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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Weihnachten 1948 (aus der Schreibwerkstatt)
Eingestellt am 31. 10. 2001 12:28


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Willi Corsten
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Weihnachten 1948
von Willi Corsten

Drau├čen fiel der erste Schnee. Mein Bruder und ich sa├čen am K├╝chentisch und machten Hausaufgaben. Nach einer Weile legte der Kleine den Griffel zur Seite und sagte: ÔÇ×Was gibt es diesmal wohl zu Weihnachten? Sicher wieder einen Pullover oder ein Hemd, vielleicht auch ein Paar neue Schuhe.ÔÇť
ÔÇ×NeinÔÇť, antwortete ich, ÔÇ×Schuhe bestimmt nicht, denn die m├╝ssten wir ja vorher anprobieren, weil wir doch so schnell aus den Sachen herauswachsen. Als Geschenk sind sie auch viel zu teuer.ÔÇť
ÔÇ×Stimmt! Wir waren ja gar nicht beim SchusterÔÇť, sagte mein neunj├Ąhriger Bruder und beugte sich wieder ├╝ber seine Schiefertafel, jenes zerbrechliche Ding, das wir zum Rechnen und Schreiben benutzten.
Seine Antwort erinnerte mich an die kleine Werkstatt des Schuhmachermeisters. Interessiert hatte ich mich dort umgesehen. An der Wand hingen Stiefelspanner, Leistenhaken, Pechdraht, Flachraspel, Ahle, Gl├Ąttholz, Fu├čma├č und Bei├čzangen, und auf den Regalen standen ÔÇô fein s├Ąuberlich an den Schn├╝rsenkeln verknotet ÔÇô ein halbes Dutzend Schuhe, die noch repariert werden sollten. Der Meister arbeitete mit flinker Hand an einem Stiefel, den er vor sich auf den Dreifu├č gest├╝lpt hatte. Er nickte uns freundlich zu, nahm seine Brille ab und sagte: ÔÇ×Der Junge braucht also was neues zum Laufen.ÔÇť Dann stand er auf, r├╝ckte die gr├╝ne Sch├╝rze zurecht und schlenderte hin├╝ber in den Verkaufsraum.
Als wir die passenden Schuhe gefunden hatten, kramte Mutter zehn Mark aus dem Portemonnaie, legte den Schein auf den M├╝nzteller und erkl├Ąrte: ÔÇ×Wir kaufen dieses Paar, holen es jedoch erst ab, wenn der Rest bezahlt ist.ÔÇť
So war halt meine Mutter. Woche f├╝r Woche trug sie nun einen F├╝nfer zum Schuster, und erst wenn der letzte Pfennig beisammen war, durften die neuen Schuhe getragen werden, aber vorerst nur an Sonn- und Feiertagen. Und Fu├čball spielen durften wir damit schon gar nicht!
Nein, Schuhe gab es Weihnachten also nicht, das war klar. Doch warum sollte ich mir auch Gedanken dar├╝ber machen, denn als Kind - ich war damals zehn Jahre alt - freute man sich nat├╝rlich mehr ├╝ber Sachen, mit denen man spielen konnte. Ein Ball zum Beispiel w├Ąre etwas Feines. Der Nachbarjunge hatte zum Geburtstag einen richtigen Fu├čball bekommen und im Handumdrehen viele Freunde, weil jeder einmal mitspielen wollte.
Aber von so einem Geschenk konnte ich nur tr├Ąumen, denn daf├╝r hatte das Christkind bestimmt kein Geld. Ich ├╝berlegte, wie das im letzten Jahr gewesen war. Schon Tage vor dem Fest durfte keiner mehr in die gute Stube gehen, weil dort die Bescherung vorbereitet wurde. Wenn sich auch erste Zweifel regten, ob es den Nikolaus, den Osterhasen und das Christkind wirklich gab, glaubten wir dennoch daran, denn die Eltern hatten es ja erz├Ąhlt. Einmal schlichen wir nachts zur Zimmert├╝r, aber sie war verschlossen. Auf dem Weg zur├╝ck ins gemeinsam benutzte Bett stand Vater pl├Âtzlich vor uns und schimpfte geh├Ârig.
Bei der Bescherung gab es ein paar S├╝├čigkeiten. Eifers├╝chtig z├Ąhlten wir nach, ob nicht einer mehr als der andere bekommen hatte. Wir teilten uns die Kostbarkeiten sorgsam ein und verl├Ąngerten so die weihnachtliche Zeit bis in den Februar. Mehr als ein Bonbon am Tag naschen war Verschwendung. Wir schlossen Wetten ab, und wer seinen Vorrat am l├Ąngsten aufsparte, hatte gewonnen. Tag f├╝r Tag kontrollierte jeder seinen Teller und es gab den sch├Ânsten Streit, wenn sich einer am fremden Eigentum vergriffen hatte.
Die Tage bis zum Weihnachtsfest eilten dahin. Am Heiligen Abend wurde die T├╝r zur guten Stube ge├Âffnet. Unter kunstvoll bemaltem Felsenpapier stand die alte, aus Kirschbaumholz gezimmerte Krippe. Hirten waren gekommen, Schafe, Ochs und Esel. Ehrf├╝rchtig schauten sie hinunter auf das Jesuskind und teilten ihre Freude mit Maria und Josef. Der Tannenbaum war festlich mit glitzerndem Lametta geschm├╝ckt. Das Licht der Wachskerzen spiegelte sich lustig im Glanz der bunten Kugeln, die ringsum an den Zweigen hingen. Im Zimmer duftete es nach Brat├Ąpfeln. Unsere Gesichter strahlten vor Freude und Neugier.
Wir sangen das Lied ÔÇÜZu Bethlehem geborenÔÇś und liefen dann erwartungsvoll zu den Tellern. Sie waren gef├╝llt mit Esskastanien, Baumn├╝ssen, ├äpfeln und Bonbons. Eine ganze Tafel Schokolade lachte aus dem Schlemmerparadies hervor. Und P├Ąckchen warteten dort, zwei an der Zahl. Wir entfernten sorgsam das Papier und sahen uns ein wenig entt├Ąuscht an, weil wieder einmal nur Hemden darin steckten. Sp├Ąter entdeckten wir ein weiteres Paket, das hinter der Krippe versteckt war. Ein Geschenk f├╝r beide gemeinsam. Wir ├Âffneten es neugierig ÔÇô und heraus kullerte ein kleiner, bunter Gummiball.
Tagelang spielten wir mit dem Ball, wagten jedoch nicht ein einziges Mal, das kostbare Geschenk mit dem Fu├č zu ber├╝hren. Irgendwann kullerte der sorgsam geh├╝tete Schatz in einen Stacheldrahtzaun und hauchte langsam sein Leben aus. Wir versuchten das Loch mit einem Heftpflaster abzudichten, versuchten es mit Alleskleber und mit Kaugummi, doch alle M├╝he war vergebens. Der Traum vom best├Ąndigen Gl├╝ck hatte die Dornen ber├╝hrt und ein leises Ahnen der Verg├Ąnglichkeit ├╝berschattete unsere Kinderseelen.
Drei Jahre sp├Ąter schenkten die Eltern mir den ersten F├╝llfederhalter, und als ich mit vierzehn die Lehre anfing, die erste Armbanduhr. Doch die Freude ├╝ber den kleinen Ball war ungleich gr├Â├čer und ist noch heute eine der sch├Ânsten Erinnerungen an meine Kinderzeit.

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Antaris
Routinierter Autor
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Melancholisch

Lieber Willi,

ich glaube, solche Geschichten haben die meisten Leute meiner Generation schon von ihren Eltern oder Gro├čeltern mit erhobenem Zeigefinger zu h├Âren bekommen, aber wie Du sie erz├Ąhlst, geht sie einem schon sehr nahe. Du belehrst Deine Mitmenschen nicht, Du erz├Ąhlst und l├Ą├čt Deine Leser selbst ihre Schl├╝sse ziehen, und das ist gut so.

Ich eine Weile ├╝berlegen ehe ich etwas dazu schreibe. Mir f├Ąllt bei Deinen Texten ohnehin immer wieder auf, dass sie sowas - wie soll ich sagen - Liebensw├╝rdiges, Herzliches an sich haben. Das ist mir zehnmal lieber wie technisch perfekt geschliffenes leeres Geschwafel.

Mit feurigen Gr├╝├čen

Antaris

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Willi Corsten
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Liebe Antaris,
vielen Dank f├╝r dein Interesse.
Du hast dein Lob in wundersch├Âne Worte gekleidet.
Dar├╝ber freue ich mich nat├╝rlich besonders.

Herzliche Gr├╝├če
Willi

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Rote Socke
Guest
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Und wieder...

...hat es ein Werk hierher geschafft. Eine runde Erz├Ąhlung ist's geworden und eine gute Einstimmung f├╝r die kommende Zeit. Hat mich wieder sehr gefreut dabei sein zu d├╝rfen.

LG
Volkmar

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Willi Corsten
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Vielen Dank, lieber Volkmar,
ihr habt mir ja auch viel geholfen bei der Geschichte.
Macht einfach Spa├č mit euch!
Beste Gr├╝├če
Willi

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

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Hallo Willi,

auch ich habe lange ├╝berlegt, ob und vor allem was ich zu deiner kleinen Weihnachtsgeschichte schreiben soll. Eines vorweg: Allem, was Antaris schreibt, kann man nur zustimmen. Doch das betrifft in meinen Augen dein gesamtes Schaffen hier. Darin ist die vorliegende Geschichte zwar mit eingeschlossen, aber irgend etwas scheint mir nicht ganz stimmig. Irgend etwas ist nicht rund. Nein - ich meine nicht den Stil. Nein, nein - wir haben es mit einem "echten Willi" zu tun. Es ist wohl der Inhalt. Ich bilde mir ein, hier drei in unterschiedlichem Ma├če unvollst├Ąndige Geschichten gelesen zu haben.
Die erste handelt von zwei Jungen und deren weihnachtliche Vorfreuden, wobei das R├Ątselraten ├╝ber m├Âgliche Geschenke der zentrale Punkt ist.
Dann gibt es die Schusterszene (sehr ins Detail gehend), aus der sich ebenfalls eine eigene Geschichte machen lie├če.
Und zum Schlu├č die Bescherung (als H├Âhepunkt), der unerwartete Ball, der dann aber recht sang- und klanglos sein Leben im Stacheldraht aushaucht.
Ja - ich glaube, drei oder zumindest zwei Storys h├Ątte man daraus getrost basteln k├Ânnen.... sollen... m├╝ssen...?
Aber das ist nur ein Eindruck. Sicher bin ich mir nicht.

Gru├č Ralph
__________________
Schreib ├╝ber das, was du kennst!

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