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Leselupe.de > Kurzprosa
Weihnachten?
Eingestellt am 01. 12. 2005 20:29


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Tinka
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Alle Jahre wieder

Ziellos schlendert sie durch die Budenreihen, lässt sich treiben bis sie schließlich am Brunnenrand stehen bleibe. Hier, hinter den Buden, ist es ruhiger. Das lebendige Plätschern des herabfließenden Wassers ist verstummt. Im Winter plätschern keine Brunnen.

Winter.

Auf dem Kalenderblatt stand heute Morgen schon: ‚15. Dezember’. Frühe Dunkelheit nimmt Besitz von den Straßen der Stadt. Schneeflocken fallen nass und schwer aus dem Himmelschwarz unter die Füße der Passanten, um dort achtlos zu schmutzig – grauem Matsch zertreten zu werden. Noch ist ihre Zeit nicht gekommen.
Die Fassade der Alten Apotheke schaut düster auf die festlich blinkenden Lichter im kahlen Geäst der Bäume. Vor der Stadtkirche dreht sich – wie jedes Jahr –ein buntes Kinderkarussell. „Jingle Bells, jingle bells, ...“ und dann “I`m dreaming of a white Christmas...“ erklingt es aus den Lautsprechern. An den kleinen Holzbuden duftet es nach Glühwein und Bratwurst, nach Schmalzkuchen und kandierten Mandeln, nach Bratäpfeln, Honig und – nach Weihnachten.

Heute ist also schon der 15. Dezember – nur noch neun Tage bis Weihnachten. Es wird Zeit!

Weihnachten?

Mit klammen Fingern zieht sie den Notizblock aus ihrem Rucksack. „Leistungskurs Religion – Herr Hethlebem – Thema der Umfrage: Was bedeutet Weihnachten heute für Sie?“, steht als Überschrift auf dem noch unbeschriebenen Blatt Papier.

Eine junge, mit TĂĽten beladene Frau schiebt die Kinderkarre hastig durch das GewĂĽhl.
„Was bedeutet Weihnachten für Sie?“, wendet sich das junge Mädchen noch etwas unsicher an die Passantin.
Diese bleibt kurz stehen, schaut sie verwundert an. „Was? Ich hab keine Zeit! Ach, Weihnachten? Na ja, ich jage schon den ganzen Tag durch die Stadt und habe immer noch nicht alle Geschenke zusammen! Aber einen Weihnachtsmann für die Kleine haben wir schon bestellt. Ist ja auch eigentlich nur noch ein Fest für Kinder. Für mich ist es Stress pur! Na ja, wie schon gesagt, ich habe keine Zeit!“

Zwei Kinder – so etwa dreizehn Jahre alt – bleiben neben ihr stehen um hier abseits des Gedränges in aller Ruhe gemeinsam den Inhalt einer großen Tüte Schmalzkuchen zu vertilgen.
„Was bedeutet Weihnachten für euch?“, fragt sie die beiden.
Der Junge schaut verlegen zu Boden. Das Mädchen leckt sich den Puderzucker von den Fingern.
„Is’ doch prima! Hab mir `n geiles, neues Fahrrad, ’nen Laptop und massenhaft CDs und DVDs gewünscht. Ich hoffe nur, meine Eltern kriegen das gebacken. Und am 25. geht’s ab nach Tirol. Ski fahren. Letztes Jahr sind wir mit’m Flieger auf die Balearen. Also, ich find’ Weihnachten echt geil!“
„Und du?“, fragt sie den Jungen.
Sein Blick sucht noch immer Deckung im grauen Schneematsch zu seinen Füßen. Ohne aufzusehen beginnt er leise: „Weihnachten is’ Mist! Meine Ma macht sich vorher nur Stress mit Backen und Kochen und Schmücken und so. Heilig Abend macht sie dann auf Harmonie und heile Familie - und mein Pa is’ nachmittags schon besoffen. Dann gibt’s Zoff – wie immer. Ich bin froh, wenn’s vorbei ist!“
Trotzig sieht er mich an. „ So ist das nämlich - und nun komm, Lisa!“

Eine Schneeflocke hat sich auf den Ă„rmel ihrer Winterjacke gesetzt, fĂĽr Augenblicke ein filigranes Kunstwerk, dann bleibt nur noch ein dunkler, nasser Fleck.

„Was bedeutet Weihnachten für Sie?“, fragt sie ein Paar mit zerrissener Kleidung, bunten Haaren, einen stämmigen, gefleckten Hund an der Leine.
„Weihnachten is doch voll Scheiße, ej! Hab’n se da nich Jesus ans Kreuz genagelt oder irgend so was? Na, egal, wir machen dies Jahr jedenfalls ’ne geile Fete, ej, nix da mit Weihnachtsbaum und verlogener Gefühlsduselei und so, da geht echt die Post ab. Kannst auch kommen, Alte.
Und wenn de vorher schon mal was Gutes tun willst: Haste vielleicht ’n bisschen Kleingeld über?“
Sie schĂĽttele verdutzt den Kopf.
Der junge Mann legt den Arm um die Schulter seiner Begleiterin, wendet sich dem Hund zu: „Komm, Schrott,“ und schon gehen die drei weiter ihren Weg.

Eine alte Frau schiebt sich energisch, wenn auch mit etwas unsicheren Schritten durch die Menge. WeiĂźes, schĂĽtteres Greisinnenhaar, am Hinterkopf zu einem strengen Knoten zusammengefasst, umgibt das breite, von vielen Falten gezeichnete
Gesicht. Lachfalten, Kummerfalten, – Lebensfalten. Solch ein Gesicht muss etwas zu erzählen haben!
„Was bedeutet Weihnachten für Sie?“
„Wehnachten, ach weeste Kindchen“, sie bleibt stehen, blickt nachdenklich auf das geschäftige Gedränge zwischen den Buden und fährt dann fort:“ Weeste, früher da wa det noch richtich jut! Imma jenau am 1. Dezemba, da ham wa mit Mutta inna Wohnküche Kekse jebacken, wia alle neune. Manchmal jabs von Mutta ens uff de Foten, naschen jabs nich, wa ja nich ville da, na ja. Aba da wa wat los, kannste ma glooben! Schpaß ham wa jehabt und det hat jeduftet! Ja, so jing det mit Wehnachten imma los.
Die Janz kricht’n wa jedet Jah von Onkel Paule. Dafür durft’a dann mitessen. Vatta sachte immer: `Ne jute jebratene Janz is ne jute Jabe Jottes!` Recht hatt’a jehabt!
Ville Jeld ham wa nich jehabt und och nich ville Platz – Wedding, zweeter Hof Seitenflüjel, aba det machte uns nischt aus. Wa ebn so.
Een Jah reichtet det Jeld nich ma füan Boom. Da hat Vatta Muttas Besen jenomm und Löcher inn Schtil jeboat. Wat hat Mutta da jezetat.“
Ein Lächeln huscht über das alte Gesicht.
„Dann sind wir Jören losjezogen und ham Tannenzweije – ik sach mal – jesammelt. Die hat Vatta denn in de Löcher vom Besenstil jesteckt und fertich war een dufta Wehnachtsboom. Werd ik nie vajessen!
Meist sind wa och zusammen inne Kirche jejangen, ohne Vatta, der passte lieba uff de Jans uff – hatta jesacht - !
Jeschenke jab’s dann och. Nich ville aba für jeden
wat: ’n Hopseseil, ’n Buch, ’n Ball oda waame Socken.
Denn jab et die Janz mit Rotkraut oda mit Erbspüree. Wir ham jefuttert und jelacht und Onkel Paule hat Jeschichten erzählt und Muttern hatt’n manchma jiftig anjekuckt wejen det, watt’a erzählt hat.
Aba: Jemütlich war det, man fühlte sich so richtig jeboojen, wie in ’nem warmen Nest.
Naja, hat sich ville jeändat! Wat soll’s, habe eijentlich ja och keene Zeit zum Quasseln, suche Jeschenke für meene Enkel. Die wünschen sich Spiele fürn Gäjmboj. Habns mia jenau uffjeschrieben, aba ik find so wat nich, ik find’s einfach nich.“
KopfschĂĽttelnd geht sie weiter.

Ein junger Mann hastet durch die Menge, braungebrannt, sportlich, gut gekleideter, das Handy in der Hand.
„Was bedeutet Weihnachten für Sie?“
„Was? Ach, Weihnachten! Alles Humbuk! Brauch’ ich nicht! Oder glauben Sie etwa noch an den Weihnachtsmann?“ Und schon ist er zwischen den Buden verschwunden.

Ein älterer Herr kommt mit leeren Händen aus dem Buchladen an der Ecke. Seine Kleidung ist von altmodischer Eleganz: grauer Filzhut, Wollmantel, Weste, die Krawatte unter dem weinroten Kaschmirschal fast verborgen, Hose mit Nadelstreifen, Wildlederschuhe.
„Was bedeutet Weihnachten für Sie?“
„Ach wissen Sie, Weihnachten ist nichts mehr für mich. Früher, als meine Frau noch lebte, da war es immer so richtig gemütlich, so warm von außen und von innen, falls Sie verstehen, was ich meine.
Abends, wenn die Kinder im Bett waren, haben wir beide zusammen überlegt, mit welchen Geschenken wir ihnen eine Freude machen könnten. Nur Kleinigkeiten, aber von Herzen. Und Trude hat dann alles liebevoll verpackt, mit Schleifen und kleinen Tannenzweigen. Auch die Kinder hatten in dieser Zeit ihre Geheimnisse, haben gebastelt und gewerkelt. Die ganze Wohnung duftete nach Keksen, frisch gebrühtem Kaffee, nach Gänsebraten mit Rotkohl, nach Tanne und Kerzen. Wir haben zusammen gesessen, haben gesungen – Trude konnte recht gut Klavier spielen – und ich habe vorgelesen.
Aber nun ist Trude schon sechs Jahre tot und die Kinder kommen auch nicht mehr. Haben doch inzwischen ihren Job, die eigenen Familien und - keine Zeit. Kann man ja verstehen – oder? Ich brauche nicht mal mehr Geschenke zu kaufen! Die wünschen sich alle nur noch Geld. Also, Weihnachten ist kein Fest mehr für mich!“

„Es ist für uns eine Zeit angekommen...“ bimmelt Glockengeläut.

Die Zeiger der Kirchturmuhr zeigen, dass bereits eine Stunde vergangen ist. Hastig steckt sie ihren Notizblock zurück in den Rucksack. Ihr fröstelt. Schutzsuchend schlingt sie den Schal enger um den Hals, vergräbt ihre klammen Hände tief in den Taschen und folgt dann dem Menschenstrom in die Wärme des Einkaufszentrums - schließlich muss sie noch Weihnachtsgeschenke kaufen!

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Marius Speermann
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Ist mir ein bisserl zu offensichtlich moralisch. Vor allem im letzten Satz finde ich die Worte "setzte nachdenklich ihren Weg fort" ein bisserl abgelutscht.

Marius

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Tinka
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Hallo Marius,
eine Kritik wie die deine habe ich erwartet!
Der Text sollte aber nicht moralisierend sein, sondern gerade durch seinen gewollt plakativen, klischeehaften Inhalt zeigen, dass Weihnachten zum stressigen Kommerz-Fest mutiert ist und der ursprüngliche Sinn inzwischen völlig in den Hintergrund gedrängt wurde.

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Marius Speermann
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Aber genau das ist doch moralisierend, oder nicht? Damit verpufft doch ein bisserl der Effekt, den Leuten die Botschaft zu überbringen. Ich habe nach dem zweiten Befragten abgeschaltet, weil dann ja eigentlich nix mehr Neues kommt, keine überraschende Wendung, die mich eigentlich erst wirklich zum Nachdenken bringt. Wenn mal dazwischen jemand wäre, für den das noch das bedeutet, was es ist, dann ja.

Und wenn Du die Leser zum Nachdenken anregen willst, dann darfst Du das nicht machen, indem Du eben solche Sätze zum Schluss verwendest, wie ich sie bereits zitiert habe. Das klingt so ein bisserl nach "...meine Heldin ist jetzt nachdenklich geworden, jetzt bitte, lieber Leser, Du aber gefälligst auch..."
Das muss man doch raffinierter aufziehen und nicht so schwarz-weiss/gut-böse.

Marius

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Tinka
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Hallo Marius,
habe lange über deine Kritik nachgedacht - wenn es um meine (geistigen) Kinder geht bin ich manchmal etwas störrisch.
Aber: du hattest mit dem letzten Satz Recht! Bisschen zu viel "Eiteitei" und "heile Welt".
Habe ihn geändert und wäre an deiner Meinung interessiert.
GruĂź Tinka

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Marius Speermann
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Ist nun viel besser, finde ich ;-)
Ăśbrigens geht's mir mit meinen "Babies" genauso...

Marius

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