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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Weihnacht 49
Eingestellt am 13. 12. 2005 16:56


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flying theo
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2005

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Weihnachten 1949

Es war wirklich noch ein Winter, damals, 1949. In den Tagen vor Weihnachten hatte es Schnee. Echten Schnee! Keinen nassen, weißen Baaz wie heute, der schon nach 10 Minuten auf den Straßen und Wegen zu grauem Schlamm mutiert. Nein, Schnee, mit dem dazugehörigen Frost. Damit wir Kinder auch wirklich Spaß daran haben konnten.
Und so schickte Mutter meine Schwester und mich am Nachmittag des hl. Abends zur "schönen Aussicht", zum Schlittenfahren. Damit wir aus dem Weg waren. FĂŒr mich
war es ein Heidenspaß. FĂŒr meine neunjĂ€hrige Schwester weniger. Die hatte den Auftrag, auf ihren Bruder aufzupassen.
Eine grĂ¶ĂŸere Strafe kann es fĂŒr eine Ă€ltere Schwester wohl kaum geben. Sie schaffte es trotzdem, mit ihren gleichaltrigen Schulkameradinnen Spaß zu haben. Wie ? Ganz einfach: Sie hat mich völlig vergessen. Was mich aber nicht gestört hat. Eine nörgelnde, kommandierende Ă€ltere Schwester ist auch nicht die reine Freude.

Um diese Jahreszeit fĂ€ngt es schon kurz nach Drei an zu dĂ€mmern – was wir garnicht bemerkt haben. Bis es mir glĂŒhend heiß in den Sinn fuhr: ‚heut kommt ja
s’ Christkindl!’ Und so machte ich mich auf die Suche nach meiner Schwester.
Das war in dem GetĂŒmmel dort an den HĂ€ngen der Schönen Aussicht fĂŒr einen FĂŒnfjĂ€hrigen keinesfalls einfach. Durch hĂŒfthohen Schnee stapfend war ich bald ein rotzglocken heulendes, verzweifeltes HĂ€ufchen Elend. Nichts, worĂŒber meine Schwester, an die ich von anderen „Wintersportlern“ weitergereicht wurde, sich hĂ€tte freuen können.

Inzwischen hatte ich nĂ€mlich auch bemerkt, dass ich vom Balgen und Kugeln im Schnee durch und durch nass geworden war. Wir wussten nichts von „Gore-Tex“ und die wĂ€rmende Wolle der drei selbst gestrickten Pullover, die ich ĂŒbereinander trug, nutzte auch nichts mehr, wenn sie vom tauenden Schnee durchnĂ€sst war. So packte mich meine Schwester auf den Schlitten und zog mich heimwĂ€rts. Als ihr mein Greinen schließlich zu viel wurde, ĂŒberkam sie eine geniale Idee: Sie hat mir erklĂ€rt, dass justament jetzt das Christkind unterwegs wĂ€re um die Kinder zu beschenken. Und wenn wir genau aufpassten könnten wir es vielleicht, samt seinem goldenen Schlitten erspĂ€hen.
Im selben Augenblick waren KĂ€lte und Hunger vergessen. Kein Haus, keine Straße und kein Winkel, den ich nicht aufs SchĂ€rfste beobachtet und kontrolliert hĂ€tte.
Und ich schwöre noch heute, dass ich am SpÀtnachmittag dieses heiligen Abends mindestens dreimal das Christkind, samt goldenem Schlitten, grade eben um eine Ecke habe wischen gesehen.

Es war abgemacht, dass wir nicht direkt nach Hause, sondern zunĂ€chst zur Oma, die im Nachbarhaus wohnte, kommen sollten. Dort in der KĂŒche war es bullernd warm.
Im Herd knackte und prasselte ein tĂŒchtiges Feuer. Ich wurde auf eine alte Decke gestellt und aus meinen nassen Sachen geschĂ€lt. Danach krĂ€ftig abgerieben bis meine Haut glĂŒhte.
Schließlich in trockene warme Sachen gesteckt kam auch meine Ungeduld wieder. „Nein“, so wurde mir erklĂ€rt, „ihr könnt noch nicht nach Hause, weil dort gerade jetzt das Christkind ist.“ Und wenn wir das Christkind samt seinen
Engeln ĂŒberraschen wĂŒrden, dann kĂ€me es nie mehr zu uns! So saßen wir bei einem heißen Tee zusammen, bis uns die Großmutter nach Hause schickte. Hierher, so wurde uns bedeutet, kam das Christkind erst spĂ€ter. Bei der Oma sollten wir dann am Weihnachtsmorgen wieder vorbei kommen.
Der Opa hockte wĂ€hrend des ganzen Geschehens in seiner Ecke, brummelte ab und an irgend etwas UnverstĂ€ndliches und hĂŒllte sich ansonsten in die beißenden Wolken der Stumpen, die er – in kurze StĂŒcke geschnitten – in seiner alten Pfeife abbrannte.
Der knirschende Schnee unter unseren FĂŒĂŸen war uns wie glĂŒhende Kohlen. So hetzten wir nach Hause. Vielleicht erhaschten wir wenigstens noch einen Blick auf den Mantelzipfel eines Engels ? Oder den Widerschein des leuchtenden Schlittens erwischen ?
Es konnten nur Augenblicke sein, die wir zu spÀt gekommen waren. Die himmlische Gesellschaft musste in höchster Eile gewesen sein. Denn auf der Treppe zu unserer Wohnung entdeckte ich etliche Engelhaare, die ich meiner Mutter triumphierend entgegen hielt.
FĂŒr mich blieb die Bescherung eine Geschichte, die das arme Christkind in höchster Eile absolvierte. Was mir meine Mutter auch beeindruckend zu erklĂ€ren vermochte. Es waren ja wirklich viele Kinder, die das Christkind an diesem Abend besuchen musste und so fanden sich auch jedes Jahr Engelhaare auf der Treppe.

Heute ist kaum noch vorstellbar, was es fĂŒr meine Mutter hieß, ein Geschenk fĂŒr uns zu beschaffen. Wenn ich mich recht erinnere, bezog sie damals die Rente einer
Kriegerwitwe in Höhe von 60 Mark im Monat. In diesem Jahr war „das Christkindl“, wie wir unser Geschenk auch nannten, nicht so der Hit.
Das heißt, fĂŒr mich schon! Nicht aber fĂŒr die restliche Umwelt. Meine Mutter hatte fĂŒr mich eine Trommel ergattert. Eine Trommel aus Blech! Ich war begeistert. Aber da war ich auch der Einzige. Und auch nicht lange. Nachdem meine Mutter diese Begeisterung eine halbe Stunde ertragen hatte, und ich mit meine Rhytmen auch nicht aufhören wollte, ist sie kurzerhand auf diese Blechtrommel getreten.
Ich war zwar vorĂŒbergehend ein heulendes Elend. Aber so ist mir wenigstens das Schicksal des Grass’schen Blechtrommlers erspart geblieben

__________________
Theo Auer

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Kejacothie
Festzeitungsschreiber
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Ich bin ganz interessiert auf Deine Geschichte losgegangen, mich reizen Kindheitserinnerungen.

Die Geschichte kann schön werden, wenn Du sie lebendiger gestaltest. Lass den Jungen plastisch werden, er erlebt doch so viel. Die Schwester, wie sieht sie aus, wie bewegt sie sich, wie Ă€ußert sich ihr Unmut, dass sie ihren kleinen Bruder mitnehmen muss.

Meine Schwester hat mir frĂŒher immer einen Vortrag gehalten, wenn sie mich hĂŒten musste:

WÀr ich froh, wenn es dich nicht gÀbe. Du kannst mir gestohlen bleiben, immer muss ich dich mitnehmen. Andere Kinder bleiben wo sie hingehören, nur du willst immer mit......
Lass Dich und Deine Schwester miteinander reden, dann wird es lebendiger. Beschreibe, was Du den ganzen Nachmittag getan hast.
Dadurch bekommt die Geschichte Pepp. Lass Farben entstehen, Augen glĂŒhen, Flocken tanzen usw.

Der Inhalt gefÀllt mir sehr gut, nur die Verpackung stimmt halt nicht.

Kejacothie
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Ich sattle um, werde GĂ€rtnerin und begieße den großen Garten meiner Profil-Neu-Rosen

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bonanza
Guest
Registriert: Not Yet

ich finde im gegenteil, dass der autor dem leser
raum fĂŒr seine phantasien lĂ€ĂŸt. ich dachte automatisch
an meine winter- und schneeerlebnisse als kind.
gut geschrieben ist die geschichte zudem.

bon.

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Kejacothie
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2005

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Hallo bonanza,

ich weiß nicht, an wen sich dein Post wendet, doch nehme ich an, er ist eine Antwort an mich. Ich diskutiere gern kontrovers, doch dann brauche ich Anhaltspunkte, wo im Text ich mich irre. Es freut mich wenn ich dazu lernen kann. Doch wenn wir weiter diskutieren, dann per PN und nicht in diesem Thread.

Kejacothie
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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

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ich

finde die geschichte ganz reizend. realistisch und kindnah.
lg
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Old Icke

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo flying theo,

dein text gefĂ€llt mir, da du den richtigen ton fĂŒr eine solche rĂŒckschau triffst - z.b. die "richtigen" adjektive verwendest, die heute wahrscheinlich nur noch von der generation 60+ gebraucht werden.
Und der kĂŒhne, aber erfreulich kurze bogen zu grass hat etwas.

eine kleine anmerkung:

quote:
UrsprĂŒnglich veröffentlicht von flying theo

...
Wir wussten nichts von „Gore-Tex“...


klingt so, als ob man damals nur nichts davon wusste...


gruß

rainer

__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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