner Schwester las. Ich war unterwegs nach Graz-Andritz, zwei Stra├čen weit entfernt von der Wohnung, in der wir vor Jahren f├╝r einige Wochen gemeinsam gelebt hatten. Ich begriff die Nachricht, konnte jedoch nicht darauf reagieren. Irgendwas blockte jedes Gef├╝hl ab. Und erst langsam gestand ich mir ein, dass Dein Tod mich auch erleichterte. Ich wurde bei diesem Gedanken rot. Warum f├╝hlte ich mich entlastet? Wir hatten uns doch auch gern gehabt. Ich horchte in mich hinein. Aber kein Gef├╝hl der Trauer kam auf.
So landete ich bei meinen Autorenkollegen. Wir wollten zusammen die Ausgabe der neuen Literaturzeitschrift besprechen. Ich sagte zu ihnen: "Ihr m├╝sst mir helfen. Ein Freund von mir hat sich umgebracht. Ich kann aber nichts empfinden."
Ich streckte mich auf dem Sofa aus, Klaus legte seine Hand auf meine angespannte Bauchdecke. Und mit der Zeit kam hoch, was ich jahrelang runtergeschluckt hatte - Hassgef├╝hle, die ich mir aus schlechtem Gewissen nie eingestand.

Du hattest die Schuldgef├╝hle anderer in Deine Lebensf├╝hrung eingeplant. Vor drei Jahren war es, als Du Dir wieder einmal die Pulsadern aufgeschnitten hattest. Du warst im Spital gelandet. Und damals stellte der Arzt Deine Schwester vor die Alternative: "Entweder Sie nehmen ihn mit nach Hause oder ich muss ihn in die Psychiatrie ├╝berweisen." Die Entscheidung f├╝r uns, bei unserer Sympathie f├╝r Deine Schwester, unserem politisch linken Anspruch und unserer Kenntnis der Situation auf der psychiatrischen Abteilung war klar. So kamst Du in unsere Wohngemeinschaft.

Du warst keine Zumutung. Du konntest weich und offen sein. Du warst intelligent und verstandest, Dich und Deine Heimvergangenheit beredt darzustellen. Skepsis und Kritik kamst Du oft durch Deine Selbstkritik zuvor. Und Du hattest ein Arsenal an Techniken, Dich und uns ├╝ber den Ernst Deiner Situation hinwegzut├Ąuschen. Deine Alkohol- und Tablettenabh├Ąngigkeit hatte ich erst viel sp├Ąter so richtig kapiert. Klar! Ab und zu kamst Du besoffen nach Hause. Und einmal musste ich Dir auf dem Boden meines Zimmers das Messer wegnehmen, da Du Dich wieder einmal verst├╝mmeln wolltest. Es war Deine M├Âglichkeit, uns alle zu bannen. Es war Dein Stolz, der Dir nicht erlaubte, Dich so zu sehen, wie Du nun mal warst: Einsam, lebensunfroh und von der Zuneigung anderer abh├Ąngig.

Du hattest Recht: Auch ich habe Jahre gebraucht, um meine Schw├Ąchen mir einzugestehen und mich anderen zuzumuten. Aber Du konntest Dich in Verachtung fl├╝chten. Gingst auf den Strich. Sonntest Dich in der materiellen Gro├čz├╝gigkeit ├Ąlterer Liebhaber, um Dich nach einer Weile wieder auf Dich selbst zur├╝ckzuziehen. Aus solchen R├╝ckz├╝gen entstanden die Bilder, die viel von Deiner Sehnsucht nach W├Ąrme und Anerkennung verrieten. In solchen Situationen kamst Du ins Schw├Ąrmen. Erfuhr ich die rosigen Zeiten des Heimes, Deine Freundschaft zu Jungen, in die Du Dich verknallt hattest, aber weiter den rauen Typen spieltest. Was ich bei Theresa, einem Strichm├Ądchen, mitbekommen hatte, traf auch f├╝r Dich zu. Nur eine Liebesbeziehung zu einem Gleichaltrigen oder J├╝ngeren h├Ątte Dich vielleicht retten k├Ânnen. H├Ątte Dir den Schonraum gegeben, Verbindlichkeit und Verantwortung zu lernen.

Aber da waren ja wir, die schon aus Schuldgef├╝hlen wegen unserer priveligierten Herkunft immer zu Mitleid bereit waren. Die Dir nur begrenzt Widerstand leisten konnten. Da waren Deine Selbstmordversuche, die uns hinderten, voll zu unseren Gef├╝hlen zu stehen. So dass sich die Wut, die Entt├Ąuschung, der Hass sich nur untergr├╝ndig Bahn verschufen. Und diese unausgelebten Gef├╝hle verdr├Ąngten mit der Zeit die positiven Wahrnehmungen. Du hattest auch diesbez├╝glich Recht: Ich habe mich nicht nur Dir gegen├╝ber verklemmt verhalten, sondern mich in den meisten meiner Beziehungen angepasst, ja sogar unterworfen. Du hast mir zu bitteren Einsichten ├╝ber mich verholfen. Weil ich nicht zu mir stand, konntest Du mich ausbeuten. Ich forderte Dich geradezu heraus, und ich belog mich, indem ich meinen Hass verdr├Ąngte und Dir die moralische Schuld zuschob. Wie viele Freundschaften laufen nach dem gleichen Gesetz ab und kommen ├╝ber das Moralisieren nicht hinweg? Es war f├╝r mich wichtig, den Sprung aus dieser Wohngemeinschaft zu schaffen. Zu viele Tabus und eingefahrene Beziehungen gab es, ├╝ber die wir uns gegenseitig mit lehrhaften Rationalisierungen zu t├Ąuschen versuchten.

Als Ausgleich f├╝r meinen Auszug schlug ich dir vor, mit mir nach Italien zu fahren. Ich freute mich auf Venedig. Du hattest Recht - mein Verhalten war dem├╝tigend. Du konntest kaum das Hotelzimmer verlassen. Dein K├Ârper brauchte den t├Ąglichen Alkoholspiegel. Du warst ein alter, zittriger Greis, den der kleinste Stiegenaufgang zum Japsen brachte. Und da war ich - den nicht zuletzt Deine Sinnlichkeit, die in Deiner Aggressivit├Ąt ├╝berlebt hatte, noch immer anzog. Aber ich konnte einem Kranken nicht die erforderliche W├Ąrme und den notwendigen Schutz geben. Und so lagen wir in unserem Hotelzimmer auf dem gro├čen Bett regungslos nebeneinander und sahen tatenlos zu, wie der Abgrund zwischen uns zunahm. Ich war erleichtert, als Du selber den Entschluss fasstest, zur├╝ckzufahren. Das gab mir ein gutes Gewissen. Denn ich sah meinen Urlaub gef├Ąhrdet. Ich wollte nach dem L├Âsungsprozess der letzten Wochen endlich Ruhe trinken, keine Probleme haben... Ich war unf├Ąhig, auf Deine W├╝nsche einzugehen. Und doch - wie wichtig w├Ąre es f├╝r Dich gewesen, zu erfahren, dass ich Lust auf Dich hatte.

In Wien h├Ârte ich dann lange Zeit nichts von Dir. Ich brauchte lange, um zu erfassen, dass das Gef├Ąngnis Dir etwas Positives bedeutete. Ein Erholungsheim, das Dir alle Verantwortung f├╝r die Alltagsbew├Ąltigung abnahm. Manfred besorgte Dir dann den Platz auf der Baumgartnerh├Âhe. Aber bevor Du die Entziehungskur antratest, machtest Du erneut einen Fluchtversuch. Lena fand Dich - blut├╝berstr├Âmt. Sie war im siebenten Monat schwanger. Was h├Ątte alles passieren k├Ânnen! Wie leichtfertig Du mit der Lebenslage anderer umgingst! Dann das Problem - was passiert nach dem Entzug? Die Wohngemeinschaft lehnte es ab, Dich wieder aufzunehmen. Deshalb schlug ich Dir vor, vor├╝bergehend bei mir zu wohnen. Wie unrealistisch ich meine M├Âglichkeiten einsch├Ątzte! Doch wir zogen wieder zusammen. Ich wollte dir noch eine Chance geben. Dich nicht durch mein Vorurteil in alte Bahnen zur├╝ckdr├Ąngen. Und Du konntest alles, was Du unternahmst, begr├╝nden. Und das mir gegen├╝ber, der ich jahrelang an die Magie der Worte geglaubt habe. Warum sollte sich einwenden, dass Dir ein Glas Bier nicht bekommt? Sp├Ąter schrieb ich f├╝r Dich das M├Ąrchen von dem Mann, der sich ein Pfl├Ąnzchen anschafft, es regelm├Ą├čig gie├čt und es wuchern und wuchern l├Ąsst, bis die Pflanze ihn beherrscht und auffrisst. Um mein Vertrauen zu signalisieren, lie├č ich mich ausnehmen und hatte Angst, an Dir die N├Ąchstenliebe zu bek├Ąmpfen. Und wie sollte ich auch Einfluss aus├╝ben? Wenn ich Dir auf die Nerven ging, gingst du weg. Ich hatte keine Lust, die Stra├čen abzuklappern, die Bars in der Nachbarschaft. Also ├╝bersah ich die R├╝ckf├Ąlle, die Diebst├Ąhle. Das Sozialamt zahlte. Somit bestand kein Grund f├╝r Dich, aus Deinem Verhalten auszubrechen. Du fandest Dein Leben lang Menschen, die sich f├╝r Dich einsetzten: Deine Schwester, Manfred, manche Deiner Liebhaber, ich. Und die Sozialarbeiterin. Mit der Zeit gewann ich diese geduldige, m├╝tterliche Frau lieb. Und wir r├╝cksichtslos Du mit ihr umsprangst. Manfred schaffte es endlich endg├╝ltig, mich Dir gegen├╝ber auf Konfliktkurs zu steuern. autorit├Ąr vorzugehen.

Du aber konntest Dich jederzeit entziehen. Als Deine Sozalhelferin und ich herausbekamen, dass Du innerhalb kurzer Zeit an die eintausend Euro die Kehle runtergeschickt haben musstest, platzte mir der Kragen. Ich ohrfeigte Dich heftig. Polizisten holten Dich ab, Du musstest wieder ins Gef├Ąngnis. Zwei Monate sp├Ąter konntest Du mir gegen├╝ber schon wieder den tollen Typen mimen. Die endg├╝ltige Trennung stand allerdings fest.

Nun hast Du Dich f├╝r den totalen Abgang entschieden. Du bist der Dritte unter meinen Freunden. Ich aber kann mich nicht durch Schuldgef├╝hle l├Ąhmen lassen. Ich gehe meinen Weg weiter. Ich wei├č, meine Tr├Ąnen erreichen Dich nicht. H├Ârst Du wenigstens ├╝ber den Wolken die Scherben? Land in Sicht, singt der Wind in mein Herz. Die lange Reise ist vorbei. Morgenluft weckt meine Seele auf. Ich lebe wieder und bin frei!
Hannes
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-hwg-

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